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Jüdische Rundschau · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. M JÜDlSCHfe RÜNbSCHAÜ 5>eitg 160 Strebungen in dankenswerter Weise unterstützt. Trotz dem genügen diese Mittel bei weitem nicht, um den Verein seinen Aufgaben gerecht werden zu lassen und so sieht er sich in der Lage, um Beiträge fii׳ seine Tätigkeit zu bitten. Ls ist die Einrichtung der au sserordentlichen Mitgliedschaft getroffen wor* den, um Freunden dieser Organisation die Möglichkeit zu geben, dauernd im Konnex mit dem Verein zu bleiben. — Nachfolgend ein Auszug aus der Statistik für Januar: Die Bahnhofswache holte 41S Wanderer ab und expedierte 173. Die Hilfe des Bureaux wurde in Anspruch genommen für Reiseangclcgenheiten in 145, Logiernachweis 182, Arbeitsnachweis 110, Studicnangelegenheiten 34, juristischen Angelegenheiten 83, Krankheiten 39, Nachweis von Woiilfalirtseinrichtungcn 513 Fällen,also wurde durch den Aussendienst des Vereins 1697 Emigranten Hilfe geleistet. Alle kompetenten Beurteiler der einschlägigen Verhältnisse stimmen darin überein, dass wir zum Frühjahr, spätestens Mai, einen Auswandererstrom zu gewärtigen haben, wie ihn Deutschland noch nicht sah. Damit sien nicht der Fall wiederholt, den wir seiner Zeit hei der Massenemigration aus Rumänien leider erlebten, dass nämlich die Hilfsorganisationen ungenügend vorbereitet der Katastrophe gegeuüberstelicn, muss die organisatorische und materielle Rüstung so bald und so vollkommen wie möglich vollendet werden. Wir bitten deshalb alle diejenigen, welche ihr Herz drängt, dem entsetzlichen Elend unserer Brüder nach Möglichkeit zu steuern, ihre Kräfte in den Dienst des V o I k s v e r e i n s zu stellen. Sowohl laufende Unterstützungen in Form der Er- Werbung der ausserordentlichen Mitgliedschaft mit beiiebigem Jahresbeitrag wie einmalige Spenden werden von Herrn M. W o 11 s t e 1 n e r, Berlin N.W. 23, Holsteiner Ufer 10, entgegengenommeu und im BERLINER TAGEBLATT*) quittiert. Auskünfte *) Dieses Blatt wurde zur Quittierung ״ur wegen seiner Verbreitung in kapitalkräftigen jüdischen Kreisen gewählt, um, wenn möglich, auch deren Mittel zur Unterstützung unserer Bestrebungen heranzuziehen. Dr. Mühsam. jeglicher Art erteilt unser Bureau: Berlin C., S o p bienst r. 20. Tel.: III. 3757. Bureaustunden 12-1L• und 4—7 Uhr. Berlin W., Yorkstr. 51. März 1906. Dr. Hans Mühsam, Vorsitzender des ״Jüdischen Volksvereins“. Für Gleichberechtigung Unter den denkbar grössten Schwierigkeiten macht jetzt die russische» Judenhcit den Versuch, sich zu organisieren und für die Wahlen in die ״Gossudarstwennaja Duma״ vorzubereitcn. Aber die grosse Masse der Juden ist cingcscnücntcrt. \erzwe.felt. Die Stärkeren und Aktiverer, bemühen' sien. das Volk auizurütteln, es zu einer bewussten Mitarbeit zu bewegen, oimc dass sie aber dabei wirklich von der Uebcrzcugung durchdrungen wärm, dass sie mit ihren Bemühungen einen s.cittbaren erfolg erzielen werden. In dieser halb verzweifelten, halb erbitterten Stimmung versammelte sicli am 23. Februar zu Petersnurg der ״Verband zur Erlangung der Glciculxreciit.gung mr uie russischen Juden." Fs war die dritte Versammlung seit Gründung des Ver- bandes. Ueber die beiden früheren Yersamm.ungen haben wir ausführlich berichtet. Den Hauptgegenstand der Beratung bildete die ״Cossudarstwennaja Duma,” d. 11. die prinzipielle Stellungnainne aer juuui zur IJun.a und zu den bevorstehenden Vv.m- Jen. Die Frage hat. seitdem sien die russisenen Juden ein wenig von den Schrecken der iurchtbaren Uktobertage aufgerientet haben, die gesamte jüd.sche ö;!entliehe Meinung — in vic-kn Zeitungsartikeln, und \ ersairm.lungsredcn — besenäitigt, sie war von allen Seiten angefasst worden, lange Debauen pro und contra wurden gciünrt — und aoen musste sich die dr.tte Versammlung des ״Verbandes iür die GJeiciibercciitigung” gestehen, dass d.c leitend-n russ.sch-jüdiscnen Person- I.chkeiten sich noen immer in Unklarheit darüoer betindcu, ob die Juden unter den obwaltenden Umständen überhaupt zum Wählen kommen werden, und wenn sie dazu kommen werden, ob sic das Wanlrecht ausüben sollen, .ob sic cs ausüben dürfen . Die Einen hoffen, die Andern fürchten, die Dritten zweifeln. Der Delegierte aus Odessa berichtet, dass dort die sögenannte Partei der Rechtsordnung aer Juden niit einem Pogrom bedroht, falls sie versuchen werden, ihre Kandidaten durchzubr!ngen. Der Delegierte von Hornel wiederum erklärt, dass dort den Juden mit e.nein Pogrom gedroht wurde, falls sie keinen Anteil au den Wahlen nehmen werde. Andere wieder berichten, dass es in ihren Städten gar nicht einmal zur Auf- Stellung von Kandidaten kommen könne. weil Me Nominieruug sofort die Verhaftung der betreffende״ Per* son nach sich ziehen würde. ״Kommt, lasset uns gehen, hinaufziehen in das Land, das der Ewige, unser Gott uns geben wird.“ Er zeigte, wie es gerade die Schlechtesten im Volke, das Gesindel, waren, welche ein unstetes Nomadenlcben dem Lande ׳vorzogen, welches doch Gott der Herr selber dem Volke versprochen hätte; denn sie hätten kein Gefühl für eigene Elire der Gesamtheit, sondem nur für ihre persönlichen Vorteile. Aber das Judentum schreite über diese Leute zur Tagesordnung hinweg. Sie werden das Land nicht schauen, wohin sic nicht die Sehnsucht zieht, jenes herrliche Land, das da ist das Land der .... Religion! Man hätte Kundscfiafter vorausgeschickt, das Land zu erkunden, aber sie hätten berichtet, so schön man auch das Land nenne, es seien Riesen darin, Riesen von Zeremonien, Riesen von veralteten Bräuchen und Vorurteilen. Und nun ruft das Volk: ״Wir wollen nicht hinaufziehen, in ein Land, wo wir sicher sterben werden!“ Wer aber seinen Gott liebt, der wird die Hindernisse hinwegräumen und die Riesen erschlagen. Erst dann wird es uns gelingen, wahrhafte Juden in der Religion und wahre Deutsche im innersten Herzen zu werden .... Endlich endigte er seine Rede in einem glühenden Appell an die deutsche Liebe zum Vaterlande. ״Aber er ist doch selbst kein Deutscher,“ so hörte Ben-Jckutiel in seiner Nähe flüstern. ״Freilich,“ lautete die Antwort, die, so leise sie auch gesprochen war, Ben-Jekuticl doch verstand, ״aber er hält doch eine Probepredigt, und da muss er ja zeigen, dass er, wenn er es sein muss, auch deutschpatriotisch sprechen kann. Ein richtiger Rabbiner muss alles können.“ Ben-Jekuticl wandte sich nach dem Sprecher um, und bemerkte den Theologen, welcher am gestrigen Tage durch seine freche Bemerkung bei Tisch ihm so unangenehm bemerkbar geworden war. Endlich war der Gottesdienst zu Ende, der ihm so lang vorgekommen war, als wollte er nie enden.- Draussen vor der Synagoge traf er Herrn Abraham, der ihn freundlich lächelnd begriisstc:

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