Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 142 No. 10 JÜDISCHE und Sympathie au Erst später, wenn sie die Sprache etwas mehr beherrschen werden, wird es sich zeigen, welche Riehtung bei ihrer Ausbildung cingcschlagen sein wird, und welche Dienste sic ihren Stammesbrüdern mit Hilfe der europäischen Juden werden leisten können. L-—Rundschau -—■={ 1___l Der Mann der Liebe Mit dem Thema ״Ist Heine eines Denkmals wert.“ beschäftigte sich eine am 23. Februar abgcliaiienc Versammlung der christlichsozialen Partei. Als Referenten fungierten Lic. theol. M u in m und Hofprediger a. D. Stöcker. Er sagte u. a.: ״Ein Schmutzfink ist er, ein Lump, so muss man den Mann auffassen,'’ und alles jauchzte Beifall, ausgenommen ein kleinerer Teil der Versammlung, der aus Neugierde oder des Ulkes wegen gekomacn war, etwa wie man in eine Jahrmarktsbude geht. Von diesen Be- Suchern konnten einige ein ״Bravo!" nicht unterdrücken, als aus Heines Werken manches kräftige Sprüchlein vorgelcsen wurde. Voller Wut rief Stöcker diesen Bravorufern zu: ,.So gehen Sie docl! hinaus, und stellen Sic sich neben einen Haufen Mist, dann haben Sie Ihr Denkmal für Heine!" Der Mann hat grosse Talente gehabt, cs hätte etwas aus ihm werden können, aber ״die heiligsten Gedanken werden zu Dreck", wo er sie bearbeitet; seine Gotteslästerungen sind himmelschreiend!! Nur verblendete Juden, sittenlose Deutsche, vatcrlandslosc Sozialdemokraten wünschen ein Denkmal für Heine." Ein!'einer Mann der Herr Hoipredigcr! Immer langsam voran Steffin. Die Gründung einer jüdischen Lesehalle beschäftigt seit einiger Zeit die hiesigen jüdischen Kreise. Während in vielen grossen und selbst in manchen kleinen Gemeinden dem «Bedürfnis nach Belehrung über die vielseitigen Fragen aus dem Gebiete des jüdischen Lebens durch Errichtung von öffentlichen Bibliotheken und Lesehallen Rechnung getragen wird, entbehrt Stettin jeder derartigen Institution. Innerhalb der Stettiner Zionistischen Vereinigung war die Gründung einer Lesehalle wiederholt angeregt, aber mit der Motivierung vertagt worden, dass es sich hier um eine Aufgabe der Gemeindeverwaltung handle, der sich diese nicht mehr lange entziehen könne. Auch im Verein für Jüdische Geschichte tmd Literatur war die Angelegenheit zur Sprache gekommen, ohne indess dadurch wesentlich gefördert zu werden. Immerhin durfte man annehmen, dass die Anregung nicht ganz fruchtlos geblieben sei, zumal der Vorstand des Literaturvereins weitere Erwägungen zyfesagt hatte. Diese Erwägungen schienen denn auch ein positives Ergebnis gehabt zu haben, denn der Literaturverein hatte die Angelegenheit auf die Tagesordnung einer auf den 20. Februar einberutenen Versammlung gesetzt. Der unge- Munde der christlichen Haute volec gegenüber, die bei ihm verkehrt, Unannehmlichkeiten zu haben, hat doch der kleine Kerl die Frechheit, ihm zu iragen: ״Und wann findet die Schmattine statt?" ״Da war es natürlich aus, und er hat ihn rausgeschmissen?“ ״I, was, Herr Ilio, der Bernstein, der ist nicht so energisch wie Sie. Der hat ihm sogar noch gute Worte gegeben, dass er bleiben tmd den Unterricht weiter geben solle. Der Bengel hat noch die Chutzpc gehabt, ihm zu sagen, er verkehre ganz gern bei Juden und ebenso gern bei Christen, aber nicht bei Leuten denen der Handel mit alten Hosen noch so sehr im Blute stecke, dass sic in Ermangelung eines solchen mit abgelegten Religionen handeln." ״So klein, wie er ist,“ meinte Herr Ilio, ״so frech ist er!“ ״Aber taufen lassen muss man sich auch nicht,“ warf Bankier Jakob ein. ״Hat sich denn Bernstein taufen lassen? Nein, nur den Jungen, dem sonst die Karriere abgeschnitten wäre! Das kann man*ihm nicht verdenken. Bernstein ist übrigens ein ganz guter Jude. Er ist doch sogar Reprä¬ RUNDSCHAU wohnliche starke Besuch dieser Versammlung berechtigte zu dem Schlüsse, dass diesem Gegenstände der Beratung allgcmeines Interesse entgegengebracht werde. Wenn man aber erwartet hatte, dass der Vorstand des Literaturvereins vorbereitende Schritte getan habe, um das geplante Unternehmen ins Leben zu rufen und nunmehr der Versammlung bestimmte Vorschläge unterbreiten werde, so sollte man eine starke Enttäuschnng erleben. Der Vorsitzende erklärte nämlich, es handle sich fiir heute Abend lediglich darum, festzustellen, ob ein Bedürnfis lind ein Interesse fiir eine Lesehalle vorhanden sei, eine Frage, die angesichts der zahlreich besuchten Vcrsammhmg als im voraus beantwortet gelten durfte. Ein Vorstandsnütgl.cd, welches beauftragt war. mit dem Vorstände der Syn ago^engeiueimlc wegen Überlassung eines Zimmers fiir die Lesehalle in Verbindung zu treten, hatte es nicht für nötig gehalten, ii: der Versammlung zu erscheinen. Ueber den Erfolg seiner Mission scheint der betreffende Herr strengste Diskretion bewahrt zu haben, denn der Vorstand konnte nichts darüber berichten. Ein anwesendes Mitglied des Gemeinde- Vorstandes belehrte die Versammelten darüber, dass diese Körperschaft nur auf schriftliche Eingaben reagiere, so dass man doch nicht ganz ohne Bereicherung seines Wissens die Versammlung verlassen musste. Es darf indes bezweifelt werden, ob diese Belehrung aus der Vcrwaltuugspraxis auch von dun Anspruchslosesten als eine Entschädigung für den sonst völlig negativen Verlauf der Debatte angesehen worden ist. Dass diese hei der geschilderten Stellungnahme des Vorstandes zu keinem Resultate iiihren konnte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Sie verlief im Sande und mau hat seither von einer Tätigkeit des Vorstandes für die Lesehalle nichts mehr gehört. Ob er die Angelegenheit weiter ״in Erwägung zieht" oder ad calendas graecar, zu vertagen gedenkt, ist vorläufig sein Geheimnis. Alan wird nicht umhin können, die bisherige Be* hattdlung der Sache und insbesondere die Stellung der Be* dfirfnisfrage als völlig verfehlt zu bezeichnen. Einer Gemeinde von der Grösse der Stettiner eine so völlige geistige Bedürfnislosigkeit zuzumuten. tun eine jüdische Lesehalle als zwecklos erscheinen zu lassen, geht doch wirklich nicht an. Ebensowenig darf aber angenommen werden, dass jedem einzelnen die Hilfsmittel zu Gebote stehen, sich über die Vorgänge innerhalb der Judcuhcit. die mannigfachen Zeit- und Streitfragen der Gegenwart, wie über die so ruhmreiche tmd'lcidvolle Vcrgaugenheit des Jüdischen Volkes zu unterrichten. Hierzu bcdar! es jüdischer Bibliotheken und Leseinstiuite und diese zu schaffen, ist ebenso sehr eine Aufgabe der Gemeinde, wie die Unterhaltung von Schulen und Kultureinrichtungen. In früheren Zeiten hatte jede Gemeinde ihr Betli Hamidraseh. heute sollte keine Gemeinde ohne öffentliche Bibliothek und Lesehalle sein. Das ist eine Forderung, der mau sich auch in Stettin auf die Dauer nicht wird entziehen können und die immer wieder zur Debatte gestellt werden muss. H. Jacob. Das Provlnzlalschulkolleglum zu Berlin bat folgende Vcr- {itgung getroffen: ״Die Teilnahme von Schulkindern, deren Eltern einem anderen Bekenntnisse angehören, an dem allgesentant der Jüdischen Gemeinde tmd trotzdem er Stadtrat ist, kommt er jedes Jahr ein paar Male zur Sitzung. Der Meerlündcr ist eben orthodox und darum dem Bernstein aufsässig, der ehrlich liberal ist!" Unter allerlei solchen und ähnlichen Gesprächen waren sie beim Hotel de Rome angekommen und Ben* JckuticI nahm Abschied, um sein Schlafzimmer atifzu- Stichen. . . . Als der junge Mann sein Zimmer betrat, fand er sein Bett bereit, ihn aufzunehmen. Ehe er aber schlafen ging, setzte er sich ans Fenster und betrachtete den Himmel halb in Tränen versunken. Oben am Himmel leuchteten und flimmerten blass die Sterne . . . weit, weit in blauer Ferne. Und der Abcndstcrn fragte ihn: ״Kennst du mich noch? Denkst du, weil ich so blass bin, da bin ich nicht mehr derselbe Abcndstcrn ... 0, ich bin noch derselbe, nur im Norden ist es so kalt, dass ich mich erkältet habe ,und davon bin ich so blass! Aber warte nur, wenn wir wieder nach dem schönen Palästina zuriiekkommen, da will ich wieder gesund werden und dann will ich leuchten, dass cs eine Freude sein soll!"- (Fortsetzung folgt.) .