Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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11 סא JÜDISCHE RUND S C H A U Seite 157 vcrsitat Lehrer und damit staatlicher Beamter sein Können und ־ nicht in der Weise?.1i Gelehrter geehrt werden, wie es gesenehen sei. (Kufe: ..Leder!״ ״Syphilis!״ ״Raus!״) Seine hier anwesenden Gegner bitte er. ihn nach dem Vorträge zu interpellieren; er werde ihnen Rede und Antwort stehen. Laim begann Herr Brot. Ncisscr seinen Vortrag, der fast unaufhörlich bald stärker, bald schwacher, durch lautes Lachen, . Sprechern gellende Pinie. besonders auf Picifien verschiedenster Tonart, Zwischenrufe umlatigster Art bcgle.tet und unterbrochcn wurde. Als Herr Gen. Rat Neisscr etwa eine Drei- Viertelstunde lujtcr solchen Umständen gesprochen hatte, begann utn 9% Uhr ein Skandal, den zu beschreiben die Feder vergeblich versuchen würde. Ls wurde nicht nur in d<.r oben bezeichncten Weise gelärmt, sondern es wurde gebellt, gekräht, gequiekt und was sonst noch alles. Ruie wie ,.Freche Bande!,־־ ״Judenbande-״ .״Steinigt die Bande!״ wechselten ab mit Ausdrücken, die wiederzugeben der Anstand verbietet. Dieses ohrenbetäubende Getöse dauerte ununtcro.rochen 20 Minuten; es wurde derartig stark, dass viele Damen den Saa! verliesscn, und dass die drei Schutzleute, die bis dahin noch standhaft alles mitangehört hatten, auch jetzt nicht mehr im Saale zu erbl.ckeu waren. Das Publikum, das sich einer solch brutalen Vergewaltigung von Seiten c!ner wenigstens hundertköpfigen Kiique von Radaumachern gegenüber wehrlos sah, gab seinem Abscueu in vcicmzclicn Ausruten und mehrmaligem demoustrativen Händeklatschen als Sympathiekundgebungen für den in solcher Weise angcpöbclten Gelehrten Ausdruck. Als schliesslich der Lärm in Tätigkeiten überzugehen drohte, sprach Herr Geh. Rat noch wenige Worte, die aber vollkommen unverständlich blieben, um dam.t seinem Vortrag einen äusscrlichen Abschluss zu geben. Darauf leerte sich allmäh־ lieh der Saal. 111 diesen geradezu empörenden Vorgängen steckte, wie schon im emgange angedeutet, ganz unverkeniioar Methode. De Demonstranten waren über den hinteren Teil des Saales systematisch verteilt, besonders stark aber auf der eine gewisse persönliche Sicherheit gewahrenden Galerie postiert. Die Demonstrationen selbst waren offenkundig sorgfaltig vorbereitet. — — Und das alles einem Christen — im Evangelischen Vereinshaus der guten Stadt Stettin. 1eren freisinn.ger Magistrat grundsätzlich Juden nicht anstellt! Das ist derselbe Protessor, der allen seinen Assistenten *zurüt, sich taufen zu lassen. Ein Brief i\/lomsens Eine Freundin unseres Blattes stellt uns einen an sie gcrichteten Brief Theodor Mommsens aus dem Jahre 1902 zur Verfügung, aus den! man sieht, wie wenig Mommsen daran glaubte, dass es den deutschen Juden, geschweige denn der jUd.schen Gesamtheit im Golus einmal besser gehen könnte. Folger.chtig hätte er den Juden den guten Rat geben sollen, sich auf eigenem Boden anzus edeln. Aber ihm war es ja nicht uni das Wohl der Judenhcit, sondern um das der deutschen Nation zu tun. Aber auch dem ist am besten durch die Schaffung eines öffentlich-rechtlichen Judenheims gedient. Der Brief lautet: " Geehrte Frau! Ihr Schreiben hat mich gerührt, aber erwidern kann ich Ihnen nur, dass jeder sein Schicksal tragen muss, der Jude wie Christ. Unmöglich kann ich so weltfremd sein, um zu glauben, dass der Fluch des Antisemitismus, ohne Zweifel die grösste Dummheit (denn die Durchführung heisst die Zerstörung des Werkes von Jahrhunderten) und die grösste Nichtswürdigkeit des Menschengeschlechts, durch ein J’accuse eines alten Professors beseitigt werden könnte. In früheren Jahren, als ich noch nicht so wie jetzt von der Unvcrbcsserlichkcit der Mensehen überzeugt war. habe ich nicht unterlassen, meine schwache Stimme dagegen zu erheben, und ich kann mich rühmen, bei den Antisemiten zu den Bestgehassten zu gehören, aber selbstverständlich floriert der Antisemitismus nach wie vor. Wie oft und in meiner nächsten Nähe habe ich cs anschen und mitcrlebcn müssen, dass eben die besten unter den Juden von diesem Alp gedrückt und erdrückt wurden! dem Gesinde!, das unter den Juden natürlich nicht mangelt, ist der Antisemitismus recht gleichgiltig. Ergebenst Ch. 5. 1. 1902. Mommsen. Emigrantenhilfe Hannover, Seit einiger Zeit passieren unsere Stadt Züge mit Emigranten aus Russland. Die Züge kommen aus Myslowitz und gehen nach Antwcrp״״—^terdam. Bis Hannover befinden sich die Züge 22 Stunden unterwegs. Die Emigranten bleiben die ganze Zeit in den Wagen eingesperrt und werden nicht herausgclassen, sogar nicht um Brot oder Wasser zu holen. In Hannover bleibt der Zug drei Stunden. Es gelang Frl. Aenne Berliner, eine Hilfsorganisation (die einzige aui dem ganzen Wege) zustande zu bringen. Jetzt werden die ca. 150 Menschen aus dem Wagen herausgclassen und in den Wartesaal gebracht. Hier wird ihnen Tee und Brot gereicht, den Kindern Milch. Ausserdem stehen wir selbstverständlich allen mit Rat zur Seite. Was diese an und für sich nicht grosse Hilfe für d e Durchreisenden bedeutet, weiss jeder, der nur einmal einen Emigrantenzu״ gesehen hat. Die Organisation, die noch sehr Jung Ist, hat sehr beschränkte Mittel. Jegliche Gaben werden mit Uan״.,arhktt angenommen. Es ist daher dringend erwünscht, Spenden zu diesem Zwecke zügelten zu lassen, und zwar das Geld an F r I. Acnnc Berliner. Hannover. Masclistr. 8, abzuführen. Hilrsverein der Deutschen Juden Der Hilfsverein der deutschen Juden hielt am Sonntag in der Viktoriabraucrei zu Berlin seine diesjährige Generalver- Sammlung ab. Den Geschäftsbericht erstattete der Vorsitzende des Vereins. Herr James Simon. Tausende von Auswanderern seien r.it Rat und Tat unterstützt worden, so dass insbesondere auch jede Ansammlung von Durchw־anderem in Deutschland vermieden worden ist. Es hat sich bald herausgestellt, dass die Auswanderungs-Organisationen fast unentbehrlich geworden sind. Im Anschluss an diese Ausfuhrungen wies der Vorsitzende darauf hin, dass die Verhältnissc in Russland noch immer nicht geregelt sind, dass die Grcuclszcncn sich Jeden Tag erneuern können, so dass immer wieder an den Wohltätigkeitssinn appelliert werden müsse. D r. Nathan berichtet über die Lage in Russland. Die Wahlen zur russischen Rcichsduma werden so gut wie bedeutungslos sein. Demi sie finden unter einem Ausnalimczustände statt. (Sehr richtig!) Sie sind nur darauf bereennet, das Ausland zu tauschen. In Russland gibt sich nieniand einer Täuschung h n. (Lebhafte Zustimmung.) Man will nur Russland erneut die Möglichkeit geben, aus dem \sesteu Geld nach dem Osten licruberzuzienen. (Lcbhatte Zustimmung.) Die Lage der Juden ist in Russland eine entsctzliche. Ls gibt etwa C Millionen Juden in Russland, die n einem Rayon eingepfercht sind. Russland bringt diese 6 Millionen in ein Verhältnis, dass sie weder zu leben noch zu sterben vermögen. Nach Kischinew und Homel trat in Russland eine Fortsetzung der Massenabschlachtungen ein und zwar unmittelbar nacn dem Mannest des Zaren. Seit dem frühesten Mittelalter ist ähnliches nicht erlebt worden. (Zu- Stimmung.) Jn 400 Städten und Urtschaitcn brach die systemat׳scl1 auigehetztc Hefe des Volkes gegen die Juden los, und so oft die Juden sich wehrten, rückte die Polizei an und schützte den Mob. .(Lebhaftes Pfui!) Spontan war diese Bewegung nicht. Ls lag eine organiserte Abschlachtung einer ganzen ׳*-cvülkcrungschicht vor. Ls war System. Uebcr 6 Millionen mark sind bereits zur Verwendung gelangt. Nur wenn die gesamte Lage in Russland s»ch ändert, wird auch das Schicksal der Juden ein menschlicheres werden. Aber das, was gesciiehen ist. kann doen nur wenig lindern. Alle diese Millionen sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein. (Sehr richtig). Der prominente Mann in Russland ist in diesem Augen- Flick Graf Witte, er w.ll die Judenfrage, wie er dem Redner in einer Unterredung sagte, par morceau lösen. Pie Lösung, nie Disner geübt wird, besteht darin, dass man die Juden par r, o.eeau massakriert, hier hundert, dort ein paar hundert. Graf V\ itte hat neuerdings wiederholt liberale Acusserungcit getan, akr immer reaktionär gehandelt. Line*offizielle Intervention der europäischen Staaten ist unmöglich, aber Russlands 1 inanzen hängen ab von der öffentlichen Meinung der Welt. Nim ist es moralisch verwerflich, einer solchen Regierung mit Geld beizuspringen. (Lebhaiter Beifall), aber es ist auch unklug vom finanziellen Standpunkt aus. Der Schein einer Volksvcrtretuug darf darüber nicht täuschen, dass die Zersetzung in iviisbiand noch immer weitere Fortschritte macht. Und eine Regierung, die in ihrem eigenen Laude nur durch Verbrechen und durch die Lntfesselung jeder Niedertracht sich atn Ruder zu erhalten vermag, muss von der önentlichen Meinung der Welt boykottiert werden, bis Zustände geschaffen sind, die es allen Russen und auch den Juden gestatten, als Menschen und als gute Reichsbürgcr in ihrem Vaterlande zu leben. Aus dem Bericht des Vorsitzenden interessiert besonders der folgende Passus, der von Bedeutung zur Stellung des Hilfsvcreius int Sinne der Germauisieruiig der orientalischen Juden ist: Der Vorsitzende sagte in dem Bericht über die Tätigkeit des Vereins im Auslande: Galizien. Rumänien und Bulgarien bieten noch immer weite Arbeitsfelder, wo der Verein besonders aui dem Gebiete der Jugenderziehung erfolgreich tätig ist. In den Donauländern und der Türkei wird deutsche Bildüng, wo die Gemeinden es wünschen, auf diese Weise durch den Verein verbreitet. Am ausgedehntesten arbeitet der Verein in dieser Beziehung in Palästina, wo in Jerusalem ein deutsches Lehrerseminar begründet wurde, das bestimmt ist. den Orient mit tüchtigen, gut vorbereiteten Lehrkräften zu