Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 13 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 183 Getaufte Juden — bessere Juden? Strassburg, 16. Mürz. Bein! Etat ״Universität" aus dem Elsass-Lothrin gischen Landesausschuss fra«t Abg• Kmmcl (S07״) an, warum man an der hiesigen Universität Antisemitismus treibe. Es sei ihm mitgeteilt worden, dass Israeliten nicht ordentliche Professoren werden könnten, wenn sie sich nicht vorher taufen Messen. Ministerialrat Stadler: Der Vorwurf des Antisemitismus sei wohl noch niemals erhoben worden. (Anmerk.: Emmil ist der einzige 50z. Abgeordnete und dies erst seit den letzten Wahlen!). Es sei eine Tatsache, dass cs israelitische Professoren gebe. Kein israelitischer Professor sei genötigt (!) worden, sich taufen zu lassen. Abg. Kmmel: Daun sei vielleicht zutreffend, dass die Professoren auf ein Sichtaufe u lassen des israelitischen Kollegen ein* wirkten .... Ministerialrat Stadler: ... er wiederhole, dass Regierung wie Lehrkörper der Universität dieser Frage vollständig fern ständen. Einzelne Professoren hätten ihre Kinder taufen lassen: damit Jedoch habe die Regierung auch nichts zu tun. — — Aber die Regierung hat doch solche Leute als akademische Lehrer angestellt, wie den Prof. Harry Brcsslau. (Hauben solche Leute an die Wahrheit des Christentums, so ist es Unrecht, sich nicht laufen zu lassen. Glauben sic aber selbst nicht daran, so erziehen sie ihre Kinder zur Lüge. Aber ordentliche Professoren werden sie. Vom Volkschulunterhaltunpsgesetz Berlin. In der Schulkommission des Abgeordnetenhauses wurde die Organisation der Schuldeputation zu Ende beraten. § 28 Abs. 1 No. 3 wurde nach der Regierungsvorlage ange• nommen. Die No. *1 (Kreisschulinspektoren) wurde auf frei• konservativen Antrag gestrichen und an dessen Stelle folgender Zusatz angenommen: ״Die zuständigen' Kreisschulinspektoreu nehmen an den Sitzungen der Schuldeputationen als Kommis* sarc der Schulaufsichtsbehörde teil und sind auf Verlangen jederzeit zu hören.“ Bezüglich der Rabbiner wurde be* schlossen: ״Sofern sich in de־ Stadt mindestens zwanzig iiidischc Volkssclsülcr befinden, tritt ausserdem der dem Dienstränge nach Vorgehende oder sonst der dem Dienstaltcr nach älteste Ortsrabbiner ein." Das Bestätigungsrecht der Regie* rung wurde angenommen, die Widerruflichkeit der Bestätigung dagegen gestrichen. Eine Satisfaktion In einer sehr zahlreich besuchten Versammlung der Stettiner Acrzte wurde, wie wir aus der OSTSEE* ZEITUNG ersehen, an Prof. D r. Albert N e i#s s e r ln Breslau im Anschluss an den in voriger Nummer gemeldeten Vorfall folgende Adresse gerichtet: Hochgeehrter Herr Geheimrat! Die Aerzteschaft Stettins ist heute zusanimengekommen, um ihrem tiefsten Bedauern Ausdruck zu geben über die Vorgänge, welche sich hierseihst am 9. d. M. während Ihres Vortrages ereignet haben, und dies Bedauern wird — des sind wir gewiss — von den weitesten Kreisen unserer Bevölkerung in allen ihren Schichten geteilt. Zwar werden Sic hochverehrter Herr Geheimrat. von den Ausschreitungen ״Nicht wahr, sie sind verlobt!" ״O nein — ich . .. ich meine .... ich dachte .. ich seufzte über die armen, unglücklichen Juden!“ ״Da haben Sie recht, zu seufzen,“ sagte der Junge Nachbar auf der Bank, ״heute Abend kommt wieder ein ganzer Zug mit vertriebenen russischen Juden an. Ich werde heute nach Ruhlebcn hinaus gehen, um das einmal mit anzuschen.“ ״So bitte ich Sie,“ sagte Ben־Jekutiel, ״dass Sie die Freundlichkeit hätten, mich mitzunehm.en.“ ״Aber gewiss gern, wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht lästig ist.“ (Fortsetzung folgt.) Was soll es bedeuten? Dieser Tage wurde in Frankfurt eine ״Anti-Heine- Versammlung“ veranstaltet, die einen recht tumultuarischen Verlauf nahm. Neben anderen Schmähern des Poeten nahm auch Pfarrer Werner das Wort und ״beeiner irregeleiteten, urteilslosen, kleinen Schar ebenso wenig berührt wie unsere Wissenschaft, die von ihrer Reinheit und Höhe nichts dadurch einbiisst. dass anmassender blö• der Unverstand gerade in unserer Zeit mehr als je über sie und ihre tiefsten Fragen zu Gericht sitzt. Dennoch erfüllt es uns mit Entrüstung und Trauer, dass Jene Ausschreitungen gerade in unserer Stadt möglich waren und sich gegen einen Mann richteten, der, seit Jahren einer der vor* nehmsten Kämpfer für die Gesundheit des Volkes, uneigen־ m'itzig dem Rufe hierher folgte, um seine warnenden und be* lehrende» Mahnworte an das Volk selbst zu richten. Diese Anfeindungen aber sollen für uns aufs neue ein Anlass sein, uns um die führenden Geister unserer Wissenschaften, in deren vordersten Reihen Sie stehen, noch fester zu scharen, und uns mit ihnen eins fühlen in dem idealen Streben und Arbeiten für Wissenschaft und Volkswohl. Die Aerzteschaft Stettins. Es ist bedauerlich, dass wir nicht die Namen hier unter* schrieben finden. Die Namen der Mehrzahl der Stettiner Aerzte sind nämlich nicht so ausgesprochen arisch, dass man darum auf eine weniger iudenfeindiiehe Gesinnung der Stettiner Bürgerschaft schlicsscn könnte, als sic sich in der ekelhaften antisemitischen Demonstration gegen den chcmaligen Juden Prof. Ncisser kund gab. Notwendigkeit jüdischer Reichsratskandidaten Eduard Ritter von Gnicwosz-Olcxow! Diese! Name be* deutet ein Leben voll aufopferungsvoller Arbeit und grossen! Leitungen. Noch als Junger Manu, als er erst kurze Zeit im! Staatsdienst war. wurde er der ״Reformator" genannt und l während seines langen segensreichen Wirkens erwies sich die Berechtigung dieses Ehrennamens. Vierz/tr Jahre wirkte Herr von Guicwosz im Staatsdienst und viele Jahrzehnte war er als Reichsrats- und Landtagsabgeordnetcr tätig. Angesichts der derzeitigen Bewegungen innerhalb der galiz'schcn Judenheit aus Anlass der Wahireiorm mit dem allgemeinen gleichen Wahlrecht schien es von besonderem Inter* esse, den ehrwürdigen Greis, welcher in allen das Judentum Galiziens betreffenden Fragen eine unbestrittene Autorität von hohem Range ist, um seine Meinung zu befragen, welche Steilung unsere galizischeti Glaubensgenossen nach der Kreierung der Wahlrcform einzunehmen hätten. Die hoch* gehenden Wogen der Agitation in Galizien richten sich vor* nchmi'ch dahin, die zukünftigen jüdischen Mandatswerber zu verpflichten, einem Klubzwange sich nicht zu unterwerfen, sondern unabhängig und frei für die Interessen des Judentums cinzutreten. Da der edle Herr von Guicwosz Jahrzehnte .hindurch selber ein hervorragendes, achtunggebietendes Mitglied des Polen* klubs war. so muss seine Meinungsäusserung in dieser Frage umso schwerer ins Gewicht fallen. Herr von Gnicwosz erklärte sich bei einer Unterredung am I. März mit grösster Liebenswürdigkeit bereit, dem Berichterstattcr tler ÖSTERREICHISCHEN WOCHENSCHRIFT au! einige Fragen Antwort zu erteilen: wies“, dass Heines literarische Bedeutung gleich Null sei. Er führte u. a. aus, Heine habe in ״indischer Sprache“ gedichtet. Die ״Lorelei“ beginne: ״Ich weiss nicht, was soll es bedeuten“, während doch Jeder Deutsche sage: ״Ich weiss nicht, was es bedeuten soll“ usw. In der KLEINEN PRESSE macht sich ein gutgelauntcr Poet über die Anti-Heine-Vcrsammlung her und schildert sic in nachfolgenden ergötzlichen Strophen: Die Fastnachtszeit war vorübergegangen, Just hatte der Frühling angefangen, Da luden die Teutschen zu Frankfurt am Main, Zu einer Heine-Beschimpfung ein. Es kamen viel Antisemiten Und etliche Israeliten. Für zwanzig Pfennig sah jederman Sich dort den Redner aus Hamburg an. Der brüllte: ״Herr Heine hat uns verletzt, Drum wird ihm bei uns kein Denkmal gesetzt. Denn ich bin Antisemitc, Und er war Israelite.