Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 11 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 155 sind, nute Schulen ein/urielitcn. Hie jüd'sche Religion und Sprache werden nach einer ganz primitiven Methode unterrichtet. Auf einer Stcintaiel werden die hebräischen Buchstaben aufgezeichnct, 'die etwas eigenartig ausgesprochen werden, und um den Stein herum sitzen die Kinder und lernen 1 auf diese Weise die Lehre des Judentums! Andere Schulen I gibt es nicht, weil niemand von aussen die Initiative dazu er-! greift und die russische Regierung davon nichts hören will. Erst vor zwei Jahren haben die Kutaisser Juden eine kleine : Schule gegründet, die sich kaum wird halten können, wenn j Hilfe von aussen ausbleibt. Während der letzten 50 jahre ’ haben die Bergjuden keinen Mann hervorgebracht, der ihre j Interessen vertreten könnte. Während dieser 50 Jahre haben “ nur 2 Juden das Kutaisser Gymnasium absolvieren können. ' Die russische Regierung sucht mit allen Mitteln, die Juden von * der Bildung fcrnzuhaltcn. Was nun die Beziehungen zwischen den Bergjuden und den russischen Juden (Aschkenazim) anbetrifft, so haben wir folgendes zu bemerken: Die russischen Juden, die meistens aus halbintelligenten Elementen bestehen, verachten die Bergjuden, die sie ״Stiere“ nennen, wegen ihrer geringen Kultur. Diese wiederum bezeichnen die russischen Juden als Täuflinge ״Mcschuttiadim“. Somit ist jede Beziehung zwischen den beiden jüdischen Gruppen unmöglich geworden. Als die russische Regierung die Herrschaft über Georgien bekam, war sie ganz erstaunt über die Anwesenheit von jüdischen Leibeigenen und Ackerbauern. Sic befreite sie von der Leibeigenschuft, aber auch vom Boden. Man hat die Juden befreit, aber man nahm ihnen zugleich die Existcnziuittcl — den von ihnen Jahrhunderte lang bebauten Boden, den die Regierung entweder an die georgischen Fürsten verschenkte, oder an sich riss. Diese Ungerechtigkeit werden die Bergiudui nie vergessen, denn sic hatte nicht bloss Armut, sondern auch kulturcllen Niedergang und Entartung zur Folge. Viele vor! Juden bewohnte Dörfer, — Tzchinnali, Kulaschi, Bandzo, Sudschum, Satschino, ״- wurden ihnen geraubt, und die jüdische Bevölkerung wurde zu Bettlern gemacht, die zum grössten Teile nach Palästina ausw änderten. Als nun zu diesen Juden die Kunde vom Zionismus gedrungen ist, als sic davon zu hören bekamen, dass die Juden in Palästina Boden bekommen werden, da herrschte unter ihnen eine unbeschreibliche Etüde. Ackerbauer auf eigenem Boden! Welch’ ein Glück! In der Stadt Kutais, sowie auch in anderen Städten sind auch zionistische Vereine gegründet worden, aber sic lösten sich auf, weil es an Rednern mangelte, die die georgische Sprache, die Sprache der Bergjuden, beherrschten. Die Rechtslage der Juden am Kaukasus ist eine unbestimmte. Bald fand sich ein Generalgouverncur, wie z. B. Lcwaschow, der das Prinzip aufstellte, dass die Bergjuden aus dem Rechtsbegriff ״russischer Jude“ ausgcschaltct seien, dass sie eine besondere ethnische Gruppe darstelien und dass ihnen deshalb alle Rechte zukommen, unter anderen auch das Recht, Boden zu kaufen. Der folgende Generalgouverncur aber, änderte die Taktik, und deshalb wagen es sogar die vermögenderen Bergjuden nicht, Boden zu kaufen. Eine ganze Reihe von Gerichts- Prozessen illustrieren die unsichere Lage der Bergjuden. Des- Sie stürzt sich zum Tor, strauchelt aber und fällt auf etwas Warmes, in einer dampfenden Blutlache sich kaum Bewegendes. Auf der gegenüberliegenden Seite bricht Feuer aus. Die blutige Röte ergiesst sich in Strömen und beleuchtet den rhängnisvollen Ort. Ein neues verzweiflungsvolles Geschrei erfüllt die Luft. "VateruVater! Helfet!! Doch — spät, Sascha!... heult der wahnsinnige Bauer,׳ indem er das auf ihr hängende Hemd in Fetzen reisst und mit Wut in ihre entblössten Schultern beisst.... Und kein Mensch ist auf dem Hofe. Sie allein... allein neben der Leiche des verblutenden Vaters, in den Armen dieses Betrunkenen und Wahnsinnigen. Und in der kalten Umarmung des kleinen Flüsschens verbarg sie ihre Schmach, begrub ihre Träume, ihre Hoffnungen, ihr kaum aufgeblühtes Leben. .*>־־־ד״־־:י• •/, v: . halb siml die Juden bis auf den heutigen Tag Zinsbnucrn aut Jen Gütern der Fürsten Zeretclli. weil sie sich scheuen, Eigentiimer ihres Bodens zu werden. Audi liier ist die einheimische Bevölkerung, die georgische, vom Antisemitismus angehaucht. Das Wort ״Uria" bedeutet nicht bloss Jude, sondern auch Sklave. Der Georgier kann sich einen gebildeten Juden nicht vorsteHcn: ״Der Gebildete soll sich taufen lassen“. Auch hier bekamen die Juden das ihnen in Russland oft dargebrachte Geschenk In der Form von Pogromen, selbstverständlich mit Unterstützung de! russischen Bureaukratie, und zwar ir!1 Jahre 1N92. Jetzt hat sich die Lage geändert; im Kampfe gegen die russische Regierung ruft der Georgier auch die Hilie der Bergjuden an. Aber durch diese moralische Erhebung ist den Juden noch keineswegs geholfen. Sie schreien trotzdem nach Licht, nach Besserung ihrer Lage, indem sie vor allem aui ihre Brüder in Russland hoffen. Ja, Hilfe ist notwendig. Fünfzig Tausend Bergjuden erwarten sic von ihren Brüdern. Worin soll sie bestehen? Nach unserer Meinung muss sie zweifacher Art sein: materieller und geistiger Natur. Die materielle Hilfe muss darin bestehen, dass den Bergjuden die Möglichkeit gegeben werde, sich Boden zu verschaffen. Jahrhunderte lang waren sie Ackerbauer und sie wollen es auch bleiben — nicht bloss in ihrem eigenen Interesse, sondern auch im Interesse unseres jüdischen Volkes. Wir hoffen, dass die Jca, die ja den jüdischen Ackerbau begünstigen will, diesen Unglücklichen zu Hilfe eilen wird. Aber wir hoffen auch, dass das für seine nationale Rechte kämpfende russische Judentum die Bergjuden hilfreich in ihren Kulturbcstrcbungen unterstützen wird. Man muss dort mehrere Musterschulen einrichten, wobei die Lehrer Träger der allgemeinen und der nationaljiidischcn Kultur sein müssen. Dann erst wird das kaukasische Judentum ein ebenbürtiges Mitglied der jüdischen Nation werden. Bei der jetzigen Lage aber werden sie oit gegen ihren Willen in lokale nationale Kämpfe licrcitigczogen, nicht bloss ohne Nutzen, sondern oft sogar zu Ihrem Sui/dcn, weil sie jetzt nicht einmal d:c Bedeutung dieses Kampfes bcgreifen. Aber wenn sic an diesem Kampfe nicht teilnehmen wollten, so würden ihnen wirtschaftlicher Boykott und furchtbare Verfolgungen drohen. Da gibt es nur einen Ausweg: man muss das nationaljiidischc Selbstbewusstsein der Bergjuden heben, dann werden sie •aufhören, ein Werkzeug der anderen Nationen zu sein. B e n o h K a t e I a s c h w 11 i. Aus DIE WELT. Rundschau — Das Schulgesetz in der Kommission Am Donnerstag, dem I. März, beriet die Kommission in erster Lesung den § 24, welcher von den jüdischen Volksschulen handelt. Es wurde unter Ablehnung der vom Verbände der Deutschen Juden vertretenen Gleichberechtigung der jüdischen Kernsprüche 1. In der Selbsthilfe liegt die grösste Kraft und Heilung. Andersen. 2. Das Ziel muss man früher keimen als die Bahn. Goethe. 3. Erst Im Sturnn’ erkennen wir den Reiz der F.uhc, י־ erst in der Fremde die Zauber der Heimat. * W i 1 h e I m T a p p e ז t. ¬ו. Was zuerst nur Wenigen gefiel. Ist schon oft das Beste gewesen; was allen sofort behagte. hatte meist ke סחו Zukunft, \V i 111 e 1 ni T a p p e r t. 5. Demnach ist im Judentum wesentlich ein Ritualismus auf Grund historischer Wahrheiten zu intellektuellen und sittliehen Zwecken zu *erblicken. Mendelssohn. 6. Was wir von den Polen lernen können, das ist das feste Zusammenhalten unter uns. Wir müssen an der nationalen Grenze alle Parteiunterschiede vergessen. 16. 9. 91־. 7. Erinnern Sie sich stets der nationalen Gelübde, darum bitte ich Sie nur. In München 292 .6 .1־. B i s tti a r c k. 8. Wenn du noch eine Heimat hast, So nimm den Ranzen und den Stecken Und wandre, wandre ohne Rast, Bis du erreicht den teuren Flecken. Alb. Träger.