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Jüdische Rundschau · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 154 J 0 D IS CH E RU N D SC H A U No 11 ständig zu assimilieren, Denn man würde sic trotz, ihres ge gentciligen Willens als Volk betrachten und die Assimilation unmöglich machen. Mit Definitionen lässt sich die Existenz des jüdischen Volkes weder nachweisen noch leugnen. Die Definitionen haben n״r wissenschaftlichen Wert. Sie dienen auch dazu, etwa neu auftretende Erscheinungen zu klassifizieren, jedoch muss nnn sich hüten, sie auf schon Vorhandenes anzuwenden, das durch den Gebrauch schon klassifiziert ist. IX' Ta e hau er. Die Kaukasischen Bergjuden' (Ein Brief aus Georgien.) Das russisclte Judentum ist zu neuem Leben erwacht. Die zionistische Propaganda ui!d der Kampf gegett die Rechtlosigkeit haben ein neues Judentum geschaffen. Nur in einem Winkel des russischen Reiches leben und vegetieren Tausende von Juden, die von allen vergessen sind; wir meinen die Bergjuden vom Kaukasus. Wunderbar und fast unbegreiflich ist die Geschichte der georgischen Judenschaft, dieses schon in uralten Zeiten ■vom Stamme losgerissenen Blattes, dass durch einen stürmischen Herbstwlud zufällig in einen der verborgensten Winkel der Welt hingcschleudcrt wurde, ln diesem Winkel des Kaukasus, in Georgien, hat der Jude die altehrwiirdigen Sitten und Gebrauche in ihrer vollen Reinheit bewahrt. Es ist jetzt schwer, da das Material wenig gesammelt, uns noch nicht vollständig zur Verfügung steht, und auch das wenige nicht verarbeitet worden ist. ein ganzes Bild der geschichtlichen Entwickelung der kaukasischen Bergjuden zu geben, aber die alten Denkmäler Georgiens geben uns Stoff genug, um sich davon ein klares Bild zu machen. Das ״Georgische Lehen*' (ein sehr altes georgisches Geschichtsdokumcnt) erzählt uns folgendes: Im XI. Jahrhundert vor Chr. kamen nach Georgien Eretnde, bis zu jener Zeit unbekannte Leute aus״Uriastani“, d. i. aus Palästina. (Es handelt sich um die Judencinwandcrung aus Palästina nach der ersten Tempelzerstörung durch Nawuchodonossor.)*) Wie bekannt, gehörte damals der Vorderteil Kaukasiens den Assyrcrn und dort fanden die jüdischen Flüchtlinge teils als Freie, teils als Sklaven Schutz gegen die Verfolgungen. Nach der Erzählung des ״Georgischen Lebens“ soll der damalige Georgier ״Mamassachlisi“ (Pater familias. der zu jener Zeit in Mtzchet (Gouvernement Tiilis) wohnte) die Juden gnädig aufgenommen *) In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in Mtzchet ein Grabdenkmal mit jüdischer Inschrift vom Jahre 589 v. Chr. entdeckt. errette’uns!.... Rette*meine Tochter, mein einziges Kind, meinen einzigen Trost!.”, und Tränen umfloren das Antlitz des Greisen. Im Zimmer herrscht Stille. Das schwache Licht der zu Ende brennenden Kerze fällt in feinen,""*zitternden Streifen auf die billigen, grauen Tapeten, indem es kaum in den Halbdunkeln Winkel des Zimmerchens, wo vor einigen Augenblicken der Alte selbst seinen ״teuern Gast" zum Schlafe bettete, eindringt. Armes’Kind, wie hat die’Reise es ermüdet!.... Aber sie schläft schon. Eine starke, heisse Röte färbt ihre frischen Wangen. Ein ruhiges, heiteresTUicheln ergiesst sich über ihr ״liebes Gesichtchen. In einen tiefen, gesunden Schlaf ist sie versunken. Geschrei,״ Geheul “Gewinsel. Seufzer schweben in der Luft.*״י Verzweiflungsvolles Wehklagen der Frauen und Kinder, frenetisches Heulen] der betrunkenen und wütend “gewordenen Plünderer. Krachen der in Stücke ehenden Möbel, Klirren der Fensterscheiben. Brechetl.... und ihnen Wolmplätzc in der Umgebung seiner Hauptstadt angewiesen haben. Die Juden sollen mit der Zeit einen solchen Einfluss ge- Wonnen haben, dass die Bibelsprüche während der vorchristliehen Epoche am königlichen Hofe Georgiens gebräuchlich war. Auch das Christentum soll nach denselben Dokumenten von Juden nach dem Kaukasus verpflanzt worden sein, und zwar dank den engen Beziehungen, die zwischen Mtzchet und Jerusalem bestanden haben. Regelmässig sandten die kaubasischen Juden ihre geistigen Häupter nach Jerusalem, bchios Lösung verschiedener religiöser Fragen und diese Abgesandten übert;rächten den! Volke die Neuigkeiten aus dem Leben Israels in Palästina. Einer von diesen Gesandten war der Vorbreiter des Christentums in Kaukasien. Unter den Georgiern ist noch jetzt die I.egende von der heiligen Sidmiic, der Toc!!־ ter dieses Abgesandten die Zeuge der Ereignisse von Golgatlr: gewesen sein soll, verbreitet. Überhaupt betrachteten sich die kaukasischen Bergjuden als eine Kolonie von Jerusalem. Zuerst genossen die Juden Georgiens, wie ersichtlich aus den alten Dokumenten, volle Freiheit; sic zahlten nur eine gcwisse Steuer au Gold und Vieh. Aber nach der letzten Judencinwanderung nach dem Kaukasus (im Jahre 62 nach Chr.), als Georgien von Persern, Chasarcn und Mongolen überflutet war, verschlimmerte sich ihre Lage: Sie wurden Sklaven der Klöster und der Fürsten.״“) Die Juden beschäftigten sich mit Ackerbau und Handwerk, aber sic waren auch als Sklaven hochgeschätzt. Der bekannte Geschichtsschreiber Georgiens. Tschitsehinadze, berichtet, dass jeder Fürst als das kostbarste Brautgeschenk für seine Töchter eine Anzahl jüdischer Sklaven betrachtete. Der berühmte Historiker Wachuschti erzählt uns vom jüdischen Kaufmann Sorobabel. dem der Abschluss des Heiratskontraktes zwischen der georgischen Königin, Tamara, und dem Sohne des russischen Grossfiirsten Andrej Bogoljub anvertraut wurde. Auch Wachuschti erzählt von jüdischen Sklaven. Aber nicht alle Juden waren Sklaven; cs gab auch freie Juden, die alle Rechte besassen. Das ist ungefähr alles, w as wir von der Geschichte der kaukasischen Juden wissen. Bis zum XIII. Jahrhundert war Mtzchet ihr Zentrum,.jetzt aber findet man dort keine Juden. Der grösste Teil von ihnen wurde später an das Gelater Kloster (Gouvernement Kutais) * verschenkt, ein kleinerer Teil wanderte später nach Palästina aus. Die jetzt im Kutnisser Gouvernement wohnenden *1000 Juden sind eben die früheren Leibeigenen des Gelater Klosters (ausgenommen die etwa 25 aus Russland eingewanderten Familien). Der Bergiude lebt jetzt in den Dörfern und in den Aul’s (Bergdörfern). In den Städten, wie Tiflis und Batuni findet man sehr wenig Bergjuden. Die meisten Bergjuden sind sehr arm, waren cs auch seit jeher. Noch im Anfänge des XVIII. Jahrhunderts sind 18 Familien nach Marseille für 5000 Goldlivres verkauft worden. Aber auch jetzt ist ihre Armut so gross, dass sic nicht imstande **) Aus den Schriftstücken ersieht man, dass dem Mtzchetcr Kloster noch im Jahre 1392 jüdische Leibeigene, Ackerbauer und Kaufleute angehörten. Schlaget!.... Helfet!.... — alles fliesst in ein Getön zusammen. Finsternis. Wind. Regen. Wohin laufen?!.... Wo sich rettfcn?!.... Da sind sie schon!.... Sie dringen in’s Zimmer ein. Sonia! Sonietschka! Wo bist du?!.... Hierher.... rette Dich!... Mein Gott! wo ist sie?!.... Doch vergebens. Ein kräftiger, grosser, Bursch überfällt sie. Jude! Hierher, hierher!!.... Der Greis fällt. Ein Büschel grauer Haare entfällt den Händen des Burschen. Vom Hofe erschallt Geschrei, Getöse, Gerassel. Sonia! Sonia!.... röchelt der zerschlagene blutüberströmte Greis, indem er sich bemüht durch die mehr und mehr wütend werdende Menge zu dringen. Da flimmert in der Dunkelheit etwas Weisses und verschwindet hinter der Tür des Schuppens. Sonia! Mein Gott! Lasset!.... Aber ihr nach steigt ein in Lumpen gekleideter Bauer. Ein wildes, verzweiflungsvolles Wehgeschrei ertönt von dort.... Zehn schreckliche Minuten dauert der Kampf.... Plötzlich geht die Tür des Schuppens auf und ein in einem zerrissenen Hemde, beschmutztes״und blutüberströmtes Mädchen läuft heraus.

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