Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1906)
- Date
- 1906-03-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- •י .#v-. I |! No. 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite Hl Sehr gewissenhaft befolgen sie die Gesetze der Reinigung durch Bäder und Waschungen•, sobald sic einen Andcrsglüubigen berührt haben, müssen sie sich den ganzen Tag bis zum Abendbadc allein halten. Dank dieses strengen Gesetzes sind sie geschützt gegen alle Arten der unter der abessinischen Bevölkerung verbreiteten ansteckenden Krankheiten. Ebenso beachten die Falaschu-I rauen strengstens jeden!Monat die N'iddü• Gesetze und nach der Niederkunft und zu jenen Zeiten bleiben sie isoliert. Bei den Falaselias ist weder die Vielweiberei noch das Konkubinat geduldet, wenn auch das mosaische Gesetz diese nicht untersagt; der Mann, die Frau und die Familie machen also einen durchaus einheitlichen Haushalt aus. Die Frauen gehen nicht verschleiert w ie die Mohammedanerinnen aus. sind dagegen auch nicht aut das Haus beschränkt wie die Abessinicrinnen.. Sic sind fast völlig frei, und trotz dieser Emanzipation von grosser Bescheidenheit, wie alle Reisenden bestätigt haben. Bei den Versammlungen der Männer, zu welchen sie zugelassen werden, erörtern sie mit ihnen alles, was das bürgerliehe Leben berührt, ebenso nehmen sie an den Leiden und Freuden der Gesamtheit und der einzelnen teil. Sie helfen auch ihrem Manne bei seinen Arbeiten und steuern ihren Anteil zur Erhaltung der Familie und der Kinder bei. Die Falaschas vollziehe!! die Beschneidung an beiden Geschlechtern; bei den mümilichcn ist das Datum strengstens auf den Beginn des achten Tages, d.!1. sogleich nach Ablauf des siebenten festgesetzt. Sie darf nicht am Sonnabend stattlinden, weil sie als Arbeit angesehen wird. Zu Ostern gemessen sie selbstverständlich Mazzit und trinken weder Bier noch andere in Gäiirung übergegangene Getränke. Beim Schlachten eines Tieres oder Ausiiben der Sche'hitä beobachten die Falaschas von dem Ritus der Juden ganz abweichende Formalitäten; wie wir halte!» sie darauf, den! Fleische das Blut zu entziehen. Sie essen cs nicht, nach der wilden Sitte der Abbcssinier, roll. Diese Enthaltsamkeit schützt sie vor der Tenia. einer Krankheit, an der die meisten anderen l.andesbewohner leiden. Sie vermeiden sogar gekochtes Fleisch, oder essen es doch fast nur am Sabbat und anderen Festlichkeixen. Ehe sie sich zu Tisch setzen, waschen sie sich die Hände und sprechen einen kurzen Segen, während sie das Brot brechen; nach der Mahlzeit folgt wieder Händewaschen, sowie ein Scliluss-Segcnssprucli. Die Falaschas tragen die Kleidung der übrigen Abessinier: Hemd. Beinkleid und darüber einen Mantel. Alle gehen bariuss, wenig darum besorgt, ihre Zehen in eine lederne Bekleidung oder Stoiibitidci! zu zwängen. Draussen sowohl wie In! Hause sind sie stets ohne Kopfbcdcckung, auch in der Synagoge; nur die Priester tragen einen Turban aus weissem Tuch. Sehr sorgfältig achten sie aut die Reinlichkeit ihrer Kleidung, auch bei der Arbeit. Am Sonnabend und an hohen Festen ziehen sie Feiertagskleider an; die Frauen sowohl wie die Kinder, erscheinen reich gekleidet und mit ihrem Schmuck geputzt: 111 Abessinien werden die Handwerke gewöhnlich nur von den Falaschas ausgeübt, sic sind Ackerbauer, Schmiede, Maurer, Architekten, Kunsttischler, Weber, Töpfer etc. In früheren Zeiten war der Ackerbau ihre besondere Beschältigung; da man ihnen aber seit etwa f ii n f z i g. J a I! r e 1! ihren Land b e s i t z*) g e n o m m e 11 11 a t, waren sie gezwungen, für andere zu arbeiten und sind nur noch die Päciiter der Aeeker, die sie bebauen. Die Christen zwingen sie, alle landwirtschaftlichen Gerätschaften selbst zu stellen. Ihre monatlichen Arbeiten bringen sie in beständiger Verbindung mit den übrigen Einwohnern. Sic leben in gutem Einvernehmen mit Urnen, dem! erstlich braucht der Abcssinici den Juden, der ihm alle Bedürfnisse des täglichen Lebens liefert, und ferner kennt er (dieses Lob muss man ihm zuerkennen) den Rcligionshass nicht. Störte nicht die Tyrannei der Mcssionarc und der unw issenden Geistlichkeit, unterstützt von der Gewalttätigkeit der Oberhäupter (Räs) die Existenz unserer Brüder, so wären diese nicht allzusehr zu beklagen. Leider beuten diese Oberhäupter sic aus, misshandeln sie, und um siel! die Ounst der Bauern zuzuzieheti. zwingen sic sic. Kirchen zu bauciu am Sabbath zu arbeiten und verbotenes Fleisch, ״tref", zu esse!!. Daher die so bedauerliche Folge, dass sie schliesslich itt ihrem Elend, in ihrer seelischen Be- | drängnis den Eingebungen der Missionare ihr Ohr leihen, die! bei ihnen ein leicht zu eroberndes Feld finden. So zahlt inan! heute die ״bekehrten’׳ Falaschas zu Tausenden. Die Falaschas sind aber wirkliche Juden; sic haben dieselben Bestrebungen wie wir und glauben gleichfalls an die Zukunft unseres Volkes; in diesem Glauben haben sie durch das Vergangene gelitten; ihr Glaube an diese Zukunft gibt ihnen die Kraft, den Verfolgungen der gegenwärtigen Stunde zu widerstehen; sic bilden ent intelligentes, tätiges, ihrer Umgebung iigbcrlcger.es Volk: eine von allen Forschen!, ja selbst von den Missionaren anerkannte Tatsache; sie verdienen daher, dass sich ihre StannncsKcnosscii j für sic interessieren. { Die beiden Jünglinge, von denen oben die Rede war. i sind ungefähr 20 Jahre aiu da sie keine andere als die heutige äthiopische Sprache, das Ainharische sprechen, wusste mau | nicht recht, was man bei ihrer Ankunft in Paris mit ihnen machen sollte. Obgleich sie von schwarzer Gesichtsfarbe sind. 1 haben sie nicht das plattgedrücktc Gesicht der afrikanischen t Neger; ihre Ziigc sind fein, die Augen lebhaft und geweckt, der I Körper kräftig und geschmeidig: sie ähneln sehr den Sclnvarj zen des englischen Indiens. Sie hatten nur den einen Wunsch: I die jüdische Religion Europas zu lernen; das Komitee der! Alliance dachte, dass ein Aufenthalt in der Ecolc pröparatoirc (Vorbereitungssehule) itt! Kreise von jungen Leuten ihres Alters sie schnell fördern würde. Sie fühlen sich, wie cs scheint, sehr wohl in der Schule, arbeiten mit Eiter und wissen sich schon ganz trefflich im Französischen auszudrücken. Ihre Kameraden nehmen sich ihrer mit Teilnahme *) Abessinien ist wie Russland und Rumänien ein Christlieber Staat. Frau ein Mann wäre, wenn man sie sollen könnte. Das I kam aber daher, weil er in der Schule kein Latein gelernt hatte, und auch die Reimrcgeln aus der Ztnnpt'schen Grammatik nicht kannte. Herr Abraham bemerkte seine Nachdenklichkeit, und da er Börscnmatm war, so konnte er Gedanken raten. Das nämlich körnten alle echten Börscnleute, und zwar raten sie die Gedanken teils richtig, teils׳ falsch. Da sagte er zu Ben-Jckutiel: ♦ f ״Sehen Sie, Herr Ilio ist überhaupt Raritäten- Sammler. Und seine Frau ist deshalb auch eine'wahre Rarität.“ Das brachte nun Herrn Ilio aut seine Raritäten, und das sind Sachen, die man nicht gebrauchen kann. Und er erzählte, er habe jetzt eine Bronzefigur gekauft, die einhundertzwanzig Mark wert sei, für die er aber nur vierzig gezahlt habe. Sic stelle einen Beduinen vor. der auf einem türkischen Teppich sitzend, im Koran lese. Der Hauslehrer, den er für seine Jungeiis halte, habe ihm gesagt, der Koran sei nicht bloss richtig und gcnau, sondern die erste Sure mit so ausgezeichneten Typen gemalt oder geschrieben, dass der alte Dielerici seine helle Freude haben würde, wenn er cs sähe. Man I muss sich direkt wundern, wie so etwas überhaupt so schön in Bronze dargestellt werden könne. Und damit fuhr er fort: ״Sehen Sie. ich kann den kleinen Juden. | der meine Jungens unterrichtet, nicht im Hause behalten. Ja, ich wusste Jarnicht, wen ich da habe. Denke!» Sie , nur, er ist ein Orthodoxer von der Gipsstrasse. Der verdirbt mir die Jungens. Die beiden hängen an ihm, — es : lässt sich gar nicht beschreiben; und der Kerl benutzt j seinen Einfluss auf die Jungens, um sie in die Syna- ן gogen zu führen, und ihnen all den Aberglauben beizu-; bringen, den mein Schwiegervater in Brody nicht mehr ן glaubt. Natürlich lasse ich ihn jetzt gehen, er mach׳ — und dabei sah er sich vorsichtig um auf der Strasse, ' ob es nicht zufällig jemand höre, was er sage, — mir zuviel RiscUns im Hause 11ml überall -- ״jetzt aber wird J mir der Direktor des Willielmsgynmasiums einen evangelischen Theologen als Hauslehrer schicken, der wird schon alles wieder ins Gerade bringen.“ ״Den kleinen Meerländer kenne ich ebenfalls,“ sagte Herr Bankier Abraham. ״Fr hat einmal bei Bernstein den ältesten Jungen unterrichtet. Wie der Vater den taufen liess und den! kleinen A^ccrländer das vorher mitteiltc, um nachher nicht von dessen ungewaschenem