Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1906)
- Date
- 1906-03-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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12 .סא JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 167 gung führen. In den allgemeinen Fragen treten die Juden für diejenigen Parteien ein. die in ihrem Programm auch die Jüdi• sehe Gleichberechtigung verlangen. Wenn ein Delegierter in eine andere Partei eintritt, muss er sich die Freiheit ausbedingen. In der Judenfrage unabhängig stimmen zu können. In anders-nationale Fraktionen dürfen die Juden nicht eintreten.' Die zweite Resolution (Ratner), die mit einer Mehrheit vo״ 10 Stimmen angenommen wurde, lautete folgendermassen: ״Die Konferenz erklärt es für rotwendig, dass sich ange• sichts des festen Bewusstseins ihrer nationalen Einheit die jüdischen Deputierten vereinigen müssen, unbeschadet ihrer allgemeinen Parteiprogramme. Bei allen Fragen, die die Rechte des jüdischen Volkes berühren, müssen sie zusammentreten, um darüber zu beraten, und wenn es möglich ist zusammen gehen, um die Vollberechtigung für die Juden Russlands zu erreichen. Zugleich findet es die Konferenz für gut. das» jüdische Deputierte in nichtjüdischc nationale Gruppen niclu emtreten." Die Duma soll schon im Frühjahr zusammentictcn. Fast SO Prozent der Versammelte!־ waren zionistisch. Auc1׳ da. wo die Resolutionen der Zionisten teilt angenommen wurden. zeigte sich, dass der nationale Geist allmählich alle Schichten des jüdischen Volkes in Russland durchdringt und sie für ein gemeinsames Vorgehen reif macht. (Nach der WELT.) . Ein Brief von Nordau Zu einem zionistischen Meeting in Cardin, auf dem Mr. Greenberg eine ausgezeichnete Rede über die allgemeine Lage des Zionismus hielt, sandte Dr. Max N'ordau folgenden Brief, der in prägnanter und gewiss nicht misszuverstehender Form das Verhältnis zwischen Zionistischer Partei und den Tcrritorialisten darlcgt: Paris, 2. März 1906. Sehr geehrter Herr Greenberg! Ich bin sehr erstaunt, aus Ihrem letzten Briefe zu erfahren, dass die wenigen persönlichen Zeilen, die ich vor einigen Wochen an unsern Freund Zangwill gerichtet habe, Grund zu Missverständnissen gegeben haben. Ich war der Ansicht, ich hätte meine Meinung über Zionismus und Territorialismus deutlich genug zum Ausdruck gebracht. Meiner Ansicht nach sind diese beiden Bewegungen in ihren Endzielen und Mitteln vollständig verschieden, und wer sie versteht, kann sie unmöglich mit einander vermengen. Territoriaiistnus ist eine Wohltätigkeitsaktion, die die Schaffung einer unmittelbaren Hilfe für die unglücklichen Juden Osteuropas anstrebt, die vor den Drohungen der Mörder uni den teuflischen Verfolgungen die Flucht ergreifen und nirgendwo fn grossen Mengen zugelasscn werden. Unsere herzlichste Sympathie und Unterstützung gehört all denen, die nicht ״Hans Sachs oder bei Michael Sachs?“ j Und da lachten Herr Abraham und Herr Jakob, ן denn sie glaubten beide, Herr'Abraham habe einen Witz gemacht, — und so war es auch; aber Ben-Jekntiel verstand das nicht, und darum lachte er nicht. ״Wissen Sie“, sagte nach einer Weile der Herr Bankier aus der Judenstrasse, als Ich hörte, das der Dr. Rosenbaum ein Ungar Ist, da sagte Ich . . . ״predigt er in gutem Deutsch, so hat er eine deutsche Predigt aus׳ wendig gelernt, ist cs schlechtes Deutsch, so hat er eine ungarische Vorlage gehabt. Trau’ einein Theologen.‘ ״Ja, aber wenn Ihr so gegen diese Lumpe seid," sagte Bcn-Jekutiel, ״wofür Ihr doch die Theologen haltet, so müsst ihr sie doch nicht anstellen, um in euren Synagogen zu reden und das Volk zu verderben.“ ״Das ist denn doch anders, als Sie es auffassen. So arg ist es denn doch lange nicht.“ Dann kam das Gespräch auf das heutige Börsengeschäft, auf die Politik eines gewissen Caprivi, und da man dabei immerfort auch von den Juden sprach, Ihr Gewissen mit dem kaltherzigen Trugschlüsse einlullen, ,.dass das Problem der russischen Juden nur in Russland gelöst werden kann“. Der Zionismus unterscheidet sich wesentlich vom Torritorialismus. Er ist keine Wohltätigkeitsunternehmung, er ist eine historische, politische, ökonomische, soziale und ethische Bewegung. Er strebt die Wiederaufrichtung einer Nation und einer Heimstätte an. Er bedeutet die logische und moralisch befriedigende Lösung der allgemeinen Judenfrage. Er ist kein Flickwerk, er ist ein gesichertes Gebäude. Er ist kein Mittel für den Augenblick, er ist bestimmt für alle Jahrhunderte. Er soll nicht einem bedrängten Teile unseres Vokes zugute kommen, er berührt das ganze Judentum, indem er seine Lage von Grund aus ändert. Es wäre durchaus unvernünftig, den Zionismus zugunsten des Territorialismus zu verlassen. Ein Jude, der sich seiner Pflicht gegen die ungeborenen Generationen seines Volkes bewusst ist, kann niemals die Augen vor der Tatsache verschliessen, dass Palästina, und Palästina allein das Land ist, auf das er einen ewigen, historischen Anspruch hat, dass In der alten Heimat seiner Ahnen allein die Sestimmung seines Volkes ausgeffihrt werden kann und dass wir keinen Ersatz für diesen einen Gegenständ unserer Hoffnung und Sehnsucht annehmen können. Ich bin beinahe beschämt, dass ich solche abgedroschene Wahrheiten wiederholen muss. Ich verbleibe Ihr ganz ergebener Dr. M. Nordaa. נ*=־ Rundschau Eugen Richier Über Eugen Richter schreibt in der WELT Dr. Adolf Friede mann einen Nachruf, der sich bemüht, dem grossen Deutschen Nein-Politiker vom Jüdisch-nationalen Standpunkte aus gerecht zu werden. Es heisst darin u. a.: ״Der letzte der grossen Parteiführer aus der Zeit der Rtichsgründung ist nicht mehr. Waldeck. Simson, Miquel, Lasker, Windhorst. Bamberger. Benningsen, Virchow» Forckenbcck ist nun auch Eugen Richter gefolgt und dahingegangen in das Land der Schatten. Der grosse Sparer des Reichs, der mächtige Redner, von dessen Worten so oft das alte Haus der Mendelssohns in der Leiprziger Strasse erdröhnte, ist helmgegangen zu den grossen Feinden, deren er so viele im Leben hatte, und er wandelt schweigend mit dem alten Recken aus dem Sachscnwaldc über die Asphodeloswiese. Auch denen, die seinem Wirken keinen Beifall zollten, die ihm die Gegnerschaft gegen Bismarck nie verzeihen konnten oder ihm den Niedergang des Liberalismus zuschrieben, ist so glaubte Ben-Jekutiel, dieser Caprivi sei auch ein Jude; das ist er aber nicht, denn er ist der deutsche Reichskanzler. Und dann setzte man sich zu Tisch, und Ben-Jekutiel konnte nun bewundern, wie herrlich weit es doch die Menschen gebracht! (Fortsetzung folgt.) Purim auf Korfu Die Fasten der Griechen sind lärmender als der Fasching der Juden. Die Nikefor-Strasse, die wir auf unserem Wege zur Judenstadt aueren mussten, war voll fastender Griechen, die aus den zahllosen Kirchen und Kapellen vom Abendgottesdienste kommend, auf dem Heimwege in den offenen Garküchen ihr frugales Mal. In Wasser gekochte Saubohnen, hier Kutia genannt, nahmen. In langen, schmalen Papicrdüten wird ihnen für ein, zwei Pendares diese Fastenspeise serviert, und wie es scheint, sind es nur die Wohlhabenden, die sich noch etwas Schmierkäse und roten Fischroggen holen. AU diese Fasten- Transaktionen sind so lärmend und laut, dass der Juden-Karneval. damit verglichen, eine ruhige Unterhaltung schien. Mag sein, dass er früher auch bei ihnen lärmender war. aber die ״g ran de mtserla“ hat, wie uns ein alter Jude