Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 14-15 (6.4.1906)
- Date
- 1906-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jahrgang Gesindel (Audi eine Pessaehfestbetrachtung.) ״Die Kinder Israel braclien auf von Ra’amses nach Sukkot, an die secbsinalhunderttausend Mann zu Fuss, die Männer ohne die Kinder. נס—ערב רב עלה אתם*. Aber auch viel Gesinde! zog herauf mit ihnen, und Schafe und Rinder, eine sehr schwere Herde,“ so erzählt die hebräische Ueberiieferung in der Geburtsgeschidite der jüdischen Nation. In dem ersten Augenblick, wo die Stammväter der Juden begannen, aus der fremden Nation auszuscheidcn, wo sic, die vierhundertunddreissig Jahre lang im Sklavenjoche, im Hause der Knechtschaft, gefrohudet hatten, nicht mehr Sklaven sein wollten, wo sie begannen, als freie Männer eigene Ehre zu haben und für eigene Grösse zu kämpfen, da schloss sich ihnen das Gesindel an, das nicht , vom Stamme Abrahams war und das seitdem den Fahnen Israels nur folgte, um ihnen immer untreu zu werden. Dieses Gesindel hat niemals fiir eigene Ehre und überhaupt für Ehre gekämpft, es sei denn für die äusserliche Ehre, ein Bändchen im Knopfloch zu tragen, oder seine Töchter einem verarmten und verlotterten Adel zur Neuvergoldung des verblichenen Adelsschildes zu geben. Die jüdische Edelrasse scheint seit dem Auszuge aus Aegypten die Nachkommen jenes andersrassigen Gesindels mit sich herumschleppen zu müssen, das das Hebräertiim verunchrt. Die Fabeln der alexandrinischen Judenfeinde Hckataios und Manethon knüpften an diese altisraelitische Ueberiieferung an und legten bereits den Grund zu allen späteren Verleumdungen, die das Judenvolk auf seiner zweitausendjährigen Leidenswanderung verfolgen. Dieses Gesindel hat man zu allen Zeiten für die J u d e n ausgeben wollen. Man hat, was dieses gesündigt hat, immer dem ganzen Volke aufgebürdet. Und das haben die Völker immer umsomehr getan, je mehr Gesindel sie selbst unter sich haben. Dagegen hat es die Völker immer geschmerzt, dass der grösste Menschensohn, Moses, ein Hebräer war, und es hat niemals an judcnfeindlicheii Stimmen gefehlt, die sich bemühten Moses zu einem Aegypter zu machen. Was man den Juden a!L Zuchthäuslern addierte, wollte man durch Hinwegnahme ihres Allergrössten wieder ins Gleichgewicht bringen. Einen! David gegenüber verfolgten die Judenfeinde eine ähnliche, zwiefache Taktik. Die einen stellten Ilm als einen blutrünstigen Tyrannen dar, der alle charakteristischen Züge des hässlichen Judenvolkes a!1 sich trage; die andern, die ihn als politische und Dichtergrösse anerkannten, verfielen auf den Ausweg, eine Bibelstelle so zu interpretieren, dass daraus verstanden werden sollte, David wäre blond und blauäugig, mithin ein ״Arier“ gewesen. Der ganze scheinbar wissenschaftliche Apparat, den Wcllhausen und Schürer aufbringen, um das allen mit den hebräischen Quellen Vertrauten nur als Kuriosum erscheinende Resultat zu finden, dass die Judenschaft des zweiten Tempels, insbesondere der beiden Jahrhunderte so um Christi Geburt herum, ein Mischvolk aus allen Nationen gewesen sei, das nur durch den Kult, durch die Religion zusammengehalten gewesen wäre, ist auch nur die Unterlage fiir die Beseitigung der unangenehm empfundenen Tat- Sache, dass ״Jesus ein geborener Jude gewesen“ ist. Wir können es denen, die rassenhaft oder ״wissenschaftlich“ den Juden hassen und zu deren Tradition es gehört, an die Göttlichkeit Jesu zu glauben, nachempfinden, wie entsetzlich es ihnen sein muss, dass dieser Oottinensch nun ein Angehöriger des Stammes gewesen sein soll, den man so grimmig hasst und so gründlich verachtet oder wenigstens verachten möchte. Die Theoreme der gelehrten Theologen über die galiläische Mischrasse, die von den echtjüdischen Typen der heutigen Christen in Nazareth und Bethlehem noch alltäglich komisch illustriert werden, sind nicht im Wesen, sondern nur in den Grenzen von lenen antiscrnitclnden und antisemitischen Ziegensprüngen der Phantasie unterschieden, die Jesus zu einem blonden Arier, ja zu einem Deutschen und den fabelhaften Hauptmann von Kapernaurn zu einem Niedersachsen gemacht haben, — auch im wesentlichen nur durch die äussere Form des wissenschaftlichen Ballastes verschieden von den Ansichten Jener Neger von Haiti, die bei der Revolution herumzogen mit dem Ausruf: ״Schlagt die Weissen tot, sie haben unsern Christus gekreuzigt." Früher verfolgte man die Juden, weil sie Christum gekreuzigt haben. Jetzt verfolgt man die Juden ebenso wie früher. Man hasst und verfolgt sie, wie mau immer nur kann. Da aber jetzt schon die meisten Christen, wenigstens in Deutschland, nicht mehr allzu felsenfest an' alle Einzelheiten glauben, die in der Bibel auch des Neuen Testamentes erzählt werden, so ist es unmodern, die Juden heute noch wegen einer Kreuzigung zu verfolgen, von denen recht besonnene Historiker annehmen, dass sie nicht stattgefunden hat, und von denen Juristen