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Jüdische Rundschau · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 184 JÜDISCHE RUNDSCHAU _ _ No, 13 ״Sind Herr Sektionschef für die Aufstellung von sclbständigen jüdischen Abgeordnetenkandidaten und für die Unterstützung ihrer Wahl?“ Antwort: ״Ja! Ich war immer dafür, dass insbesondere die Juden als Abgeordnete selbständig sein müssen — wie der derzeitige Abgeordnete Dr. Strauchcr — damit sie die ihnen anvertrauten Interessen ihrer Glaubensgenossen frei und umabhängig vertreten körnten und auch dadurch die Kraft gewinnen. filr dieselben cinzustchcu." ..Bei der geringen Anzahl von Wahlbez rken. in denen Jüdische Kandidaten durehzudriugen die Aussicht haben, so!! darauf geachtet werden, dass durchwegs Männer gewählt werden, die sich offen und mannhaft als Juden bekennen und füt ihre bedrängten Konnatiunalen mit Sachkenntnis und Freimut vor aller Welt eintreten. Es ist dies jetzt nötiger als je." Ich erlaubte mir nun die weitere Frage: ״Sollten die in Galizien als unabhängig gewählten jüdischen Abgeordneten dem Polenklub beitreten?“ ״Nein.“ antwortete Herr von Gniewosz. ״Denn.‘* fuhr er fort ״im Falle ihres Beitrittes würde.!» sic in jeder Tätigkeit gebunden sein. Sie sollen vielmehr so viel als möglich ihre Unabhängigkeit wahren. ״Dass diese meine Anschauung richtig ist. kann man daraus ersehen, wie cs demjenigen jüdischen Abgeordneten erging, welcher, dem Gebote seiner Wähler folgend dem Polenklub beitreten zu können glaubte und gleichzeitig mutig, unerschrocken und mit aller Fncrgie iiir seine Glaubensgenossen cinzutreten. ״Ich meine den früheren Abgeordneten Dr. Josef Bloch. Dieser hatte wegen seines Mutes und seiner Unerschrockenhc't auf Schritt und Tritt zu leiden und wurde schliesslich vollständig lahm gelegt. Seine Ausschließung aus dem Klub und aus dem Parlament war ein Werk der Wiener Antisemitenfiihrer und ich habe nie begreiien können, dass die cinflussreichen Juden sich nicht bemüht haben, dem Dr. Bloch ein unabhängiges Mandat irgendwo zu sichern. Bei dem Missbrauch der parlamentarischen Tribüne für unwürdige Exzesse. wie es leider in Oesterreich Unsitte geworden, war ein Mann von dieser Art und Schlagkraft notwendig. ״Dr. .Emil Byk ist ja auch ein Mann von Begabung, allein er ist ein williger Diener der Khibmajorität bis zur Uuerträglichkeit. So wurde er um das Jahr 1SS6. als er gegenüber dem antisemitischen Abgeordneten Fürsten Liechtenstein eine an sich richtige Bemerkung wagte, welche aber den Fürsten Liechtenstein unangenehm berührt hat, von der Klubmajorität gezwungen, im offenen Parlament zu revozieren und dem Fürsten Liechtenstein Abbitte zu leisten. Es hat sowohl von meiner Seite als von anderer Seite an Warnungen und Mahnungeit weht gefehlt. Herrn Dr. Byk dahin zu bestimmetu dem kauditiischwii Joche sich nicht zu unterwerfen, eventuell lieber aut das Mandat zu verzichten, als zu solch peinlicher Deniütigung sich herbeizulassen. Indess alles blieb ohne Erfolg und Herr Dr. Byk nahm keinen Anstand, im offenen Parlament das Urteil an s:ch zu vollziehen." . ״Das waren seine Unabhängigkeit und sein Mut." ' ״Dieser peinliche Vorfall soll für alle Zukunft sowohl den Wählern als auch den Gewählten in Galizien eine Warnung und mahnendes Beispiel sein." So weit Herr Sektionsehcf Ed. Ritter von Gniewosz! Es scheint notwendig zu sehe diese Ratschläge und Mailnungen eines aufrichtigen und trciun Judenfreundes von der autoritären Stellung des Herrn Sektionschefs Ritter von Gniewosz der jüdischen Oefientlichkcit zu übergeben. Audi die Episode Byk-Priuz Liechtenstein ist eine Reminiszenz, die nicht blos aus rein historischem Interesse der Vergessenheit entrissen zu werden verdient: sie ist nicht allein für die künftigen Geschichtsschreiber von Belang, sie verdient auch bei der Gegenwart noch Würdigung und Beherzigung. Ein Manu mit geschäritem jüdischen Selbstbewusstsein dem die Ehre seines Volkes ein kostbares Gut ist. hätte in keiner Situation vergossen, dass, indem er sich vor dem Prinzen Liechtenstein so tief erniedrigt, er zugleich sein Volk vor dem l'eiutfc aufs Empfindlichste blossstellt. Jüdische Auswanderung Infolge der ungünstigen politischen und wirtschaftlichen Vorhältnisse in Russland und Rumänien ist in den letzten Jahren bekanntlich eine ständige jüdische Auswanderung aus diesen Ländern im Gange, die zuletzt pro Jahr eine Ziffer von etwa 100000 Seelen erreichte. In den meisten Fällen war das Ziel dieser Auswanderung die Vereinigten Staaten von Nord- { Amerika und unter diesen in erster Reihe New-York und die; östlichen Staaten. Ncwyork ist 7. Zt. die grösste jüdische! Gemeinde der Welt, mit eine־׳ Seelenzalil von über 750 000! Juden, und es stellt zu befürchten, dass eine weitere. Ver-! Schürfung-der Ansprüche in Ellis Island seitens der Regierung! der Vereinigten Staaten eintreten könnte.! Seit längerer Zeit sind daher Bestrebungen im Gange, 1 einen grösseren Teil dieser Auswanderer nach anderen Gegenden abzulenken. In New-York arbeitet seit einigen Jahren ein Jüdisches Komitee in diesem Sinne. Unter diesen Umstünden ist es im Interesse der durch die bekannte:: Zustände im Zarenreiche zur Auswanderung gezwungener! russischen Juden dringend geboten, neue Einwatulerungsmöglichkciter. für diese zu schaffen; als solche kämen in erster Reihe in Betracht die Südstaaten der Union, sodann aber auch einige Staaten des gemässigten Südamerika, In voller Würdigung dieser Sachlage hatsich in Berlin ein Komitee gebildet, das cs sich zur Aufgabe gemacht hat. die zur Auswanderung entschlossenen Elemente in Osteuropa über die Verhältnisse In den neuen Eiiiwauderungsgebfetcn zu iiiforrnicrcn, und eine Auskunftssteile für jüdische Auswanderer nach den südlichen Ländern zu gründen, welche zuverlässig Anfragen beantwortet und durch die Presse informatorisch wirken will. Das Bureau soll die Auswanderung nicht fördern, im Gegenteil, alle diejenigen vor der Auswanderung warnen, die sich nicht absolut hierfür eignen. Nur denjenigen sollen die Informationen dienen, die vermöge ihres Berufes und ihrer Intelligenz als Landwirte, Handwerker, qualifizierte Arbeiter usw. sich für diese Länder eignen und von denen anzmiclunen ist, dass sie in ihrem Bcstimmungslande sich leicht eine Existenz werden gründen können. Er hat gegen König und Fürst gehetzt, | Und hohe Herrn auf das ״Thrönehcn“ gesetzt, Pfui! Solch ein Gerät in den Mund zu nehmen! Das tut kein Deutscher! Er müsste sich schämen!" j ״Piui!" schrien die Antisemiten, ן ״Hui!‘‘ sagten die Israeliten. Ein Oberlehrer sprang wütend aufs Pult: ״Der Simplicissimus, der hat die Schuld. Und läge nicht Heine im Grabe schon, Er süsse jetzt dort auf der Redaktion!“ ״Hu!“ sagten die Antisemiten, ״Nu?" fragten die Israeliten. Herr Pfarrer Werner, ein begabter Mann, Begann also und hub zu sprechen an: ״Herr Heine ist niemals ein Denkmal wert, Ich denke, wir haben genug gehört." ״Schluss!" riefen die Antisemiten. ״Schtuss!" dachten die Israeliten. ״Er singt in der Sprache von ״unseren Leuten", Und schreibt: ״Ich weiss nicht, was soll cs bedeuten.*4 l\.d es klingt doch urdcutsch und anmutsvoll: ״Ich weiss nicht, was es bedeuten soll." Da brüllten die Antisemiten, Da pfiffen die Israeliten. Auch ein Schneider sprach über Literatur, (Es war allerdings schon spät auf der Uhr.) Er sprach, und es lachten rings im Saal Die Freunde und Gegner allzumal, Die grimmigen Antisemiten, Die pfiffigen Israeliten. Um ein Uhr war die Versammlung aus, Man ging befriedigten Herzens nach Haus. Und erzählt’ dann an Feiertagen, Was in der Versammlung sich .zugetragen, Am Sonntag die Antisemiten. Am Samstag die Israeliten. H. F.

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