Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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- Alsfeld 1× ep/1043994
- Minsk 1× ep/1000754
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No. 12 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite. 169 von anderer Art ausgegeben sein werden. — Ein recht eigenartiges, zugleich aber für die Zustünde in Russland cha־akteristisches Gesuch haben, wie wir vor Wochen schon bcrichcten, die A 11 g I ü u b i g e n von Minsk an den Minister des I nnern gerichtet. Sie baten ihn nüniiich um die Erlaub- II is — ein Judenhetze veranstalten zu dürfen, da die Juden ja an allen Missgeschicken Russlands schuld seien. Merkwürdigerweise hat abc־; der Minister die Bittsteller bis jetzt auf keine Weise darüber darüber atiizuklürcn versucht, Wie ungeheuerlich ihr Ansinnen war. Gesucht ein ehrenhafter Protestant! Die Einführung der Konfession in das Erwerbsleben, die für uns Juden insofern nichts Neues ist, als uns gegenüber seit der Herrschaft des Christentums immer bis in die .,:rwc-bs- Verhältnisse klar zu verstehen gegeben wurde, dass wir an den Rachcgott und andere an die Religion der Liebe glauben, treibt eigentümliche Blüten. In dem oberhessischen Städtchen Alsfeld macht sich die wirtschaftliche Feindschaft gegen d־.e Juden in folgendem Plakat geltend, das ein Hausbesitzer an seinem leerstehenden Laden angebracht hat: Nur Nur Einem Sitten-, ehrenhaften und reellen * Protestanten vermiete Laden mit Wohnung, Lagerräumen usw. > vorzugsweise sehr billig. Da das Plakat bereits seit mehr als Jahresfrist an dem Schaufenster des Ladens prangt, so beweist das. dass cs eben in Alsfeld schwer ist. einen Protestanten zu finden, der den Laden vorzugsweise billig zu mieten wünscht. Vielleicht vorsucht es der Besitzer einmal, einen Juden mit den gewiinschten Charaktereigenschaften zu suchen. Ob er ebenso lange zu suchen hatte? — — Rassenthpor^tisches lieber dem Strich — im politischen Teil — pflegen wir in den freisinnigen Zeitungen als unumstösslichc Tatsache zu lesen, dass wir Juden in Deutschland allein durch den Zufall unserer Geburt in deutschen Gauen ganz Deutsche geworden sind: eine jüdische Rasse — gleichviel wie dieser Begriff aufgefasst wi־ü — gibt es nicht (passt es doch eben nicht in die liberale Theorie). Unter den Strich —in den literarischen Teil — verirrt sich aber doch manchmal ein Fünkchen anderen Geistes, etwas von ..Fortschritt”. So lesen wir in der freisinniger BRESLAUER ZEITUNG vom IS. März in einer Bespreclumg, die überschrieben ist ״Rasscntheoric und Kunstgcschichte": Zudem ist es sehr unvorsichtig, aus germanischen Namen auf germanische Abkunft zu schliessen. Denn es ist natürlich, dass auch italienische Familien germanische Namen annahmen zu jener Zeit, da Germanen in bedeutenden Macht- Stellungen und als grosse Herren im Lande lebten. Wir halien dafür ein Scitenstiick in de־־ Geschichte'der Juden in Deutschland. Vor Eintritt der ersten Judenverfolgungen war eine ziemlich weitgehende Annäherung zwischen Juden und Deutschen eingetreten, und cs dokumentierte sich dies darin, ' dass die Juden vielfach ihren Kindern deutsche Vornamen gaben. Dabei sind sie doch aber immer Juden und — mit geringen Ausnahmen — sogar auch der jüdischen Religion treu geblieben. — Das ״sogar” der letzten Satzes ist noclt von besonderem Interesse. hs. Das politische Asylrecht Englands London, im März. Vor einer Woche etwa wurde an dem jetzigen Vorsitzer des Home Office Herbert Gladstone eine Frage über die Handhabung des sog. ..Aliens Act" gerichtet, d. h. des Gesetzes, das seit zwei Monaten den Ausländern das Betreten Grossbritanniens erschwert. Herbert Gladstones Antwort hat den Fragesteller nicht befriedigt. Morgen wird eines der fähigsten Mitglieder der Arbeiterpartei, Ramsav Macdonald. die Frage wiederholen. Wenn Herbert Gladstone nichts besseres zu erwidern weiss, als vor acht Tagen, so wird Macdonald die Vertagung des Unterhauses beantragen und die Beseitigung der Wschriften verlangen, die das politische Asylrecht, auf das die Engländer mit Recht so stolz sind, 7um toten Buchstaben gemacht haben. Das neue liberale Blatt THE TRIBÜNE, das der imperialistischen Richtung huldigt, hat in den letzten Tagen eine Reihe von Fällen angeführt, in denen die mit der Ausführung des Gesetzes beauftragten Beamten in Verletzung des politischen Asylrechts Fremdlinge ausgewiesen und auf Kosten der Schiffseigner zurücfcgcschickt haben. Am sclreicndsten ist der Fall des Alexander Onvx, der als russischer Sozialdemokrat dem gewissen Tod entfloh, aller von dem Beamten in Harwich als mittellos zurückgewiesen wurde, abschon Freunde bereit waren, ihm die nötigen 5 Lslr. vorzuschiessen. Wäre der Mann nach Russland zurückgekehrt, so wäre er ohne Zweifel erschossen worden. Glücklicherweise lief das Schiff einen dänischen Hafen an. wo der zum Tode verurteilte Flüchtling gastfreundliche Aufnahme fand. Mit Recht sagt die TRIBÜNE, dass von allen rückscbrittlichen Massreceln der Regierung des Herrn Bah'our nicht eine so viel nutzlose Leiden verursacht habe, wie dieses gänzlich unlogische Gesetz: ״Kinder sind aus den Armen i 11 rer Eltern gerissen worden, alten Männern, die dem Blutbad entgangen sind, hat man verboten, in den Heimstätten ihrer Kinder in England ihre Tage zu besch Hessen. Man bat Frauen von ihren Männern getrennt und junge Mädchen verhindert, ihren "Bräut i g a m auf zusuch e n.” In dem ernsten Aufsatz hat das liberale Blatt nicht wenirer als fünf Fälle angeführt, wo Männer, die russischen Gefüngnissen entflohen waren, in England ausgewiesen wurden. Im zweiten Artikel erwähnte das Blatt sieben aus England?useewiesene Deserteure, die das russische Heer verliessen. weil sie sich weigerten, auf ihre Mitbürger zu schiessen. Bemerkenswert ist. dass die meisten der von den Hafenbeamten 7urfickgewiesenen Ausländer Juden sind, die nach ihrer .Lanriu״e als mittellos nicht den staatlichen Armenbehörden Engla.ods 711 r Last fallen würden, da die jüdische Armenhebnrdc aus Privatmittein für solche Leute sorgt. Die Handhabung ׳,׳***es Gesetzes kostet eine weit grössere Summe als die halbe ' Million Mark, die fii׳־ die Beköstigung der ausländischen Und am Abend das Fest, an welchem auch unser biederer Pfarcr teiinahm. Der grosse Saal der alten Talimidschule, mit griechischen Fahnen geschmückt, die schwarzen Balken der Decke mit Blumengewinden verdeckt und eine ganze Selektion der schönsten Hebronrosen auf der improvisierten Bühne. Ein italienischer Einakter, von schönen Judenmädchen als Dilettauten aufgefiihrt. Dem konservativen Geiste der Juden ent- SD'echend. hat die italienische Sprache, obgleich Venedigs Herrschaft schon seit Jahren äufgehört. hier noch immer .Vorrecht und von den Lippen der an griechische Betonung gewähnten Mädchen klingt selbst die italienische Deklamation wie Musik. Wenn nur diese Dilettanten den ״anzen Abend agiert hätten und der sehr ehrenwerte Hc־r nicht zu Worte gekommen wäre, der nachher eine sehr lange griechische Anspräche vom Stand liess. Und noch schlimmer kam es. Geige und Klavier miteinander, aber ganz unabhängig von einander wi-kend.. Dann wieder griechische Deklamation -- und wir gingen davon. Auf der Oassc noch immer Maskengetümmel. aber alles nüchtern und. still. Der korfiotische Jude nützt auch seinen Purim nicht so aus, wie seine nordischen Brüder, denen es am Purim erlaubt ist. sich am Weine so gütlich zu tun. ״dass sic den Seccn Mardochai’s vom Fluche Hanian’s nicht unter־ scheiden können". In der Heimat des snssen griechischen .Weines, in de»־ Stadt, dessen grösste Befestigung!1ach ihren tapfern jüdischen Verteidigern aus der Türkenzeit ״Fort I Avram" genannt wird, bleibt der Jude an seinem lustigsten | Tage nüchtern. Warum wohl die Juden hier zumeist arm sind? — ״Sie sind viel zu ehrlich." erklärte unser Gewährsmann. ״Für griechischc Verhältnisse". Gewiss ist dieser Umstand mit daran Schuld, dass die Puriinfrcude hier gedämpft ist. Fängt doch gleich nach dem Freudentage die Zeit an. in der es hier Tradition ist, öffentlich Vorträge Ober Judas Ischa-ioth zu halten — die Maueranschläge könnte man schon lesen — und es ist eine alte und noch immer nicht vergessene Tradition auf Korfu, die angeblichen Nachkommen dieses Ischarioth in der Osterwoche mit Steinen, wenn auch nur kleinen, zu bewerfen. Wo Steine winken, da kann es keine aufrichtige F'öhlichkeit geben. Sie sind noch froh, dass es keinen speziellen Purim von Korfu, wie 7um Beispiel einen ..Purim von Rliodus" gibt. Auf dieser letzteren Insel griff die Konkurrenz der griechischen Schwammhändler den erfolgreicheren jüdischen Händ!e׳n gegenüber vor sechzig Jahren zu dem bewährten Mittel einer Kindcsttnferschlaeiing und obligater Blutbeschuldigung. Nur das Aiifiinden des Knaben auf der Insel Svra und ein Machtwnrt des Sultans, das gerade am Pirim cintraf. beugte einer blutigen Verfolgung vor.