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Jüdische Rundschau · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 170 JÜDISCHE Armen jährlich in englischen Armenhäusern ausgegeben wird. Letzten Sonnabend hat H e r b e r t L. S a m u e 1, ein jüdischer Bankier, der unter Herbert Gladstonc Untersekretär im Home Office ist. in der Versammlung der ״Maccabäars eine Rede gehalten, in der er seine Abneigung gegen das Gesetz nicht verhehlte und dessen Handhabung keineswegs zu verteidigen suchte. Der ״Aliens A c t" war eine Ausgeburt der Frcmdenhetze, die von den Scliutzzöllnern unter Josef Chamberlalns Leitung künstlich betrieben wurde, um für Kampf- und Schutzzölle unter den Arbeitern und Klein-Krämern Stimmung zu machen. Die erbärmliche Frcnidcnhetze hat ihr Ziel verfehlt. Dass die englischen Arbeiter keine Angst haben vor den hier landenden Ausländern, darf inan wohl aus dem Umstand schliesscn. dass ein hervorragendes Mitglied der Arbciterpartei den Antrag auf sofortige Abänderung des ״Aliens Act" stellt, der das politische Asylrecht gefährdet. London, 13. März. Gladstoncs Ankündigung, das Home Office habe neue Weisungen für die Ausführung des Ein- Wanderungsgesetzes erlassen, befriedigt allgemein, weil das politische Asvlrccht dadurch gesichert wird, dass politische Flüchtlinge nicht genötigt werden, sich über Gcldbesitz auszuweisen. Gestern wurden die Vertreter der Presse zu den Beratungen des Londoner Einwanderungsgesetzes zugclassen, das die Landung der beiden flüchtigen russischen Rcvolutionärc Epstein und Gomsny erlaubte. Das Erbe Chamberlains Dieselbe englische konservative Regierung, die uns in Ostafrika ein untaugliches Land in Aussicht stellte, hat bckanntlic'n das Zufluchtstor verrammelt in dem immerhin eine Anzahl von Flüchtlingen sich vor den Umarmungen christlichrussischer Kultur retten konnten. Nicht einmal den polit'schen Flüchtlingen hat man das Asylrecht gelassen: Denn erstens ist es für einen in England Einlass begehrenden fremden nicht so leicht nachzuweisen, dass er aus politischen und nicht aus anderen Gründen die Heimat habe verlassen müssen, und dann besitzt ein politischer Flüchtling, zumal wenn er den untersten Volksklasscn angehört. nicht immer gleich 5 Pfund Sterling, ohne die er Gefahr läuft, wie jeder andere mittellose Fremdling an der Einwanderung in England verhindert zu werden. So wurde kürzlich ein russischer Unteroffizier, der sich hinter dem Pseudonym Alexander verbirgt, und der sich für einen politischen Flüchtling aus den Ostseeprovinzen ausgibt in Harwich festgehalten, weil er*nicht die von dem Fremdeneinwanderungsgesetz vorgeschriebenen 5 Pfund Sterling besass. Ein englischer Freund des besagten Alexander telegraphierte daraufii'n an den Agenten der Schiffsgesellschaft und bot sich als Bürgen an. dass der Festgehaltcne ein wirklicher politischer Flüchtling sei. dass er nach Amerika weiterre'sen und nicht der englischen Armenpflege zur Last fallen werde. Nichtsdestoweniger wurde Alexander aus England ausgewiesen, und er würde zweifellos der russischen Regierung in die Hände fallen, wenn das Schiff, das ihn nach Harwich gebracht hat und das ihn wieder zurücktransportieren muss, nicht zufällig in einem skandinavischen Hafen Halt machen würde, wo Alexander Gelegenheit haben wird, an Land zu gehen. Der obige Fall steht nicht vereinzelt da. In Grimsby wurde einem alten jüdischen Flüchtling 101$ Odessa, namens fndursky. das Landen untersagt, weil er weniger als 9 Pfund Sterling im Besitz hatte. - d. h. weniger ab die Summe, über die ein Einwanderer mit zwei Fanulien-Augehorigen verfügen muss, um in enetn englischen Hafen landen zu dürfen. Der besagte Jude erhielt schliesslich die Erlaubnis, mit seiner Familie zu landen, doch nicht, weil er ein wirklich politischer Flüchtling war. sondern weil ihm ein Verwandter in Livcrpool das erforderliche Geld telegraphisch übermittelte. Ohne diesen Umstand hätte Indursky wieder nach Odessa zurückkehren müssen. Ein anderer russischer Untertan, ein Deserteur namens Joseph Girbes, hatte weniger Glück: Er wurde von Grimsby mit dem Auswanderungsschiff zurückgcschickt. Schliesslich sei noch der Fall zweier Russen erwähnt, die in der russischen Kolonie Londons als politische Flüchtlinge wohl bekannt sind, und die znrn Rücktransport aul dem deutsche•« Schiff Ophelia verurteilt wurden. Es gelang' ihnen, aus der Kabine in der sie eingesperrt waren, zu entfliehen, und den Schaden hat nun der Kapitän des Schiffes, gegen den die englische Regierung eine Ktage angestrengt hat. Im Ucbrlgen besagt das Gesetz, dieses Erbe von Chamberlain: Die reichen Juden hängt man nicht, die armen müssen laufen - — zurück Ins brennende Haus! In den Bahnen Chamberlains In der Ersten Kammer des schwedischen Reichstages hat sich am Dienstag ein Führer der schwärzesten Reaktion, der Abgeordnete Lithander. als Freund des Erauenwalilrechts ent- R UNPSCHAU __10. 13 puppt. Er brachte einen Antrag ein. der daraui hinausläuft, den Rcgierungscntwurf zur Wahlrechtsreform abzulchnen und die Regierung aufzufordern, einen neuen Entwurf auszuarbeiten, der auch den Frauen das Wahlrecht verschaffen soll. Am selben Tage machte derselbe Abgeordnete Vorschläge zur Abänderung des Elnwanderungsgesetzcs. Er wünscht besonders. dass den Juden, die angeblich in grossen Mengen aus Polen. Russland und Deutschland nach Schweden kommen, die Einwanderung verboten werde, jedoch ausdrück־ lieh mit Ausnahme derjenigen, die ״nützliche Arbeit“ verrichten, das heisst oifenbar: der Galizier und Polen, die den schwedischen Grossgruudbesitzern als Lohndrücker gegen die einheimischen Landarbeiter dienen. Aus England zurück In einer Rede, die Lord Rothschild in Chatham gegen die Verweigerung des Asylrechts ausländischen politischen Flächtlingcn gegenüber gehalten hat. behauptete er. Beweise dafür zu haben, dass in England nicht aufgenommene russische Flüchtlinge sofort nach ihrer Rückkehr nach Russland an der Grenze erschossen wordcu wären. Die Petersburger Telegraphenagentur ist amtlich ermächtigt, gegen diese Behauptung in der kategorischsten Weise zu protestieren und sie für positiv unwahr zu erklären. Die Ableugnung der Petersburger Telegraphcnagcntur pflegt in den allermeisten Fällen der sicherste Beweis für die Richtigkeit der von ihr abgelcugueten Tatsachen zu sein. Nieder mit den Zionisten Unter dem Titel ״Eine Frage an den Kriegsminister‘‘ veronentlicht die RUSS einen Aufruf ״An die Soldaten", der in der Druckerei des Generalstabs des Odessaer Militärbezirks hergestellt ist. was diesen Aufruf in den Augen der Soldaten zu einem offiziellen stempelt. Der anonyme Autor dieses Schriftstückes beschreibt, wie während des russisch-japanischen Kriegs .,fremdländische Könige mit Hilfe von Juden” ganze Berge ungesetzlicher Schriften unter den Soldaten verbreitet haben, die ״mit Schmähungen unseres christlichen Glaubens und des heiligen russischen Zaren" angefüllt waren, und wie dieser Umstand .,beinahe" (!) zur Niederlage des russischen Heeres geführt hat. Dann fährt er fort, wie folgt.׳ ״Aber damit ist das feindliche Werk nicht zu Ende. Die Wirren im Innern Russlands fangen nun an. Wieder schmiedet unser fremdländischer Feind Ränke mit seinen Helfcrshelfcrn — den Juden und Mietlingen. Es ist ihm nicht gelungen, durch die japanischen Bajonette unsere Soldatenkraft zu brechen, nun versucht er durch Bruderzwist, durch niederträchtige Bestechungen, durch Meineid russischer Leute uns ins Verderben zu jaeen. um unser Vaterland, unser Mütterchen Russ (volkstümlich Russland. D. Ueb.) in seine Hände zu bekommen. Dabei stellt sich unser fremdländischer Feind ganz listig an: er kommt nicht selbst zu uns. er fürchtet sich vor unseren Kanonen. Dafür aber hat er mit Hilfe von Juden russisclie. christliche Seelen erkauft und sie gegen Väterchen, den Zaren, gegen seine Diener, gegen unsere tapferen Krieger, gegen alle aufgehetzt, die treu für Glauben. Vaterland und den Zaren stehen! Unser grimmiger Feind hat d»c rote Fahne entfaltet, eine feindliche, in Russland noch nie daeewesene Fahne, gotteslästerliche Schmähwnrte hat er drauf geschrieben! Du. russisches Volk, und du. russischer Soldat, lies mal, was auf der Fahne steht, was die Leute schreien, die mit der verfluchten Fahne durch die Strassen gehen: ״Nieder mit der Selbstherrschaft! Nieder mit dem Zaren! Fs lebe der Ziönfsmus!" Was bedeuten diese Fahne, diese Rufe! ״Nieder mit dem Zaren!?" Briidcr, solch eine Schande ist fh Russland poch nie dagewesen! Vorwärts. Briidcr. Soldaten, für den Zaren, für den Glauben, für die heilige Mutter Russ! Und wisst Ihr. was für ein Ding der ..Zionismus" Ist? Die Juden haben einmal früher Ihr eigenes Reich in Zion gehabt, aber sic haben es verloren, dort ist jetzt ein türkisches Reich. Jetzt Irren die Juden in der Welt umher und suchen nach einem Reich, das sic erobern und zu einem jüdischen machen könnten. Das eben wollen die Juden mit unserer Mutter Russ tun; sic haben eine rote Fahne aufecpflnnz.t und versammeln um sic herum allerlei Gesindel — die einen mit Geld, die anderen mit Betrug und lügnerischen Vcrsnrcchen - - und stürmen nun los gegen unser Väterchen, den 7arcn. um seine russische Kraft zu breche׳» und dann einen Indischen oder zionistischen Zaren an! den Thron zu setzen. Und nachher. Brüder, werden sie auch unserc1׳ christlichen Glauben zugrunde richten, wie sic ׳*s vor tausend Jahren mit Christus gernacht haben! Jetzt seht Ihr. wohin uns die roten Fahnen führen!

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