Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 14/15 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 203 « ״Der Quotient, der die aui die Juden prozentual entfallende 1 Kriminalität anzeigt, ist in Westeuropa grösser, in Osteuropa kleiner, als cs der Fall wäre, wenn die Zahl der Delikte, wie es richtigerweise geschehen müsste, nur durch die Zahl der strafmiindigen Juden oder Christen dividiert würde. Die Krimi 11 alitätsziffer der Juden wird also in den westeuropäischen Ländern ungünstig, in Osteuropa günstig beeinflusst. Wie gross der Fehler ist. der dadurch von der Reichskriminalstajtistik begangen wird, lässt sich schwer sagen. Kuppln hat für Berlin nachgewiesen, dass sich dort im Jahre 1900 um 5 Prozent mehr Juden als Christen im strafmiindigen Alter befanden. Er argumentiert dann: ״Es ergibt sich hieraus, dass der Prozentsatz der auf die Juden entfallenden Delikte gegenüber den Christen in der Deutschen Statistik um etwa 5 Prozent zu hoch erscheint.“ Hinter diese Folgerung setze ich ein recht kräftiges Fragezeichen. Ruppin scheint in diesem Moment sich nicht erinnert zu haben, dass die Altersgliederung der .Bevölkerung (und ganz besonders der Juden) in den Gross• Städten eine künstlich stark veränderte ist, da dojthiu Handel und Industrie, Kunst und Wissenschaft eine grosse Anzahl von Kräften ziehen (und ausserdem die nicht unbeträchtliche Ein- Wanderung aus dem Osten sich in erster Linie dorthin richtet). Dass cs sich hierbei nicht um blosse Spitzfindigkeiten ha»- dclt, beweist die von Georg von Georg von Mayr (״Die Gcsetzmässigkeit in» Gescllscliaftslcbeu“ 1S77) uaehgewiesene Tatsachc, ״dass die nach dem Alter in voller Kriminalfähigkeit Stehenden nach der Zählung von 1871 in den» bayerischen Bezirksgcrichtssprcngel Kaiserslautern nur 55,5 Prozent in dem ausschliesseud städtischen Bezirksgerichtssprcngel München I J. dagegen 7-1,3 Prozent der Bevölkerung ausmachteii.‘• Dabei ist sogar noch anzunehmcii. dass sich die Unterschiede /wischen Stadl und Land in den vcritosseiieu drei Jahrzehnten noch mehr verschärft haben. Mut dem Umstande, dass die verschiedenartige Altersgliederung dazu führt, die Kriminalität der Juden zu hoch erscheinen •zu lassen, ist aber ihre Bediutung für die Erfassung des uns beschäftigten Problems noch keineswegs erschöpft. Das wäre ja nur ein ״Buchungsfchler” im Krimiualitätsliudget der Konfession, ein Buchungsfehler. der die Rechnung allerdings beträchtlich verändert. Die Bedeutung der Altersüiederung liegt vielmehr tiefer. Ein Bevölkerungsteil, dessen Altersaufbau siel» von dem seiner Umgebung mclit unwesentlich u»»terscheidct. wird auch hinsichtlich der Bevorzugung resp. Meinung einzelner Del.kte, also hinsichtlich der Qualität se'ii.r Kriminalität ein eigenartiges Gepräge zeigen. Professor Aschaffenburg hat in seinen» Werk: Das Verbrechen und seine Bekämpfung. 8. ll’if.. hierfür Grundsätze aufgestclit. Wendet man die dort gebotenen Prinzipien auf die Juden an. so ergibt siel» dass dieselben ihrer Altersgliederung nach stärker als die Christen au allen Verstandesdelikteu beteiligt sein müssten, während die drei Hauptverbrechen der Jugendliehet»; Eigent1»n»s-. Rohcits- und Sittlichkcitsdcliktc. bei il»1»e1» sc'tenei Vorkommen sollten. Das ist für die Erklärung der jüdischen Kriminalität von grösster Bedeutung und der jüdische Statistiker, der die Behauptung des Gegenteils nicht rügen wollte, würde seiner Sache einen schlechten Dienst tun. München. stud. 111 r. R ti d o 1 f Wasser m a n 11. Auf die vorstehenden Ausführungen ist zu erwidern: 1. Was die einleitenden Worte anlangt, so wäre ich stolz darauf, wenn »s mir wirkiiel» gelungen sein sollte, de»» immerhin spröden Stoff ״recht populär" zu gestalten: denn cs war ja gerade meine Absicht, die Kenntnis von der Kriminalität der Juden in weitere Kreise zu tragen. Der Vorwurf des wisset»- schaftlifhcn Herrn Studiosus ist daher unbegründet. 2. Wem» die Ucberschrit't meiner Arbeit ״Die Kriminalität der deutschen j»»den“ lautet, so ist damit keineswegs gesagt, dass ich nur die in Deutschland geborene» Juden behandelt» wollte oder durfte, vielmehr sind hier unter ״deutschen Juden" die in» deutschen Reiche lel»e»»de» und abgeurteilte» Juden z»» verstehen. Dies ergibt ohne weiteres der Zusan»»»ie1111ang der Ueberschrift mit dem Inhalte der Arbeit, vor allen» die gleich am Anfang verkommende Bezugnahme auf die ״Statistik des deutschen Reichs“. Dass von ״deutschen Juden" in einem anderen Sinne bei meinem Thema garnicht die Rede sein kam», darüber kam» meines Erachtens eit» Zweifel schlechterdings nicht bestellen, 3. Das von Herrn Wassermann gerügte angebliche Schreibversehen ist ein — allerdings sehr störender -— Setzichicr. Doch die Leser der RUNDSCHAU sind in dieser Beziehung pifht allzu sehr verwöhnt. *) Vgl. auch die ausführliche Erörterung dieser Frage in dem Aufsatz Ruppins: Die Kriminalität der Juden in Deutsch־ find 1899—!902 (Z. f, Stat. u. Dem. d. J.. Jahrg. I, Heft 3). 4. Es ist unzutreffend, dass ich den Vorzug der Inbezichung- Setzung mit der strafmündigen Zivilbevölkerung für Bd. 146 der Statistik reklamiere. Ich habe nur alle Vorzüge der heutigen statistischen Technik zusammengestellt. 5. Ich halte die Behauptungen Ruppins. die Wassermann wiedergibt und die mir natürlich sehr wohl bekannt waren, für vollkommen unbewiesen. Für Bd. 45 der Statistik treffen sie zu. Wenn sieh aber jetzt in der Statistik die Angabe findet, dass die Zahl der Verurteilten zu je 11*0000 strafmündigeu Zivilpersonen in Beziehung gesetzt werde, ohne dass auf eine f ehlerguelle besonders hingewiesen wird, so neiuue ich ohne weiteres an. dass jene Angabe der Statistik richtig ist und nicht nur auf einer ״■ noch dazu unrichtigen -- Schätzung bcruht. Ruppin will allerdings, wie er mir vor mehr als einem Jahre mittcilte das Gegenteil beweisen können. Bevor er dies jedoch tut. habe ich keine Veranlassung, der vorzüglichen deutsehen Statistik zu misstrauen. Ucbrigens wäre, selbst wenn die Behauptungen Ruppins und Wassermanns richtig sein sollten, der gerügte Fehler der Statistik so gering, dass er bei den kleine« Vcrhältniszifiern. zumal bei seltener vorkommenden Delikten, an denen die Juden stärker beteiligt sind, nur eine ganz geringe Veränderung hervorrufen dürfte. Mit Recht weist Basserman!» darauf hin. dass selbst die von Ruppin hcrausgcrechnctQi» 5 Prozent bei weitem zu hoc!» sind. Es ist imr daher unbegreiflich, wie jener angebliehe Fehler der Statistik dazu beitragen soll, ״gewisse antisemitische Argumentationen über die Kriminalität der Juden als berechtigt erscheinen zu lassen". 6. Durchaus rieht g ist cs. dass die Altersgliederung einer UevörKcrinigsklassc aui die Art ihrer Kriminalität von Einiiuss sein kam». Doch lassen sich allgemeine Schlussfolgerungen hieraus nicht ziehen: hier wären Emzcluntersuchungc» notwendig. Wassermann führt ja selbst den Unterschied in der Altersgliederung an, welcher für die Stadt- und Landbcvölke- Hing besteht. Berlin. D r. B1 a u. Rundschau ר Zu Ende nach langem, vergeblichen Streit ist die Algeciraskonferenz. Jeder Staat hat bereits sein Schällein ins Trockene gebracht. Hoffnungen, die von mancher Seite auf die Konferenz gesetzt wurden, haben sich als trügerische bewiesen. Dazu gehören auch die Hoiinunge» der Juden. Für sie ist nur eine Resolution beschlossen worden, die rein akademischen Charakter hat. Immerhin bleibt cs bcmerkenswert, dass wiederum Amerika es war. das die Init ative ergriffen hat. Herr White beantragte, dem Mulcy-Hassa» den Wunscl» der Konferenz a»»szusprechen. er möge seine jüdischen Untertanen mit Toleranz behandeln. Von Rechten der Juden war nud ist freilich gar keine Rede. Immerhin war cs von Wert, dass von Herrn White der Wunsch ausgesprochen wurde, dass der Sultan die Lage der Juden — und nicht bloss in den Hafenstädten — andauernd zu bessern trachten solle. Der Herzog von Almodovar gab die Erklärung ab. dass samtliehe Delegierte aller Mächte sich diesem Wunsche anschlösse;» und nicht zun» wenigsten Spanien, dessen ältere Geschichte die Vorfahre!» so vieler marokkanischer Jude!» geteilt hätten, und dessen Sprache noch heute die Mehrzahl der moghrebinischen Juden spräche. Der Deutsche Geschäftsträger Herr von Radowitz stimmte der Resolution zu und dann äusserte auch Herr Visconti-Venosta seine Zustimmung, während man früher geglaubt hatte, dass dieser cs sein würde, der in dieser Augelegenheit die Initiative ergreifen würde.. Juden und Kriminalität Auf Grund der Kriminalstatistik des Jahres 1903 untersuch! die amtliche ״STATISTISCHE KORRESPONDENZ״ in ihren jüngsten Heft, wie sich das Verbrechertum in Preussen »1ael dem Religionsbekenntnisse verteilt, und stellt dabei fest, dass in dem genannten Jahre die Zah! der wegen Verbrechen uue Vergehen gegen Reichsgesetze rechtskräftig Verurteilte:! 312 114 betragen hat gegen 316 970 im Jahre 1902. 306 695 in Jahre 1901 und 286 875 im Jahre 1900. Unter diesen Verurteilten waren im Jahre 19UJ LSI 938 (1902: 169 260) Evangcl'sche!24 034 (126 021) Katholiken. 432 (382) sonstige Christen. 3 43. (3 527) Juden und 2 281 (2211) Bekenner anderer Rcligione; einschliesslich der Personen mit unbekannter Religion. Hier nach hat von 1902 zu 1903 die Zahl der Evangelischen um 1,1 v. H.. die der Katholiken um 1,6 v. H. und die der Juden un 2,7 vH. ab gen om men. hingegen die der sonstigen Christei um 13,1 und die der Bekenner anderer Religionen um 13 4 v H. zugenommen. Da hei der Bearbeitung der Volkszählilngs Ergebnisse die Angehörigen der einzelnen Religionen nicht nacl i ,1 » >•* ■ ri j li ־׳HW