Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 156 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 11 Schulen mit den christlichen ein Kompromissantrag angenommen, durch welchen § 67 No. 3 des Gesetzes vom 23. Juli 18-17 aufrecht erhalten und auf die neuen Provinzen ausgedehnt wird. Dieser § 67 No. 3 lautet: ״Wo die Unterhaltung der Ortsschulen eine Last der bürgerlichen Gemeinde ist, haben die Juden im Falle der Errichtung einer eigenen öffentlichen Schule eine Beihilfe aus Kommunalmitteln 7.u fordern, deren Höhe unter Berücksichtigung des Betrages der Kommunalabgaben der jüdischen Einwohner, der aus der Kommunalkassc fiir das Ortsschulwescn sonst gemachten Aufwendungen und der Erleichterung, welche dem Konummalschulwesen aus der Vereinigung der jüdischen Kinder in eine besonders jüdische Schule erwachsen sind, 2u bemessen, und in Ermangelung einer gütlichen Vereinbarung von den ,Ministem der geistliehen usw. Angelegenheiten und des Innern festzusetzen ist.“ Auch im übrigen wurde beschlossen, cs bei dem bisherigen Recht bewenden zu lassen, soweit es sich um die Erteilung von Religionsunterricht und die Anstellung von jüdischen Lehrkräften handelt. Nur in einer Beziehung ist man über den bisherigen Zustand fortgeschritten, indem man den Schulverbünden die Erlaubnis gegeben hat, auch wo es bisher nicht geschehen ist, fiir jüdischen Religionsunterricht zu sorgen. Schliesslich ist eine Resolution angenommen worden, durch welche die Regierung aufgefordert wird, Mittel aufzuweuden, um die Beschaffung des jüdischen Religionsunterrichts den Synagogcngemeindcn dort zu erleichtern, wo solcher Unterrieht in anderer Weise nicht beschafft werden kann. Nach unseren früheren Aufklärungen erfüllt der Beschluss bei weitem nicht die Wünsche, welche seitens der jüdischen Bevölkerung zu dem Schulgesetz gehegt und ausgesprochen worden sind. Man erwartete, dass bei Gelegenheit dieses Gesetzes auch die Mehrlieitsparteien im Gefühl der Billigkeit die jüdische Volksschule. Lehrer und Schüler, den. christlichen Schulen, Lehrern und Schülern, gleichstellen würde. Wenn der ursprüngliche Regicrungsvorschlag, der eine völlige Entrechtung der Juden auf dem Gebiete der Schule in sich geschlossen hatte, nicht Gesetz zu werden Aussicht hat. so ist das nur ein schwacher Trost, und wir halten noch jetzt an der Hoffnung fest, dass es gelingen wird, weitere Verbesserungen in den Entwurf einzufugen. Anzuerkennen ist, dass die vcrschicdensten Parteien den uns berührenden Fragen mit Verständnis und gutem Willen gegeui'ibergctretcu sind, sodass unsere ausgesprochene Hoffnung nicht ohne innere Begründung ist. Man muss aber wissen, dass an diesem Gesetz die Erhaltung der jüdischen Volksschulen nicht das einzige Interesse der jiidisehen Bevölkerung ist. Da nur ein kleiner Bruchteil aller jüdischen Volkssclüiler konfessionelle jüdische Volksschulen besuchen kann und besucht, so darf natürlich eine auf das Ganze gerichtete Bewegung unmöglich au dieser Einzeltragc haften bleiben. Es Ist von besonderem Interesse, dass die Juden bei dieser Gelegenheit wieder einmal erfahren, dass sic nur eine ״geduldete“ Religionsgemeinschaft in der preussischen Monarchie bedeuten. Aus der Siadt der reinen Vernunft Königsberg. Das Sehutzkomltee für durchreisende russische Juden hat bekanntlich folgendes Rundschreiben erlassen: ..Der Auswandererstrom von jungen Leuten, welche verschiedentlich sogar mit jungen Mädchen, angeblich Frauen, erscheinen, nimmt täglich stärkere Dimensionen an. Nach unserer Sichtung gehören die Ankömmlinge, durchweg dem ״Bund" an und sind ganz gewissen- und charakterlose Leute, von welchen unsere russischen Glaubensgenossen über alle Massen zu leiden haben. Die Beförderung derartiger Leute bedeutet nichts anderes, als eine Seuche überallhin zu verbreiten und unsere Glaubensgenossen anderer Länder in Gefahr zu bringen. Wir haben daher beschlossen, die Unterstützung und Beförderung derartiger Elemente gänzlich auszuschliesscn. und hoffen wir, dass Sie in gleicher Weise verfahren. Mit Achtung M. Perlmann.“ — Wenn das BERLINER TAGEBLATT sich so ausdrückt, dass das Schutzkomitcc sich zu dem Rundschreiben genötigt gesehen habe und hinzufügt: ,.Man dari anncluucn, dass ein solches Rundschreiben nicht erlassen worden wäre, wenn nicht zwingende Gründe dafür gesprochen hätten," so darf man nicht vergessen, dass das BERLINER TAGEBLATT von dem Christen Arthur Lovysolin redigiert wird, und dass das BERLINER TAGEBLATT genau so wie die KREUZZEITUNG ein christliches Blatt ist. Königsberg t Pr. Am 28. v. M. fanden die Wahlen zur Rcpräsentantcnvcrsammhing statt, an der zum ersten Male sich die Zionisten beteiligten, wenn auch keineswegs als bcsondere Partei. Vielmehr haben sich alle die zusammengeschlossen, die nicht auf Gnade und Ungnade der hypcrtcutschcn Partei der Liberalen die Gemeinde weiter überlassen wollen. in erster Linie die Konservativen und dabei auch die Zionisten. Das setzte die Liberalen so sehr in Harnisch, dass man sich nicht scheute, in der Stadt der ..reinen Vernunft“ und des ״Perlmannschen Schutzkoniitecs" Drohungen laut werden zu lassen, dass man schon für die Ausweisung missliebiger ausländischer Juden geeignete Sorge tragen wolle. So ergeht sich denn auch das Wahlflugblatt der Liberalen in Hinweisen nui die zionist:- sehe Gefahr. Von Seiten der Konservativen erwartete man gar keinen Erfolg, denn es war ja gewissermassen der erste Versuch, das ausschliessliche Gcmciiidcinonopol der Liberalen anzufeclitcn. Es war daher schon sehr günstig, dass von der. 211 Stimmen, de zum grossen Teile durch die ״christlichen“ Schlepper zusammcngctronunclt waren, nicht mehr als 150 für die liberale Liste stimmten. Jedenfalls ist ein Zionist. Herr Leo Piiiesmann. einstimmig als Ersatzmann gewählt worden. Die Angelegenheit des hiesigen Schutzkoniitees. die mit Recht so viel Staub amwirbclt. würde wahrscheinlich noch viel schärfer beurteilt werden, wenn mau die näheren Einzelbeiten kennen würde., unter denen das ״Komitee“ arbeitet. Es geboren dem Komitee zwar auch die Herren Rabbiner I)r. Vogelstein. Marx und Magnus atu aber wenn sie auch hierdurch eigentlich sich der Verantwortlichkeit nicht entziehen könnten, so ist doch in Wahrheit ausschliesslich Herr IWrlmann der ״Leiter" des Komitees. Er lässt die kräftigen Emigiaiiten auf seinem Speicher arbeiten, wobei er ihnen nur 1.50 bis 2.— Mark täglich zahlt, während sonst 3.— bis 3,50 Mark bezahlt werden. Seine in den antisemitischen Zeitungen jetzt mit Wonne die Runde machende Zuschrift an das hiesige Blatt ist so eigentlich recht charakteristisch für seine ganze Art vorzugehen. Aber wenn es auch die höchste Zeit wäre, das Schutzkomitee einmal auch in seiner 'h'itigkeit zu beautsichtigen, so ist doch daran nicht zu denken. Es handelt sich ja nur um Emigranten, nur um russische Juden. Königstreue auf Kündigung Sehr unzufrieden mit dem Kaiser sind neuerdings die antisemitischen Organe. Speziell die deutsch-sozialen Blätter des Abgeordneten Liebermann von Sonnenberg haben die Dreistigkeit, dem Kaiser vorzuhaltc», dass er seinen Thron gefährde, oder vielmehr sie würden die Dreistigkeit haben, wenn ein Wort aus diesen Tiefen zum Kaiserthron emporstiege, was glücklicherweise nicht der Fall ist. Die Blätter schreiben nämlich: ״Der Adel wird sich das Judentum vom Leibe halten müssen, genau wie der deutsche Bürgerstand; in diesem ist und bleibt der Jude gesellschaftlich unmöglich. Dass cs am Kaiserhofe anders ist, hat nichts zu bedeuten; in solchen Fragen ist Fürstcnwillc ohnmächtig gegen Volksinstinkt. Aber eine auffallende Bevorzugung des Judentums bedeutet zugleich eine Zurücksetzung des eigenen Volkstums, und darin hegt eine in jetziger Zeit sehr überflüssige empfindliche Veriotz.ung des deutschen Volksctnpfindens. Sich mit dem Kern des Volkes in einen solchen Zwiespalt zu setzen, kann nur zum Unheil eines Fitsten aussclilagen. Soll uns aber durch die Juden-thrungcn klargelcgt werden, zu welchen lierrliehen ungeahnten Zielen das deutsche Volk geführt werde!; soll, dann könnet! wir uns des Gedanken nicht erwehren dass durch die Zuriickdrängung des deutschgcborcncn Adels und die liebenswürdige Bevorzugung des Schachergeistes die moderne Entwicklung skizziert werden soll. Diese führt danach also vom Bauernstaat über Industriestaat zum reinen Handelsstaat, aber auch zugleich vom Baueruadel über Geistesadel zum Geldadel und damit bestimmt von der Monarchie zur Republik." Antisemitismus und die Wissenschaft oder: Die Taufe lilft nicht viel. Zu einer wüsten und rohen Skaudalszene kam es Freitag abend im Evangel. Vereinshaus zu Stettin, wo der Breslauer Professor, Geheimrat N e i s s c r. einen Vortrag über ״Ehe und Geschlechtskrankheiten" hielt. Wir entnehmen dem Bericht der OSTSEE-ZEITUNG folgende Schilderung: Als der Gelehrte das Podium betrat, um seinen Vortrag zu beginnen, erhob sich plötzlich hinten in dem von Männern und Frauen dichtgefüllteu Saal und auf der Galerie ein wahrer Höllenlärm. Schreien, Piciien. Trampeln. Johlen, dazu unmiterbrochene Rufe: ״Raus! Raus!" schallten wirr durcheinander und vereinigten sch zu einem unglaublichen Spektakel. Dazwischen wurde mehrfach geschrieen: ״Der Mann hat fünfzig kleinen Kindern Syphilisgift cingcimpft!“ Als nach etwa drei Minuten eine leidliche Ruhe eingetreten war. begann Herr Professor Ncisser zu sprechen, indem er zunächst bemerkte, wenn die hier soeben gegen ihn laut gewordenen Vorwürfe irgendwie berechtigt wären, so würde er sicherlich jetzt nicht an dieser Stelle stehen, er würde nicht von Tausenden von ernsten und ungesehenen Männern zu ihrem Vorsitzenden gewählt sein, er würde nicht mehr an einer preussischen Uni-