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Jüdische Rundschau · 1906-03-09 · Heft 10 (9.3.1906) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 10 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 10 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 130 Die stärkere Beteiligung der Juden am Wucher erklärt sich historisch aus dem alten Wucherprivileg. Eine den Juden während mehrerer Jahrhunderte anerzogene Unsitte lasst sich nicht über Nacht ablegcn. Uebrigens ist es gänzlich iinbcrechtigt, die Begriffe ״Wucherer" und ״Jude" als identisch zu behandeln, wie es vielfach geschieht. Im Jahrzehnt 1892—1901 wurden jährlich von 100 000 Juden nur 1,2 wegen Wuchers verurteilt, d. h. im ganzen Deutschen Reiche noch nicht 7. Dass die Zahl der Verurteilungen vom vorletzten zutn letzten Jahrzehnt um fast die Hälfte gesunken ist, wurde bereits hervorgehoben. Noch einige Delikte, bei welchen die Juden ungünstiger dastehen als die Christen, sind zu erwähnen. Zunächst die wissentliche Verletzung von Abspcrrungsinassregelu bei Viehseuchen. Dass die Juden sich ausserordentlieh viel mit dem Viehhandel beschäftigen, ist bekannt. Ebenfalls mit ihrer Tätigkeit im Handel hängt die grössere Zahl der Verurteilungen von Juden wegen Herstellung und Feilhaltens gesundheitsschädlicher Nalirungs- und üemissmittcl zusammen. Uebrigens ist hier die Kriminalitätsziffer geringer geworden. Diese beiden Delikte gehören in die Gruppe der ״gemeingefährlichen" Delikte. In der Kategorie ״andere gememgefährliche Verbrechen und Vergehen” sind die Juden im Jalu• zelmt 1882—1891 gar nicht, im folgenden Jahrzehnt dagegen etwas stärker vertreten als die Christen. Hierher gehören eine ganze Anzahl selten vorkommender Delikte 32327 ,1־, 312-31318 ,318 ,317 ,1־a, 320 - 323, 326, 329, 330 des Strafgcsetzbuchs). Auf Grund aller dieser Paragraphen zusammen wurden von 100 000 Juden 0,71־ verurteilt, also etwa *1 in. ganzen Reiche. Wir wissen auch garnicht, auf welche jener Delikte die Verurteilungen entfallen. Schliesslich ist noch die aktive Bestechung zu nennen. Doch haben die Verurteilungen von Juden ganz erheblich nachgelassen. Wir müssen noch einmal auf die Eidesdeliktc zurückkommen. Dass ihre Zahl für die Juden günstiger wird und sehr bald die niedrigere Ziffer bei den Christen erreichen wird, wjirdc oben ausgeführt. Es fehlt noch eine Erklärung dafür, dass die Ziffer augenblicklich noch höher ist als bei den Christen. Die Erklärung liegt wiederum in der starken Beteiligung der Juden am Handel. Dies wird auf den ersten Blick nicht einleuchten, ist aber dennoch richtig. Die weitaus grösste Zahl der falschen Eide sind nämlich Eide, welche int wussten kaum, ob sie es iür Ernst nehmen sollten oder nicht. Herr Abraham war der erste, der sich zu fassen wusste, und indem er versuchte, die ganze Geschichte I als einen Spass hinzustellen, gelang cs ihm wenigstens, zu verhüten, dass sich etwa sofort ein grosser Schwarm Neugieriger sammelte. So gelang es ihm auch, die beiden, seinen Freund Jakob und ßcn-Jekutiel, von dem Orte wegzuführen und den Frieden wieder herzustellcn, bis sie nicht fern von dort an einer Anschlagsäule Halt machten. ״Sehen Sic, Herr von Jekutiel.“ begann sein alterer Freund, ״solche Anschlagsäule zeigt so recht in einfach-drastischer Weise, wie weit wir es eigentlich im neunzehnten Jahrhundert gebracht haben. Davon wird inan sich bei Ihnen im fernen Asien kaum eine Vorstclhing .machen können. Sehen Sie es sich nur ja genau an, dort das Plakat von der Urania und hier den Anschlag von der Gesellschaft für ethische Kultur. Zwei solcher Anzeigen, so gcschäftsmässig sic auch sein mögen, sie zeigen doch so recht deutlich den riesigen Abstand zwischen der heutigen Zeit und der Vergangenheit. Da las ßcn-Jekutiel den Anschlag der Urania, Zivilprozess geschworen werden. Und bei den Zbilprozesscn sind Kauflcutc, zumal selbständige, mehr beteiligt als andere ßerufsaugehörige. So ergibt sich auch aus der Statistik, dass von den wegen Verletzung der Eidespflicht Verurteilten 5*1,73 Prozent dem Handel und der Industrie angchörtcn (nach Ruppin a. a. O.). Wir haben uns bisher ausschliesslich mit denjenigen Dehkten beschäftigt, hei welchen die Zahlen für die Juden ungünstig aussehen. Und trotzdem ist das Bild, welches wir von der Kriminalität der Juden gewonnen haben, kein ungiitistiges. Wir sehen, dass sich die Verurteilungen von Juden dort, wo sie zahlreicher sind als die von Christen, entweder verringern, oder sich ohne weiteres durch die Verschiedenheiten im Berufe und der sozialeu Stellung erklären. Dies sollte hier namentlich gezeigt werden. Dagegen sollen alle diejenigen Delikte, bei denen die Juden in der Kriminalstatistik mit einer niedrigeren Ziffer als die Christen verzeichnet stellen, nicht im einzelnen besprochen werden; doch muss zur Vcrvollständigung des Gesamtbildes hervorgehoben werden, dass die Christen an sämtlichen oben nicht aufgeiührten Delikten stärker beteiligt sind als die. Juden. Zu diesen Delikten gehören: Hoch- und Landesverrat, Majestätsbcleidigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Hausfriedensbruch, Arrcstbruch, Miinzverbrechcn, Personenstandsverletzung, die schweren Sitt• lichkeitsdcükte, die Tötungsdelikte, Abtreibung, vorsätzlich(. Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung, Diebstahl. Unterschlagung. Raub, Begünstigung, einfache Hehlerei, Sachbe- Schädigung, Brandstiftung, passive Bestechung, Unterschlagung im Amte. Wegen einer ganzen Reiche von Delikten wurden überhaupt keine oder nur so wenig Juden verurteilt, dass sich in der Statistik die Durchscluiittsziifer 0 findet. Einige von diesen Delikten sind: Hoch- und Landesverrat, Ulzucht unter Missbrauch eines Vertrauensverhältnisses, Mord, Kindesmord, Aussetzung, Vergiftung, Entführung, vorsätzliche Transportgetährdung, Dynamitverbrechen, passive Bestechung. Die Falaschas (Schluss.) Die Juden von Abyssinien werden Falaschas genannt, und zwar haben sic diesen, ihnen von ihren Landsleuten gegebenen Namen selbst angenommen. Wie sie sagen, heisst der Name Falascha verbannt, zugewandert. Man nennt sic auch Kailas. ein Wort, dass nach der Erklärung Abbadies bedeutet: Ucber- ' und das heisst wörtlich ״die Himmlische“, denn das ist! ein griechisches Wort. Und Ben-Jekutic! verstand das ן Wort sehr wohl, denn er hatte griechisch gelernt und hatte alle griechischen Dichter und Philosophen fleissig gelesen. Und auf dem Anschläge stand, dass man in der Urania sehen könnte, wie man mit einem Schiffe fahren könne, ohne Segel zu haben, und das nannte Herr Abraham einen Dampfer; und dann könnte matt dort sehen, wie Gott die Gebirge gemacht hätte und die Meere getrocknet ,und das glaubte er nicht; denn Gottes Worte und Werke Hessen sich nicht bildlich darstellen. Und auf dem anderen Plakate stand, dass ein Professor ~~ und das bedeutete einen grossen Schriitgelehrten — den Leuten beweisen wolle, dass man nicht nur nicht betrügen und nicht stehlen solle, sondern dass es auch nötig sei, dem anderen zu helfen. Da wunderte er sielt, dass man das den Leuten erst beweisen wolle: Das hatten doch alle seine Landsleute schon vor zweitausend Jahren auch ohne Professor immer befolgt. Dann aber dachte er bei sich: ״Wahrscheinlich ist die Welt darum So weit fortgeschritten, weil man jetzt einen Professor hat, der das sagt." Unten aber an der Säule stand ein ganz grosses

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