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Jüdische Rundschau · 1906-03-23 · Heft 12 (23.3.1906) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 12 (23.3.1906)
Date
1906-03-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 164 JÜDISCHE RUNDSC HAU____N0._12 stellt hatten; wie unendlich oft fielen diese Aermsten Vampyren ln die Hände, gewissenlosen Schurken, die sich ihnen näherten unter der Maske des Menschenfreundes, um ihnen die letzten Trümmer ihrer Hab- Seligkeiten zu rauben. Hatten sie aber glücklich alle diese Klippen umschifit und landeten sie in einem der Bureaus unserer grossen philanthropischen Institute, so mussten die das bittere Brot der Wohltat essen. Wie anders jetzt! Heimatliche Laute schlagen an das Ohr des Flüchtlings, wenn er, ermattet von der langen Fahrt, die Balm verlässt. Brüder, in Sprache und Art wie er selbst versuchen, im Gespräche ihn sein Schicksal vergessen zu machen, und führen in gradenwegs in ein sauberes Logis, die Verpilcgungsanstalt, zum Auswanderungburcatj, oder wohin sonst der Emigrant will. Da gibt es kein ״bitte schön“ und ״danke schön“; das ist, wie wenn ein lang erwarteter lieber Besuch ankommt. Es mag sein, dass die Quantität der Leistungen unserer Bahnhofswache, die mir über sehr beschränkte Mittel verfügt, hinter der grosser philanthropischer Bureaüx zurücksteht, aber wenn das Wort: ״cest le ton, ־ qui fait la musique“ wahr ist, dann leistet diese wackere Schar mehr als alle andern zusammen! — Unter dem Eindrücke der Gräuel in Russland hatte man *alle Gelder, die in reichem Masse cingingen, dorthin gesandt, um die erste Not der ihrer Habe Beraubten zu lindern und den niedergebrochenen Existenzen aufzuhelfen. Aber den Aermsten der Armen, welche nicht bloss ihr Hab und Gut, sondern auch die Hoffnung verloren hatten, welche den Wanderstab ergriffen, da sie an der Möglichkeit verzweifelten, in der alten Heimat ihre Existenz wieder aufbauen zu können, oder weil sie die blutige Stätte grauser Erinnerungen flohen״■־ ihnen halt' man nicht. Unter dein Drucke der immer mehr anschwcllenden Masse mittelloser Einwanderer verschlossen Amerika und England ihre Pforten. Deutschland erwehrt sich ihrer durch harte Polizeimassrcgeln, und so erweist sich nach einander Jeder Boden trügerisch, auf den diese Verzweifelten den Fuss setzen. Zahllose Unglückliche, welche alle Brücken hinter sich abgebrochen hatten, deren düstere Verzweiflungsnacht nur der eine letzte Hoffnungsstern erleuchtete, im freien Lande Amerika ein neues Leben zu beginnen, mussten ihren letzten Trost im Ozean versenken und in das bitterste Elend zurückkehren. So wogt eine hart um das Leben kämpfende Masse durch Mitteleuropa, teils von Hoffnung getrieben, teils von Verzweiflung. Gehetztem Wilde gieich, im Rücken die bellende Meute und den unbarmherzigen Jäger vor sich; verfolgt, verachtet, gedemtitigt, wie ein t ussball, den die Völker einander verächtlich zuschleudcrii! — Die Mittel, welche für diese Wanderer zur Vertiigung stellen, sind sehr gering im Vergieien zu denen, weiche ihr die in Russland Gebliebenen auigeoracht sind. So hat denn das als Ualmiiciswaclic bczeichnete Organ des jüdischen Volksvereins hoch nicht in• dem Masse wirksam sein können, wie es uic Verhältnisse dringend erheischen. - ־ Nach Uebercm- Kunit mit den philamnropisclien Milisorganisationcn in Berlin hat das Bureau des jüdischen Yolksvercins seine ,Jntigkcit wie folgt begrenzt: es schickt zu den aus Russland ankommenaen Zugen Patrouillen auf die Baiinlioic, welche die Auswanderer in Empfang nehmen; es übernimmt während der ersten 21־ btunucn BeKöstig u!1 g und Beherbergung dcrselocn, und es sorgt ihr die richtige Lxpcdition der weiter Wandernden. Ausserdem erteilt es nach Möglichkeit Auskunft über Reiserouten, Arbeitsgelegenheit, Passwesen, ärztliche Hilfe und dcrgl., soweit dafür nicht die oben genannten Organisationen in Betracht kommen. Die Beherbergung der Auswanderer ge- Schicht in den Logis, mit welchen der Volksvcre i 11 Kontrakte abgeschlossen hat und welche der Kontrolle von Vertrauensmännern des Volksvcre i n s jederzeit — auch nachts — unterworfen sind. Die Bezahlung erfolgt ausschliesslich durch das 'Vereins״ bureati, so dass Uebervorteilung der armen Wanderer ausgeschlossen ist. Für die Verpflegung hat die israelitische Volksküche (Herr A o r a 11 a m) liebenswürdiger Weise Ermässigungtn gewährt und auch die Beherbergung einiger Frauen ermöglicht, welche meist grössere Schwierigkeiten bildet als die von Männern. Das Bureau wird von Herrn stud. tcchn. I s i d o r W o 1 f geleitet, dem Herr stud. Rosenbäum und Fri. Ru bin stein zur Seite stehen. Die Damen Frl. B a n e t h, Barth, Hildesheimer, Hol!mann teilen sich in die Bewältigung der sehr umfangreichen technischen Bureau-, Kassen* etc. Angelegenheiten. Der Hilfsverein der Deutschen Juden sowie die Alliance I s ra e 1 i t c U n i v e r s. haben mehrfach dem V o 1 k s v c r e i n ansehnliche Beiträge zukonimen lassen, und ihn in seinen Bc- Aus meinem Märchenbuche ׳; : Der Ring des Propheten Elijjdhu (Fortsetzung.) Ben-Jekutiel stützte sein schönes Haupt in die starke Hand, um nachzudenken über das, was ihm geschehen war.•: ־ :!• י •- ׳ ■־• ־• .. ־ •' : Da wänderton vor ihm, dem Sohne einer so grossen Zeit, die kleinen Nachkommen herrlicher Vorfahren mit ihren kleinlichen Interessen vorbei, und cs wurde ihm so weh ums Herz, dass er am liebsten geweint und geschluchzt hätte. Aber er bezwang sich. Endlich warf er sich aufs Bett, um zu ruhen, und bald hatte ihn tiefer Schlaf umfangen. Die Sonne war schon einige Stunden über den! Horizont emporgestiegen, als Bcn-Jekutiel noch immer auf weichem Pfühle schlief. Jetzt stieg sie über dem alten Gebäude empor, welches dem Hotel gegenüberstand, und blickte in alle Fenster, um den Jüngling zu suchen. Und wie tief er auch im Bett versteckt lag, sie fand ihn doch und weckte ihn mit den Worten: ״Stell auf, es ist die höchste Zeit, wenn du nocli rechtzeitig zur Synagoge kommen willst.“ Da sprang er schnell aus dem Bette und sagte: ״Guten Morgen, edle Frau Sonne, habt schönen Dank, dass Ihr mich geweckt habt!“ Und ohne sich lange zu besinnen, wusch er sich und kleidete sich an, um alsbald den ihm nunmehr schon bekannten Weg zur Synagoge einzuschlagen. In der Synagoge war cs nicht viel anders als am Abend vorher. Nur dass heute eine Predigt stattfand, und zwar eine Probepredigt. Das war ihm etwas Neues. Deshalb sah er mit ausserordentlicher Wissbegier den fremden Prediger an, der, wie er von seinen Nachbarn hörte, aus Ungarn war und Rosenbaum hicss, als er mit langsam abgemessenem Schritte, mit niedergeschlagenen Augen und gefalteten Händen den Predigt- Stuhl erstieg, und mit feierlicher Stimme und frommen Geberden die Gemeinde belehrte: Der Prediger wies hin auf jene Stelle in den ur־! alten Schriften Moses, des Propheten, wo es heisst:

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