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Jüdische Rundschau · 1906-04-06 · Heft 14-15 (6.4.1906) · page 11

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 14-15 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. M'lS ___JOplSCHE RUNDSCHAU _ Seite 201 20UU Personen an den unmittelbaren Folgen des Alkoholmiss- | brauchs (Säuferwahnsinn, akute Alkoholvergiftung, Selbstmord infolge von Trunk), ln Grossbritannien wird die Zahl der jiilirlieh infolge von Alkoholmissbrauch Gestorbenen auf 19U 00«j geschätzt. Mindestens der 3. _Tcil aller Selbstmorde, mindestens der 10. Teil aller tödlichen Unfälle kommen auf Rechmmg des Alkoholismus. Dass übrigens auch der sogenannte massig.: Alkoholgcivjss das Leben nicht unwesentlich verkürzt, kann nach den umfassenden Statistiken der grossen englischen Lcbeusvcrsichcrungsgescllschaften, welche besondere Abteilengen für Enthaltsame haben, als sicher gelten. Nach derselben Statistik steht cs ferner fest, dass mindeslens der 4. Teil aller Geistesstörungen durch Alkoholismus hervorgerufen wird. Wie die Irrenanstalten, so werden die Strafanstalten zun» grossen Teil durch Trinker oder solche Personcn gefüllt, die im Rausch ein Verbrechen begangen haben. Trunkenheit und Trunksucht gehören zu den' Hauptursachen der Kriminalität, besonders der Personen- und Roheitsdeliktc. 40—SO Prozent aller Straftaten fallen dem Alkohol zur Last. Der Alkoholismus ist weiterhin einer der Hauptförderer des Pauperismus, der Verarmung und damit auch, indirekt der Kriminalität sowie aller sozialen Leiden, welche aus Elend und Not entstehen. Ganz abgesehen von den ungeheuren Summen, welche für alkoholische Getränke ausgegeben werden in Deutschland belaufen sich die Gesamtausgaben für alkohol.'sche Getränke gering gerechnet auf ״-/. Milliarden Mark — und damit dun Nationalvermögen verloren gehen, führt der Alkoholismus durch seine physischen und demoralisierenden Wirkungen bei seiner ausserordentlichen Verbreitung (die Zahl der ausgesprochenen Trinker in Deutschland wird auf 300 000 Personen geschätzt) zu in wirtschaftlichen Rückgang und Ruin zahlloser Existenzen und Familien. Mindestens die Hälfte aller Fälle, wo die Armenpflege cintrcteu muss, ist aui Alkoholismus /uriiekzuführen. Der Hamburger Armenpflege erwächst durch die Trunksucht, wie kürzlich berechnet worden ist, eine Ausgäbe von mindestens 1 Million Mark jährlich. . Zu dem Wirtschaftücfien Ruin kommt der sittliche Verfall in den Trinkerfamilien, die Zerstörung des Familienlebens, des festesten B0U- Werks eines jeden Harmouicwcscns. Unzucht aller Art, Ehebrucli, böswillige Verfassung und Ehescheidung, Vernachlässigung und Verwahrloung der Kinder sind etwas ganz Gewöhnliches in Familien, wo Vater oder Mutter dem Truukc verfallen ist. Damit aber sind die furchtbaren Schäden des Alkoholismus noch nicht erschöpft. Die weitaus schlimmste und schreckliebste Folge des Alkoholismus ist, dass er die Fortpflanzuugs- Produkte schädigt und den Keim der ' Erkrankung in die Nachkommenschaft, in die kommenden Generationen trägt. Du reit tausendfältige Beobachtungen und zahlreiche statistische und experimentelle Untersuchungen ist die Vererbung der alkoholischcn Generation auf Kinder und Kindeskinder sichergestellt. Diese Entartung betrifft sowohl die allgemeine körperliche Konstitution (allgemeine Körperschwäche, Zurückbleihcn im Wachstum, Kränklichkeit, speziell Neigung zu eng-!!scher Krankheit, Skrophulose und Tuberkulose) als besonders das Nervensystem. Neurasthenie, Hysterie, Veitstanz, Epilepsie, Schwachsinn, Idiotie, Geistersstörungen, sittliche Defekte, verhrccherische Anlagen, Prostitution kommen ausserordentlich häufig gerade bei Kindern von Trinkern vor. So fand Prof. D c m m c in Bern, der die Nachkommenschaft von 10 massigen und 10 trunksüchtigen Männern mit einander verglichen hat, unter den 5? Triukcrkmdem nur 10 körperlich und geistig normale; von den übrigen 47 waren 25 früh gestorben, der Rest bestand aus Epileptikern, Schwachsinnigen und Idioten. In den 10 -nüchternen Familien dagegen waren von den 61 Kindern 50 körperlich und geistig normal. Die Entartungsersclieiuungen finden sich übrigens, wie aus einer Untersuchung von Prof. v. Bunge hervorgeht, bei den Kindern umso häufiger, je stärker und gewohnheitsmässiger der Alkoholgeuuss des Vaters ist. So waren bei nicht gewohnheitsmässigem Genuss des Vaters 9 Prozent, bei gewöhnheitsmässig massigem Genuss 11 Prozent, bei gewohnheits• :nässig unmässigem 16 Prozent und bei ausgesprochener Trunksucht des Vaters 22 Prozent der Kinder tuberkulös, und entsprechend steigerten sich die Prozentzahlen der mit Nerven- Krankheiten und Geistesstörungen behafteten Kinder von •1 Prozent, bei nicht gewohnheitsmässigem Genuss des Vaters bis zu 25 Prozent bei ausgesprochener Trunksucht. Auch die zunehmende Unfähigkeit der!־rauen zum Stillen ihrer Kinder, welche das Leben der Neugeborenen so sehr bedroht, ist. wie Bunge an einem grösseren Material nachgcwiesen hat, in den meisten Fällen eine Entartungserschciining in Folge des väterlichen Alkoholismus. . So führt der Alkoholismus, je weiter er sich ausbreitet, zu ׳einer" zunehmenden Entartung des Menschengeschlechts und bedroht die Völker, unter denen er wütet, mit Verkümmerung und Niedergang. Das ist das riesige Schuldkonto des Alkohols, das ich hier nur in seinen Umrissen zeichnen konnte, das die ungeheueren Gefahren des Alkoholismus, welche jetzt allenthalben die Völker zu einer mächtigen Reaktion gegen diesen geführt haben. Wir Juden aber, die wir uns bisher im grossen und ganzen vom Alkoholismus frcigehaltcn haben, verdanken zum grossen Teil unsere Rassenvorzüge dieser Massigkeit, die vielfach der Enthaltsamkeit sehr nahe kommt. Die Juden zeigen eine viel grössere Lebenszähigkeit und Widerstandsfähigkeit, als die Nichtjuden. Die Erkrankungshäufigkeit und die Sterblichkeit, besonders die Kindersterblichkeit, ist wesentlich geringer. Auch die Zahl der Totgeburten ist bei ihnen wesentlich geringer. In den Epidemien haben sich die Juden stets viel widerstandsfähiger erwiesen als die Nichtjudem Die schweren Volkskrankhciten, die Tuberkulose und die Syphilis, sind im allgemeinen bei ihnen seltener. Der Säliierwahnsinn und andere alkoholische Geistesstörungen fehlen so gut wie ganz. Die schweren Organerkrankungen, die Herz-, Leber- und Nierenkrankheiten, die, wie oben auseinandergesetzt wurde, so häufig eine Folge des Alkoholismus sind, kommen bei den Juden seltener vor; dasselbe gilt von der progressiven Paralyse bei Irren (der sog. Gehirnerweichung), bei der Syphilis und Alkoholismus die wesentlichste Rolle spielt. Auch die Epilepsie, jene schwere Degenerationskrankheit, welche mindestens zu eindrittel aller Fälle, direkt oder indirekt, aui Alk.)- holismus beruht, ist bei den Juden viel seltener. Ferner isi die Kriminalität bei den Juden wesentlich geringer als bei den Christen; besonders bei den Rohheitsdelikten, bei denen der Alkohol die grösste Rolle spielt, sind sic viel weniger bcniligt. Ueberall da, wo die Juden frei von künstlichen Sehranken und von Verfolgungen ihre Fähigkeiten entwickeln können, kommen sic auch ökonomisch schnell vorwärts und arbeiten sich aus den dürftigsten Zuständen in die Hohe, weil sie eben nüchtern und strebsam sind und ihr Hauptarbeitsorgan, das Gehirn, in seinen Funktionen nicht durch Alkoholgenuss so schädigen, wie ihre christlichen Berufsgenossen; der Hauptfördercr des Pauperismus, der Alkoholismus, fehlt bei den Juden ja fast vollständig. Fraglos ist die wunderbare Zähigkeit des jüdischen Volke.', welche es zwei Jahrtausende die härtesten Verfolgungen und Bedrückungen siegreich überdauern liess, vorzugsweise ihrer giosscn Massigkeit zuzuschreiben. Sie• halten längst zu Grunde gegangen sein müssen, wenn zu den erbarmungslosen Verfolgungen und jammervollen Lebensbedingungen noch Trunksucht hinzugekoir.men wäre. Und wenn auch die zweitausendjährige Lcidcuszeit nicht spurlos an ihnen yorübergegangen ist und vielfach eine passive Entartung herbeigeführt hat, die sich!־esonders in der körperlichen Verkümmerung und in dem häufigen Vorkommen von nervösen und geistigen Störungen kuudgibt, so zeigt doch die Tatsache, dass überall dort, wo der Druck aufgehört und normale Lcbenshedingungcn cintrcteu.

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