Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651462--03423-2660351- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 196 JÜDISCHE RUNDSCHAU «No. MG5 wissen sollten, dass, wenn sie stattgefunden haben sollte, J digung des Rittialmords die gemeinste Lüge und abgesie nicht durch Juden vorgenomnien sein kann. Man muss also für den Judenhass einen neuen Boden finden. Als die katholische Transsubstantationslehre zugleich mit der Herrschaft des Katholizismus im Norden in die Brüche ging, da hörte die Beschuldigung von selbst auf, dass die Juden sich der Abenmahlshostien bedienten, um sie zu kreuzigen. Aber als die blutenden Hostien, die so vielen Tausenden von Juden das Leben, vielen Hunderttausenden und vielleicht Millionen Heimat und Out gekostet hatten, aufhörten, die gläubige Macht des Gemütes zu Gewalttaten aufzurufen, da verwandelte sich die Beschuldigung, dass die Juden Hostien kreuzigten, in die gemeine Verleumdung, dass die Juden zu Pessach Christenkinder stehlen, um ihr Blut in die Mazzöt zu backen. Und diese Lüge, diese elendeste aller Verläum* düngen, diese erbärmlichste aller Gemeinheiten, einem grossen Kulturvolke den Kannibalismus auzudichten, der in dem überlieferten Aberglauben der eigenen Nation wurzelt, hat sich in verstärktem Masse als Vorwand dort eingenistet, wo der alte Wunderglaube an die Um- Wandlung des Brotes in wirkliches . Fleisch und Blut durch den Machtspruch des geweihten Priesters versagte. Die Barbarei war ja niemals um einen Vorwand verlegen. Viel tiefer aber wird das Jüdische Volk noch durch jene weiten Kreise der angeblich Gebildeten verletzt, die zwar nicht an das Blutmärchen, dieses allerzugkräftigste und beliebteste der antisemitischen Agitations־ mittel glauben, aber sich gleichwohl vorsichtig hüten, sich in klarer Form deutlich und unzweideutig davon loszusagen. Wir alle wissen, dass Herr Stöcker, der ein Priester der Religion ist, die sich selbst die Religion der Liebe nennt, an die Blutbeschuldigung nicht glaubt. Aber ist jemals ein einziges Wort über seine Lippen gekommen, in der er seinen Anhängern gesagt hätte, dass die Blutbeschuldigung gegen die Juden eine ausgemachte Lüge ist? Es ist ihm ja sicher unangenehm, dass andere sich dieser Lüge bedienen, die er selbst vorsichtigerweise nicht ausspricht. Er weiss aber,' wie man damit in seinem Sinne agitiert. Ist es den Herren von der antiscmitischen Partei oder ihren verschämten und halbverschämten Gesinnungsgenossen ״rechts“ und ״im Zentrum“ jemals eingefallen, zu erklären, dass die Beschulirgend , wenn schmacktestc Unwahrheit ist? Das fiel niemals einem dieser Leute ein. Man kann auch lügen man zuhört und s c h w e i g t. Während aber die einen sich hinter ihre angebliche christliche Liebe verstecken, haben andere cs empfunden, dass man weite Kreise nicht mehr durch eine Religion zu dem ererbten Judenhass heranzichen kann, an die sie selbst und mit ihnen so viele andere nicht mehr glauben. Sie hassen das Judentum lediglich aus Gründen der Rasse, und weil die Juden den Geist des Kapitals und des Materialismus zugleich verträten. Das klingt in heutiger Zeit beinahe plausibel. Mit Religion oder religiösem Vorurteil habe ihre Abneigung gegen die Juden nicht das Allergeringste zu tun. Sic berufen sich vielmehr auf jenes ״Gesindel“, von dem bereits unsere allerälteste Literatur selbst erzählt und das uns noch viel unsympathischer ist, als ihnen. Wie aber sieht es in Wahrheit aus? Den jüdischen Kapitalismus meint man, wie man behauptet, und den armen Juden, den Mittelstand!Russland unter behördlicher die Juden überfällt, die dem Kleinbürgertum angehören, während man den reichen Juden, den man angeblich allein hasst, sehr wohl in Frieden lässt, so werden in Deutschland nur diejenigen Juden getroffen, die sich ihres Judentums nicht für Geld, Karriere und Gesellschaft cutäusseru, während selbst der wütigste Antisemit sich dem Umgänge und der Beförderung jenes Juden nicht verschliesst, der wie jener Breslauer Professor bei der Taufe feierlich die Versieherung abgegeben hat, dass er an die Dreieinigkeit und die Gottsohuschait glaube, und sehr bald darauf auf dem Naturtorschertage seine Aufgabe in der Bekämpfung der Religion erkannte. Mit dem Augenblicke, wo der Jude durch die Taufe .,aus der semitischen Rasse“ austritt. hört die Rassenfeindschaft gegen ihn von selber auf. Dann kann er ordentlicher Professor, Geheimer Rat und Minister werden. Das bekannte Witzwort, dass ein ausserordentlicher Professor nichts Ordentliches, ein ordentlicher nichts Ausserordentliches weiss, hat sich längst dahin gewandelt, dass ein atisserordentlieber Professor ein Jude ist, dagegen ein 0 r d e n t ־ lieber Professor ein Jude w a r. trifft man. Wie man in Anweisung regelmässig Arbeiterstand und dem Aus meinem Märchenbuche Der Ring des Propheten Elijjahu (Fortsetzung.) Wenige Stunden waren vergangen, als eben bei Sonnenuntergang Ben-Jekntiel mit seinem jungen Begleiter, der sich Gustav Cohn nannte, in Ruhleben ankam. Das war ein Ort, wie ihn der Jüngling ähnlich nie gesehen hatte. Vor einem langen schuppenartigen Gcbäude liefen unendlich lange, ganz gleiche Eisenschienen, von denen je zwei und zwei zusammengo• hörten. Auf diesen Schienen bewegte sich eine lange Reihe von grossen Wagen mit Giasfcnstern, und dies nannte man einen Eisenbahnzug! Das grosse Gebäude aber nannte man Auswandererbahnhof von Ruhleben. Pferde oder Elcphanten, welche den Wagenzug fortbewegten, sah der Junge Hebräer nirgends. Aber vorn in dem ersten Wagen jedes solchen Zuges schien ein grosses Feuer zu brennen}• denn unaufhörlich stieg ein dichter, schwarzer Qualm aus seinem schwarzen Schornsteine; Jedoch die beiden Männer, die vorn auf diesen Wagen standen, seidenen garnlcht unter der Hitze zu leiden. Viele solche Züge fuhren ein und aus. Endlich aber brauste ein gewaltiger Zug von solchen Wagen heran, und er pfiff schon von weitem vor dem Bahnhoic mit lautem und schrillem Tone, der Bcn-Jckutiel die Ohren durclidrang. Erst dicht vor dem Balmhofs-Gebäude mässigte er seine Eile, und dann hielt er nach einigem lauten Schnurren direkt vor dem Gebäude an. Eine Anzahl von Leuten, die alle ganz gleich gekleidet waren, lief am Zuge auf und ab, und rief mit durchdringender Stimme: ״Ruhleben, — alles aussteigen, - Ruhleben, — alles aussteigen." — Der junge Gustav Cohn aber sagte fast freudig erregt: ״Das sind sic!“ Und sie wären es wirklich! Allmählich entstiegen dem Zuge ganze Scharen von zerlumpten Gestalten, Männern und Weibern, Kindern und Greisen. Alles rannte und schrie durcheinander, und schliesslich konnte man kein Gepäck mehr recht von Kindern unterscheiden. Plötzlich hörte man in dem Lärm die scheltende Stimme eines Bahnbeamten, — und das sind die Leute, die alle gleich gekleidet waren und gerufen hatten: ״Ruhleben, alles aussteigen!“ Der Beamte sticss ziemlich unsanft einen hochge* wachsend!, aber von Alter und Kummer gebeugten Greis, scheltend vor sich her, indem er sagte: