Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 14/15 Seite 202 meist in wenigen Generationen eine auffällige Regeneration stattfindet, dass es sich mehr um eine funktionelle ats um eine organische, dauernde Entartung handelt, wie sie der chronische Alkoholismus hervorruft. Ja, die Juden haben sich zu ihrem Glück im allgemeinen vom Alkoholismus und seinen furchtbaren Wirkungen frei gehalten. Aber leider gilt dies Jetzt nicht mehr in demselben Umfange, wie vielleicht vor 10־ und 50 Jahren. In den Ländern des Westens haben, wie schon angedeutet, die Juden mit der Emanzipation und der zunehmenden Assimilation sich allmählich an die Trinksitten der Christen gewöhnt und so beginnt der Alkohol smus mit seinen Folgen sich bei ihnen langsam zu verbreiten. So wurde in Amerika konstatiert, dass Alkoholismus und Syphilis bei den Juden entschieden in Zunahme begriffen sind und hei denjenigen Juden, die längere Zeit dort leben oder bereits im Lande geboren sind, häufiger Vorkommen, als bei den eben eingewanderten. Speziell iiir die N'ew-Yorker Juden betont Fish bc r g in der Jüdischen Statistik, dass nach seinen Erfahrungen ״der Alkoholismus bei ihnen sich entschieden zu verbreiten beginnt, besonders bei der Jungen Generation, welche j die Lcbensgewohnheitcn ihrer andersgläubigen Nachbarn immer I mehr zu den ihrigen macht“. In den Trinkerheilanstalten, zumal in den vornehmen, sind die Juden durchaus keine Seltenheit mehr. Unter 66 Trinkern, die im Jahre 1899 im Abstineiiz-Sanatorium Schloss Hard am Bodensee behandelt und verpilegt wurden, waren 5 Juden, also eine verhältnismässig sehr hohe Zahl, die viel zu denken gibt. Und was die allgemeinen Folgen des zunehmenden Alkoholismus bei den Juden betrifft, so konnte B i 11 i 11 g e r in Amerika konstatieren, dass die Sterblichkeit bei den Juden j entschieden in Zunahme begriffen ist; auf 100 000 Juden kom- ן men unter den cingcwanderteti 76 Todesfälle, unter denen im Lande geborenen aber 91, also 15 oder 20 Prozent mehr. Aehnlich zeigt sich in Preussen, dass in den letzten Jahrzchnteil die Sterblichkeit bei den erwachsenen Juden im Verhält- 1!•is zu der Sterblichkeit bei den Christen deutlich zugciiommen hat. Auch die Zahl der Totgeburten ist im langsamen Steigen begriiien und der Unterschied gegenüber den Christen wird immer geringer. Dass die Paralyse bei den Juden, besonders in den Gressstädten, wesentlich häufiger geworden ist, ist keine Frage, und dass die Stillfahigkclt bei den Jüdinnen des Westens dauernd abnimmt, während sie bei den Jüdinnen des Ostens allgemein vorhanden ist, ist gleichfalls zweifellos. Auch die Kriminalität nimmt bei den Juden in den westlichen Ländern trotz ihrer steigenden Wohlhabenheit und ,Bildung zu, das gilt auch speziell für die Roheits- und Personcudclikte, wobei sicher der Alkohol seinen verderblichen Einfluss entfaltet. Das sind alles sehr bedenkliche Zeichen, welche die volle Aufmerksamkeit der Führer des jüdischen Volkes verdienen. Videant consulcs ne quid detrimenti capiat gens judaica. Mögen die Führer sehen, dass das jüdische Volk keinen uuheilbaren Schaden erleide. Wenn man cs ernst meint mit dem Wohlc des jüdischen Volkes, so wird mau alles aufbicten müssen, um die Ausbreitung des Alkoholismtis bei diesen zu verhindern und alles vermeiden, was dieser Ausbreitung förderlieh sein könnte. Die Judeu haben genügend damit zu tun, um die Schädigungen, welche tausendjährige Verfolgungen dem Volkskörper zugefügt haben, auszugleichen und der Verkümmeiung entgegenzuarbeiten. Sie vor allen Dingen haben cs also nötig, vor einen! Völkergift, wie cs der Alkohol Ist. bewahrt zu bleiben, welches diese Arbeit nicht nur paralysieren und unmöglich machen, sondern zu jener Schädigung nur noch schwerere und unheilbare Verwüstungen fügen w׳ürdc. Kann unter diesen Umständen noch von einer Begünstigung der Alkoholindustric in Palästina die Rede sein? Wenn wir das Judentum •vor dem Alkoholismus bewahren wollen, wenn w ir wünschen, dass •sich auf dem Boden unseres alten Heimatlandes ein frohes, gesundes und kräftiges Volk entwickele, so werden wir diese Frage nur mit einem entschiedenen ״Nein!“ beantworten können. Palästina soll uns heiliges Land sein, das wir durch die fluchbeladene Alkoholindustric nicht entweihen und nicht schänden dürfen. In Palästina kein Branntwein und keine Brauereien.; Die Kriminalität der Juden in Deutschland Uebcr diesen Gcegenstand bat vor kurzem Dr. •Bruno Blau eine Artikelserie in der JÜDISCHEN־ RUNDSCHAU erscheinen lassen, die jetzt auch als Broschüre (Berlin, Louis Lamm) vorliegt. Da ich in einer ausführlichen Studie demnächst dieses Pro- Mein erörtern werde, läge für mich kein Anlass vor. mich an dieser Stelle mit dem recht populär gehaltenen Schriitchen von Blau zu befassen, wenn ich es nicht für notwendig halten würde, gegen einen dort gemachten Fehler zu protestieren, der geeignet ist, einesteils zu falschen Schlussfolgerungen zu führen und andcrnteils dazu beitragen würde, gewisse antisemitische Argumentationen über die Kriminalität der Juden als berechtigt erscheinen zu lassen. En passant möchte ich auch bemerken dass es bcdaticrlieh ist. dass Blau, der sich in seiner Abhandlung ״Kriminalstatistische.Untersuchung der Kreise Marienwerder und Thorn“ erfolgreich bemüht hat. einen Beitrag zur Methodik kriminalstatistischer Untersuchungen zu liefern, liier Aufsätze, die über die'Kriminalität der Juden in Deutschland handeln. . Die Kriminalität der deutschen Juden" betitelt bat. Es wäre aumassend von mir. wenn ich. als Nicht-Zionist, den Lesern einer zionistischen Zeitschrift den Unterschied, der zwischen den ״Juden in Deutschland“ und den ״Deutschen Juden“ besteht, auseiuandersetzcu wollte. Ausserdem ist cs so Klar, dass eine Schrift, die ״die Kriminalität der deutschen Juden“ zum Gegenstand haben wollte, selbstverständlich nur die in Deutschland geborenen (resp. die nationalisierten) Juden behandeln dürfte, dass schon der Hinweis darauf, dass Blau sämtliche in Deutschland zur Aburteilung gelangte Juden (~ Kriminalität der Judeu in Deutschland, in den Kre's seiner Beobachtungen mit elnbczogeu hat. genügen muss, um meinen Vorwurf als gerechtfertigt erscheinen zu lassem Doch das ist immerhin von untergeordneter .Bedeutung. ״N a m e n sind Schall und Rauch.” Anders ist es, wenn Blau aut Seite 1 der Broschüre f״lgende Behauptung aufstellt: ״Ferner werden im vorliegenden Bande der Statistik (sc. Bd. 146) die Zahlen, sowohl der verurteilten Christen, als auch der verurteilten Juden nur in Verbinduug gebracht mit der strafmiindigen Zivilbevölkerung, nicht mit der Gesamtbevölkerung. Es werden also die Strafunmündigen1) und das Militär ausgeschicdeu; dadurch werden die falschen Ergebnisse vermieden, welche durch die vcrscliiedenen Altersgliederung der Juden und Christen anderenfalls entstehen würde.‘‘ Dieser Satz ist mehr oder minder unrichtig. J. Der Vorzug der Inbeziclumgsetzimg mit der strafmündigen Zivilbevölkerung, den Blau für Bd. M6 (1902) reklamiert. ist bereits seit 1888 (Bd. 45) in der Kriminal- Statistik d 11 r c h g c f ü h r t. 2. Trotzdem ist die Berechnung der Reichsk r i m i n a 1 s t a t i s t i k nach wie vor fehlerhaft. 3. Der Grund f ii r die Fehlerhaftigkeit lag schon seit einer Reihe von Jahren nicht mehr in den Momenten, die Blau an״ibt (diese waren auch damals nur von äusserst sekundärer Bedeutung). Er liegt vielmehr, wie die Reichskriminalstatistik selbst in Bd. 45 aufmerksam gemacht hat und worauf auch Rtippin in seinen ״Juden der Gegenwart“ hingewiesen hat, einzig und allein darin, dass die Za 111 d c r j ü d isehen S t r a f m ü 11 d i g e n nicht unmittelbar auf dem Wege der Zählung festgestcllt wird. sondern dass sic mittelbar gc-!näss dem Prozentsatz, den die Juden von der gesamten strafmündigen Bevölkerung ausmachen, auf rechnerischen! Wege gewonnen wird. Auf diese \Yc׳sc bleibt nämlich die verschiedene Alters- Gliederung bei Juden und Christen iinbcri'tcksic htigt (Blau beliauptet das strikte Gegenteil-) und für Deutschland wird die Zahl der strafmiindigen Juden beträchtlich zu gering angenominell*). Ruppin drückt dies auf S. 226 seiner erwähnten Schrift folgcuderniassen aus: ’) So lese ich amstatt .,Strafmiindigen“, das ich als Schreibe, versehen auffasseu kann.