Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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S€ite:J>a_ JÜDISCHE iri Anbetracht der offenen aktiven Arbeit der Kojakcn, ganz überflüssig war. Sie wusste, dass unzählige Menschen ' die Heldentaten der Kosaken gesehen hatten und genau bcschrieben, wie die militärischen Brandstifter die Feuerwehr nicht heranliessen. sie wusste, dass die Kosaken selber überall sich ihrer Leistungen rühmten. Sic verbreitete jedoch das Gerücht nicht für Hornel, sondern für die Ferne, der man die Komödie zu erklären hatte; die nach dem Pogrom begann. ־ Denn als der ursprüngliche Plan der Provokation eines bewaffneten Aufstandes gescheitert war. griff die vor nichts zurückschreckcnde Bureaukratie zu einem anderen Mittel. Sie drehte den Spiess um. stempelte die Stadt zu einer aufrührerischen und führte eine Komödie sondergleichen auf. Von oben aber, von •Petersburg, wurde die Komödie noch weiter ausgedehnt. Hintereinander wurden drei Beamte nach Hornel entsandt, ein Generalmajor zur Beschwichtigung des Aufstandes, ein Generalmajor zur Untersuchung der Teilnahme des Militärs an den Ergebnissen vom 26. und 27. Januar u!!d ein dritter Abgesandter vom Ministerium aus hehuis allgemeiner Untersuchung. Als ob es nicht ein Leichtes wäre, derartige Zerstörungsprozessc von vornherein zu verhindern, wenn ’ man nur In Petersburg wollte. Wozu aber diese Untersucht!»־ gen. die höchstens eine Sammlung Akten zur Folge haben, immer noch ins Werk gesetzt werden, weiss wirklich niemand. da ihre Ankündigung kaum noch jemanden irrefiihrt. Aus der ganzen Komödie macht jedenfalls wirklichen Ernst der Generalmajor Orion, der die ״aufständische" Bevölkerung im Zaume hält. Schon die Nachricht von seiner bevorstehenden Ankunft hatte eine förmliche Flucht aller intelligenten Kräfte aus der Stadt bewirkt. Und er kam mit einem Pack voll Drohungen gegen die ,.Aufrührer", als w elche er alle bezeichnete, bei (lenen irgend eine Waffe gefunden werden sollte. Orloff arbeitet unausgesetzt daran, den Aufruhr zu unterdrücken, er lässt jedes Haus und jedes Wmkclchen untersuchen, oder er befiehlt eines Morgens, jeden Passanten anzuhalten und alles hei ihm Befindliche festzustellen. So sucht er und sucht den fingierten Auistand. ohne sich auch nur im geringsten um die Gewaltakte zu kümmern, die fortwährend von Erwressungsbauden an allen möglichen Stadteinwohnern verübt werden. . So schmachtet gegenwärtig Hornel unter der doppelten Last einer ausser Rand und Baud geratenen Militärmacht und -zügellosen Erpressungsbande. Mit Schreck schaut cs in die Vergangenheit zurück, mit Schreck schaut es in die Zukunft. Wir drucken diese wahrheitsgetreuen Berichte ah. mit der Präge an die vom Preussischen Staate offiziell subventionierte Judenmission, oh sie noch immer glaubt, uns zur .!Religlon” der Liebe” bekehren zu sollen und zu können. Pastor B i c I i n g wird antworten! Die Falaschas ,Herr Feitelowitsch, ein junger jüdischer Forscher, begab sich'iin vorigen ־ Jahre nach Abyssinien. um die Stämme der Falaschas in diesem Lande kennen zu lernen, die, wie cs scheint, seit der Reise J o s c p h H a I e v y s im Jahre IS67 kein europäischer Jude mehr besucht hat. während die jenteuitischen Juden noch immer in dauernder Fühlung mit ihnen stehen. Er hat einige falaschische Gruppen gefunden, welchedie Erinnerung an den Besuch Halevys bewahrt haben und der Bericht, den er über seine Forschungen veröffentlicht hat. ist besonders interessant durch seine Erzählungen über die falaschischcn Juden. Er denkt, dass die früher zahlreichen: glücklichen und bevölkerten Gemeinschaften langsam durch die. vereinte Tätigkeit der Missionare und der christlichen Häupter des Landes verschwinden müssen, wenn die Juden Europas ihnen nicht zu Hilfe kommen. Hier sind einige Auszüge aus dem Bericht Fcitelowitschv Am 20. Juni 1904 erreichte ich Adna, die erste Stadt des Negtts, die man auf dem Wege von Erythräa antrifft. Hier ist die Residenz des Dedschadscha Garessclassija, des Gcneral-Gouveuncurs dieser Provinz: als ich in diese Stadt kam. stellte ich mich dem stellvertretenden Kommandanten des Dedschadscha vor. da letzterer sich zu der Zeit im Lande Chous beim Negus befand. Dank den Empfehlungen, die ich für ihn hatte, nahm er mich gut auf und licss mich von einem seiner Offiziere mit seinen Soldaten bis nach Axuni begleiten. Dies ist die frühere Hauptstadt des ägyptischen Reiches und liegt eine halbe Tage- RUNDSCHAU ____No. 9 reise weit von Adua, wo. wie man mir gesagt hatte, einige Falascha-Familicn wohnten. Bei meiner Ankunft in Axuni, — der Hauptmann von Adua hatte mir eine Eskorte mitgegeben und mich dem Oberhaupt von Axuni empfohlen — stieg ich bei letzterem ab. Auch hier wurde ich nicht minder gut aufgenommen. Er gab mir Auskunft über die Bgwolmer dieser Stadt und ich hatte bald die Freude, mit eigenen Augen die Existenz der Falaschas von Axuni zu konstatieren. Unter dem Vorwände, mein Feldbett reparieren zu lassen, licss ich einen dieser Falaschas holen: dieselben stehen in dem Ruf, ״alle Handwerke" zu verstehen. Auf diese Weise konnte ich. ohne Misstrauen zu erregen, zum ersten Male mit einem von ihnen sprechen. Ich richtete Fragen an ihn, ich versuchte von ihm ausführliche Details über die Falaschas dieser ^tadt zu erfahren. Dann forderte ich ihn auf, mich mit einigen seiner Geiährten zu besuchen ,um eine allgemeinere Untcrhaliting zu haben und zwischen uns regelrechte Beziehungen herzustellen, durch die ich mich immer besser über ihr Wesen unterrichten könnte. Tags darauf empfing ich den Besuch mehrerer Falaschas, mit welchen ich mich ausführlich unterhielt. In diesem Gesprach teilte icii ihnen mit. dass ich ihres Stammes und Glaubens sei. Es kostete mich Mühe, sic davon zu überzeugen, sie wollten cs nicht glauben und sagten: ״Alle Europäer, die zu uns kommen, sagen, sic seien Juden, das ist aber nicht wahr, denn sie haben alle das Evangelium gepredigt. Es soll übrigens keine Juden auf der Welt geben. Fs wird bald vierzig Jahre-11er sein, da kam auch ein Wcisser her. der sich Jude nannte, er hiess Josef (nämlich Halevy); auch er hatte uns die Existenz der Juden in Europa versichert: er hatte uns versprochen,;sich für uns zu interessieren und seine Brüder, die eine Gesellschaft zur Bildung und Belehrung ihrer Glaubensgenossen gegründet haben, zu bitten, dass sie »ms Lehrer und Rabbiner schicken, auch uns zu unterrichtet!, damit wir recht auf den Wegen Moses wandeln. Zu diesem Zwecke ging einer unserer Brüder mit ihm, um zu studieren und unsere europäischen Gefährten zu sehen. Nun. wir haben niemals irgend welchen Beweis der Sympathie, nicht die geringstc Nachricht von diesen weissen Juden erhalten, auf die wir unsere Hoffnung und unser Vertrauen gesetzt; sie wissen uns nicht zu finden. Wir hatten den Weg gesucht, wir wollen bis J c r u s a e in gehen, aber wir konnten ihn nicht finden. Es ist also sicher, dass nicht allein dieser Josef tot ist. sondern auch alle übrigen Juden der ganzen Welt und dass es nirgends auf der Erde welche gibt ausser hier!" In der Folge jedoch entstanden vertraulichere Gespräche, welche alle Zwciiel zerstreuten. Sie erzählten mir nun das wenige, was sie mbezug auf ihre Religion, ihre Lage und ihre Beziehungen zu der übrigen Einwohnerschaft wussten. Sic sagten mir auch, welches die anderen falaschischcn Gemeinschäften wären und nannten ihre religiösen Führer in Tigrö. Sic boten mir sogar an. mich in diese Gegenden zu begleiten. um aber nicht die Aufmerksamkeit der Abyssinier auf mich zu lenken, zog ich es vor, ihnen unterwegs ein Rendezvous zu geben. Da zum Unglück der Weg, den ich cinzuschlagen beabsichtigt Italic. von Räubern unsicher gemacht wurde, so musste meine Eskorte, um ihnen aus dem Wege zu gehen, einen Sgiicnpfad wählen, so dass ich die braven Leute nicht wieder traf. Von Axum ging ich nach Adcnkato (Trcmbela) gegen Süden, zog Hingst des Weges von Chirü inmitten einiger von Falaschas bewohnter Dörfer. In Adcnkato besteht eine grosse Falascha-Gcmeinde, die eine Synagoge besitzt und eine Stunde von dort entfernt gegen Westen in Adi-Choa (Ccbru-Abai) findet sich ebenfalls eine ähnliche, gleichfalls mit einer Synagoge. An Adcnkato verbrachte ich einen Monat bei den Falaschas, und während dieser Zeit konnte ich nützliche Kenntnisse über diese jüdische Sekte erwerben. In Gouraba (Sckclt) hatte ich lange Gespräche mit den religiösen Führern der Falaschas. Sie bezeigten mir ihre Freude darüber, dass sic endlich den Besuch eines europäischen Juden empfingen und sprachen den Wunsch aus, mit ihren fernen Glaubensgenossen in Beziehungen zu treten, denn ohne deren Unterstützung fürchteten sie. ihre schon sehr zerfallende Gemeinde den Umtrieben der einheimischen Missionare erliegen zu selten. Diese, welche, wie sic mir sagten, Vertreter der europäischen Missionare sind, hören nicht auf, bei den abyssinischen Staatshäuptlingen (Rüs) zu intriguieren, um die Ausführung des Planes der ״bekehrten" Falaschas, die in