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Jüdische Rundschau · 1906-04-06 · Heft 14-15 (6.4.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 14-15 (6.4.1906)
Date
1906-04-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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I Seite 200 JÜDISCH K R U N DSC HA U No. 14^15 die Trinkueigungcu, wenigstens der führenden Klassen, einen Anteil hatten. Wenn der Alkohol, resp. der Wein in jenen Zeiten zu keiner allgemeinen Volksgefahr geworden ist, so lag es neben dem Gefühl des Greuels, welchen die Masse der gesetzestreuen Juden vor ieder Unmässigkeit und den Zechgelagen der Gojim empfanden, vorzugsweise daran, dass die Kunst, den Wein zu konservieren, noch wenig ausgebildet, und vor allem die Verkehrs- und Transportmittel sehr beschrankt waren. ,Heut, wo cs möglich ist, Wein auf Jahrzehnte zu konservieren und mit den modernen Transportmitteln schnell über das ganze Land zu verteilen, liegt die Sache ganz anders. Dazu kommt, dass heutzutage, wo der Weltverkehr den Abschluss eines Volkes gegenüber den anderen Völkern nicht mehr gestattet, wie zu den Zeiten des Jüdischen Reiches, sondern die BcwohiMjr der verschiedensten Länder fortwährend mit einander in Berührung bringt und gleichsam durcheinander schüttelt, d e Gefahr der Assimilation an die Trinksittcn benannter Völker eine sehr viel grössere ist. Wir sehen es ja bereits in den Ländern des Westens, wo die Ghettomauern für die Juden gefallen sind und ihre starre Abschliessung gegen die nichtjiidischc Umgebung aufgehört hat, wie die Juden sich den Trinksitten dieser Umgebung allmählich angepasst haben, und die Assimilation der Juden an die Trinkgewohnhciten der Christen von •ahr zu Jahr zunimmt. Während die Juden des Ostens, die ja zum grössten Teile noch im Ghetto leben und treu an den Ueberlicicrungcn der Väter icsthaltui, von der Trinksitte noch | ziemlich unberührt geblieben sind und so gut wie enthaltsam j leben, ist bei den Juden des Westens, besonders in den Gross- Städten und in den wohlhabenderen Familien die alte Massigkeit im Schwinden begriffen. Das Bier oder der Wein resp. | Liköre haben in Nachahmung der christlichen Sitten als tägj liches Genussmittel fast überall Hingang gefunden in den j Häusern der Juden und erfreuen sich einer zunehmenden Be-! iiebtheit. Und wenn auch die ältere Generation im allgemeinen noch ziemlich Mass hält, ist die jüngere schon nicht mehr so . ir.ässig und die folgende wird cs noch weniger sein. Mit der allgemeinen Assimilation der westlichen Juden, die ja in weiten Kreisen mit Bewusstsein getrieben wird, hat auch die Gcwöhnung an das Trinken andauernd zugenomtnen, die Juden 1 haben knc'pcn gelernt und lernen es Immer mehr. Die jiidi- 1 sehen Studenten, die früher ausgelacht wurden, weil sic kein Bier vertragen konnten, suchen jetzt vicliach ihren christlichen Kommilitonen an der Bierbank glcichzukommen und können zum Teil bereits recht anständige Leistungen aufweisen. Die jüdischen Akademiker in Amt und Würden, die jüdischen Aerzte. Rechtsanwälte, Amtsrichter, Apotheker etc. halten, besonders in den kleinen Städten, mit den christlichen Honoratioren wacker mit und die jüdischen Grosskaufleute. Fabrikanten, Finanziers, glauben cs ihrem Stande und ihrem Vermögen schuldig zu sein, mit Wein und Bier nicht zu sparen. Auch wir Zionisten des Westens, die wir mit Hohn und Verachtung von j den Assimilanten sprechen, die. wir nicht scharfe Worte genug; finden können, um die Assimilationswut der jüdischen Bourgeoisie! zu geissein, wir treiben in Bezug auf die christlichen Trinksittcn! anstands- und gedankenlos Assimilation. Man braucht nur » während des Kongresses in Basel einen Abend auf der Terrasse j des Stadtkasino zu verbringen, und man wird mit Verwunde- I rung bemerken, wie heut viele Zionisten, besonders die j jüngeren, zu trinken verstehen, wenn vielleicht auch die meisten ן 1r. dieser Fertigkeit noch nicht ganz die germanischen Bier-! beiden erreichen. Und geht man in die Vereine jüdischer [ Studenten oder in die gemütlichen Sitzungen der jüdischen j Turnvereine, so findet man sich durch den Anblick einer urj germanischen Kneiptafel, an der nach den Normen des ur- ' germanischen Trinkkomments mehr oder weniger kräftig ge- J trunken wird, lieblich angehcimelt; haben wir doch einen vollj ständigen Abklatsch des Kommersiercns christlicher Studenten-! vereine mit ihrer ״feucht-fröhlichen“ Stimmung vor uns. Diese unsinnigen Trinksitten sind aber zweifellos etwas ganz und gar | uiuudisches, sie widersprechen vollständig jüdischem Wesen, jüdischen Anschauungen und jüdischem Denken, und trotzdem Nachahmung derselben und Assimilation au! der ganzen Line auch in den dem zionistische^ Idccnkreise sehr nahe stehenden Vereinigungen. Aber das ist ja noch das geringste Uebel; das schlimmste dabei ist. dass die Trinksittcn sieh eben bei den Juden allemhalben ciunistcu und die Gefahren des Alkoholismus über das Jüdische Volk hcraufbeschwöreu. Halten wir uns doch mir einmal vor Augen, welche schweren Schädigungen der Alkaholismus im Gefolge hat! Die Wissenschaft lehrt, dass der Alkohol ein (i ft ist, also eine Substanz, welche schon in vchültnisnüissig geringen Mengen die Bestandteile des Körpers, die Zellen angreift, in grösseren unter Umständen das Leben vernichtet. Und wenn es natürlich, wie bei allen Giften, auch eine Quantität gibt, unterhalb welcher schädliche Wirkungen nicht mehr zu konstatieren sind, so ist diese doch, wie besonders neuere Untersuchungen gezeigt haben, wesentlich kleiner, als man im allgemeinen glaubt. Das harmlose Mass liegt jeden, falls weit unterhalb der Grenze, die allgemein noch als massig angesehen wird. Die ärztliche Wissenschaft zeigt ferner, dass der Alkohol gewohuheits- und regelmässig genossen, indem c! beständig im Körper kreist, allmählich alle Organe angreut und sic je nach ihrer Widerstandsfähigkeit resp. nach der WULrstandsff.nigkeit der Individuen, bald schneller, bald langsarner, bald mehr, bald weniger schädigt und bald dieses, bald jenes zu deutlicher Frkrankung bringt. Besonders Frkrankuii* gen der Gcfässe und des Herzens, dann des Magens, der Leber und der Nieren, sowie des Gehirns und der Nerven bilden sich bei gewohnlieitsmässigeni, mehr oder weniger reichlichem Alkoholgciiuss aus. Dazu kommen Stof;wcchseIerkrank1mge1׳. wie Fettsucht. Gicht. Zuckerkrankheit, welche besonders leicht bei reichlichem Alkoholgciiuss oder erblich belasteten Personen sich entwickeln. Aber der gcwolmlicitsmässige Alkoholgeuuss mindert aticü die Widerstandsfähigkeit des Körpers gegenüber anderen Krankheitsursachen, speziell gegenüber den durch kleinste Lebewesen hervorgerufenen Infektionskrankheiten, wie Cholera, Pest, Typhus, Malaria, Influenza, Lungenentzündung, Tuberkulose usw. Gewohnheitstrinker erkranken viel leichter au solcher, Krankheiten, und diese nehmet! auch einen schlimmeren Verlauf als bei nüchternen Menschen. Die weitverbreiteste und mörderischste aller Krankheiten, die Lungen- Schwindsucht, welche fast den sechsten Teil aller Stcrbefällc \erursacht, wi!d, wie durch tausendfältige Beobachtungen und Untersuchungen festgcstellt ist, durch Alkoholmissbrauch in ihrem Entstehen und Verlauf ausserordentlich begünstigt und ist bei Trinkern besonders stark verbreitet (die Prozentzahl der notorischen Trinker unter den tuberkulösen Männern heträgt nach den verschiedenen Statistiken 40־ SO ProzentI. Achnlichcs gilt für die zweite Geissei des Menschengeschlechts, die Syphilis, welche sehr häufig 1111 Rausche erworben wird und bei Alkoholisten einen besonders schweren Verlauf nimmt. Nach alledem ist es kein Wunder, dass die Trinker einen ausserordentlich hohen Beitrag z« der Erkrankungs- und Sterbhchkeitsziifer oder zur Morbidität und Mortalität liefern. lai Königreich Preussen wurden im Jahre 1899 in die allgemeinen Krankenhäuser und Irrenanstalten 21 360 Kranke mit Alkoholismus aufgenommen, darunter beinahe 4000 mit Säuferwahnsinn, h; Böhmen, das unter 5L! Millionen Bewohnern über 25 000 Irinkcr zählt, wurde 1900 festgcstellt, dass 12 Prozent der Er- Kränkungen hei Männern im Alter von 20-60 Jahren durch Alkohol veranlasst waren. Es ist demnach erklärlich, dass der Alkoholismus auch zur Sterblichkeit einen ausserordentlich hohen Beitrag liefert. Ein grosser Teil der Todesfälle, zumal bei den Männern, wird direkt durch Alkoholismus verursach*. Nach der sehr sorgfältigen offiziellen Schweizer Statistik stirbt dort jeder 9. Mann an den unmittelbaren oder mittelbaren Folgen des Alkoholismus. In Preussen sterben jährlich mindestens I

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