Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. M/15 Seite 208 len. die nur ein Stall oder eine Abfallküche ist? Und wenn man bedenkt, dass die Hunderttausend(; jährlicher Zwischendeckspassagiere der Europa-Anicrika-Linien ein Hauptfaktor der guten Gcscliflitslage dieser Gcseiischaitcn sind, dann kann man beinahe behaupten, dass die Gesellschaften, die diese ihre besten Kunden so traurig behandeln, wie es von seiten der C u r. a r d - L i n i e geschieht, sich einer schamlosen Ausnützung armer Menschen schuldig machen. Freilich, sic sind alle stumm, diese Auswanderer, und wenn *sie erst einmal in Amerika sind, dann verdrängen die Existenzsorgen bald die Erinnerung an ihre traurige Amerikafahrt. Was für den Reisenden erster und zweiter Klasse eine Erholungsreise, das ist für den armen Zwischendccksmenschen eine Qual und eine Pein. Und wirklich, ich habe mich iilr England, dieses freie Land, das ich lieben gelernt habe, geschämt, als mir arme russische Frauen sagten: ״Ist das die englische Sauberkeit, ist das der Engländer? Unsere Leute sind auch nicht roher — wir kommen aus Kischincw und Minsk... ..** Eine Menge jüdischer Auswanderer aus Russland und Österreich-Ungarn befand sich an Bord. Sic wären alle über Hamburg oder Bremen gefahren, wenn ihnen die Agenten der Cunard-Linic nicht rituelles Essen an Bord des Schiffes zugesagt hätten. Diese Leute zeigten mir diesbezügliche Inserate der Cunard-Linie und sagten mir, sic machten nur deshalb den Umweg über Liverpool. Naturlieh war von rituellem Essen keine Rede. Das ist zumindest nicht ״fair" und heisst in Deutschland Vorspiegelung falscher Tatsachen!“ Das Zweistromland Zur Kolonisationsfrage der russischen. Juden äussert sich Dr. Leopold Loränt (Ffinfkirchcn. h. Komliatsphysikus) in Dr. Bloclfs ÖSTERREICHISCHEN WOCHENSCHRIFT über N 0 r d - M e s o p o t a m 1 c n: Mesopotamien, das weite Gebiet zwischen Tigris und Euphrat, welches zur Zeit Alexanders des Grossen 20 Millionen Einwohner zählte, hat heute bis zum persischen Meerbusen kaum 1U> Millionen; ehemals die fruchtbarste Talebcnc. ist es heute nahezu verödet — eine Wüste, wo man zu Zeiten nach tagelangcm Ritte kaum einem lebenden Wesen begegnet. Hie and da taucht wohl ein kleines Dorf mit Lehmhütten auf, dessen wenige Bewohner ein kümmerliches Dasein fristen, in der Umgebung des Dorfes etwas Durrha- und Gerstcnkultur. sonst alles öde und wüst, nur auf den Grasfcidern der vereinzelten Oasen sind zuweilen sichtbar die schwarzbraunen Zeltlager der Schcmaar- und Jenseits des Euphrat der Anezeh-Bcduinen, deren zahlreiche Kamee!-. ״ Schaf- und Ziegcnh.etden hier weiden. Das gesegnetste Land des Altertums ist heute Wüste, trotz des alluvialen Ackerbodens, welcher bei geeigneten zweckmässiger Bewässerung auch heute zwei-, selbst dreimalige Ernte gibt, wie dies im Ueberschwemmungsrayon der Flüsse und wo Kanüle, teilweise noch Reste der grossen Vcrbindungskanäic beider Flüsse noch von Alexander dem Grossen angelegt, zur Bewässerung benutzt werden können. An solchen Stellen, wo es noch viele solche kultivicrbare Gebiete gibt, welche Jetzt brach liegen, erntet der Araber seinen Weizen und Gerste schon Ende März, und wo Bcwüsserungs* anlagen vorhanden, hat er reiche Ernte in Sesam. Reis und Baumwolle und einen rc’chcn Ertrag von den Dattelpalmen. Wenn nach der Schneeschmclzc im Gebirge die Wässer abgeflossen. bleibt der an organischen Substanzen reiche Schlamin im Ackerboden als der beste Dünger zurück, welcher den! Pilanzcnlebcn zu üppigem Gedeihen vcrhilft. Trotz der primitiven Bearbeitung des Bodens mit dem landesüblichen Holzpflug bringt er hundertfachen Ertrag, und dies macht es bcgreifiieh, dass Mesopotamien einst die vielgepriesene Kornkammer war. Auch heute würde dies der Fall sein, wenn europäische Kolonisten mit Verständnis den «Boden bearbeiteten und feste Plätze mit entsprechender Militürbcdcckung Leben und Eigentum sichern würden gegen die Ucberfülic der räuberisehen Bcduinenhorden, die besonders zur Erntezeit grassieren und den Ackerbauern die ganze Ernte plündern, und wenn die Sicherheit auch gegen andere Räuber, die Zehentpächter. geboten wäre, die mit der grössten Willkür, unter dem Schutze der Obrigkeit die Ernte, wenn sie noch in Halmen stellt, abschätzen und das doppelte, oft dreifache Mass requirieren. Nebst Sesam ist es der Reis und die Baumwolle, welche hier vorzüglich und in guter Qualität gedeihen. Jedoch ist hiefür unbedingt künstliche Bewässerung notwendig. Denn bei der tropischen Hitze von 50—60 Grad C. ist schon Ende April alles verdorrt, versengt, kein Grashalm mehr s:chfbar. nur wo Wasser ist. blüht üppiges!.eben. Hier ist beständiges, keinem Wechsel unterworfenes Wetter, kein Frost, kein Hagelschlag gefährdet den Anbau; von Ende April bis Oktober keine Wolke am Himmel, kein Tropfen Regen, nur die enorm heissen Sonnenstrahlen, bis im Spätherbst sich alle Schleusen des Himmels öffnen und den Winter hindurch dem Boden das im Sommer entbehrte Nass reichlich spenden. Darum hat hier der Ackerbauer nicht so sehr unter den Launen der Witterung zu leiden und ist stets in der Lage, mittels künstlicher Bewässerung seinen Feldern genügend Wasser zuzulciten. Wenn wir bedenken, dass 1 Hektar gut bestellter Boden nach der Welzen- oder Gerstenernte, weiche genügend die Regie-Auslagen des ganzen Jahres deckt, auch noch mit Brot versorgt, noch defselbe Boden 500—600 Kilogramm Baiitmvolk' liefert, was einem Werte von beiläufig 800—1000 Kronen entspricht, sehen wir. dass ein solches Erträgnis mehr ais reichlich der Arbeit Mühe lohnt. Es müsste Mesopotamien das Eldorado aller Auswanderer werden und könnte hier eine Gründung' von Kolonien von unberechenbarer Wohltat sein. umsomehr, da Jetzt noch der Boden zu spottbillige 111 Preise zu erwerben wäre. Jedoch müsste vor allem die Erlaubnis zur Ansiedelung %־on Sr. Majestät dem Sultan erwirkt, für die Sicherheit des Eigentums, besonders zür Erntezeit, gesorgt und Massrcgchi gegen die Ucbagriffe der Zehentpächter geschaffen werden. Die niesopotamisclic Balm ist bereits tracicrt und dürfte auch der Bau bald in Angriff genommen werden; dem Bahnbau bat jedoch die türkische Rdgicrung sich verpflichtet, de 11 entsprechenden m i 1 i ־ tu rischen Schutz zu geben, welcher nach Fertig- Stellung und Inbetriebsetzung der Bahn aufrcchtcrlialten werden muss. Mithin wäre es am klügsten, längs der Eisenbahn d:c Kolonien zu gründen insbesondere da die Balm ohnehin durch die fruchbarsten Täler führt und die Banken längs der Eisenbahn sich die Anraine gesichert haben düriten. könnten von denselben die entsprechenden Grundstücke erworben werden, was woh! auch im Interesse der Bauunteniehmung liegen dürfte, um in Kürze d'c Erzeugnisse der von Europäern rationell Ladtivierten Ländereien verfrachten zu können, das wäre wohl naturgemäss leicht, vorausgesetzt, dass nicht konfessionr^c Vorurteile, welche die russischen Juden überallhin verfolgen, auch hier ihr böses Spiel treiben. Nach diesen Darlegungen ergibt sich von selbst, dass in Mesopotamien die Kolonien nur längs der Bahnstrecke gegründet werden sollen. Zionistische Wirtschaftspolitik Zur zionistischen Wirtschaftspolitik äussert sich Prof. Otto Warburg in der WELT und bezeichnet als das, was der Findliehen Bevölkerung am meisten fehle, die Ansicdclungshypothckeil- und Agrarbank: ״Wenn es nun auch wahrscheinlich ist. dass eine solche Bank mit der Zeit gut reüssieren und mit bescheidenen Dividenden arbeiten wird, so ist doch zu erwarten, dass in der ersten Zeit ganz viel Lehrgeld zu zahlen sein wird. Es ist deshalb wünschenswert, die Sache nicht gleich in Form einer Bank anzufangen, sondern zuerst nur einen dem Aktionskomitee unterstellten, kaufmännisch geleiteten und vielleicht von der Anglo-Palestine Co. verwalteten resp. kontrollierten Agrarf o n d zu briden. der in ähnlicher Weise wie der Nationalfond durch freiwillige Beiträge zu begründen und dauernd zu erweitern sein würde. — Hat sich der auf diese Weise gesammelte Agrarfond einmal bewährt, so wird cs nicht allzu schwer sein, daraus ein wirklich geschäftliches Unternehmen zu machen, indem man mit Hilfe des Jew'sh Colonial Trust eine wirkliche P a - lästina-Agrarbank zu gründen versucht. So ablehnend sich momentan auch noch die Jewish Colo.nization Association allem gegenüber verhält was die Zionisten unternehmen, so halte ich es doch nicht für ausgeschlossen, dass bis dahin dort ein anderer Wind wehen wird, und dann werden die Gelder der J.C.A. am ehesten zur Verfügung stehen. Des weiteren Ist die Schaffung eines Palästina-Kult u r f 011 d unbedingt nötig. Es ist doch geradezu kläglich, dass wir seit Jahren Unterstützung von Schulen, der Nationalbibliothek etc. beschlossen und stets aus Mangel an Fonds gezwungen sind, unser Wort nicht elnzulüscn. Wir müssen uns einfür allemal mit der Erkenntnis abundcu. dass die Schekeleeldcr kaum für Organisations- und Propagandazwecke genfigen, and dass es eine gut gemeinte, aber doch immerhin komische Farce Ist. wenn wir auf dem Baseler Kongress alle möglichen schönen Beihilfen auf dem Papier gewähren. Das schafft in den betroffenen Kreisen Erbitterung und macht uns im übrigen geradezu lächerlich.' Es ist zwar sehr gut. die wenigen wirklich nationalen Anstalten in Palästina zu unterstützen, nur soll man cs nicht auf Kosten unserer Oreanisat'on tun. Wir haben meiner Ansicht nach nicht nur die Pilicht. bestehenden kulturellen Institutionen zu helfen, sondern sollten