Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 14/15 JÜDISCHE RUNDSCHAU kcitc 197 Man darf es uns aber nicht verübeln, wenn wir der •Meinung sind, dass es ״Gesinder ist, das um der Karrtöre willen, der christlichen Kameradschaft und Gesellschaft halber die Fahne verlüsst, für die die Väter gestorben sind. Sie beweisen ihren eigenen Mangel an nationalem Rückgrat, werden aber von der nationalen, sich national nennenden Gruppe der Judenfeinde mit j offenen Annen aufgenommen. Und der Staat befördert I sie, die im besten Falle einen moralischen fahrlässigen j Eid geschworen haben, in alle jene Stellen, die den Juden sonst verschlossen sind. Und doch ist es ״Gesindel“, das die Treue gebrochen hat, die mehrtausendjährige Treue. Ob die nun grade die Geeigneten sind, die neue Treue besser zu bewahren? Gesindel muss cs doch sein, das sich lediglich deshalb für das Christentum ereifert, weil es für sie den Reiz der Neuheit hat. Um dieses Gesindels willen hasst man uns, um seinetwillen verfolgt man uns seit zweitausend Jahren. Sie heimsen die Vorteile ein, die ihnen der Verrat und die Fahnenflucht bringen und schanzen uns den Hass zu. den sie gesät, und dem sie sich durch die Taufe zu entziehen wissen. Sie bringen uns, die wir um'unsercs Judentums willen heute und allezeit in den Ted zu gehen bereit sind, in den Ruf, dass wir alles nur vom Standpunkte des Erfolges, des Vorteils und der Karriere betrachten. Sie redigieren jene Blätter, die als Judenblüttcr gelten und den Hass gegen die Juden durch ihr Betragen förmlich aufzüchten, während sic selbst die Religion längst gewechselt haben ״wie ein schmutziges Hemd". Gesindel sind sie, die leider mit uns aus Mizra-. »im herausgezogen sind, aus dem Lande der Knechtschäft und die geistig alle die Jahrhunderte hindurch Sklaven und Gesindel geblieben sind. Und dieses ״Gesindel" ist es, das die Losung ausgegeben hat: ״Los vom Judentum!“, weil es ihnen unbequem ist, der Hütte sich zu erinnern, der sie entstammten. Welches Gesindel, das Grund zu haben glaubt, sich seiner Eltern und ״Vorahnen schämen zu müssen. Denn man entäussert sich nur einer Vergangenheit, die schändlich jst. Wir: wollen ihrer Familiengeschichte nicht nachforschen und annehmen, dass sie Recht haben.; ״Gesindel“ war es, das sich dem freien Hebräerstamm anschloss, als Israel aus Aegypten zog, das Haus ״Wie lange will denn der verfluchte Jude da noch mit seinem Kram im Wege liegen? Nun, wird’s bald? Weg mit dem Packen da, oder . . .“ Der alte Mann machte sich daran, seinen Packen fortzuschaffen, ohne ihn aber bewältigen zu können. Da trat, Bcn-Jekutiel heran, um ihm zu helfen. ״ ־Was machen Sic da, Herr Jekutiel,“ sagte der junge Gustav Cohn, das schickt sich doch nicht, dass Sic hier so an dein Bettsack mit anfassen.“ ״Wieso schickt sich das nicht, soll ich nicht einem Greise helfen? Gebietet nicht schon das älteste Gesetz den Juden, den Hilflosen und Schwachen zu helfen?“,; ״;־Jawohl, Herr Jekutiel, das ist ganz recht, aber es geht doch nicht, dass wir uns mit den schmutzigen polnischcn Juden identifizieren. Sind sie doch mit ihrem Gcjiidel und Gemauschel, mit ihren Kaftans und ihren Locken ganz allein daran Schuld, dass man uns anT feindet und uns sogar die Gleichberechtigung wieder entziehen will!“ Aber Ben-Jekutiel hatte keine Zeit, ihm zu erwidern, denn er gab sich Mühe, mit Aufbietungseiner ganzen Jugendkraft, das Gepäck des Alten aus dem Wege und in den dazu bestimmten Schuppen zu schaffen. Dann, als ihm das gelungen war, und er noch einigen hilflosen I Jakobs aus der Nation fremder Zunge. Dies Gesindel, das unsere schönsten Gescnichtstage verdüstert, das zu allen Zeiten sich als unjüdisch bewiesen hat. hat von der Zeit unseres Allergrösstcn, Moses, bis aqf unsere Tage ‘von Innen heraus den Bestand des Judentums zu unterwühlen, zu zerstören gesucht. Und cs gäbe kein grösseres Unheil, als wenn wir dieses Gesindel mit uns in die neue Heimat hinübernchmcn müssten. Aber es ist das Zeichen einer gesunden Rasse, dass es in bestimmten Zeitläuften das fremde Blut wieder ausscheidet, das ihm unzuträglich ist. Die Ausscheidung jenes Gesindels, das aus Aegypten mit heräufzog im Anschluss an die *Kinder Israel, vollzieht sich vor unsern Augen. I Wir werden wiederum heraufziehen aus den Ländern der Knechtschaft in das Land der Väter. Das Brot des Elends, das wir gegessen haben und das wir wiederum essen, erinnert uns au die alte Volksheimat, die wir das erste Mal errangen, als das Unglück des Volkes den Höhepunkt erreicht hatte. In diese Heimat nehmen wir mit die Erinnerungen an das Elend und die Not, an die Hundertausendc auch unserer Volksgenossen, die das angehende zwanzigste Jahrhundert bereits ermordet hat. Wir nehmen mit die Gcdcnkbüclier an das Elend und die Verfolgungen, wie wir die Bibel mit hinaufnchnicn, das klassische Buch des Morgenrotes unsercr Kultur. Wir nehmen mit die Jugendkraft eines Volkes, das sich aus der allertiefsten Erniedrigung zur Freiheit durchgerungen hat, nehmen auch mit unsere ganze nationale Eigenart samt dem Wissen der niederneu Kulturwclt. Aber wir lassen hier, das Gesindel, damit wir in der Heimat nach dem Gesetze das Pessach feiern können: הפסת נן נני לא 'אב־* בו r,״ זאת הרDas ist die Satzung vom Pessach: Kein Fremder soll davon essen!" Darum müssen wir das ״Gesindel“ hier lassen. Wir bedürfen seiner nicht. Aber man bedarf ihrer in Oesterreich und Russland als ordentlicher Professoren und als Beamten und Räte. Elfäqim. Leuten tatkräftigen Beistand geleistet hatte, setzte er .sich an einen grossen Holztisch, wo der Alte, wie es schien, im Kreise von Angehörigen oder Freunden Platz genommen hatte. Gustav Cohn stand noch längere Zelt da, ohne recht zu wissen, was er beginnen sollte. Endlieh aber bequemtc er sich dazu, sich, freilich widerwillig, an den Tisch zu setzen, wo Ben-Jekutiel schon im besten Gespräch mit dem Alten begriffen war. ״Wie hiess doch die Stadt,“ fragte der Jüngling, ״aus der Sie vertrieben worden sind?“ ״Wir sind aus Moskau ausgewiesen, weil wir dort das Wohnrecht nicht hatten. Der eine ist In Kowno ortsangehörig, der andere in Mariupol, der dritte in Jckaterinoslaw, usw. Nun kam es natürlich, dass wir ausgewiesen wurden. Die schönste und grösste Oemeindc hat so ein Ende genommen, und nun noch unsere Armut!“ ״Und haben Eure Brüder Euch nicht geholfen?“ forschte Ben-Jekutiel weiter, ״haben nicht die Juden an allen Orten Hand angelegt, um Euch eine neue Heimat zu verschaffen?“ ״Welche Juden meint Ihr?“ lautete die Antwort des greisen Juden, ״die russischen Juden können nicht, und die deutschen Juden wollen nicht. Die haben nie Geld