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Jüdische Rundschau · 1906-03-30 · Heft 13 (30.3.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 13 (30.3.1906)
Date
1906-03-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 180 JüblSCHE RUNDSCHAU _ Na 13 Man kann es verstehen, dass ein Naturalisierter es für viel notwendiger erachtet, sein unverfälschtes Deutschtum zu betonen, als ein deutsehbiirtiger Jude, dessen Vorfahren in Jahrhunderten deutscher Kultur angeliört haben. Ghcören doch die Adelsprotzen, die dem S1M- PLICISS1MUS den dankbarsten Stoff zu Karrikaiuren verleihen, nicht den alten Adelsgeschlcchtcrn, sondern jenem ,.neuen Add“ au, dessen Protzentmn zu Spott und Hohn förmlich einlüd. In Königsberg gibt cs manche solcher Juden aus dem Osten, die das Deutschtum mit Löffeln gegessen haben und jetzt mit einem cigentümliehen Hochmut, der ihnen am wenigstens ansteht, auf die nicht naturalisierten Juden aus Russland herabsehen. Ob der eigentümliche Erfinder der ״russischen Seuche“ zu ihnen gehört, wissen wir nicht; denn es ist uns nicht bekannt, ob er zu den bereits Naturalisierten gehört. Jedenfalls ist dieser würdige Vertreter des Hilfs- Vereins deutscher Juden, der in der Ocffcntlichkcit noch immer nicht vom Hilfsvereiu in geeigneter Weise zurechtgewiesen und abgeschüttelt wurde, und der merkwürdigerweise noch immer Mitglied des durch ihn für alle Zeiten blamierten Schutzkomitces in Königsberg ist, der Urheber jener antisemitischen Hetze, die äugenblicklich unter Berufung auf seine schutzkomiteeliche Enunziation gegen unsere russischen Brüder ausgcbrochen ist. Er ist der Kronzeuge gegen die auswaitdernden und aus dem Feuer flüchtenden russischen Juden in der STAATSBUERGERZEITUNG, KREUZ- ZEITUNG, DEUTSCHEN TAGESZEITUNG und wie alle die Hetzblätter heissen, so wie gewisse getaufte Juden sich zu Kronzeugen für die antisemitische Blutlüge gemacht haben. Wir wollen dem Herrn gern mildernde Umstände zubilligen. Wir wollen gern annelimen, dass er absolut schlecht unterrichtet war. Aber das Schutzkomitee sollte wirklich einem so schlecht unterrichteten Herrn nicht anvertraut sein, dass es in den gleichen Verdacht wie er selbst gerät, den Judenfeinden aller Art direkt in die Hände zu arbeiten.• Man hat die Mitteilung unseres Korrespondenten in Zweifel gezogen, dass bei den Königsberger Repräsentantenwahlen nichtnaluralisierten russischen Juden mit einer Anzeige gedroht worden sei, die die Ausweisung zur Folge haben würde. Gleichwohl ist sie nachweislich In einem Falle sicher gefallen, wenn wir auch keinesweges die Absicht haben, andere mitbiissen zu , lassen für die Ungeheuerlichkeit eines Einzelnen. Aber diese Drohung will in dem Zusammenhang mit der ganz merkwürdigen Warnung des ״Schlitzkomitees“ betrachtet sein. Und diese Warnung des Schutzkomitces hat zur Folge gehabt, dass bereits wieder einmal im ganzen östlichen Teile der Preussischen Monarchie Massenausweisungen ausländischer Juden Vorkommen, stattfinden. In Königsberg selbst, aber ganz besonders in Schlesien, insbesondere in Breslau sind diese Aus- Weisungen in so hohem Masse erfolgt, dass sich die antisemitisch-konscrvativc SCHLESISCHE ZEITUNG, gewiss eine der judenfeindlichsten grossen Provinzial- Zeitungen dagegen zu wenden bemiissigt findet. Wenn man unter diesem Gesichtswinkel die Aus- Weisungen russischer Juden betrachtet, dann braucht man gar nicht erst darauf lünzuweiseu, dass seit der russischen Scuchen-Emmziation ganz harmlose zionistischc Versammlungen in Königsberg plötzlich polizeilich überwacht werden, w as bisher niemals der Fall war. Ja kann mau denn etwas anderes von der Preussisehen Regierung erwarten? Wie soll sic die russischen Juden beurteilen, wenn ein mehrjähriger Aufenthalt in Königsberg genügt, um russische Juden zu veranlassen, ihren unglücklichen Brüdern gegenüber von ״der russisehen Seuche“ zu sprechen und damit doch direkt genug die hoehwohllöblichc Hermandad aufmerksam zu machen: .,Hier bei den Leuten, die in Königsberg unter Ausbetitung ihrer Notlage zu Hungerlöhnen beschäftigt werden, heisst es aufpassen. Sie sind nicht naturalisiert.“ Seit dem Königsberger Scuchenschrei erschollen verstärkte Rufe unter treuer Bezugnahme auf ihn in allen antisemitischen Blättern und Versammlungen. ״Der Mann in Königsberg muss es ja wissen: er ist ja selbst Jude, selbst aus Russland.“ Und die Preassischc und Sächsische Regierung, für die cs doch wahrlich nur einer solchen Anregung bedarf, weisen aus. Die Masscnaus- Weisungen stehen diesmal in direktem Zusammenhang mit jener Enunziation des Königsberger Schutzkomitees, das noch immer nicht von der Berliner Zentrale in euergisdicr Weise abgeschüttelt worden ist. Ob sie moralisch, ob sic human sind, diese Massenausweisungen? Wer wird sich darum scheren! Nicht das ist die Frage. Sic finden statt! Zahlreiche Fatniiien wandern wieder ins Elend und Hunderte junger Leute sehen keinen Ausweg vor sich. Was aber am tiaurigsten an der diesmaligen Not ist, das ist, dass wir uns nicht verhehlen können, dass ״die russische Seuche" von einem Juden atisgeschfiecn wurde. Und darum Mein Herz Von Max J u n g m a n n. Mir haben die Sorgen ein grosses Loch Ins Herz hineingefressen, Da hat meine Mutter den langen Tag An der Nähmaschine gesessen Und hat es mit Fäden von Hanf geflickt, — Nun pocht es wieder und tickt es, Nun hab’ ich wieder ein ganzes Herz, Aber freilich nur ein geflicktes. Eine Vision Von Max Jungmann. Ich lag und schlief, Da klang im Traum ein Wort mir in den Ohren! Vom Dornenbusch vernahm ich den Befehl: Ich habe zum Propheten dich erkoren, Du sollst ein Seher sein in Israel! — Die Stimme rief! Geh’ hin, dem Judenvolke zu verkünden, Es w'crdc nie in Freiheit auferstehn Und niemals seine Heimat wiederfinden, Im Schoss der Völker soll es untergehn! —- * * Das war ein Traum nur, der zerrann. Doch müsst’ ich wirklich ein Seher sein Und solche Botschaft prophezeihn, Was tät’ ich dann? — Was tät’ ich dann?- Ich würde vor das Volk der Juden treten Und würde rufen: Steinigt den Propheten! Aus meinem Märchenbuche Der Ring des Propheten Elijjahu (Fortsetzung.) Endlich aber kam der Kaffee und nachdem man getn»״l׳cn urd Ben-Jekutiel sich bei seinem freundlichen Wirte bedankt hatte, nahm man Abschied, und der junge Mann wandte sich nach der Strasse ״Unter den Linden“,

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