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Jüdische Rundschau · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 140 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 10 schreite nicht’) im Dialekt der Ptuvinz Quouara, einer Abart ׳ der Agou-Spraclie, die einstweilen von den Falasclias während J ihres Aufenthalts in dieser Provinz gesprochen wird. ן Die Falasclias bewohnen in geringer Zahl den Tigris, die j Provinzen Chirö und Adiabo; cs sind auch .einige Familien in י den Provinzen Tenibien und Knderta zerstreut. Zahlreicher! sind sie in Amhara, den Provinzen Lassa, Belesta. Dcmbea,! Djaniankera, Arnuitcficho, Woghera, Semieii. Endlich bewohnen sie, wenn auch weniger zanlreicli, die! Provinzen Godjani, Choa und die Gebiete der Gallas. ' Was die Sprache betritft, so sprechen sie das Amharische ' in den Provinzen von Amjara, am rechten L'ier des Teccazie j und Tigrina (ebenfalls einen Abkömmling der Ghe'tz-Sprache) in den Provinzen Tigre, am rechten Uier des Teccazie. Der Owarena-Dialekt, der ron Halövy und anderen Abyssinienj Reisenden als National- und Ursprache der Falasclias bezeich-; net wird, wird nur noch in der Provinz Kwuara und deren J Umgebung, und dort ebenfalls von der übrigen Bevölkerung , gesprochen, fn Dcmbea und Senden findet man noch Kalten (Priester) und Dcbtera (Gelehrte) und einige Greise, die in j diesem Dialekt sprechen; die jüngere Generation kennt ihn : gar nicht. j Da das Amharische heute die Landessprache Abyssiniens ן ist, so sprechen die Falasclias ausser dem Idiom, das aus- 1 schliesslich in gewissen Provinzen gesprochen wird, auch das! Ainharisclie, was ihyyn eine gewisse Superioritat verleiht. Die i hebräische Sprache ist ihnen völlig unbekannt; s׳'e wissen nicht! einmal, dass man sich ihrer heute noch bedient. « Die Falasclias behaupten, dass sie dem jüdischen Stamme j angehören und von unseren Stammvätern Abraham, Isaak lind Jakob abstammen. Ihre afrikanische j'arbe, ihre mehr oder weniger schwarze Haut scheinen, äusserlich betrachtet, dieser j Abkumt zu widersprechen; indessen die Feinheit ihrer Züge. der lebhafte Geist, der aus ihrer Physiognomie leuchtet, der; hartnäckige Widerstand, den sic während Tausender von Jahren ' den umgebenden Völkerschaften entgegengesetzt haben, die | Beharrlichkeit in ihren religiösen Ucbcrzeuguugei», rechtfertigen | ihre Behauptungen. } Die Vornehmheit ihrer Abstammung wird selbst von allen! ihren christlichen Landsleuten bestätigt, von Muselmännern! Heiden, die ihnen aus diesem Grunde grosse Hochachtung hej zeigen. j Die Religion, zu der sich die Falasclias bekennen, ist der j Mosaismus, verändert durch ihre religiöse Literatur.! Obgleich die Falaschas die mündlichen Ueberlieferiuigen j nicht kennen, die der Talmud ausspricht, besitzen und bcob-; achten sie einige rabbinischc Traditionen. So bilden sic eine j besondere Sekte, die nicht mit den Karaiten und noch weniger j mit den Samaritanern zu verwechseln ist. i Unter Falschas selbst bestehen weder religiöse noch j Klassen-Unterschiedc. Auch die Kahens und Debteras, obgleich | den anderen durch ihre Bildung überlegen, arbeiten wig alle *) Eine Anspielung auf das Verbot, am Sonnabend ein fliessendes Wasser zu überschreiten. im Tagesberufe. Indessen erhalten sie bisweilen. Geschenke von den Laien als Entschädigung für den Unterricht, den sie der Jugend erteilen, denn den Falasclias liegt nichts so sein am Herzen als die Ausbildung ihrer Kinder. Die Debteras versammeln die jüngsten Schüler um sich und geben ihnen Elementarunterricht; derselbe besteht darin, dass sie Bibel in der Ge'ez-Sprache (der altätliiopischen, dein semitischen Sprachstamme angehörigcn Sprache) lesen und in das Ortsidiom iibersetzencu1ul dass sic die heilige Geschichte lesen. Zur Vervollständigung dieser Anfatigsstudiei! lehren die Kahen die älteren Schüler Gebete, begleitet von religiösen Gesängen. Diese Gebete atmen tiefe Frömmigkeit, vereint mit eifrigern Glauben an eine bessere Zukunft für Israel und die ganze Welt, eine Zukunft, welche die Wiederherstellung der jüdischen Nationalität und in der Foige des Weltfriedens verwirklichen soll. Sie bitten darin Gott, sic 11 a c 11 Jerusalem, ihre 111 Mi uttcrlandc, zur ii c k /. 11 f ii 11 r e 11. Um ihre Gebete zu sprechen, versammeln sic sich in ihren Synagogen, die man Mesdschid oder Bictc-Egriabcher (arab. Muschel!) nennt, wie auch in Privatliäiisern, hei einem Kahen oder einem Dcbtera. bisweilen sogar unter freiem Himmel, zum Beispiel am Piitigstfeiertage, auf einem Hügel, zur Erinnerung an die Gesetzgebung auf dem Berge Sinai. Der Sabbat wird bei ihnen strenger als bei den anderes jüdischen Sekten beobachtet. Sie haben übrigens dieselben religiösen Feste wie wir. ausser den nationalen halben freiertagen, Chanukka und Purim. Allein diese fallen nicht immer auf dieselben Daten, sondern mit einer Abweichung von einem bis zwei 'Jagen. Iler Kalender ihres Rcligionsjahrcs gleicht dun misrigcn. aussei d.;>s er immer den ersten Afonat nach dem Neumond rechnet, ohnc auf den zweiten oder dritten Tag zuriickzugciien. wie es bei uns oft geschieht. Sie ieiern auch einige monatliche Halbicste zur Erinnerung an die grossen jährlichen Feste, ein Gebrauch, der sich auf ihre apokryph!- sehen Bücher gründet. Sie kennen die Fasttage zum Gedächtnis au die Zer- Störung Jerusalems, aber merkwürdigerweise sind die Daten nicht dieselben wie be;Jen übrigen Juden. Anstatt am 17. Tannnnz und am 9. AI־:: fasten sie am 9. Tammfiz und am 17. Abh; ferner fasten sie während der ersten Tage des Tammfiz bis zum 9., 11: J des Abh bis zum 16., ein Irrtum, der von einer chronologischen Verwechslung lurrührt. Das Fasten am 17. Abh und Järu-Kippfir wird sehr streng beobachtet; Greise, sowie Kinder vom S. Jahre an müssen sich, der Speise von dem Vorabend bis zum Abend des folgenden Tages enthalten. Die Frommen fasten ebenfalls am Montag und Donnerstag jeder Wiche. Sic verbringen die Festtage mit Beten und Hersagcu von Psalmen. Sic bringen keine Tiere mehr zum Opfer, oder, wie es früher hiess, Bussopfer; nur der Gebrauch, ein Lamm atn Osterabend zu schlachten, ist geblieben. Sie töten auch ein Tier zu verschiedenen Trauerzeiten, was sie als Korban (Opfer) betrachten. Plakat, das auf blauem Papier gedruckt war. Das sagte zu Ben-Jekutiel: ״Sieh einmal mich an!“ Da sah er es an. Und das Plakat sagte zu ihm: ״Heute Abend findet in den Gerniauiaiestsäleu ein antisemitisches Volksfest statt, und ein Rcichstagsabgcordneter hält die Festrede. Sichst du, so etwas gab cs doch vor zweitausend Jahren noch nicht. Damals waren auch die Leute noch dumm. Jetzt sind sie klug, der Reichstagsabgeordnetc aber ist der Allerklügste Der weiss nicht bloss alles, was geschieht, sondern noch ein gut Teil mehr, und das können nicht alle Leute.“ Da fragte Bcn-Jekutiel, was das sei ״antisemitisch.“ ״O", sagte Herr Abraham als Antwort, ״Sic Glücklicher, der Sie nicht einmal das W’ort ״Antisemit־* kennen Ja, sehen Sie, wie soll ich mich doch gleich ausdrö» ken? Nun ja, Antisemiten, das sind Leute, die auf die .luden schimpfen, und etwas Besseres zu sein meinen, als die Juden." ״Ah, dann sind Sie ja selbst Antisemiten? Sie, Herr Abraham, und Sie, Herr Jakob?" ״Wir können doch keine Antisemiten sein,“ lachte Herr Jakob, ״wir sind ja Juden“ und das verstand Ben- Jekutiel nicht. In diesem Augenblick kam ein Herr um die Ecke der Strasse, und der wurde dein hebräischen Jüngling als Herr Bankier llio vorgestellt, und das benutzten die beiden anderen, tim sich über seinen Namen lustig zu ן machen. | ״Nun Otto," fragte ihn Herr Jakob, ״wie geht’s j zu Hause, ist deine Frau mobil?“ I ״Ich danke Alfred", war die Antwort, ״sie ist soweit! gesund. Aber ich werde sie doch nach Marienbad | schicken. Die vielen Sorgen setzen gar zu viel Fett an.“ | ״Wissen Sic, Herr llio,“ mischte siel} Herr Abra- * ham in die Unterhaltung, ״eigentlich ist Ihre Frau gar 1 keine Frau, wenigstens nicht nach der alten Zumpt'scheii Grammatik: ״Was i o hat, nimm männlich an, Wenn man es sehn und fühlen kann!“ Und da lachte er; denn er glaubte einen Witz gemacht zu haben, und die beiden anderen lachten auch; denn sie glaubten es ebenfalls. Bcn-Jekutiel aber lachte nicht, denn er wunderte sich, was für ein Ding eine Zumpt'schc Grammatik sein könnte, nach der eine

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