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Jüdische Rundschau · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 168 No. 12 J Q DISCHE RUNDSCHAU er doch stets als eine achtungheischende Persönlichkeit, als ein Mann Im wahren Sinne des Wortes erschienen, und er Hatte das verdient. Er war kein Kompromissler und kein Hetzer, wahrheitsstolz und voll redlicher Kampflust, reich an Wissen und Fähigkeiten und bis zum Sterben erfüllt von Liebe zu den Ideen, die für ihn den Fortschritt der Dinge bedeuteten." —-,.Wir wollen nicht einmal sagen, dass der Erfolg ein Glück war. Fs ist geradezu tragisch, dass uns stets Leute öffentlich vertreten, die von jüdischen Angelegenheiten nichts verstehen und nichts wissen wollen. Wir erwähnen das alles, um der historischen Wahrheit willen und weil diese Dinge so deutlich zeigen, dass auch die Volksmänncr uns nicht lieben. Das kann nicht eindringlich genug gesagt werden, weil, wir politische Kinder noch immer denken, alles Unheil sei von uns genommen, wenn der Liberalismus das Ziel seiner Wünsche erreicht. Frommer Wahn, den eben wieder unsere russischen Brüder so teuer bezahlen! 'Jahrzehntelang war unsere Anhänglichkcit an den Freisinn unser Verderben. Der irrige Glaube an die Hülfe ..unserer christlichen Freunde" hat uns entmannt, in der Selbsthilfe behindert, unsere Organisation verhindert, unsern Willen gelähmt. Bei der Regierung, von deren Wohlwollen diskreditiert und wir wa׳en dann naiv genug, von derselben Regierung, die wir bekämpften, Entgegenkommen zu fordern. Wir haben Geld, Zeit und Kraft verschwendet, um den politischen Leichnam der Radikalen zu galvanisieren und uns gewundert, dass wir mit den Sterbenden politisch starben. Nicht Prinzipien und nicht Konstitutionen schützen uns: denn was die Juden angeht, ..ist die Konstitution nur ein Monolog des Gesetzgebers". Selbstläufe. Organisation, mannhaftes Auf* treten und eine würdevolle, zielbewusste Politik jüdischer Intcrcsscn — das allein kann in einer Zeit wirtschaftlicher Probleme und nationaler Instinkte zum Erfolg führen. Dem alten Kämpfer, der uns nicht gemocht hat. zürnen wir nicht. Er war ein ehrliche־ Mann auch uns gegenüber und hat nie unvornehin gehandelt. Er hat sein Land geliebt, für grosse Gedanken glücklos gestritten und sein Leben dafür eingesetzt. Aber wir sollten bei der Betrachtung seines Verhältnisses zu uns endlich lernen! —” Jetzt arischer Rasse In der Rcichstagssitzung am 17. März nahm Dr. A rendt für die Richtung jener Grupne Partei, zu der auch jener Dr. Henrici gehört, der vor wenigen Wochen erst verlangte, dass Deutschland nach Rörnerart in Afrika Militärkolonicn anlegcn, die Neger von do־t vertreiben und sich dabei ..nicht um Chri* stentum und Humanist scheren" solle. Dr. Arendt, dem es nicht so leicht geworden ist. wie Dr. Henrici. sein Christentum zu erwerben — er war früher einmal jüdischer Passe und hat. trotz seines Aust'itts gewisse Züge bcibohalten — w ird so etwas ebensowenig begreifen, wie seine Relchstaesboilcgen Muedan und Gradnaucr. denen ebenfalls nicht an der Wiege gelungen wurde, dass sie dereinst an die Gottessoimschaft. die Erbsünde und die Hilslelire glauben würden. Ihnen gegenüber haben die So»h.tdemokraten — d. h. Gradnaucr. de־ Sozialdemokrat ist, nicht — wiederholt festgestcllt. dass es noch in Erinnerung ist. dass, sic früher jüdischen Stammes waren. So sagte erz/ihltö,.• auch da gehaust und im Anschlüsse an das Blutmäjchcn der Nachbarinsel Zante hat vor zehn Jahren auch Korfu einen grossen Teil seiner wohlhabenden Einwohner verloren. Fast 4000 sind nach Italien und der Türkei ausgcw׳andert •und es ist nur der ärmere Teil, der sich nicht von der Scholle trennen wollte und konnte. Aber diese Armen vergessen cinnndc־‘ nicht. Am Sabbat vor dem Feste, als wir den grossen Tempel der Gemeinde besuchten, wurde man schon daran gemahnt, dass cs Pflicht sei, den Aermeren zu einen! fröhlichen oder doch minder traurigen Purim zu verhelfen. Ein Vorsteher der Gemeinde geht mit dem Vo'bcter von Bank zu Bank und überall melden sich einige, die ein paar Drachmen für die Armen spenden. Und sie w׳aren alle erschienen, diese Armen, ln ihren defekten Kleidern und mit ihren interessanten Köofen haben sic atu Vorabend des Festtages einen grossen Teil des Tempels gefüllt und lauschten sie dem raschen Herablcicrn der wunderbaren Geschichte der Königin Esther nicht gar zu aufmerksam. Man sah es ihnen an. dass sie froh w׳arcn. den gewiss nicht seltenen, aber dies- •mal doch freiwilligen Fasttag beenden zu können. Sie haben schob ihren Anteil an den gespendeten Drachmen erhalten und bleiben auf dem Heimwege vor der Bude stehen, in deren Türe auf einem grossen Tische die sonderba־stcn Leckerbissen aufgestapelt liegen: ..Domani purim". ״domäni purim" schreit der lunger.begabte Verkäufer, als wenn cs notwendig wäre, all diese Leute hier darauf aufmerksam zu machen, dass morgen Purim sei und Jung-lsracI nicht auch ohne Purim diese Süssig- Bebel im Laute der angezogenen Debatten von Dr. Arendt, der es weiter als Mugdan im Christentum gebracht hat. da er. viel länger schon Christ und ausserdem sozusagen konser* vativ ist: ״Es ist darin ausdrücklich ausgesprochen, dass die Hinrichtungen wider Recht und Gesetz erfolgt sind. Wie an* gesiclits dieser Tatsache sich hier im Hause noch ein Mann finden kann, der Peters in Sclmtz nimmt, ist meinen Freunden unverständlich. Wahrscheinlich hängt das mit den Christliehen Grundsätzen zusammen, die Herr• Arendt seit geraumer Zeit vertritt." (Heiterkeit und Beifall bei den Sozialdemokraten.) Interessant wäre cs, ob Herr Gradnaucr, der die Christliehen Gnmdsätzc noch nicht so geraume Zeit vertritt, sich an der Heiterkeit und dem Beifall beteiligt hat. Vornehm antisemitisch Die TÄGLICHE RUNDSCHAU ist ein vornehmes Blatt. Sie trc:bt deshalb keinen offenen Antisemitismus. Heuchelei ist viel vornehmer. Aber sie bringt gern Nachrichten, die scheinbar gar nicht gegen die Juden als• solche gerichtet sind und d e nur dadurch wirken, dass der unbefangene Leser den Lindruck bekommen soll, dass der Träger des Judennamens gegen die dcutsclinationalcn Interessen handelt. So nennt sic .den Namen des deutschen Gutsbesitzers M.. der sein Gut im Kreise Znin an einen Polen verkauft hat. Er heisst nach der T. R. Morgenstern. Sic deutet zugleich an. dass Morgenstern Jude sei. Herr Morgenstern ist aber evangelisch und nichtiüdisclier Abstammung, gerade wie Herr P 1 e h n . der kürzlich sein westpreussischcs Gut ebenfalls an einen Polen verkaufte. Wenn es ein Verbrechen am Deutschtum ist. Land an Polen zu verkaufen, so trifft dieses Verbrechen regelmässig Deutsche und kaum jemals Juden, die viel mehr für das Deutschtum Opfer zu bringen bereit sind, als die hakatistischen Antisemiten. Fein vornehm antisemitisch ist aber doch gar schön. Und deshalb entstellt die TÄGLICHE RUNDSCHAU gern der Vornchmheit und dem Antisemitismus zu Liebe die Wahrheit. Weniger vornehm und wahrheitsgetreuer wäre freilich besser, aber wir sind ja nur alttestamentarischc Juden und vermögen das nicht zu schätzen. Grenzsperre Von der schlesisch-russischen Grenze wird der VOSS. ZEITUNG geschrieben: Am Freitag wurde die russische Grenze bei H c r b y für die russischen A u s w a n ־ derer wie auch fiir die Ausländer, die Russland ver.- lassen wollen, gänzlich gesperrt. Die Personenzüge. die aus Czenstochau in Russisch-Herby cintreffen. sind infolgedessen ganz leer. Ursache dieser Massrepcl ist, dass, obwohl die russische Grenz.verwaltung für den Cz.enstochauer Bezirk vor einiger Zeit 3000 Pässe ausgegeben hat. auf der Revisions kamtner in Russisch-Hcrbv nicht weniiger als 5000 Stück vorgezeigt w'urden. Es waren also rund 2000 Pässe gefälscht oder wenigstens falsch. (Denn es ist noch fraglich, ob nicht amtliclicrscits falsche Pässe ausgegeben worden sind.) Da1־.־ufhin ist die Revisionskatumcr telegraphisch angewiesen worden, vorläufig niemanden die Grenze passieren zu lassen, bis Pässe keiten schätzen würde. Für ein paar Pcndares kauft ein jeder arme Mann, den! es nicht bcschiedcn. zuhause backen zu können, etwas von diesen Gelegenheits-Ziickerwerken. Am meisten begehrt und beliebt scheint eine Imitation von Mandein und Zucker zu sein, eine Art Talmi-Bischofsbrot, in welchem aber die Mandeln aus Scmmeltcig, der Zucker durch etwas gebräunten Honig ersetzt ist. Audi grosse Maultasclicn, da Hamaiistaschcn genannt, finden reissenden Absatz., und stolz und glückselig geht der arme Jude mit diesen Leckerbissen in der Tasche au den faden ״Ktitias” seiner gricduschen Mitbürger vorüber. Ich sehe ihn am nächsten Jage, am Purimtage, in der Markthalle, am Hafen; er a־bcitet auch heute schwer, seine Festesfreude ist karg bemessen und tausendmal dankt er für den Lohn, den er für das Traget» einiger Orangenkörbe von uns erhält. E׳ hat auch einen kleinen Jungen mit, der offeriert Veilchen auf einer Tasse und auch er bringt einige Pcndares heim, die ihm das gute Iler/, seiner auch nicht reichen Glaubensbriidcr bcscheert. Das ganze Ghetto ist ein Blumenmarkt. Alle Läden gesclilassen, mir die der Purimzuckcrbäckcr nicht und in allen Gassen und Gässchen Knaben und Mädchen. Blumen und nur Blumen anbietend. Es werden auch schwarze Hampelmänner verkauft, welche vielleicht von irgend einem deutschböhmisclien. wahrscheinlich antisemitischen Spichvarenfabrikantcn als ״gebängte Hamans” cirigcfiihrt werden, aber diese harmlose Rache verschwindet ganz neben der Liebe und Güte, welche hier durch Blumen herausgefordert wird.

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