Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 192 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. IC' drückungen und Verfolgungen, die aus dieser Anschauung für die Juden entsprang, wussten sic sich wahrend dieser vorkapitalistischen Epoche des Mittelalters ini grossen und ganzen doch zu erhalten, weil sie eben die Kapitalkräftigen waren, die man immer wieder nötig hatte, wenn — und das geschah oft, wie wir Studenten ja auch ganz gut werden verstehen können ־— wenn irgendwo Geldmangel herrschte. Anders aber wurde die Situation, als mit der Zeit der Kreuzziigc auch die Wirtsvölker der Juden mehr und mehr zur kapitalistischen Wirtschaftsmcthode übergingen. Ihre beherrschende Stellung geriet ins Wanken und damit schwand auch allmählich der Schutz gegen Verfolgungen. Anfangs, als sie durch denselben Handel, dem s i c durch ihre Unter- Stützung mit Darlehen zur Ausdehnung verhalten, aus ihrem eigenen Lager verdrängt und einzig auf das spezifische Geldgeschäft beschränkt wurden (zu dem sic auch schon durch ihre Befreiung von den kanonischen Zinsverboten naturgemäss gedrängt wurden), anfangs waren sie wenigstens noch im Besitze grosser Reichtfimer. Und wenn auch der gehässige Neid, mit dem Gross und Klein in wilder Jagd sie verfolgte, nur allzuoft ihnen diese abnahm, so waren sie doch immer wieder in der Lage, in verhältnismässig kurzer Zeit neue Schätze zu sammeln. •Als aber während des XVI. und XVII. Jahrhunderts mit dem immer weiteren Vordringen des KaDitalismus gegen diesen der Vcrzwcifhmgskampf des niedergehenden Handwerks beginnt, da geraten die Juden naturgemäss zwischen zwei Feuer, und dieser feindlichen Uebermacht sind ihre Kräfte nicht mehr gewachsen. Schnell und immer schneller geht es mit ihrer wirtschaftlichen Position bergab. Soweit sie nicht schon unter dem Drucke der Verfolgungen aus den westlichen Ländern nach dem Osten geflohen waren oder freiwillig ihr Domizil dorthin verlegt hatten, in der richtigen Erkenntnis, dort, wo der neue Geist seinen Einzug noch nicht gehalten, wohl noch einmal die Herren der wirtschaftlichen Situation werden zu können, soweit von chedem immer mehr beschränkte und philisterhafte Krämer, die sich zum Ucberfluss jetzt auch noch den Konkurrenzhass der nichtjüdischen Krämergildcn zuziehen. Nur dort, wo, wie z. B. In Holland und England die Grösse des Landes fast ausschliesslich selbst im Handel lag. wo man daher die jiidisehen Kapitalisten auch weiter nicht entbehren konnte, nur da blieb ihre Stellung haltbar. -Die jüdische Rasse" — sagt Werner Sombart in seinem ..Modernen Kapitalismus” — ist nach einer Seite ihrer Veranlagung hin gleichsam die Inkarnation kapitalistisch-kaufmännischen Geistes. Deshalb vorachtet, solange dieser nichts galt, geduldet und geschätzt, seit und wo er in Kurs gekommen ist." Diese wenigen Worte enthalten in der Tat fast die ganze leitende Idee der Gcschichte der jüdischen Diaspora. Dafür spricht auch das Ergebnis der weiteren Entwicklung der Volkswirtschaft, der Uebergang der kapitalistischen Kulturperiode in die sozialistisch-cenossenschaftliche. die in unsere Zeit fällt. Und cs war nötig diese wirtschaftliche Entwicklung noch einmal durchzudenken, um eben verstehen zu können, in wie hohem Grade auch die heutige Lage des Judentums unter ihren! Einfluss steht, und um mit Geschärftem Blicke vorausseben zu können, was wir von der Zukunft zu erwarten haben. Die kapitalistische Hausiererci und Spekulation führt naturgemäss leicht zur Ausbeutung der wirtschaftUch Schwächeren, und da die Juden in diesen Berufen in unverhältnismässig ז^ייסיי Zahl vertreten sind, so können wir. wollen wir der Obirktivität unserer Betrachtungen bis zum Scbhissc treu bleiben, uns der Einsicht nicht verschlissen: dass in der Tat das Wort vom Jüdischen Ausbeuter" — wohlverstanden: dies Wort nur Im wirtschaftlichtechnischen Sinne gebracht!! — nicht leder wahren Unterlage entbehrt. Fs war nicht nur die erneute Stärkung, die seit den letzten Dezennien der Katinnaütä tengedanke in allen Ländern erfuhr, was in unserer Zeit den Antisemitismus in seiner alten Zügellosigkeit wieder aufflackern licss. Sondern wir erkennen — zumal wenn wir uns vor Aueen halten, dass es eine allgemeine menschliche Schwäche ist. die Träger eines Svstems mit diesem Svstom zu identifizieren und sie ohne Ueberlceung für seine Schäden vcrantwnrtbrh zu machen — wir erkennen das« mit dem beginnenden Kampfe des antikapitalistischen Sozialismus ececu den Kapitalismus und seine Träger auch der alten Flamme des Judenhasses notgedrungen neue Nährstoffe zugeführt werden mussten.*) *) Diesem Aufsa*•»?!'egt die Rede zu Grunde die Herr Unna'in der nn der Hasmnmc״ '•oranstalteten Jüdischen Akedernikcrvcrsammlung zu Berlin hielt. (Fortsetzung folgt.) Berlin, im März 1906. Die Verbindungen In K. Z. V. (Kartell Zionistischer Vor• bindungeu) Hasmonaca, Berlin, und J0rdan 1 a, München, legten itu verflossenen Wintersemester 1905/1)6 den Schwernunkt ihrer Arbeit wie stets auf die Propagierung des zionistisehen Gedankens. Durch wöchentlich stattfindende zionistische Setninarien sowie durch Vorträge einzelner Bbr. Bbr., die teils allgemein jüdische teil rein zionistische Themen behandelten, suchten wie die Mitglieder unserer Verbindungen für die selbständige zionistische Arbeit vorzubereiteu. Wie in früheich Semestern, hatten sich auch in diesen: einige Herren der Berliner zionistischen Vereinigung in liebenswürdigster Weise zu Vorträgen zur Verfügung gestellt. Es sprachen vor zahlreicher Zuhörerschaft: in Berk!!: Herr Davis Trictsch über: Gegcuwartsarbeit im Zionismus. Herr I)r. jur. Bruno [;lau über: Die rechtlichen Grundlagen der Kolonisation. Herr Bbr. Sch mul über: 100 Jahre nach Gabriel Riessers Geburt. Herr Bbr. Wunderlich über: Pinskcrs Autoemanzipation. Herr Bbr. Rosenzweig über: Hcrz.ls Juden- Staat. In München: Herr Bbr. Thcilhabcr über: Die Grundlagen des Zionismus: Entstehung des Judentums. Herr Dr. Elias Auerbach über: Entstellung des Christentums;!udemiot und Zionismus. Herr 0. V. G. Ta ch au er über: Die Zeit der Propheten. Herr Bbr. Müller heim II über: Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter. Herr Bbr. Jak ob soh u über: Staatsbürgertuni und Zionismus. Herr Bbr. Lcvy über: Uebc. Moses Hess. Herr .Bbr. Peissoko witsch über: Pinskcrs Autoetranzipation. Herr Bbr. Mit Iler heim II über: Hcrzl’s Judensiaat. An den Arbeiten der Ortsgruppen Berlin und München und an dem Unterricht in den Arbeiterkursen beteiligten sich die Bbr. Bbr. in gewohnter Weise. Ausserdem nahmen wir tätigen Anteil an den Arbeiten des ..Vereins für Statistik der Juden“ und stellten uns dem ..Jüdischen Volksverein“ bei seinen aufopfernden Bemühungen um die aus Russland durchwandernden Juden zur Verfügung. 111 dem Kampf um die Besetzung des Direktoriums des Akademischen Lesehalle zu Berlin griffen wir energisch ein. Wir veranstalteten Mitte Januar eine von 300 Studenten besuchte ..Jüd:sehc Akademiker Versammlung“, in der Bbr. caud. med. Unna unter grossem Beifall über ..Die Lage des Judentunis und die Pflichten der jüdischen Studentenschaft“ sprach/) Daneben sorgten wir. unseren Tendenzen und unserem Charakter als Verbindung getreu, auch für alle die körperliche Ausbildung unserer Bbr. Bbr. durch eifriges Fechten, wie durch Beteiligung in den jüdischen Turnvereinen Berlins und Münchens. Der noch so itingeii Verbindung' ...1 ordani a“-Mi'mchen gelang es. nicht zum geringsten Teil durch gesellige Veranstaltimgeii. mit den weitesten jüdischen Kre:se!1 in Fühlung zu treten. Das wichtigste Ereignis des Semesters bildete der Abschluss des Kartells zwischen den beiden zu Eingang ge-!׳aiuiten Korporationen. Wir richten auch an dieser Stelle an die Ortsgruppen die dringende •Bitte, uns durch Angabe von Adressen jüdischer Abiturienten und Studenten j!1 unserem Werke zu unterstützen. Das Ergebnis des Semesters ist recht günstig und beicclitigt zu der Hoffnung dass das K. Z. V. wachsen und gedeihen wird. Das Kartell Zionistischer Verbindungen. Zu schriftlicher oder mündlicher Auskunft sind gern bereit: Berlin: cand. med. L i c h t h e: m . Taucnzienstr. 9: stud. ji.r. Rosenzweig. Wilsnackcrstr. •15a. M 1111 c 11 e n: cand. med. B c r 1111 c i!11. Rotlimundstr. 6: cand. med. T h c 11 - 11 a b e r. Pettenkoferstr. 23. —-ן Aus den Ortsgruppen r— Dessau, 22. Mürz. Die hiesige Gruppe hat am 18. d. M. eine Purimfeier veranstaltet. Herr Blitz hielt die Festrede. Er beleuchtete die Purimgeschichte und wies auf die Verkettung der Umstände hin, die damals einen solchen W'echsel der Dinge herbeiführten. Damit sei die beste Widerlegung fiit diejenigen geliefert, die dem Zionismus jedes Recht absprechen wollen, weil er sich weltlicher Mittel bedient. Im ersten Exil habe man solche Mittel angewandt und dadurch den zweiten jüdischen Staat geschahen, der das Judentum und sein Gesetz für alle Zeiten gesichert habe. In Babylonien wäre das jüdische Volk einem Auflösungsprozess verfallen, durch die Rückkehr nach Palästina habe cs sich aufs neue