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Jüdische Rundschau · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 13

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 171 Nein, Brüder, lasst Russland nicht in die Hände seiner grimmigsten Feinde fallen! Vertraut nicht den Versprcchungen eines jüdischen Reiches! Mit starker Stimme ruft, wie aus einem Munde: Nieder mit dem Jüdischen Refch! Nieder mit dem Zionismus! Nieder mit den roten Fahnen! ״Nieder mit der roten, verfluchten, jüdischen Freiheit! Nieder mit der ven* fluchten Jüdischen Brüderlichkeit und U1 cich 11 cit. Wir wollen in unserem heiligen Lande kein verfluchtes jüdisches Reich. Es lebe in Russland nur das einzige Väterchen Zar. unser christlicher Zar, Selbstherrscher. Hurrah, hurrah, liurrah! Unser Leben für Glauben, Kaiser und Vaterland! Erwache, erhebe dich, russisches Volk! Fort! Nieder mit der feindlichen, verfluchten Jüdischen Neuheit! Russischer Soldat! Auf ״,,den"” Feind vorwärts, vorwärts, vorwärts! Der alte Soldat. Solche Flugblätter gibt •es jetzt überall zu tausenden in Russland. Viel bemerkenswerter aber ist cs, dass dieses Flugblatt von der Zensur bestätigt worden ist und gedruckt wurde in der ״Druckerei der Statthalterel in Odessa.” Zu den Vorbcugungsniassrcgcln gegen Judcnmassakres, die der Minister des Innern getroffen hat. gehört es also wohl auch, dass solche Hetzschriften von der Zensur genehmigt und von den amtlichen Druckereien herger,teilt werden. O, die heilige Heuchelei! Graf Witte über die Juden Die Furcht vor neuen Judenhetzen im A!!siedeln ngsgebiet hat die Vertreter einer Re he von Städten dazu veranlasst, nach Petersburg zu kommen und den Grafen Witte auf die Gefahr aufmerksam zu macken, welche den Juden durch eine ununterbrochen geführte und von Petersburg aus geleitete Propacanda entstehen kann. Diese Deputation, an deren Spitze der bekannte Petersburger Rechtsanwalt Herr B. G. Slisberg stand, und die sich aus Vertretern der Städte Kiew. Kischinew. Kowno und Hornel zusanmiensctzte. wurde von Witte empfangen. Die Deputation brachte ihre sehr begründeten Befürchtungen vor mul iügte hinzu, dass sowohl viele jüdische Kaufleute, zu iiquidieren beginnen, sodann aber durch die drohende Lage für die Juden jede Wahlbeteiligung ausgeschlossen erscheint. Infolgedessen forderte die Deputation die Veröffentlichung einer Rcgiertmgskundgebung. weiche die Judenhetzecn aufs schärfste verurteilt, damit die jüdische Bevölkerung für die Zukunft wirklieh vor derartigen Hetzen geschützt werde. Graf Witte hörte die Forderungen und Klagen der Deputation ruhig an. liess sich manche wichtige Einzelheit aus den letzten Judenhetzen berichten und gab den Vertretern alsdann die Versicherung, dass ihre Befürchtungen zurzeit wirklich grundlos wären, da kein Generalgouverneur oder Gouverneur eine Judenhetze zulassen würde, weil sie über die Meinung des Grafen über solche Hetzen im klaren seien, (nebbich!) Gleichzeitig sprach Graf Witte sein •Bedauern über die gegenwärtige rechtlose Lage der Juden aus und äusserte die Ueberzeugimg. dass die Reichsdutna diese Lage vollkommen begreifen und den Juden aus Gerechtigkeitsgefühl Gleichberechtigung zucrkennen werde. Wenige Tage vorher konnte man bei einem Gespräch des Grafen Witte, welches er mit einem Vertreter der Grossindustrie gehabt hat. hören, dass er genau der entgegengesetzten Ansicht war: nämlie־’.\ dass er bei dem überwiegend honservativen Bestände der Reiclisduma, den er wohl nicht ohne Grund zu erhalten hofft, auf eine ungünstige Entscheidung de! Judenrfage in der Reiclisduma rechnet. Aber selbst wenn die Reichsduma in dieser Frage eine menschliche Entscheidung treffen *sollte, so ist ja noch der Reichsrat und schliesslich die höchste Sanktion nötig, um ciiic derartige Gleichberechtigung zum Gesetz zu machen. Graf Witte gab den Delegierten ausserdem die Versieheruug. dass er in Bezug auf die Judenhetzen die Senatorenrevisioneil besonders sorgfältig prüfen und die Hetze von Hornel im Ministerrat zur Sprache bringen werde. Im Hinblick aui die bevorstehenden Wahlen zur Reiclisduma gab Witte den Delegierten den Rat. sich in ausgiebigster Weise an den Wahlen zu beteiligen, damit durch die Ortschaften mit überwiegend jüdischer Bevölkerung' möglichst viele Vertreter der Juden in die Retchsduma gelangen. Die ganze Darlegung der letzten Helzen und die Forderung der Deputation über die Veröft'entlichung einer Regierungserklärung versprach Graf Witte dem Ministerkabinett zur Kenntnis zu bringen. Gefangene Juden In Casablanca Im April 1905 setzte folgender Vorfall die Jüdische Gemeinde von Casablanca in Bewegung. Ein arabischer Trunkenbold hatte die Gewohnheit, täglich in dem Laden eines unserer Glaubensgenossen zu betteln. Eines Abends, voller noch, als gewöhnlich und erbittert durch die Abweisung, die er erfuhr, wollte er aus dem Laden eine Flasche Getränk gewaltsam wcgnchmen. Der jüdische Budiker entriss sie ihm. Ein Handgemenge folgte. Die Einen sagen, dass der Budiker den Trunkenbold stiess. so dass er rücklings hinficl und auf der Stelle einem Schlaganfallc erlag. Andere meinen, dass der Jude ihn aui den Kopf schlug .und der Araber an den Folgen dieser Schläge starb. Wie dem auch sei. die Bevölkerung fand darin eine schöne Gelegenheit, auf die Juden loszugehen, Mehrere wurden schwer, andere leichter verwundet. Während einiger Tage herrschte Panik. Auf meine A11regung schritt der französische Konsul energisch ein. Die Unruhen legten sich allmählich, aber der Kaid sperrte den angeblich Schuldigen, um den Forderungen der Menge ein wenig entgegenzukommen, ein. Die Zeugen, auf welche dieser sich berief, wurden fcstgcnommen und ebenfalls ohne irgend ein Prozessverfahren auf brutalste Weise cingekerkcrt. Von dieser Zeit an verblieben die Acrmsten im Gefängnis trotz aller zu ihrer Gunsten unternommenen Schritte. Erst vor wenigen Tagen wurden sie in Freiheit gesetzt dank dem neuerlichen Eingreifen des französischen Konsularsekretärs, der sich auf mein Betreiben beim Gouverneur• für sie verwendete. Einer der bisher gefangen Gehaltenen verfiel soeben in schwere Krankheit. Der Konsularsekretär begab sicli darauf zum Gouverneur und erklärte ihm. dass er ihn persöniicli verantwortlich mache, wenn der Kranke sterben sollte. Darauf befahl der Gouverneur, dass man für die W'iederher- Stellung des Gefangenen Sorge trage. Der Handel Palästinas Im Jahre 1904 (Report on the trade and commerce of Palestine for tiie year 1904 by Mr. Consul Dickson.) Der Gesamtwert der Ein- und Ausfuhr von und nach Palästina während des Jahres 1904 betrug 76S620 Pid. Sterl. gegen 762 110 pfd. Sterl. während des Jahres 1903. was ein Altwachsen um 6510 Pfd. Stcri. für das Jahr 1904 bedeutet. Diese Zahlen sind jedoch nur als annähernde zu betrachten, da von den lokalen Behörden keine Statistik herausgegeben wird: sie finden jedoch bis zu einem gewissen Grade ihre Bestätigung in den Vcrscliifiungsausweiseii. welche für 1904 ein Anwachsen von 5 Prozent in der Anzahl der Fahrzeuge und von 10,7 Prozent im Tonncugewalt gegen das Vorjahr ergeben. Ueberhaupt war seit dem Jahre 1899 ein stetes Anwachsen des Tonncngehalts der Fahrzeuge, welche den Seehafen Jaffa anfuhren, zu beobachten, abgesehen vom Jahre 1902, wo infolge des Ausbruchs der Cholera in Palästina und der Errichtung einer Quarantäne in den Hüten des Mittelländischen Meeres für alle von der palästmensischen und syrischen Küste ankomtneuden Fahrzeuge, fast alle Schiffsoperationen zum Stillstand kamen. Im Hinblick auf die vorstehenden Zahlen und auf die Tatsache, dass seit dem Jahre 191X1 der Wert des Exports um 30000 Pfd. Sterl. augewachsen ist und der des Imports um mehr denn 90 000 Pid. Sterl. und dass der Tonncngehalt der Fahrzeuge auch um 195 117 tons angewachsen ist. kamt man sagen, dass der Handel Palästinas während des Jahres 1904 sich nicht nur in einem gedeihlichen Zustande befand, sondern auch die Hoffnung auf eine weitere Ausdehnung für die Zukunft durchaus rechtfertigt.; Der Gesamtwert des Exports für 1904 war 295 300 Pid. Sterl. gegen 322 335 Pfd. Sterl. im Vorjahre, was einen Rückgang von etwa 8 Prozent für das Jahr 1904 bedeutet. Dieser Rückgang war aber nur im Export von Seife, Sesam, Wassermelonen. Koloquinteu und Olivenöl bemerkbar, da die Olivenernte int Jahre 1904 nur gering war. Andererseits war ein Altwachsen bezüglich der für den Export wichtigen Artikel, wie Orangen. Wein und Spirituosen, Wolle und Felle bemerkbar. Es wurden 467 500 Kisten Orangen im Werte von 103 950 Pfd. Sterl. exportiert gegen 447 675 Kisten mit 93 435 Pid. Ster1, im Vorjahre, was ein Anwachsen von 19 825 Kisten mit 10 515 Pid. Sterl. bedeutet. D'c Preise ln den Vereinigten Königreiche׳! waren jedoch so niedrig, dass dorthin nur mit bedeutendem Verlust verschifft werden koimte und die Pflanzer, welche den Ertrag ihrer Gärten im Frühherbst noch nicht verkamt hatten, ihre Früchte unmöglich günstig anbringen konnten und bei vor• gerückter Saison froh waren jeden gebotenen Preis zu akzeptieren.*) *) Der frühere englische Kousularagent in Jaffa, unser Stammesgenossc Herr Amzalak teilt im STNDARD bereits genaueres über die Orangenernte des Jahres 1905 mit.

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