Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 186 JÜDISCHE wurden zweifellos durch Mangel an Geldmitteln behindert und waren infolgedessen genötigt, im kleinen Massstabe anzufangen, und es ist möglich, dass es bei manchen von ihnen noch mehrere Jahre dauern wird, bis ihre Lage eine völlig gesicherte ist. Ich glaube, der grösste Teil der Ansiedler!11 unserer Pro* vinz geht mit grossen» Ernst an den Versuch, seine Siedeluug erfolgreich zu gestalten: aber 1904 war ein sehr trockenes Jahr (27.22 Zoll Regen wurden in Nairobi beobachtet gegen 42.62 Zoll im Jahre 190:0. n:׳d infolgeUe:*scn waren die Ernten verschiedentlich nur teilweise erfolgreich. Die Frage der Aussichten für Ans'edler muss bezüglich derer, welche mit wenig Mitteln ins Land gekommen sind, in der liofinung, plötzlich ihr Glück zu machen, und bezüglich derer, welche mit genügend Mitteln hierher gekommen und darauf gefasst sind, dass cs 2—3 Jahre dauern wird, bis sie irgend welchen Fortschritt machen, betrachtet werden. Für die Ersteren gebe ich zu. dass die Aussichten nicht ermutigend sind. Für die Letzteren, glaube ich. ist das Gegenteil der Fall. Bei der Behandlung dieser Frage müssen wir uns vergegenwärtigen. dass dieses Land kein bekanntes Material enthielt, mit dem man beginnen konnte: dass alle Bedingungen des Laudes für Leute, welche aus England, Südafrika. Australien usw. kamen, neu waren, und dass cs in jedem ähnlichen Lande d•r Welt eine Zeit dauert, b's trau sich eingerichtet hat und den Weg zum Erfolg deutlich vorge/.eichuct sieht. Das Klima des Hochlandes ist gut. der Boden ist fruchtbar, dennoch hat mau gefragt und fragt manchmal noch: .Was wird der Boden iiervorbringcu. das sich für einen Weissen zu bauen lohnt?“ Kaffee und Fibre wachsen, erfordern aber Zelt und Geld. Dies sind die Befähigungen, welche manche der Ansiedler nicht in genügendem Masse besitzen und von welchen der Eriolg iiir europäische Siedler abhängt. Ein anderer Punkt, der für Gelingen oder Fehischlagut massgebend ist sind der Charakter und d e Eignung des Be* treffenden. Energie. Findigkeit und Takt sind Eigenschaften, die ein Ansiedler notwendig haben will. Takt ist notwendig im Umgang mit den Eingeborenen, denn zugegeben, dass dies ein Land iiir die weisse Rasse ist. muss man sieb doch vergegen* wärtigen. dass Europäer in einem Laude, das von Schwarzen bewohnt wird, kc’nc körperliche Arbeit leisten werden. Deshalb ist Elngeborenenarbcit iiir die Entwickelung des Landes so notwendig wie Regen und Sonnenschein. Ich möchte sagen, dass einem Mann vom richt'gcn Schlag mit imgeiähr 500 Piund Sterling (10209 Mark) Kapital iiir den Anfang auf einer Siedelung aui eigenem Grund und Boden innerhalb fünf Jahren ein Erfolg sicher ist. Ich bin auch sicher, dass die richt'gcn Leute, die die Arbeit verstehen, finden werden, dass die Pferdezucht eine hoffnungsreiche Zukunft iiat. Jetzt, wo die Regierung eine Ticrarziieischnle eingerichtet hat. welche andauernd hei den verschiedenen Krankheiten im .Laude arbeitet haben Viehzucht und M i I c 11 w i r t ־ schaft eine merklich hoffnungsreiche Zukunft. Der Schafziichter. glaube ich. wird keinen bedeutendes: Faktor in dieser Provinz bilden und sein Unternehmen muss sich im Rift Valley und im Aberdare-Rangc entwickeln." Wir registrieren gewissenhaft diesen Teil aus dem englischen amtlichen Bericht, da der Zionismus vom Verschwei* gen keinen Vorteil hat und nur durch die volle Wahrheit ge* fördert wird. Wen» mau aber auch das Ugandaprojekt für endgiltig erledigt betrachten muss, so ist doch von Interesse, zu sehen, wie in der FRANKFURTER ZEITUNG von H. Singer (Berlin) über einen Vortrag berichtet wird, den Herr Gibbons in! Januar in der Londoner Geographischen Gesellschaft über ״Das ostafrikanische Zion", wie cs Singer nennt, gehalten hat. Es ist wohl keine Absicht des Berichterstatters, sondern nur eine Folge der bekannten Feindseligkeit des Herrn Gibbons gegen das dritte Mitglied der Forschungsexpedition Herrn Wilbuschwitsch, dass nur zwei Mitglieder der Forschuugsexpedi* tion, nämlich die beiden nichtjüdischen genannt sind. Gibbons selbst äussert sich, dass er überzeugt sei. dass der Weisse selber arbeitend auf diesem Plateau leben und gedeihen könnte, wenn er auch zugeben müsse, dass das grosser Optimismus von ihm sei. ״Aber ein bedeutendes Werk sei nie ohne ein grosses Stück Optimismus zustande gekommen". Der Referent gibt offenbar mit grossem Wohlwollen die Ausführungen des Herrn Gibbons wieder, kann aber nicht umhin, über die Kolonisation, die eigentlich nur als Viehz.iichterkolonie in Betracht kommt, sich dahin zu äussern: ״Wir stehen diesen Ideen allerdings sehr skeptisch gegenüber und meinen, dass die Erfahrungen hier noch ganz, ungenügend sind: mögen die* jenigen. die einer Besiedelung tropischer Gegenden Afrikas durch Weisse so eifrig das Wort reden, selber damit den Anfang machen und so die Richtigkeit ihrer Ueberzeugung RUNDSCHAU No. 13 praktisch dartun: andere Leute dürfen nicht als ״Versuchskaninehen” in Frage kommen." Im Anschluss hieran dürfen wir wohl darauf hinweiscn. dass im GENERALANZEIGER für die Gesamtintet essen des Judentums unter der l'cberschrift: ״Uganda als Nachtasyl” sich ein geharnischter Angriff gegen die Redaktion der JÜDISCHEN RUNDSCHAU findet, der einen Herrn Dr. E m i l S i mo!1 s o n in Schöne borg zum Verfasser hat. Der Artikel wirft der Redaktion der JÜDISCHEN RUNDSCHAU vor, dass sic ״ten* d e n z i ö s ver w e c 11 s c l e", dass cs ihr gegenüber ״w i r klieh schwer ist. noch immer den guten G1 a u* ben a n z 11!t c h in c n", dass sie sic 11 (diesen Satz mit einem ״wenn" eingeleitet) ganz als Fraktionsorgan der s o g e 11 a n t e n ״Z i o 11 e * Z i o n" i ii 1111". um damit zu scliliesscn, ״dass dieses Verhalten ״für das die Annahme b l i 11־ der Partcilcidc 11 schaft noch die mildeste Er* klärung bildet, dass die JÜDISCHE RUNDSCHAU selbst aber gegebenenfalls z. B. dein BERLINER TAGEBLATT gegenüber nicht anstehen würde, als B r u n 11 c 11 v c r g i f t u n g zu be• zeichnen." Den Lesern der JÜDISCHEN RUNDSCHAU gegenüber bedarf cs keiner weiteren Worte, um Herrn Dr. Simonson in Scliöncberg in seine Schranken zurückzuweisen, umso mehr, als nunmehr erwartet werden muss, dass er in äffe 11t* lieber Versammlung seine Beschuldigungen w’iedcrholt. Die Redaktion des GENERALANZEIGERS war so loyal, eine sachliche Erwiderung von Herrn Dr. Heinrich Loewe an g I e i c h c r Stelle aufzunehnicn. Das Zweistromland Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse Babylo* nlcns bildeten den Gegenstand eines Vortrages, den Herr Said Ruete vor der Abteilung Bcrlin-Chnrlotteiilnirg der Deutschen Kolonialgesellschai» hielt. Babylonien oder Südmesopotaniien umfasst eine Fläche von etwa 10 Millionen Hektar und galt den Alten als die Verkörperung der Fruchtbarkeit; es war die Kornkammer nicht bloss Vorderasiens, sondern der gesamten alten Welt. Die Herrscher des Landes betrachteten es in richtiger Würdigung der wirtschaftlichen Bedeutung des Landes als ihre Auigabc, das,Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris mit einem Netz befruchtender Kanüle zu durchziehen und dadurch die Ergiebigkeit des Bodens zu erhöhen. Um die Mitte des 13. nachchristlichen Jahrhunderts trat eine Epoche politischen Niedergangs ein. die bis zum heutigen Tage an gehalten hat und mit dem Verfall des alten Kanalsystcms den wirtschaftlichen Niedergang im Gefolge hatte. Heute gleicht Babylonien nicht mehr einem Fruchtlandc, sondern einer W'iistc. Die Zahl der Bevölkerung, die vielfach ein Nomadenleben führt, ist sehr gering: an sesshafter Bevölkerung kommen nur etwa fünf Köpfe auf den Geviertkilometer. Die klimatischen Be* dingungeti sind jedoch im grossen ganzen dieselben geblieben wie vor drei Jahrtausenden, und damit auch die natürlichen Vorbedingungen iiir die wirtschaftliche Wiedererweckung des Landes. Dass die türkische Regierung sieh dieser lohnenden, wenn auch schwierigen Aufgabe unterziehen werde, darf bc: deren Finanznöten und Indolenz nicht erwartet werden; an dieser Aufgabe muss das Abendland und auch Deutschland mitarbeiten. Bisher ist das Deutschtum in Mesopotamien noch recht spärlich vertreten. Die Ausgrabungsarbeiten der deut* sehen. Orieutgcscllscliaft im alten Bahvlon haben zwar dem deutschen Namen im Zweistromland einen guten Klang ver* schafft, stellen aber keinen wirtschaftlichen Faktor dar. Dage* gen deutet die Gründung des Bagdädkomitees darauf hin, dass man hier beginnt, die Aufmerksamkeit auf Mesopotamien zu richten; vor allem aber lege der Umstand, dass die Konzession zum Bau der Bagdad-Balm an Deutsche gefallen ist, den Deutschen die ernste Pflicht auf, die wirtschaftlichen Vorgänge in Mesopotamien aufmerksamen Auges zu verfolgen. Die Ver- Uingerung der auatolischen Bahn über Konia hinaus ist bei der Ebbe des türkischen Staatsschatzes auf lange Zeit hinaus nicht zu erwarten. Die Türkei bedarf einer durchgehenden Reorganisation auf w irtschaftlichem Gebiete, und dies wäre die nächste Aufgabe der Westmäclite. Seit mehr als zwei Jahren haben die Engländer die Frage, wie Babylonien zu wirtschaftlichem Leben wicdeTcrw eckt werden könne, ihre ernste Aufmerksamkeit zugewendet. Sir William W'ilcox, ein anerkannter Meister auf dem Gebiete der Wasserbaukimst. der sich durch seine grossziigigen Arbeiten in Aegypten bekannt und berühmt gemacht hat, ist überzeugt, dass das alte Kanalsystcm wiedc! hergcstcllt und ausgebaut werden könne und dass damit aus der heutigen Wüste w ieder das alte Kulturland hervorgezaubert w ürde. Die Kosten veranschlagt er auf etwa 20 Millionen Lstr. Solche Pläne der Engländer dürfen nicht ausser Acht gelassen werden. Es hiessc eine verhängnisvolle Vogelstrausspolitik treiben, wollte man achtlos darüber hinweggehen etwa mit