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Jüdische Rundschau · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · page 17

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Beilage JLJEDISCHE RLJNDSCHAU j&x1-N°3י ' ,_ Aus der zionistischen Bewegung Mitteilungen des Zentralbureaus der Zionistischen Vereinigung für Deutschland 1. Die Broschüre ״Warum?“, die 'alte Lehre im Lichte neuer Katastrophen, von Dr. Leopold Kahn, Wien, ist durch den Verlag ״Jüdische Rundschau“ in beliebigen Mengen zu beziehen. 2. Soweit unsere Kenntnis reicht, gibt es zur Zeit zionistische Frauenvcrcinigungcn in folgenden Städten: Berlin, München, Hamburg, Posen, Breslau, Leipzig, Lübeck und Friedberg i. H. Sollte es noch in anderen Städten zionistische Frauenvereine geben, so bitten wir um baldgefällige Angabe der Vorsitzenden dieser Vcreine. 3. In den letzten Wochen sind Ortsgruppen in den Städten Kattowitz, Rawitsch, Frankenthal (Pfalz), Mayen (Rheinprovinz), Nicolai (Oberschlcsien) und N’amsiau (Schl.) gegründet worden. Kleinere Gruppen haben sich in Pieschen, Samter, Rogasen 'und Adelnau gebildet. 4. Herr Dr. Friedemann sprach in dieser Woche in Metz, Diedcnhofen und Trier. * * Die L ff Q irr? Ci.ijt• , iltl Von Willi Unna (Hasnionäa) (Fortsetzung.) Ja, dieser Judenhass! Wer unter uns, welcher Jude überhaupt, der mit dem Leben draussen Fühlung genommen, hatte ihn noch nicht erfahren. Ich meine ja nicht jenen Antisentitismus, der, wie bei dem possierlichen Kerl, dem Pückler, eine im Grunde bedauernswerte pathologische. Erscheinung darstellt. Sondern jene Antipathie gegen uns meine ich, die wir Vorn Schrnftiiruf des Strassenbengels bis zu der vor einigen Monaten vom preussischen Kriegsminister vor der Oeficntlichkeit abgegebenen Erklärung: ״Die Kameradschaft mit einem Juden gehört ja. wie wir alle wissen, nicht grade zu den Annehmlichkeiten: aber sie muss ertragen werden!” — durch alle Schichten der Gesellschaft hin verfolgen können. Ich bctone: verfolgen können. Denn eine traurige Tatsache ist es, dass viele, ja die meisten unserer Stammesgenosser. in diesem Punkte mit ihren Ohren weder hören noch mit ihren Augen sehen w o 11 c n. Das sind eben die Leute, die ein so naiv erstauntes Gesicht aufzusetzen verstehen, wenn plötz, lieh irgendwo in der Welt ein wilder Ausbruch leidenschaftlieber Judenhasscr sie aus ihren sanften Träumen schreckt, die aber trotz alledem nicht den geringsten Anlauf nehmen, einmal gründlich über die Gründe nachzudeukcn, die solch eine allgemeine Antipathie gegen sie wohl haben konnte. Dass in der Tat solche Gründe wohl vorliegen mögen, sagt eine dumpfe Ahnung Ihnen ja selbst; und deshalb halten nicht wenige von ihnen es für richtig:, in jenem Jungbrunnen alias Taufbecken unterzutauchen, aus den! sie zwar mit derselben Nase, aber einer ganz andern Nächstenliebe wieder emportauchen. Oder aber, wenn sie noch etwas ״wasserscheu” sind, dann begniigen sie sich auch wohl damit, in einer feierlich ernsten Stunde einem ihrer nichtjüdischen Busenfreunde das offenherzige Bckenntnis zu mäciten: ״Im Grunde seien sie ja selbst Antiserniten!" — und zum Beweise dessen suchen sic im Sommer gerade dieenigen Badeorte auf, wo nicht a 11 z u v i e I c Juden sich aufzuhaltcn pflegen, und im Winter, wenn die schöne Erinnerimgszeit der Makkahäcr-Hcldcnkfmipfc herannaht. dann zünden auch sie ihre Lichtelcin an, aber nicht die auf dem sicbcnarmigcn Cbauukah-Leuehter, sondern die andern, die auf dem sehüngeputztcn Tatinenbaum, wobei sic — vermut־ lieh zur wissenschaftlichen Begründung ihres Vorgehens — mit hoclnvciser Miene hinzuziisctzen nicht unterlassen können: ״dass der Tannenbaum im Grunde genommen, d. h. seinem geschichtlichen Ursprünge nach, ja gar kein christliches, sondern ein aitger manisch cs Symbol darstcllc.!” O über diese klugen Leute! Wenn sic ihren geschiehtliehen Spürsinn doch lieber einmal nach einer andern Richtung lenken, wenn sie ihn docli lieber einmal der Frage nachgehen lassen wollten, wo denn eigentlich der geschiehtliehe Ursprung des Antisemitismus steckt. Sie würden zu Entdeckungen gelangen, die für ihre historische Liebhaberei eine Fundgrube von Interessantem werden könnte. Zuerst würden sie nämlich entdecken ־- was schon für nicht wenige von ihnen eine interessante Neuigkeit darstellcn dürfte — dass in der Tat der Judenhass nicht (wie man so gern behaupten hört) eine Erscheinung der Neuzeit ist, von der man also vielleicht auch aundimen könnte, dass sie in Bälde von der Bildfläche wieder verschwinden würde, son• dern dass es einen Judenhass gibt, so lange die jüdische Diaspora währt. Schon Freund Tacitus fand unsere Ahnen unausstehlich, und viele andere Schriftsteller des Altertums geben derselben Meinung einen oft recht drastischen Ausdruck. Seine a 11 gc m e i n c Verbreitung — und fast möchte ich sagen: Vertiefung -- fand allerdings der Antiscmitismus erst mit dem beginnenden Mittelalter, und seit dieser Zeit datiert die in der Weltgeschichte einzig dastehende Leidensgeschichte unseres Volkes. Vorurteilslos und ausgerüstet mit den Mitteln der modernen Geschichtsforschung werden wir an die.ve aufiallendc Erscheinung des Völkerlebens herantreten müssen, wollen wir sie in ihren wahren Ursachen erfassen lernen. — ־ Wir haben schon festgcstcllt, dass die beiden Triebfedern, die alles Denken und Handeln der Menschen beherrschen, d i e Instinkte der Selbsterhaltung und Fort- Pflanzung sind. Von jeher kämpfen Menschen und Menschheitsgruppen miteinander um die Erlangung der Kfmstigsten Lehensbedingungen. Das Rüstzeug dieses ewigen W i r t sc h a t ts k a m pf cs ist das. was wir in seiner ausgebildeten Form die Politik heissen, und seine Früchte sind Resultate der Geschichte. So dürfen wir denn glauben, auf dem richtigen Wege zu sein, wenn wir auch das Gcschichts- Problem, dessen Behandlung uns im Augenblicke vorliegt., wenn wir auch die Entstehungsgeschichte des Antisemitismus vor allem einer Betrachtung vom wirtschaftlichen Standpunkte aus unterziehen. Und wir werden vollends dazu ermutigt, wenn wir bei einer Autorität wie Roscher lesen,‘) dass auch, er die Verfolgungen der Juden ״im letzten Grunde als Produkt der fiandclskonkurrenz, als Kreditkrisen barbarischer Art” aufzufassen bereit ist. # Was das Judentum mit dem Beginn des Mittelalters zu einer auffallenden Erscheinungen neu sich gestaltenden Völkerleben machte und ihm von vornherein eine Ausnahme- Stellung autnütigte, war, dass es das einzige Volk war, das inmitten der zusammenkrachenden alten Welt' sich in seinem typischen Gepräge unversehrt erhalten hatte.*) Wie ein Monument aus verschollenen Zeiten, so mutete es die neue Weit an: fremd stand seine aus der alten in die neue Zeit hinübergerettete hohe Kultur den neuen Wirtsvölkern gegenüber, die erst wieder anfangen mussten, aus dem Staub der Unkultur sich zur Höhe zu entwickeln. Und was seine Besonderheit am krassesten und einschneidendsten in die Erscheinung treten liess, war, dass es in die herrschende Naturalwirtschaft des jungen Mittelalters die f r ü h* kapitalistische G e 1 d \v i rt s c b a! t des *Altertums (die cs schon von den Phöniziern übernommen) hinUbcrgcnommen hatte ״mit all ihren Anschauungen der Wertschätzung des Handels, des Geldes, kurz all jenen Anschauungen, die denen der Naturalwirtschaft extrem entgegengesetzt waren". Damit verkörpern sie eine höherstehende Wirtschaftsmethode, die stimulierend und zersetzend auf die des Mittelalters einwirkt, gleichzeitig aber für sie selbst die spätere Gefahr heraufbeschwört. Im Gegensatz zu Ihnen, deren ganze Existenz ״rade auf ihrem produktiven Kapital beruhte, ohne dass sie niemals die ürosshäitdler hätten spielen können, als die sie dann die ganze Welt beherrschten, im Gegensatz zu ihnen, sage ich, verwirft ihr Partner, die Kirche. Zins sowohl wie Handelsgewinn, ״sie will das Geld höchstens als Wertmesser, niemals als Vermögens- oder Produktionsstock zur Anwcndüng gelangen lassen, so dass sich schliesslich die Ansicht herausbildete, Kauf und Verkauf, als Geschäft betrieben, seien überhaupt Sünde." Aber trotz aller Verachtung und Bc- ') Geschichte der Nationalökonomie in Deutschland. *) Vergl. zu diesem Absatz: Pinkus ״Studien zur Wirtschaftsstellung der Juden.” (f*f״*k*^* W'*;■

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