Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 13 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 1$1 müssen wir laut unserer Empörung wieder und wieder Ausdruck verleihen, dass nicht ohne jüdische Schuld diesmal wieder so viel Unheil über so viele schuldlose jüdisehe Brüder und’ Schwestern hereingebrochen ist. In einer Schmiede sagte ein Stück Holz zu einem Stück Eisen, das eben auf dem Amboss bearbeitet wurde: ״Warum machst du nur einen solchen Lärm? Wenn man mich schlägt, tut cs doch auch weh. Aber hat jemand gehört, dass Holz solchen Lärm macht, wenn es gehämmert wird? Nur Eisen macht solchen Lärm!“ Dem Holz erwiderte das Eisen: ״Der Amboss auf dem wir beide geschlagen‘,werden, ist von Eisen. Der Hammer, der dich wie mich schlägt, ist auch von Eisen. Gewiss, der Schlag mag der gleiche sein. Aber wirst du denn von Deinesgleichen geschlagen?“ Ich schreie nicht wegen der Schläge, die ich erhalte, sondem weil es Schläge sind von dem mir Verwandten, von dem, was des gleichen Stoffes ist wie ich. Dies Bewusstsein schmerzt viel mehr, als der körperliche Schmerz.“ Die Juden, die sich zwischen Hammer und Amboss befinden, diese armen gequälten und gedrückten russisehen Juden haben immer noch still die Auswcisung als ein unabwendbares Geschick hingenommen, das sie beklagen, wenn es sie trifft. Sie können nichts dagegen tun. Das was ihren Schmerz aber ganz besonders empfindlich macht, was sie aufschreien lässt in gerechter *Empörung, das ist das Gefühl: Unser eigen Fleisch und Blut ist es, das uns zwischen Hammer und Amboss bringt.“ Daran trägt diesmal die Schuld der Urheber der ..russischen Seuche.“ Brauereien und Brennereien in Palästina Von Dr. Hoppe- Königsberg'. In dem Bericht der Palästina-Kommission, welchen Prof. Warburg dem VII. Kongress erstattet hat, finden s'ch bei der Aufzählung der industriellen Unternehmungen, deren Begründung und Begünstigung in Palästina sich empfehlen, auch Brauereien und Brennereien genannt. (S. 5 des Berichts, Abs. 2) . Ich glaubte meinen Ohren kaum zu trauet!, als von der Kongresstribüne des Jüdischen Volkes aus und von leitender Stelle die Errichtung von Brauereien und Brennereien in Palästina empfohlen wurde. Ich liess meinen Namen sofort auf die Rednerliste setzen, um gegen diese Empfehlung, deren Tragweite Prof. Warburg sicher nicht erwogen hafte, entschieden zu protestieren. Bei der vorgeschrittenen Zeit, die einen Abbruch der Diskussion lange vor Erschöpfung der Rednerliste nötig machte, kam ich nicht mehr zum Wort, und so blieb denn die Empfehlung Warburgs auf dem Kongress unwidersprochen. Umsomehr erachte ich cs für meine Pflicht, nachträglich dagegen Stellung zu nehmen. Brauereien und Brennereien in Palästina! Herzl hat es wiederholt betont, und wir Zionisten we sen stolz darauf hin, dass wir bei alten Kulturvölkern in die Lehre gegangen seien und dass das, was wir gelernt haben, uns bei der Errichtung eines jüdisehen Gemeinwesens bewahren werde vor den grossen Fehlern und Mängeln, an denen die modernen Kuiturstaaten kranken, und uns befähigen werden, einen Musterstaat zu begründen. Und nun wollen wir die Gründung dieses Muster- Staates damit beginnen, dass wir Brauereien und Brennereien in Palästina cinüüircn und so den Alkohoiismus in das Land hineintragen! Nun, wenn wir wirklich so kurzsichtig wären, so würden wir zeigen, dass wir nichts, rein gar nichts oder gerade das Schlechte bei unseren Idealsvölkern gelernt haben, dass wir an der schwersten sozialen Krankheit der Kultur- Staaten wie blind vorübergegangen sind, ohne in ihr Wesen ur.d ihre Bedeutung einen Einblick zu gewinnen und die nötigen Nui/anwcndungcn zu ziehen. Es fehlte dann wirklich nur noch, dass wir auch die Einrichtung von Freudenhäusern in Palästina in Angriff nehmen, um alle modernen ״Kulturerrungenschaftcn“ in unserem ״Mustcrstaat“ Palästina hübsch beisammen zu haben. Brauereien und Brennereien in Palästina! Die gesamte Kulturwclt, bei der wir in die Lehre gegangen sein wollen, ist seit einigen Jahrzehnten in den Riesenkampf eingetreten gegen den ihren Bestand gefährdenden Alkohoiismus ur.d gegen das übermächtige . Alkoholkapital, welches in Weinbergen, Brennereien und Brauerein angelegt, den Alkohoiismus stützt und immer weiter auszubreiten sucht. Wir sehen, dass die Kulinrmcnschheit alle ihre Energie aufwendet und alle Mittel in Bewegung setzt, um sich des Fluchs zu entledigen, welchen diese Volksscuche über sie gebracht hat und sich aus der erdrückenden Umschlingung des Riesenungeheuers zu befreien, als welches sich der Alkoholismus darstcllt. Und wir Juden, die wir uns bisher zum grossen Teil noch vom Alkoholismus frei gehalten haben, wir sollten so wahnwitzig sein, nicht nur zuzulassen, sondern selbst Schritte dazu zu tun, dass das Alkoholkapital durch Begründung von Brennereien und Brauereien in Palästina festen Fuss fasst und damit aiic Segnungen des Alkohoiismus über unser Zukunftsbild verum von dort zum Tiergarten zu gehen. Und man hatte ihn nicht belogen, als man ihm sagte, er solle dort hingehen, wenn er Juden treffen wolle. , Längere Zeit ging er dort allein spazieren, um die j Leute zu beobachten, wie sic spazieren gingen, und mit einander schnatterten und sich über alles und jedes I unterhielten. O, wie cs ihn schmerzte, wenn er glauben sollte, dass dies, die Nachkommen der ruhmvollen Makkabaer sein sollten! Die meisten Gestalten waren klein und schwächlich, und wenn er den Gesprächen der Leute lauschte, so hörte er, wie sie sich selber über einander belustigten und über die Gestalten der anderen scherzten und witzelten. Und wenn einer besonders klein und hässlich war, so sagten sic, er sähe, ach, so jüdisch aus. Sahen sic aber einen, der gross, schön und schlank war, so sagten sie, er sähe aus wie ein Christ und garnicht wie ein Jude. Das schmerzte Ben- [ Jckuticl sehr; denn in seiner Zeit waren gerade die Juden! immer die schönsten gewesen. Und wenn einer recht j hässlich und niedrig gewachsen war, so sagte man. er j sähe garnicht jüdisch aus. Aber das war jetzt anders j geworden, und die Leute sagten, die Welt sei jetzt fort- 1 geschritten; und da dachte Bcn-Jckutiel an die vielen und wohlschmeckenden Speisen, die man bei Herrn Jakob auf den Tisch gebracht hatte, — — das meinten die Leute aber garnicht. Aber ״ja“ hätten sie doch gesagt, wenn man sic gefragt hätte. An einem wunderschönen Plätzchen, wo viele Leute auf den Banken sassen, und eine herrliche Löwengruppe ht Stein seine Aufmerksamkeit auf sich zog, nahm j Bcn-Jckutiel auf einer Bank neben einem jungen Manne ] Platz, um die Gelegenheit zu benutzen, mit ihm ein Gei .sprach zu beginnen. Dieselbe bot sich bald. Es ging j nämlich ein feingckleidetcr Herr vorüber, der eine auffällig schön geputzte Frau am Arme führte. Diese lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, und die neidischen Blicke vieler, weniger reich gekleideter Mädchen und Frauen folgten ihr. Dies bewog Bcn-Jckufiel zu der Frage* ״Könnten Sic mir nicht sagen, wer das Paar ist, das soeben vorüber ging?“ ״Unmöglich, denn wie kann man hier in Berlin jeden Menschen kennen? Sie sind wohl aus einer kleinen Stadt, dass Sie so etwas für möglich halten?“