Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 14/15 י JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 207 Walther Rothschild, in einer Krossen Volksversammlung /u 1 Chcstham über die Wirkung der Fremdenbill. wobei er u. a. j ausführte: Die konservativen Blätter bin so als wenn d.c! von Mr. Herbert Oladstone au den Bestimmungen zur Ausführung der Fremdcnbill vorgenonunenen geringfügigen Acuderuugen die ganze B ll völlig wertlos gemacht hätten. Dies ist nicht wahr. Das Gesotz hatte den Zweck. Verbrecher, kranke und mittellose Fremde von England fernzuhaltcn. Niemals hat es aber beabsichtig», auch diejenigen zu treffen, die vor politischen und religiösen Verfolgungen geilohen waren. Eine solche Absicht würde den Ruhm des englischen Volkes, allen Verfolgten eine sichere Zufluchtsstätte gewährt zu haben, zerstören. Selbst die Vertreter der Arbeiterpartei haben im Uutcrhause erklärt, dass das Asylrecht in England unter allen Umständen hochgehalten werden muss. Wenn aber das Gesetz, auch niemals die Absicht gehabt hat. politischen Flüchtlingen das Landen in England zu erschweren, so ist dieses durch die Handhabung des Gesetzes zweifellos geschehen. Eine grosse Anzahl Personen, die während der letzten zwei Monate aus Russland geflohen waren und in England Schutz, suchen wollten, wurden zuriickgeschickt. Sie mussten, falis sie ni.t einem russischen Schifte ankameu. mit demselben Schiffe zurhekreiseu und wurden so ihren Verfolgern direkt ausgeliefert. Er habe Beweise, dass einige dieser Flüchtlinge bei ihrer gezwungenen Rückkehr nach Russland an der Grenze ohne Untersuchung oder Gerichtsverhandlung erschossen worden sind. Als Engländer müsse er feierlichst erklären, dass niemand fortan das Recht habe, siqli über die Greueltaten im Kongostaat oder die Einfuhr von Chinesen in Südafrika zu beklagen, solange politische hilflose Elüchtlinge von Engländern direkt in die Hände ihrer Mörder gespielt werden. Alles, was Mr. Gladstone in Angelegenheit der Eremdcnbill bis jetzt getan hat. beschränkt sich nur darauf die Einwanderungsoffiziere in den Häfen anzuweisen. sich, bevor s:c einen Auswanderer zurückweisen, sorgiält.g davon zu überzeugen, ob dieser nicht etwa ein politischer Flüchtling sei. . Die Mitteilung des Mr. Rothschild hat selbstredend in E11:- land grosses Aufsehen erregt. Eine Anzahl liberaler Zeitungen, darunter die TRIBÜNE, die CHRONICLE. der STAR und die WESTMINSTER GAZETTE, hat der Angelegenheit grosse Artikel gewidmet. Die Folge war. dass das Reutcrsche Bureau am 17. März folgendes Dementi aus Petersburg verbreitete: .In einer Rede, die Lord Rothschild im Chatham gehalten hat. wurde behauptet, dass Beweise dafür vorlicgen. wonach in England nicht aufgeuomtnene russische Flüchtlinge nach ihrer Rückkehr an der russischen Grenze erschossen wurden. Die Petersburger Tclcgraphcnagcntur ist ermächtigt, diese Bchaup־ tung für positiv unwahr zu erklären.“ Abgesehen von der kleinen Verwechslung des Herrn Walter Rothschild mit Herrn Lord Rothschild ist das ganze Dementi der verlogenen russtsehen Regierung selbstredend von Anfang bis zu Ende unwahr. Mr. Walter Rothschild erklärte zunächst im STAR: .Das Dementi überrascht mich nicht. Lc:der kann ich aus wichtigen Gründen nicht näher darauf ciugehen.“ Dem Vertreter der TRIBÜNE gegenüber erklärte er nach einmal, dass tatsächlich russische Flüchtlinge auf ihrem Rücktransport nach Russland an der russischen Grenze erschossen worden sind. Dieselben waren keine Anarchisten, sondern entweder Deserteure, die als Soldaten s i c h g e w c i g e r t haben, a u i das V'olk zu schlossen oder sonstige politisehe Verbrecher. Natürlich beeilte sich der bekannte antisemitische Major Evans Gorilnii. seinerseits in der TIMES zu erklären, dass er den Angaben der russischen Re* gierung mehr Glauben beimisst, als einem Herrn Waitcr Roth- Schild. ־ - Am 19. März kam die Sache im Unterhaus zur Sprache. Allein Mr. Oladstone erklärte, über die Wahrheit oder Unwahrheit der Behauptung des Herrn Rothschild keine Auskunft geben zu können. Seit dem 12. März, dem Tage, an dem die Presse zum erstenmal zu den Verhandlungen des Ein- Wanderungsgerichtshofes zugelassen wird, kam in London kein einziger Fall einer Zurückweisung von Fremden vor. Die Juden im britischen Reich Das eben erschienene Blaubuch über die Ergebnisse der letzten Volkszählung im britischen Reiche gibt auch über die Zahl der Juden in den englischen Kolonien einige interessante Daten. Bis vor kurzem herrschte fast überall die Abneigung gegen die Rubrizierung der Bevölkerung nach RelfgVmca. Seit 1901 beginnt man jedoch im Interesse eines genaueren statistisehen Ergebnisses von diesem Skrupel alvzuseheii. In Irland und den 28 englischen Kolonien wurden iin Jahre I90| resp. 1904 319 Millionen Einwohner nach ihrer betreffenden Religion gezählt, während bei der Zählung der Bevölkerung von England und Transvaal auf die Religion keine Rücksicht geuommen wurde. Dennoch kann man atinehmen, dass die Be.vülkerung des englischen Weltreiches aus 208 Millionen Hindus, 94 Millionen Mohammedanern. 58 Millionen Christen. 12 Millionen Buddhisten und 23 Millionen Angehörigen anderer Religioreu besteht. Juden wurden überall, wo die Religion in Beträcht gezogen wurde, gezählt: 111 Irland 3893. in Malta 58. u Cvpcrn IIS, in Indien 18 228. in Kapland (1934) 19 557. in' Natal 1495. in Orange River 1616. in ganz Südafrika, also mit Ausnahme von Transvaal, zusammen 22 649. In Sierra Leone wohnen 7. in Mauricius 5. in Kanada 16 461 Juden. Australien zählt 16 856 Juden. Rechnen wir noch für Transvaal etwa 25 Ui in Juden, so zählen die 28 englischen Kolonien 102 754 Juden: davon wohnen in Asien 18 404. in Afrika zirka 50 001), in Amerika 17 .סייר, in Australien 16S50. davon in New-South Wales 6447. Viktoria 5907, Neu-Seelaud 1611, West-Australien 1259. Süd-Australieu 768. Queensland 733 und Tasmanip 107. Rechnen wir dazu etwa 1 Viertel Million Juden, die in England und Irland selbst leben, so weist das gesamte englische Welticich unter :193 Millionen Einwohnern 352 754 0,08 Prozent Juden auf. Auf englischen Schiffen Da jetzt alljährlich Huiiderttauseiidc von armen Juden aus den Ländern christlicher Herrschaft über das Meer gejagt werden, ist es also auch für uns von Interesse zu erfahren, wie die jüdischen Passagiere auf den Schiften behandelt werden, besonders auch auf den englischen Schüfen. Man weiss ja. dass die Engländer zwar das ״zivilisierteste’’ aber keineswegs das ״rücksichtsvollste“ Volk sind. Selbst eine englische humane Regierung hat ja zugleich mit einem immerhin nicht allzu wertvollen Landangebot die armen jüdischen Fluchtlinge von seinen eigenen Grenzen ausgeschlossen. Dabei wird das Einwanderungsgesetz mit einer Brutalität durch,־ geführt, die sehr au die A u s w a nd e r u n gs iänder erinnert. Jetz lesen wir im EXPORT dem Organ des Zentralvereins iür Handelsgeographic die folgende Schilderung: ,Ich weiss nicht, wie die deutschen und holländischen Schiffahrtsgesellschaften ihre Zwischendeckspassagicre behandeln, — in welch roher Weise dies aber auf englisch cn Schiffen geschieht, will ich hier der Oeiicntlichkeit unterbreiten im Interesse Hunderttausender, die alljährlich aus Russland, Ungarn, Oesterreich und leider auch aus Deutschland ihren Weg nach Amerika über Liverpool nehmen. Ich hatte mich einige Zeit in England aufgehalten. Als ich mich dort Anfang August vorigen Jahres nach Fahrgclegenheiten nach Amerika erkundigte, erhielt ich von allen — .deutschen, sowohl als auch englischen und holländischen ~r Gesellschaften die Nachricht, dass die Kajütenplätze auf allen Amerikadampt'ern bis in den Oktober hinein ausverkauit seien. . Ich hatte keine Lust zum Warten und nahm deshalb kurz entschlossen ein Zwischendeckbillett auf dem der Cunard- Linie gehörigen Dampfer ״Luciania“, der am 26. August von Liverpool absegclte. Preis des Billets 6,10 Pid. Sterl., Frauen zahlten dasselbe und erhielten dafür Ohrfeigen von rohen Stewards gratis. Ich hätte es nie iür möglich gt halten, dass ein Engländer sich soweit vergessen kann, dass er sich an armen, hilflosen Frauen täglich vergreift. Aber cs waren ja Zwischendecks passagiere, in schmutzigen Ställen untergebracht. 20 und mehr Personen in einer ״Kajüte“. — Die konnten wie das liebe Vieh behandelt werden, besonders arme Weiber, die sich nicht mit den Stewards verständigen konnten. Weinend kamen sie zu mir. als sie hörten, dass ich der englischen Sprache mächtig war, erzählten mir von der traurigen Behandlung, die ihnen zuteil wurde und baten mich flehentlich um Intervention. Ich stellte den betreffenden Steward energisch zur Rede, was den prompten Erfolg hatte, dass dieser saubere Patron eine Stunde später eine alte Frau mit dem ersten besten Kücheninstrument derartig misshandelte, dass sie ohnmächtig wurde. Ich verlangte sofort Zutritt zum Kapitän des Schifies, der indessen unnahbar wie der türkische Sultan war und für den es offenbar nur Passagiere erster, eventuell auch noch zweiter, aber keine dritter Klasse gab. Statt seiner geruhte mich ein Offizier zu empfangen, dieser wieder Hess den Chefsteward dritter Klasse kommen, und dieser erst verbot dem rohen Patron, die Frauen zu schlagen. Das war die ganze Genugtuung, die gewährt wurde. Einer jungen Russin gab ich den Rat. sich selbst eine . bessere zu verschallen, und das hat sie auch redlich getan. Sic hat dem rohen Steward mit einer eklatanten Ohrfeige geantwortet, als dieser sich auch au ihr vergreifen wollte. Dann erst ward Ruhe auf dem Schiff ״Zwischendecksvieh“ wurde nicht mehr geschlagen. Die Schlatstüttcii der dritten Klasse waren entsetzlich schmutzig. ■Angeblich sollten sic täglich gereinigt werden — aber wahrscheinlich nur auf dem Papier. Wo ist die Be- Borde? Gibt es keine Seepoiizci in England, und kann diese duldeu, dass 20 und mehr Ateיי• •׳״ ״•*־•״ - Kajüte" schla-