Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2651273-2651447-2651460--03375-2660301
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I Seite 166 JÜDISCHE RUNDSCHAU I No. 12 So and in ähnlichen Variationen sind die Berichte aus all den 62 Orten gehalten, die ihre Delegierten entsandt haben. Dennoch fasste die Versammlung den Beschluss, dass' man sich auch fernerhin für die Wahlen vorbercitcn solle. Nachdem dieser Beschluss gefasst worden war, wandte man sich einer anderen nicht weniger schwierigen Frage zu: Dem Verhältnis des Verbandes zu anderen russischen Parteien. Einem tiefen Eindruck machte die Rede von A c h a d- Haara, (Ascher Oinzburg) obwohl sie der Meinung der meisten Delegierten zuwiderlief. Er führte aus: Der Verband sollte sich zum Ziel setzen: die Erreichung der Gleichberechtigung für die Juden als Menschen und die Erlangung der Vollberechtigungfür das Judentum als Nation. Zu diesem nationalen Zwecke hätte man keine politischen Momente hinzufügen sollen, da sie in keinem logischen Zusammenhang damit stünden. Vor allem müssen wir die Wünde niederreissen. die uns von anderen Nationen trennen, und in diesem Sinne hatte der Verein vollständig Recht, als er statt des Wortes ״Gleichberechtigung“ ״V 011 b e r e c h t»g u n g" auf seine Fahne schrieb. Wir müssen das ganze jüdische Volk unter unserm nationalen Banner vereinigen und uns von keinem politischen Prinzipe binden lassen, das eventuell ein Hindcr- 1 nis für die Erreichung unserer nationalen Zwecke werden kann. » Es sei kein logisches Postulat, dass jeder Monarchist ein Gcg- : 11er unserer Gleichberechtigung sein und alle linken Parteien; Judenfreunde sein müssen.“ ln Wirklichkeit fänden wir im ״Verband vom 17.* Oktober" Leute, die für die Gleichbcrechtigung der Juden sind, während es andererseits in den liberalen und fortschrittlichen Parteien nicht wenig Antisemiten gibt. Deswegen dürften wir uns aui keine einzige Partei verlassen, sondern nur aui diejenigen Kandidaten stützen, die für die Judenrechte eintreten, ohne uns dadurch beirren zu lassen, dass dieser oder jener Kandidat zum ״Verband vom 17. Oktober" gehört, welcher rechts von der russischen konstitutionell-demokratischen Partei steht. Wenn das ganze jüdische Volk unter unserer nationalen Fahne veremigt sein wird, werden sich auch die Mittel ergeben, die zur Erreichung unserer Vollberechtigung führen werden . . . Die Rede Achad-Haams, die vom nationalen Standpunkte ausgehend, ein rücksichtsloses Misstrauensvotum allen liberalen Parteien Russlands gegenüber in sich barg, erzeugte einen lebhaften Widerspruch in der Versammlung. Viele Delegierte erwiderten, dass man den Mitgliedern des ״Verbandes vorn 17. Oktober“, der so viele reaktionäre und offen-judcnfcindliche Elemente in sich vereinigt, nicht trauen dürfe. Die russische Regierung und alle reaktionären mit ihr verbündeten Parteien haben genügend bewiesen, wie sie sich den Juden gegenüber verhalten — und wejehe Garantien haben die Juden, dass ein Mitglied einer solchen Partei, das nicht ausgesprochen judenfeindlich ist, später, wenn man zur Judenfrage kommen wird, gegen die‘antisemitische Mehrheit seiner Partei sich wenden wird? Allerdings — wie sich die liberalen und demokratischen Parteien Russlands zur Judenfrage stellen werden, welche liberalen und demokratischen Elemente in die russische Duma überhaupt gelangen werden, das ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Die russischen Liberalen und Sozialisten sind grösstenteils durch und durch judenfeindlich. Durch Mehrheit wurde beschlossen, an keine einzige der bestehenden Parteien sich direkt anzuschliessen. Die angenommene Resolution lautete folgendcrmassen: ״Die Konferenz findet es für notwendig, dass man sich während des Wahlkampfes nur mit solchen Parteien vereinigen soll, deren Programm und Tätigkeit in allen Punkten dem Programtn des ״Verbandes zur Erlangung der Gleichberechtigung der Juden" entspricht und die in Bezug aui die allgemeine Politik.eine demokratische Organisation Russlands auf der Grundläge des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes erstreben. Hierzu wurde noch als Amendement Folgendes angenommen: ״Wenn es sich als unmöglich erweist, einen Kandidaten entsprechend den Wünschen des Verbandes durchzubringen, stimmen die Mitglieder des Verbandes für denjenigen Delegierten, der zu einer fortschrittlichen Partei gehört." Von den Kandidaten soll man verlangen: A) Von jüdischen Kandidaten: 1. ln ihrer Tätigkeit in der Duma müssen sie sich an die Beschlüsse und das Programm des Verbandes halten. 2. Sie müssen fordern, dass die Judenirage in d;r Duma bei Festsetzung der Grundlagen der Konstitution und der allgemeinen bürgerlichen Freiheiten mitgelöst wer* den soll. B) Von nichtjüdiscben Kandidaten, welche durch jüdische Stimmen unterstützt werden sollen, muss man verlangen. dass sie sich an Punkt II halten sollen und die jüdischen Forderungen nach gleichen bürgerlichen, polilisehen und nationalen Rechten unterstützen sollen." Die Meinungen prallten auch stark aneinander bei der Frage der Bildung einer jüdischen Fraktion itn zukünftigen russischen Parlamente. Von zionistischer Seite wurde der Vor• schlag gemacht, dem auch Dubnov beistinmue, dass die jiidisehen Abgeordneten in der Duma eine besondere Fraktion zu bilden hätten, die den jüidschcn Namen tragen solle, dass sie alle Beschlüsse gemeinsam fassen und vereint au!treten in allen Fällen, wo cs sich um die Judenirage handelt. Einige Delegierte schreckten aus assimilatorischen Gründe! vor dem Gedanken zurück, eine offen-jüdische IJ01itik in der russischen Duma zu führen. Die anderen, die prinzipiell nichts!regen eine jüdische Fraktion einzuwenJcu hatten, behaupteten, dass dafür die Zeit noch nicht gekommen sei, da die Juden in Russland sich selbst darüber nicht klar sind, welche uationalcn Rechte sie verlangen sollen. Es wurden auch solche Meinungen (von Leuten, die nicht wissen, dass es auch in Deutschland Juden gibt! laut, dass die jüdischen Delegierten viel mehr werden ausrichtcn können, wenn sie in verschiedene Parteien verte.lt sein werden, weil sie dann ihren Einfluss 'n allen Parteien werden zur Geltung kommen lassen können. Zum Schluss standen sich zwei Resolutionen gegenüber.׳ Die eine (von der Gruppe Zionistcu-Dubnow) eiugebrachte lautet: ״Die Juden-Dcputiertcn bilden in der Duma eine besondere Fraktion, die sich jüdisch nennt, und gehen in allen Fragen der jüdischen Politik zusammen, die zur jüdischen Gleichbcrechti- ״Nun, wie hat Ihnen der neue Prediger gefallen? Nicht wahr, den sollen wir doch anstelien!" ״Das verstehe ich doch nicht,“ lautete die Antwort ״Immer so bescheiden! Aber freilich, Bescheidenheit ziemt sich für junge Leute,“ lobte Herr Abraham. ״Was werden Sie heute treiben?“ ״Ich möchte einmal Gelegenheit haben, eine grössere Anzahl Juden kennen zu lernen. Darum bin ich ja eigentlich nach Berlin gekommen.“ ״Dann müssen Sic einmal heute Nachmittag im Tiergarten spazieren gehen und Bekanntschaften schliessen. — Einstweilen wollen wir zu Herrn Jakob, Ihrem Bekannten und Freunde von gestern, gehen und bei ihm frühstücken. — Sic haben doch nichts dagegen?“ ״Wie können Sie nur sagen ״Freund von mir“ und wie können Sie mich auffordern, seine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen? Sie haben ja gestern selbst mit angesehen, was zwischen uns vorgefallcn ist!“ ״Ei freilich, aber wer wird denn immer so mädclien* haft empfindlich sein? Lieber Herr von Jekuticl, Sic sind doch kein Kind mehr, w׳arutt1 wollen Sie nicht einem ältern Manne verzeihen, wenn er, ohne zu wissen, dass Sie orthodox sind, sich einige unschuldige Scherze über Orthodoxie erlaubt hat? Nun, wir sind alle einmal jung gewiesen und wissen, dass einem jungen Manne öfter einmal das Herz mit dem Verstände davonrennt. Also machen Sie keine Fisematenten und kommen Sie mit. Uebrigens hat Herr Jakob eine streng koschere Küche." So kam es denn, dass nach langem Hin- und Herreden Ben-Jekutiel seinem älteren Bekannten doch nachgab und mit ihm zu Herrn Jakob ging, wo gcfrülistiickt wurde. Und da man sich, um unliebsame Erörterungen zu vermeiden, auf beiden Seiten die grösste Mühe gab. allen Gesprächsthemen aus dem Wege zu gehen, welche das hätten bewirken können, so konnte man ganz nett über allerlei plaudern und schwatzen. Dabei kam denn auch die Rede auf die bevorstehende Rabbinerwahl. ״Wissen Sie, Herr Abraham, dass ich die Predigt des Herrn Dr. Rosenbaum schon lange kannte, ehe er sic gehalten hat? Die stellt nämlich — freilich dort orthodox — bei Sachs gedruckt!“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.