Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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e Seite!85 «f No. 13 JÜDISCHE RUNDSCHAU Witte in Nöten ln Anschluss an den von der RUSS veröffentlichten Aufruf zu Judcnniassakres, der. in einer amtlichen Druckerei hcrgestcllt war. weiss die RUSS folgendes zu melden: ״Am 13. März wurde im Ministerrat über den in der Druckerei des Petersburger Statthalters hcrgcstellteti Aufruf zur NieUermetzcIung der Juden und ihres Helfers Witte verhandelt. In Verbindung damit wurde auch die Frage der weiteren Existenz des ״Verbandes des russischen Volkes", des ״Verbandes zum aktiven Kampf fnit Revolution und Anarchie" und anderer huligumschcn ״Kampfes"-Organisationen In Erwägting gezogen. Im Laufe der Verhandlungen stellte cs sich heraus, dass diese ausgezeichnet bewaffneten Organisationen, die sich einer besonderen Gunst der Administra• tion erfreuen und von jeder Aufsicht befreit sind, eine ernste wirkliche Gefahr für die Bevölkerung bilden; auch sind alle, wie bekannt, sehr gegen den Grafen Witte aufgebracht. Nach den bei der Regierung eingclaufencr! Nachrichten bereiten sie einen bewaffneten überfall vor. Alle diese zum Vorschein gekommenen Umstände haben den Ministerrat bewogen, zu energischen Massrcgcln zu greifen; vom Statthalter wurden sofort Aufklärungen über seine Handluugs* weise cingefordcrt. Infolge des gefassten Beschlusses aut Vernichtung der Hulikvnsorganisatiouen werden sie in den nächsten Tagen ihre offizielle Existenz cinbüssen müssen." Judenrecht in Moskau Unter den in Moskau wohnenden jüdischen Kauf|cutc!1 I. Gilde hat ein Zirku'cr grosse Beunruhigung hervorgerufen, das aus der Kanzlei des Moskauer Statthalters an die Distrikts- Pristaws ergangen ist. Der Wortlaut des Zirkulars ist so unklar abgeiasst. dass, obwohl aus ihm scheinbar eine Er- Weiterung des Wohnrechts der Kaufleute herauszulcsen ist es doch auch anders gedeutet werden kann. Namentlich bleibt es ungewiss, wie man die F'anrlicnanechörigeti der genannten Kauileute behandeln W ird. Es wurde infolgedessen eine Dcputation nach Petersburg geschickt, voii deren Ergebnissen aber noch nichts bekannt ist. Das Zirkular lautet: ״Den Distrikts-Pristaws. Am 17. Dezember vorigen Jahres überreichte mir der Moskauer Generalgouverneur die Kopie, eines Reskripts N. 3252, gezeichnet für den Gehilfen des Ministers des Innern Wataci. aus dem zu ersehen ist dass laut Einverständnis zw;- sehen dem Minister des Innern und den! Finanzminister, den zu Städten der inneieii Gouvernements /!!geschriebenen Juden. Moskau ausgenommen. Kaufleuten I. Gilde das Wohnrecht in Moskau und im Moskauer Gouvernement im Einklänge mit dem St. 20 Erg. zum St. 68, Gesetzgeb. über Pässe. Ausgabe!°03־. einzurfiunicn ist. Indem ich dieses zur Kenntnis und Richtschnur der Poliz:! kund gebe, schreibe ich den Herren Pristaws vor. die Dokumente samt einer schriftlichen Darlegung in Bezug auf die Daiie־־ des Aufenthalts der in die hiesige Residenz neu eintreffenden Juden-Kaufleutc aus den inneren Gouvernements in meiner Kanzlei zur eventuellen Erlaubnis vorzulegen. Diejenigen Juden der erwähnten Kategorie wie auch deren Familiengliedcr. denen bis zu dieser Zeit das Wohnrecht in Moskau, auch das Handelireiber! hier, gestattet war. schreibe ich vor. im Laufe c:ner zweiwöchigen Frist gewünschte Auskünfte laut beigelegter Form zu geben." In der ״beigclcc'ten Form" werden identische Auskünfte mit den in! Jahre 1891 — zur Zeit der Judenausweisung aus Moskau — verlangt, um eine Frist festzusetzeu. die ihnen zur Abreise zu geben ist. Kleine Mittel Durch ein Rundschreiben des russischen Ministers des Innern an alle Gouverneure, Oberpolizeimeister, Stadtliauptleutc usw. wird die Aufüihrung von Eugen T sc h i r i k o w s ״Jude n". die kürzlich auch in Berlin mit Erfolg über die Bretter gingen, ebenso wie die öffentliche Vorlesung dieses Schauspiels in ganz Russland strengstens untersagt. Zur Begründung des Verbotes wird angeführt, dass ״die Schilderung des Kischinewer .Pogrom“ in dem Drama auf die jüdische Bevölkerung aufreizend zu wirken geeignet sei." Petersburg. Ein Zirkular des Ministers des Innern verfügte, die Staatsfabriken sollten sämtliche jüdischen Arbeiter, weil sie unzuverlässig seien, entlassen. Russische Wahlkomödie ״In grösster Ruhe und Ordnung" haben vor kurzem die Vorwahlen zur Reichsduina nahezu in allen Wahlbezirken stattgefunden. Die grosse Komödie hat also begonnen; unter Assistenz von Kosaken und Militär bestimmt die russische Bevölkerung die Delegierten, die bciufen sind, die Mitgliede! der Duma zu wählen. Wenn noch irgend jemand daran gezweifelt hat, dass mit der Einberufung der Reichsduma nichts anderes geplant wird als ein kolossaler Schwindel, so hat ihn wohl das kurze Telegramm der Petersburger Telegraphen- Agentur eines Besseren belehrt. Denn dieses Telegramm I spricht in seiner lakonischen Kürze ganze Bände. Es beweist, dass die Wahlen tatsächlich in jener Weise stattfindet• wie man nach all den vorbereitenden Arbeiten nur erwarten durfte. Die Wähler werden einfach zur Wahl kommandier und ohne dass sic sicli über die eigentliche Bedeutung ihrer Handlung klar werden, geben sie ihre Stimmen den von den Regierungsvertretern bczeiclincten Delegierten. Nur so und I nicht anders sind die Worte des Telegramms ״in grösster ' Ruhe und Ordnung" aufzufassen. Hält inan es denn über- I haupt für denkbar, dass sich nach solchen elementaren Er- Schütterungen, wie sic Russland in den letzten Monaten durchgemacht hat. die Wahlen für die erste gesetzgebende Körper- Schaft des Volkes ״in grösster Ruhe und Ordnung" — im Sinne russischer Rcgieru!1gskommuniqu£s — abspielen könnten, wenn dem Volke wirklich erlaubt würde, zu wählen? Man gewinnt schon jetzt ein klares Bild der Dumawahlen. Gewählt wird bloss von den durch Kosaken und Militär eingtschüch• terten Bauern, die wohl ohnehin nicht allzusehr wissen, was sie tun; die Arbeiter aber lehnen es entschieden ab, die ihm•!! zugedachte Rolle in der Wahikomödie zu übernehmen. Abänderung des engl. Fremdengesetzes Die Regierung hat, wie Herbert Gladstone kürzlich im Umterhause mittei'lte, Anordnungen getroffen, durch werbe die Handhabung des Eremdengesetzes sehr gemildert werden soll Nach der Ansicht des eigentlichen Urhebers des Gesetzes, Sir William Evans Gordon, wären diese neuen Ancdmingen derart, dass das F'remdengcsctz selbst dadurch gang ausser Kraft kommt und eine unnütze Farce und Ge!dver>ch\vendüng wird. Nach den neiien Anordnungen sollen nur solche Schiffe als Einwandererschiffe gelten, welche mindestens 7wunzig (bisher zwölf) Zwischcndeckspassagierc an Bord haben. Ausserdem werdet! von nun an bei allen Sitzungen von Auswanderer-Kommissioncn Vertreter der Presse zugehssco, r.s spiele» sich also alle Verhandlungen öffentlich ab. Auch hat Herbert Gladstone den Kommissionen in einem Zirkulare!nitteilen lassen, dass das Parlament nie daran gelacht habe, bei Anwendung des Gesetzes Härte obwalten zu lassen. Perner sind Zettel gedruckt worden, auf denen in verschiedenen Sprachen mitgeteilt ist. dass der Einwanderer das Recht hat, gegen die Entscheidungen der Kommissionen zu appellieren: ein solcher Zette! wird jedem zuriiekgewiesenen Fhrvandercr in die Hand gegeben. Besondere Rücksicht soll n it solchen geübt werden, die, wie das Zirkular schonend sogt, aus .unruhigen" Gegenden des Kontinentes kommen, das heisst aus Russland. Ihnen soll, wenn sie, ohne es beweisen zu können, glaubwürdig behaupten, die Opfer politischer eder religiöser Verfolgung zu sein, die Rechtswohltat des Zvscitels zugute kommen, das heisst, es soll ihnen dies auch •»:me Beweis geglaubt werden und sic sollen als politische Flucht• linge in England ihr Asyl finden. Kranke sollen dann nicht abgewiesen werden, wenn die Rücksendung ihre Gesundheit gefährden könnte. Alle diese neuen Bestimmungen werden dahin wirken, dass die Schiffahrtsgesellschaften nun den nach England Auswandernden keine grossen Schwierigkeiten mehr machen werden, denn die Gefahr der Zurückbeförderung ist jetzt verschwindend klein. Gleich nachdem Herbert ülaa־ stonc im Unterhause diese Mitteilungen gemacht hatte, verlangte Sir W. Evans Gordon sofortige Anberaumung einer besonderen Debatte darüber. Der Spcekcr entschied aber, dass eine sofortige Debatte nicht nötig sei, da bei der Budgetberatung in den nächsten Tagen schon sich dazu Gelegenheit bieten werde. Die konservative Regierung hat uns mit dem Ost• af.ikaangcbot, aber auch mit der Grenzsperre für flüchtige Juden beschenkt. Ihr gegenüber ist Laokoons Wort von den Danaern, die zu fürchten sind, zumal wenn sic schenken, wohl am Platze. Ein Glück für die flüchtigen russischen Juden, dass Chamberlain nicht für immer der Minister war. Britisch Ostafrika-nicht Uganda Den! englischen Bericht des Sub-Kommissionärs Johii A ins worth: Afriea. No. 6 (1904) Reports relating to the adininistratiou of the East Airica Protcctorate (Oktober 1905), entnehmen wir folgende Angaben: ״Eine grosse Anzahl der Ansiedler hat bisher noch keinen nennenswerten Fortschritt im Ackerbau gemacht. Meistenteils begnügen sic sich mit Kartoiiel-. Bohnen- und Maiskultur. Es gibt jedoch Ausnahmen, und einige vorgeschrittenere und bemittcltc Ansiedler haben mit Kaffee. Weizen. Tab3k und in einem Falle mit Tcekultur begonnen. Die meisten Ansiedler 1