Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 143 10 ■סא JÜDISCHE RUNDSCHAU meinen Religionsunterricht soll nicht mehr, wie bisher, auf Grund eines einfachen gegenüber dem Schulleiter geäusserteu Wunsches gewahrt werden, sondern nur auf Qrund einer von beiden Eltern bei der Polizeibehörde zu Protokoll gegebenen und bei ihr Unterzeichneten Willenserklärung.“ Jüdische Gleichberechtigung Das Städtchen Haigcrloch im Preussischcn Fürstentum Hohenzollern zählt unter 1300 Einwohnern etwa 800 Katholiken, 300 Israeliten und 200 Protestanten. Während die Katholiken als in der Mehrzahl eine öfiemlichc Volksschule haben, hatten die Juden eine israelitische Schule, zu welcher der Staat einen Beitrag leistete, die Protestanten eine aus eigenen Mitteln unterhaltene Priv.atschule. : ‘ Vor Jahresfrist wurde nun von protestantischer Seite der Antrag gestellt, die Stadt solle die evangelische Privatschulc als öffentliche Volksschule übernehmen. Dem Antrag wurde stattgegeben und das Kultusministerium erteilte seine Zu- Stimmung. Daraufhin stellte die jüdische Gemeinde denselben Antrag und auch er wurde von der bürgerlichen Kollegien einstimmig angenommen. * Aber der Mensch denk#-Wohl wurde der Stadtverwaltung Haigcrloch erlaubt, die Kosten für die jüdische Volksschule zu übernehmen, aber als ״öffentliche Volksschule" durfte sie nicht erklärt werden; das darf, nach der Erklärung des Kultusministeriums nur bei christlichen Volksschulen geschehen. Militär und Politik Zu einem Stiftungsfest, das kürzlich ein Berliner konservativer Verein abhielt und bei den. Herr Stöcker Hauptrednc» war, erschien u. a. auch der aktive Hauptmann v. Stülpnagel, um die Griisse des Kommandeurs des Gardefüsilierregiments, Obersten v*. Eberhard, und des Offizierkorps dom Vereine zu fiberbringen. — Das Beispiel Frankreichs und anderer Länder, wo das Militär in den politischen Parteistreit nicht mit hineingezogen wird, reizt also doch uir Nachahmung. Verjudet Der antisemitische Rclchstsgsabgeordnetc Graf Reventlow hat sich in diesen Tagen in der Klinik des Professors Israel einer schweren N’icrenoperation unterziehen müssen. — Also auch der verjudet! — Hungernde Emigranten in Wien Während eines Vormittags - Gottesdienstes kam cs am Sonnabend im Leopoldstädter Tempel in Wien zu einem aufregenden Zwischenfall. Eine Schar russischer Auswanderer begann plötzlich laute Rufe auszustossen und flehend zu schreien: ״Gebt uns Brot, gebt uns zu essen!" Auf der Frauengalerie entstand hierüber grosse Unruhe, da die Frauen glaubten, dass etwas geschehen sei. Als. dann auf dieser Galerie weibliche russische Flüchtlinge gleichfalls zu schreien begannen, flüchteten die übrigen Frauen erschreckt dem Ausgange zu. Oberrabbincr Schmidt beruhigte mit Erfolg die Tempclbesucher. Unter den Anwesenden wurde für die russischen Flüchtlinge, welche sich mit Recht beschwerten, dass sie hier keine Unter- Stützung finden und dem Elend und Hunger preisgegeben sind, eine Sammlung eingeleitet. Aber sic wurden aus dem Tempel gewiesen.' Später schritt die Wache ein und vcraulasste sie 2um Verlassen des Platzes. Die Wahlreform und die Juden Freitag, den 23. Februar 1906 hat Ministerpräsident Baron Gautsch die längst angekündigte Wahlrcform im österreichischen Abgeordnetcnhäuse eingebracht. Viele Freunde besitzt diese Regierungsvorlage im österreichischen Parlament nicht; jede Fraktion und jedes Fraktionellen hat gar manche Einwendungen zu machen, und wenn sich auch keine einzige traut, gegen die Reform als ganze offen Front zu machen, so hegen doch die meisten Parteien die Hoffnung, es werde schon durch־ allerlei Intrigucn gelingen, diese ״gefährliche" Reform zu hintertreiben. Indessen stellt die Sache nicht so schlecht. Die Tage des alten österreichischen Privilcgien-Parlaments sind gezählt. Dies wissen auch alle Parteien und ihr einziges Streben geht dahin, sich in der zukünftigen Volksvertretung so viel Plätze als möglich zu sichern. Die meisten Beschwerden gegen die Regierungsvorlage sind auch vorzüglich gegen die Vertellung der Mandate auf die einzelnen Kronländer und die Einteilung der Wahlbezirke gerichtet. Jede nationale und politische Partei behauptet, nicht genügend berücksichtigt zu sein und strebt eine Rcmcdur zu ihren Gunsten an. Bei diesem Wettkampf um die Zahl der Mandate, dürfte cs jedenfalls von Interesse sein, inwiefern die jüdische Bcvölkerung, die in Österreich zirka 4 % der Gesamtbevölkerung ausmacht, hierbei berücksichtigt wurde. Von 455 Mandaten gebühren ihnen (ihrer Zahl nach) etwa 17 Mandate. Doch kann davon keine Rede sein. Die Juden in den Alpen-, Sudeten• und Küstenländern leben so zerstreut, dass sic auf kein einziges Mandat rechnen können. Es ist zwar vorgekommen, dass hie und da ein Jude gewählt wurde, doch dies geschah nie weil — sondern obgleich er ein Jude war. Jetzt dürfte dies noch schwieriger sein. Durch die Einführung des nationalen Walilkatasters in Mähren, sowie durch die Schaffung von national abgegrenzten Wahlbezirken in Böhmen haben die Juden in diesen beiden Ländern ihren bisherigen Einfluss als das Zünglein an der Wage in gemischtsprachigen Bczirken ganz verloren. Weder die Jungtschechen noch die pseudoliberalen ״Fortschrittler" brauchen jetzt mit den jüdischen Wählern zu rechnen, sie können nun ihr antisemitisches Herz ganz entdecken und auch das primitive Feigenblatt ganz abstreifen. Höchstens als Sozialdemokrat könnte mancher Jude ein Mandat bekommen; aber diese Vertreter sind ja alles eher als Juden, muss doch *die Sozialdemokratie mit Rücksicht auf ihre antisemitischen Wähler gar manchmal .,in Antiscm i t i s m u s mache n". In Wien ist wohl die Wahlbezirks-Einteilung so gcschellen, dass die Juden 1—2 Mandate erhalten könnten, und zwar im Wege eines Kompromisses mit den anderen fortschrittlichcn Parteien, sie sollten nämlich nur diejenige Partei unterstützen, welche ihnen in der Inneren Stadt oder in der Leopoldstadt zu 1—2 Mandaten verhilft. Allein bei der mangelhaften Organisation der Wiener Juden ist auch dies sehr zweifelhaft. Die einzige Aussicht auf eine jüdische Vertretung kann also nur auf Galizien und die Bukowina gerichtet sein. Sehen wir uns also diese letzte, einzige Aussicht näher an. Galizien wird in der Regierungsvorlage mit SS Mandaten bedacht. Die Polen sind sehr unzufrieden und verlangen entschieden eine Vermehrung ilirer Mandate, der Bevölkcrungszahl entsprechend. Es ist auch möglich, dass dieser ihr Wunsch berücksichtigt wird. Die Juden bilden in Galizien zirka 11 c-'< der Gesamtbevölkerung, sie hätten also einen Anspruch auf 1(1 bis 11 Mandate. Tatsächlich hat man an sic ursprünglich gar nicht gedacht und erst eine im ganzen Lande spontan entstehende Bewegung lenkte die Aufmerksamkeit der Regierung auf sie und die Juden wurden mit 5 Mandaten bedacht, d. h. es wurden 5 Wahlbezirke geschaffen, in welchen die Juden die Majorität besitzen, und zwar: 1 Manda in Lemberg, 1 in K r a k a u, 1 in S t a n i s I a u, 1 in Brody •Zloczow, 1 in Koloniea-Buczacz. Statt 10 bis 11 erhalten sic also 5 — dafür haben sie aber die Pflicht, den Polen zu M Mandaten zu verhelfen, welche sonst in ruthcnische Hände fallen könnten, und zwar in 3 Städte-Wahlbezirken: Tarnopol-Brzezany (Juden 44 Polen 30 **, Ruthencn 26 */•)־, Przcmysl (Juden 35 Polen 45 V״, Ruthenen 20 */״), Strjy-Drohobycz-Sambor-Grodck (Juden 3S 7*, Polen 36 Ruthenen 26 *£), ausserdem in 11 ostgalizischcn Landgemeinden-Wahlbezirke, wo die Polen nur mit Hilfe der Juden die nötigen 30 % Stimmen aufbringen können, um Dank dem nur in Galizien eingeführten P r 0 po r t i o n a I - Wahl- System ihre Kandidaten durchzubringen. Es fragt sich nun, ob angesichts dieser .Lage der Dinge die Juden sich mit diesen 5 Mandaten begnügen und daiflr den Polen bedingungslos Gesellschaft leisten sollen, wodurch sie den Hass der Ruthenen auf sich ziehen. Es wäre ja nur recht und billig, wenn die Polen den Juden von den 3 Stüdte-Wahlbezirken, wo sie nur mit jüdischer Unterstützung siegen können, wenigstens 1 Mandat überlassen, sagen wir das Tarnopoler, wo die Juden allein 44 % bilden. Auch von den II Landgemeinde-Bezirken Ostgalizicns, wo die Polen nur mit Hilfe der Juden siegen können, sollten den Juden wenigstens 2 Mandate überlassen werden. Andernfalls müssten es sich die Juden sehr überlegen, ob sie durch Unterstützung der Polen die Ruthenen noch mehr auf sich reizen sollen. Den Polen gegenüber müssen die Juden tu Gatizicu die Maxime ״do ut des" anwenden, aus eigenem Antriebe werden ihnen die Polen n i c etwas geben. Die Juden in Galizien könnten auf diese Weise etwa acht Mandate erreichen, was.zwar noch nicht ganz ihrer Bevölkerungszahl entspricht, aber doch wenigstens halbwegs der Gerechtigkeit entgegenkommt, überhaupt wenn man bedenkt, dass auch in den anderen Städte-Wahlbezirken ansehnliche jüdische Minioritüten vorhanden sind, zum Beispiel Tarnow