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Jüdische Rundschau · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · page 16

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 134 JÜDISCHE RUNDSCHAU ats6 die Kräfte noch mehr zersplittern, womit doch nichts erre^ht wird? Niemand, gleichviel welcher Nationalität, Konfession oder Partei er angchören mag, der es mit der Bessernhg der miserablen wirtschaftlichen Lage der Handlungsgchilien wirklich ernst meint, wird die Gründung einer HandfUngsgehilfen-Organisation auf nationaler Grundlage empfehlen, sondern eine solche Zersplitterung möglichst hintertreiben und bekämpfen. Wir Juden in der Ostmark empfinden am besten, welch grosser Fehler cs ist und wie grossen Schaden cs bringt. Wenn man nationale Fragen oder Kämpfe auf das Wirtschaftsgebiet überträgt. Wir Juden finden es unverständlich, wenn selbstbewusste Deutsche in chauvinistischer liebertreibung insericren: ״Deutsche, kauft bei Deutschen“, und umgekehrt: ״Polen, kauft nur bei Polen", und da sollet! wir nationale, parteipolifische Bestrebungen mit sozialpolitischen Interessen verquicken? Geradeso wie der selbstbewusste Handlungsgehilfe bisher den Deutsch-nationalen Handlwtgsgchilfen-Verband vor allem bekämpft, wfcil er sich auf völkischer Grundlage organisiert und dadurch einem Teil seiner Berufskollegen unmöglich macht, sich vereint zusammcnzuschliesscn. so wird auch der jüdisch-nationale Verband mit Recht bekämpft werden. Dem selbstbewussten jüdischen Handlungsgehilfen ist die Möglichkeit gegeben, sich seiner Individualität gemäss beruflieh zu organisieren, und zwar im ״Verein der Deutschen Kaufleute“. sic haben sich bis jetzt darin wohlgefühlt, wie ja Herr -G 0 $ t y n s k i in der JUEDISCHRN RUNDSCHAU ausgeführt bat.Dort kann er sich betätigen an dem Kampf gegen antisemitische Bestrebungen in unserem Beruf, denn stets hat diese Organisation, getreu ihren Prinzipien, dass cs innerhalb des Beruis keine nationalem konfessionellen und parteipolitischen Unterschiede geben darf, die Rechte der jüdischen Kollegen, seine Eigenart etc. aufs nachdrücklichste vertreten. i $d hat es auch der berufenste Zionist, den es gegeben und geben wird, gehalten, nämlich Dr. Th. Herzl. In seinem Werke über.' praktischen Zionismus ״Altneuland“ hat er uns den Kampf zwischen Oavcr und David Littwack geschildert, und zwar um folgendes für alle Zeiten auszuspreehen: ..Wirschaftliehe und soziale Institutionen müssen parteipolitisch neutral Sein.“ Also. Zionisten, richtet euch nach eurem grössten Lehrer und Führer, und hütet euch, berufliche, wirtschaftliche *Fragen auf nationaler Grundlage lösen zu wollen. Es ist dies *\Vasser auf die Mühle unserer grössten Feinde innerhalb unseres Bentfcs. des Deutsch-nationalen Handlunrsgehilfert-Vcrbandes. Äe suchen die Gründung eines national-jüdischen Verbandes zu begünstigen und halten sich in ihrem Verbandsorgan bereits darüber wohlwollend ausgesprochen. Dies allein schon sollte ein Grund sein, diese für die Lage der jüdischen Handelsangcstellten hojbbedeutsame Gründung nochmals einer sachlichen Prüfung za uütcrz'chen. gemäss dem Wahrspruch: ..Gott schütze mich vor. meinen Freundem vor meinen Feinden werde ich mich selbst schützen.“ » ' ..;Als selbstbewusster Jude, der auch Innerhalb seines Berefes für sein angegriffenes Judentum öffentlich eingetreten ist. und •als in der Handlungsgchilfenbcwcgung stehender jüdischer Handlungsgehilfe erkläre ich: Fin jüdischer Handlungsgehilfen- Verband, als wirtschaftliche Organisation gedacht, ist nicht lebensberechtigt und bildet eine .Gefahr für die jüdischen Berufskollegen und die gesamte Handlungsgchilfenbcwcgung. Nicht mit schön klingenden Phrasen und Redewendungen, welche für national-jüdisch denkende Männer besonders anrenehm klingen, wie es Herr Ascher in der letzten Nummer der JUEDISCHEN RUNDSCHAU getan, lässt sich eine solche Frage lösen, sondern nur eine sachliche Diskussion, unter obkkdiver Würdigung der bestehenden Verhältnisse, kann Klärung der Frage bringen, zum Segen für die jüdischen HandlungsgcblUen und die gesamte jüdische Kaufmannschaft. Posen. Sicgfr. Br . . dt. .*??י Jüdische Handlungsgehilfen- Organisation Auf das Eingesandt des Herrn G 0 s t y 11 s k i in No. 6 der JUEDISCHEN RUNDSCHAU erlaube ich mir. in Folgendem zu erwidern. Bemerken möchte ich Jedoch von vornherein, .dass Ich die Frage, ob es jetzt schon an der Zeit sei. jüdische Handlungsgchilfcnvercinc zu gründen, uncrörtcrt lassen möchte. Die Sache ist jedoch nun einmal angeschnitten word$n. $o da$$ c$ notwendig ist, wenn auch vor der Hand No. 9 theoretisch, schon am des Prinzips willen, sie zu erörtern. Kommen wird die jüdische Handlungsgehilfenbcwegung früher oder später doch einmal. — Herr Gostynski geht davon aus. dass die wirtschaftlichen Fragen nur durch gemeinsame Arbeit aller Handlungsgchilicn gelöst werden könnten und er me.nt. obwohl er zugeben muss, dass es bereits eine Anzahl Organisationen gibt, die Gründung einer jüdischen Organisation würde d e Spaltung nur vergrossem. Nun, die Spaltung bestellt also und d;e einzelnen Hartdhmgsgchilfenvercine befehden sich unter einander auf das heftigste, was ein jeder, der in der Bewegung steht, bcobachten kann. Das hindert die einzelnen Vereine, mit Ausnahme des Deutschnationaicn vielleicht, nicht, in Fragen allgemeiner Natur, also z. B. Sommcrurlaub, Arbeitszeit in den Kontoren. Handelsinspektoren etc. ungeachtet aller grundsätzlichen Verschiedenhciten zusammen zu Rehen und man kann sicher sein, dass eine selbstbewusste jüdische Organisation genau so sich au derartigen Angelegenheiten beteiligen wird, vielleicht umso eher, gerade weil sic eine jüdische ist. Herr Gostynski führt dann ferner aus. dass man sich davor hüten möge, das, was an den .,Deutschnationaicn“ so scharf bekämptt würde, nämlich das Hineintragen nationaler Momente in die .Berufsvereinc. auch bei uns Juden einzuführen. Nun, ich persönlich stehe auf dem Standpunkte, dass man cs dem sich ״arisch“ fühlenden Handlungsgehilfen durchaus nicht verwebreu kann, sich völkisch zusammenzutim. Wenn sie dabei die Parole der Judcnausschliessung aufstellen, ist das doch sicherlieh kein Unglück und meiner Meinung nach ganz gut. da dann verhindert wird, dass eine gewisse Sorte von Juden, die durchaus nichts zulernen wollen, steh den Ariern aufdrängen. Was ich bei den ..deutschnationalen Handlungsgehilfen“ bekämpfe, ist der wüste Chauvinismus, den diese Leute überall zur Schau tragen, und der sich den Juden gegenüber natürlich int Antisemitismus äussert. Wenn wir Juden uns jedoch national organisieren, liejt uns doch von vornherein jede agressive Tendenz fern: wir wollen uns nicht national s c p a - rieren. sondern uns nur national organi sicren. d. h. unsere nationale Organisation hindert uns nicht, im Nichtjuden einen gleichwertigen Ncbcnmcnschcn zu scheu. Betonen möchte ich hierbei noch, dass ich durchaus nicht die Hauptaufgabe der jüdischen Organsation in der Bekämpfung der Deutschnationaicn (Antisemiten) erblicke, sondern diese liegt meiner Meinung nach in der Erziehung zum Judentum, natürlieh neben der Wahrnehmung von Berufsintcresscu. Dass es einzelne Vereine gibt die Juden aufnehmen, und in denen es Juden sogar 7u Gencralratsmitgliedern bringen können, braucht doch uns nicht daran zu hindern, eine jüdische Organisation zu gründen. Gerade diese Vereine sind cs meistens, welche die jungen Juden der Assimilation in die Arme führen, und dies wollen wir verhindern. Und dann ist auch durchaus nicht die Gewähr vorhanden, dass die Vereine, die jetzt vielleicht, weil Juden einen gewissen Einfluss habet», judenfreundi:ch sind, nicht auch einmal antisemitisch werden. Der Antisemitismus kommt auch hier früher oder später einmal mit der eisernen Strenge eines Naturgesetzes, und so lange zu warten, bis man herausgeworfen wird, ist doch auch nicht jedermanns Sache. Dass die jüdische Organisation gerade von Juden bekämpft werden wird, ist keine neue Erscheinung. Auch der Zionismus fand bewusste Gegnerschaft nur aus den Reihen von Juden, die ihr Deutschtum - - nebenbei bemerkt: in Frankreich ihr Franzoscntum, in England ihr Engländcrtum usw. — dadurch zu dokumentieren glaubten, dass sie laut und lärmend Jede selbstbewusste jüdische Regung tot zu schreien suchten. Nun. die jüdischen Gegner des Zionismus haben geschricn und schreien heute noch, und der Zionismus existiert trotzdem. So wird es auch mit der jüdischen Organisation gehen. Das kann ich allerdings nicht verstehen, dass nationale, jüdisch gesinnte Handlungsgehilfen, selbst wenn sie im Verein der Deutschen Kauflcutc organisiert sind, die jüdische Organisation hekämpfen sollten. Das ist icdocU Geschmackssache und über Ocschntack lässt sich bekanntlich streiten.. — \\ 'as Herr Gostynski damit meint, dass den jüdischen Handlungsgehilfen in ihrer Gesamtheit Schaden erwachsen würde, wenn eine jüdische Organisation bestehe, ist mir trotz eifrigen Nachdenkens nicht klar geworden. Genau so müssten doch die gesamten Handlungsgehilfen darunter leiden, wenn I irgend eine ״neutrale" Organisation eine Forderung aufstellt. Das ist jedoch nicht der Fall, wie Herr Gostynski selbst zugeben wird, und deshalb ist eine Prophezeiung der jüdischen Organisation gegenüber wohl etwas gewagt und verfrüht. Dies Herrn Gostynski zur Widerlegung seiner Einwändc. Es gibt natürlich noch viele Gründe, die für eine jüdische

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