Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1906)
- Date
- 1906-03-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 153 No 11 während die zweite Art nicht in der Logik angewandt wird.! Selbstverständlich sind die Ansprüche, die man an jede der I beiden Arten stellt, von einander verschieden. Eine Primärj definition ist unter allen Umständen richtig. Fehler können j nur in der Anwendung derselben gemacht werden, indem man entweder ein Ding, das nicht in der Definition des Begriffes enthalten ist, als unter den Begriff fallend, oder ein Ding, das unter den Begriff definitionsgemäss gehört, als nicht dazu gehörig betrachtet. Bei der Sekundärdefinition dagegen können die Fehler nur in der Fassung derselben liegen. Denn sie arbeitet nur mit schon Vorhandenem, nämlich mit vorhandenen Dingen und vorhandenen Begriffen. Als Beispiel einer Primärdefinition diene folgendes: Ich definiere mir: Ein Dreieck ist eine ebene Figur, die von drei Oeraden begrenzt wird. Nun habe ich mir den Begriff des Dreiecks geschaffen. Ich würde jetzt einen Fehler begehen, wenn ich sagte, die Figur auf der Kugel, die von drei Bögen grösster Kreise begrenzt wird (icli will, um nicht irre zu führen, den Ausdruck ״sphärisches Dreieck” vermeiden), sei ein Dreieck. . Denn cs passt nicht unter die Definition des Dreiecks. Es wäre verkehrt, zu behaupten, die Definition ist falsch. Sie passt nur nicht auf das gewöhnlich mit Dreieck bezeichnet«; Ding. Das tut aber nichts zur Sache, fiir mich ist Dreieck eben etwas anderes. Ich muss nur immer den Begriff Dreieck so anwenden, wie ich ilm definiert habe. Ich kann mir z. B. auch das Zeichen 2 als vier definieren, und muss dann eben für die Zahl vier stets das Zeichen 2 (nicht 4) gebrauchen, muss aber andererseits für die Zahl zwei ein anderes Zeichen finden. Meine Resultate werden dann ebenso richtig sein, als wenn ich die gewöhnlichen Zeichen benütze. Die Sekundärdefinition dagegen muss sich nach Vorhandenem richten. Wenn z. B. Plato den Menschen definiert als zweibeiniges, federloses Wesen, dann hat sein Schüler recht, wenn er ihn mit einem gerupften Hahn ad absurdum führt. Denn Plato wollte den Begriff ״Mensch” nicht schaffen, er sagte nicht, ich nenne Mensch j des zweibeinige, federlose Wesen — in diesem Falle wäre der gerupfte Hahn bei Plato wirklich ein Mensch ■ -, sondern er sagte, der schon vorhandene Begriff ״Mensch" ist identisch' mit dem Begriii eines zweibeinigen, federlosen Wes.ens. Da ihm sein Schüler ein Ding zeigte, das zweibeinig und federlos war, und doch nicht unter den Begriff Mensch fiel, so war seine Definition falsch. Ganz verkehrt wäre es jedoch, wenn Plato, gestützt auf seine־ Definition, bchauptete, der Hahn sei ein Mensch, oder wenn’ er behauptete, jemand, der ein Bein verloren hätte, sei kein Mensch. So einfach nun diese Dinge sind, so häufig werden sie miteinander verwechselt. Eine solche Verwechselung der beiden Definitionsarten begehen auch diejenigen, die aus irgend einer Definition des Begriffes ״Volk” beweisen wollen, dass dio Juden kein Volk sind. Diese Leute machen denselben Fehler, wie der, der den Menschen als zweibeiniges Wesen definiert und darum einen, der ein Bein verloren hat, nicht als Mensch anerkennt. In Wirklichkeit ist in beiden Fällen die Definition falsch. Wir haben uns nicht zu fragen: Fällt der Begriff Juden unter irgend eine Definition des Wertes ״Volk", sondern wir haben uns zu fragen: Spricht man von den Juden als Volk oder nicht? Und wenn man die Juden als Volk bctrachtet, dann müssen alle Definitionen, nach denen die Juden kein Volk bilden, als falsch zurückgewiesen w׳erden. Aus wrclehern Grunde die Juden als Volk betrachtet werden, ist eine an und für sich interessante Frage, hat aber darauf, ob die Juden ein Volk sind, gar keinen Einfluss. Wenn wir nun die Frage, ob die Juden ein Volk sind, von diesem Standpunkte aus betrachten, dann bleibt über die Antwort kein Zweifel mehr bestehen. Denn es ist ganz klar, dass die überwiegende Mehrheit derer, die das Wort Volk in irgend einer Sprache gebrauchen, und mit den Juden in Berührung kommen, die Juden als Volk betrachten. Das beweist die Ausnahmestellung, die die Juden fiberalt einnehmen, das beweist die Zurückweisung, die der Jude bei allen nicht jüdischnationalen Nationalbew׳egungen erfährt, wenn er sich daran beteiligen will. Und auch die Juden selbst bezeichnen sich in ihrer überwiegenden Mehrheit als Volk, da ja die jüdische Religion selbst jüdisch-national ist. Man braucht nur einen Blick in die Gebete zu werfen, um stets auf das Wort ״Volk Israel” zu stossen. Wenn man nun behauptet, das Kennzeichen eines Volkes sei die gemeinsame Sprache, und die Juden hätten keine gemeinsame Sprache, das Kennzeichen eines Volkes sei die räumliche Kontinuität, und die Juden wohnten zerstreut unter den Völkern, so folgt daraus nicht, dass die Juden kein Volk sind, sondern dass die gewählten Kennzeichen eines Volkes falsch sind. Ebenso falsch ist es, zu behaupten, das Kenn- Zeichen eines Volkes sei der Wille, ein Volk zu sein, und daraus den Schluss zu ziehen, wer kein Jude bleiben will, gehöre nicht zum jüdischen Volke. Denn die Mehrheit, die über den Begriff Volk zu entscheiden hat, betrachtet ihn als zum Volke gehörig, also gehört er auch dazu. Und wenn heute alle Juden ihr Volkstum aufgeben wollten, so könnten sic es doch nicht, selbst wenn sic den Willen hätten, sich vollten.... Mit jedem Tage wird das Rad ö£f-Drechselbank* bei der er fast die besten Jahre seines mühevollen Lebens verbrachte, schwerfälliger.... Aber — es sind ja nur noch zwei Jahre — und er wird dann ruhen können. Er wird nicht mqhr arbeiten müssen — selbstverständlich wird er bei ihr wohnen. Und Sascha.... der liebe, gute Sascha!.... Er liebt sie doch so sehr!.... Nach einem Jahre w׳ird er als rastloses, ehrliches Mitglied in's Leben treten können und Hand in Hand werden sie auf dem Wege zum glücklichen mühevollen Leben wandern. Und sie werden dieses Streben bekämpfen. Nichts w׳ird den vereinten Kräften zweier junger vom Streben erfüllten Wesen widerstehen. Und sie werden glücklich sein.... Diese süssen Träume, diese lichtstrahlenden Hoffnungen tauchten und blühten in der durchsichtigen Dämmerung der hellen Sommernächte, im kleinen und ärmlichen Zimmerchen des jungen Mädchens, auf. Hier in der glänzenden Hauptstadt — Mühe und Hoffnungen, dort, in dem kleinen und abgelegenem Städtchen — das gute und liebende Herz des greisen Vaters.... Arbeit, Hoffnung und Liebe! Und heiteres, ruhiges Glück ergiesst sich in ihrer jungen, leidenschaftlichen Brust. Und nun ist sie zu Hause. Und gut ist es ihr bei ihrem lieben, teuern Vater, in diesem armen Winkelchen, wo die glücklichen Jahre ihrer Kindheit verflossen. « Sie hat ihren Vater beinahe nicht erkannt; so grau ist er geworden, so gebeugt. Wie freut er sich mit ih r Wie glücklich ist er!:... Seine Tochter, seine ״kleine Sonitschka“ wird Arzt sein..... Gott! Könnte er je dran gedacht haben? Und doch ist es so!.... ״Aber.... dass Gott die Verwirklichung dieser schreckliehen Gerüchte verhüte!.... Und das alte, liebende Herz presst sich so schmerzhaft zusammen. Und so schrecklich wird, es dem Greise zu Mute. ״Im benachbarten Städtchen"* wurde des Nachts. Mein Gott! mein Gott! Und bei uns, sagt man, wird dasselbe sein. Gestern hat man den alten Krämer verwundet und beraubt.wir werden sie alle abschlachten“, schreien sie und seufzen und trinken den ganzen Tag.Gott, rief der Alte im Geiste aus,