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Jüdische Rundschau · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No.' 9 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite I-/ standnis beruhen. Angeblich habt• der Führer einer Truppen■ abteilung seinen Soldaten befohlen, ״die in den brennenden bezw. vom Feuer bedrohten Häusern befindlichen Gegenstände licrauszusehaffen und au einem bestimmten Platz zusammenzutragen, um sie nachher ihren Eigentümern wieder zuzustellen.” Das sei der Anlass gewesen t'iir viele Einwohner, zu glauben, die Truppen hätten sich au den Plünderungen und der Brandstiftung beteiligt. Diese Schönfärberei ist von einer wahrhaft erstaunlichen Schamlosigkeit. Ich war während der Plünderungen und während der Brandlegung in Hornel, und ich wviss von einer grossen An• zahl absolut zuverlässiger Zeugen, dass die Truapen und die Polizisten es waren, die plünderten und die zutu Teil alsdann, um ihr Verbrechen zu verhüllen, die Häuser in Brand steckten. Wir wissen aber auch, dass die Erlaubnis zu, diesem Yerbrechen von hohen Persönlichkeiten gegeben worden ist. Wenn ich aber auch ganz davon absehe, was mir andere zuverlässige Personen mitgeteilt Italien, ist doch jedenfalls das unbestreitbar, was Ich selbst erlebt und mit eigenen Augen gesehen habe. In dem Hause, in dem wir uns in aller Ruhe befanden, hörten wir plötzlich Schüsse und wir sahen nun. dass vor dem Hause Kosaken und Schutzleute und nur eiti einziger Huligan standen, die ohne jede Veranlassung das Haus beschossen. Es blich den Bewohnern - ich eittgcschlosseu - nichts übrig, als zu fliehen, sich durch den Garten zu einem Nachbar zu retten. Von dort aus konnten wir beobachten, wie die Kosaken. Schutzleute und der eine Huligati alsdann in das verlassene Haus cindrangen. Geld und Wert- Sachen raubten, alles zertrümmerten und schliesslich das Gebäude in Brand steckten. Ganz ausgeschlossen war es, Widerstand zu leisten, weil sowohl die Truppen wie die S c h u t z- I c u t e sich an den Plünderungen und B r a n d s t i f* t u n g c n beteiligten. Die Zahl der Huligans, die in diesem Falle in Aktion traten, war hingegen so klein, dass die Bürgcrschaft mit diesen ohne jede Schwierigkeiten hätte fertig werden können. Nur die Kosaken, nur die Polizei sind an den erneuten Homelcr Verwüstungen schuld." Solcher Feststellungen bedarf es kaum noch. Man weiss bereits im Auslande, dass auf russische offizielle Berichte das Bismarck'sche Wort anzuwenden ist: ״Gelogen wie telegraphiert!" Von einem Bewohner der Stadt Hömel wird ferner ge* schrieben: Im November des Jahres!905 bildete sich in Hornel ebenso wie in mehreren Städten Russlands, wo die Mehrzahl der Bevölkerung aus Juden besteht, eine Abteilung des sogenannten ״Patriotcnvercius". Die Mitglieder des Vereins gehören in Hornel auch wie •11 den anderen Städten zu den niedrigsten Schichten der Bevölkermig und haben mit Patriotismus weder Im engen, noch rin weiteren Sinne des Wortes etwas zu tun, Huligans. die tür Ihre Mitgliedschaft im Patriotenverein Gehalt von einer bis jetzt unbekannten Zentral-Organisation erhalten, und deren Programm Im Aufhetzen der Christen gegen die Juden besteht. In den Proklamationen und Schriften, die der obengenannte Verein in Hornel von Zeit zu Zeit veröffentlichte, rief er zum Kampf gegen die Juden auf. Es gehörten zu ihm in Honte! cirka 20 Huligans, viele Soldaten des Dragonerregiments in Hornel und die dort wohnenden 100 Kosaken. Ende Dezember 1905 erhielten mehrere Juden Drohbriefe, in denen sie benachrichtigt wurden, dass sie vom Patrioten• verein zum Tode verurteilt seien. Einen solchen Brief erhielt auch der Schreiber dieser Zeilen. Anfangs Januar 1906 haben die Kosaken begonnen, Ueberfälle auf die Juden zu machen; kein Tag verging nun ohne Strasscnraub und Misshandlungen. So ging cs bis zum 26. Januar. Einzelne Juden und auch eine Deputation waren beim Polizcinteister und beim Regi- 'rnentsvorsteher. erzählten ihnen von den Aufrufen des Patriotenvereins und auch von den Ueberfällen, aber sic erreichten nichts, um den Juden Sicherheit zu schaffen. Am 20. Januar, um •I Uhr nachmittags, kanten einige Huligans in der Hauptstrasse der Stadt zusammen und gaben einen Revolvcrschuss ab. Das war ein Signal, um die Kosaken aus der Kaserne zu rufen. Diese kamen auch sofort, zu Fuss, aber mit Flinten bewaffnet und fingen an. die Hauptstrasse und die nächsten Nebenstrassen zu beschlossen, uin die Juden zu verjagen. Als die Strassen von Juden leer wurden, drangen sic in die Läden und Wohnungen, raubten alles, was sie mitnehmen konnten, begossen das (ihrige mit Petroleum und steckten cs an. So gingen sic ganz ruhig, ohne seitens der Polizei gehindert zu werden, von Laden zu Laden, von Haus zu Haus und setzten alles in Brand. Als die Brandwache kam, wurde sie mit Flintenschüssen von den Kosaken empfangen und musste zurtickkehren. Der Polizeimeister blieb zuerst 2u Hause, als ei aber auf \erlangen der Juden aui der •Strasse ־erschien. stand er dort, sah ruhig die Plündcrei und der. Brand an, tat aber nichts, um die Kosaken und die •Huligans in ihrer ״Tätigkeit" zu hindern. Die Schutzleute gingen zu- *amrnen mit den Huligans und haben aktiven Anteil an der Münderei genommen. S*׳ dauerten die Greuel die ganze Nacht imd den folgenden Tag. Speziell wurde mein liaus geplündcit. das ganz entfernt von der Hauptstadt liegt. Um 5 Uhr nachmittags desselben Tages, als ich mit meiner Familie zu Hause war. hörte ich plötzlich einen Schuss in der •Nähe des Hauses, als ich mich dem Fenster näherte, sah ich. wie 6 Kosaken. '2 Schutzleute und 1 Huligan mein Haus beschossen. Ich eilte, mich und meine Familie zu retten, nahm meinen!״jährigen Knaben, der damals au Masern krank lag, eilte durch die Küchentür in den Garten und von da zu meinem Nachbarn, dem Hauptmami A., wo ich mit meiner Familie Schutz gefunden habe. Die Kosaken und Schutzleute gingen ins Haus, raubten alles, was einigen Wert hatte, das andere zerschmetterten sic und zündeteu sie an. Im ganzen sind cirka 30 Häuser verbrannt und über 150 Lüden geplündert und eingeäschert. Leute, die bis zum 26־. als Reiche betrachtet werden konnten, sind jetzt vollständig ruiniert: die Not ist. gross. Am 29. kamen der Vize-Gouverneur Padsedlewitsch und der General Orloff nach Homel. sie hatten Kanonen mitgebracht, aber anstatt die Huligans zu arretieren, haben sie Haussuchungen bei fast allen Juden v 0 r g ett o nt tu c n, und obwohl sie nichts Verdächtiges gefunden haben, verhafteten sie einige der vornehmsten Juden in der Stadt, wie Acrzte, Baukdirektoren, reiche Kauflcute usw. Aus Homel, den 15. Februar 1906, schreibt schreibt man ferner der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ: Die Bevölkerung von Homel befindet sich noch immer in einer panikartigen Stimmung. Die Stadt, die früher voll Lehen war. ist jetzt eine Ruine. In Homel herrscht völliger Terror der Pclizef- und Miltär- Willkür. Seit dem Pogrom bemüht sich die Bureatikratic mit allen Mitteln, die Bevölkerung einztischiichtcrn und den ruhigsten Bürgern einen heillosen Schrecken cinzujagen. Gross ist nämlich der Zorn der hiesigen Polizeikreise, dass der teuflische Plan, den sie ausgeheckt hatten, so gänzlich misslungert ist. Jetzt, da die Ereignisse von! 26. und 27. Januar mit allen ihren Einzelheiten unverhüllt vor aller Augen dastehen, zweifelt niemand mehr daran, dass die vom Militär inszenierte unheimliche Feuersbrunst hauptsächlich den Zweck gehabt hat, die revolutionären Elemente und möglicherweise die gesamte friedliche jüdische Bevölkerung durch Brutalität zu eine nt be wa ff n e t en Aufruhr zu provozieren, damit ein fürchterliches Blutbad veranstaltet werden könne. Das Resultat ist nun folgendes: eine aufbltihcudc Handelsstadt ist ruiniert, Werte im Betrage von zwei bis drei Millionen Rubel sind vernichtet, und das Militär, das auf höheren Befehl hin schamlos gewütet und sechszehn Stunden hintereinander gegen hundert grosse und kleine Läden schlimmer als eine Räuberbande ausgeraubt, mit Petroleum begossen und nebst den Gebäuden!liedergebrannt hat, dieses Militär hat den Gipfel- Punkt der Frechheit, Rohheit und Disziplinlosigkeit erreicht. Was Wunder, wenn trotz der ״eingetretenen Ruhe" die Ausschreitungen von Soldaten und Kosaken kein Ende nehmen und die jüdische Bevölkerung Hornels immer von neuem das Schlimmste befürchten lassen. Neulich beobachtete ich selber, wie ein Kosak um 6 Uhr abends in der belebtesten Strasse aus reinem Mutwillen jeden Passanten mit seinem Kolben schlug und so fiir längere Zeit das Trottoir sperrte. Was sind aber diese ״Spässe" im Vergleich zu den Heldentaten, mit denen die Kosaken die Homelcr jüdischen Einwohner bedrohen! Welche physische und psychische Qualen haben die erdulden müssen, die der Meute in die Hände fielen. Wie viele von ihnen wurden geschlagen oder verwundet, wie viele waren vom Feuer und ringsherum schiessenden Kosaken umringt und hatten dem Tod ins Auge geschaut, so dass sie das nackte Leben als ein unerwartetes Oltick betrachteten, das sie kaum noch zu begreifen vermochten. Und bei allen, diesen Brutalitäten und Demütigungen duriten sic sich nicht einmal wehren. Denn sie wussten wohl, dass der geringste Widerstand zur Ab- Schlachtung Tausender geiührt hätte. Welch eine entsetzliche Alternative für die zahlreichen aufopferungsfähigen Jünglinge! Trotzdem jiidischerseits nicht ein Schuss gefallen war. nicht die geringste Gegenaktion versucht wurde, hat sich die Homelcr Polizei erdreistet, die tolle Lüge zu verbreiten, dass die jüdischen Revolutionäre die Stadt in Brand gesteckt hätten. Sic wusste wohl, dass ihr in Homel auch nicht ein Mensch glauben würde, selbst nicht aus den Elementen des ״Schwarzen Hunderts", das bei den Ereignissen so schwach vertreten und

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