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Jüdische Rundschau · 1906-03-02 · Heft 9 (2.3.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 9 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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/ Selte_l2ä JÜDJSCHn RU NJD_SCJ1A IJ No. 9 Uie Bestrafungen wegen iahrlässiger Körperverletzung, zu welchen die Juden eine etwas grössere Anzahl stellen als die Christen (12,3 : 10,3), sind für die Beurteilung der moralischen Qualität einer Bevölkerungsklasse ohne Bedeutung. Sie müssen J jedoch in diesem Zusammenhänge erwähnt werden. | Was nun die Delikte gegen das Vermögen anlangt, m» י schneiden die Juden zunächst bei der ״•?werbs- und gewöhnj " ‘ heitsmässigen Hehlerei und bei der Hehlerei im wiederholten ‘Rückfälle schlechter ab als die Christen, (aber nicht bei der , einfachen Hehlerei). Doch sind die Verurteilungen wegen ge* : werbs- und gewohnheitsmüssiger Hehlerei ganz erheblich zu-! rüekgegangen ,wälireud ihre Zahl he: den Christen sieh s״! gut wie gar nicht verringert hat. J Vom Zentralerem (Breslauer Brief) Am 19. d. M. fand in Breslau eine teils heitere, teils öde. teils aber sehr lehrreiche Versammlung des Zcntralvereins deutscher Staatsbürger iüdschcn Glaubens statt, in der Herr Dr. Josef Lewy über den ..Judenhass und seine Böigen“ reierierte. Diese ewigen Klagen über politische und soz.ale Zurück- Setzung — so notwendig es sein mag, sie immer wieder vor dem indifferenten jüdischen Publikum laut werden zu lassen — sind freilich so abgedroschen, dass das N.vcnu solcher Ver- Sammlungen meist c.n kläglich niedriges ist. Die jüdischen Studenten erhalten oft keine Satisfaktion, Graf Piickler darf ungestraft zu Gewalttätigkeiten auiiordern. die STAATS- BURGER-ZEITUNG schreibt verlogene Lcitart.kcl, und kein Jude wird — entsetzl.ch — der ird.schen Seligkeit in Gestalt des Leutnantspatents teilhaftig. Das sind die Sorgen mancher deutschen Jucen in den 'lagen der entsetzlichen russischen Judennot. Während der VcrS.tzendc zu Beginn der Diskuss ort einige immerhin interessante ant.scmiiischc hinzelhciten, die nur lokales Interesse haben (z. 13. von der se t Jahren in der / Anatomie angeschlagenen Aufforderung des Ostmarkenvereins, es mögen sich cvaugeUchc und katholische junge Aerzte zur Niederlassung in den ös.lichen. Provinzen melden) verbrachte, entwickelte sich alhnähl.ch e.nc he.tere Debatte, die an den Biertisch IU. bis IV. Qualität erinnerte. Zunächst verlangte . ein Redner unter bedeutendem Stimmaufwand in e ner im allgemeinen wie im einzelnen absolut unverständlichen Rede, dass der Zentralverein s.ch von nun an ״israelitischen Glaubens“ •' nennen solle. Auf diesen heiteren Teil folgte der ״ernste”. Es wurde durch Erzählung von ״Ereignissen“ aus dem eigenen Leben bewesen, dass es in Deutschland Antisemitismus gibt. .. Der eine (ein Akademiker!) berichtete unter lautioser Stille, er sei s. Z. als Primaner in seiner Ehre als Jude von einem M.lschüfer angegriffen worden, doch habe ihn der Direktor in . ־ anerkennenswerter Weise in Schutz genommen. So auti- semit.sch ist man im Lcutschcn Reich. Quod erat demonstrandum. Ein zweiter Herr erzählte von einem antisemitischen . Postbeamten. Ein dritter dahingegen von einem antsemit sehen . Stcuerbeamten. Der Gefahr, dass nun jeder der Anwesenden weitere derartige Mitteilungen zur öffentlichen Kenntnis brächte, wurde dadurch vorgebeugt, dass Herr Zahnarzt Schachtel das Wort ergr.ff. Der cigcntl.che Grund, weshalb ich Ihnen über die Sitzung ausführlich berichte, ist der. dass zwei Angelegenheften, die in der nun folgenden Debatte u. a. besprochen wurden, und die von symptomatischem Interesse sind bekannt : . zu werden verdienen. Im Vorstand des ßerl ner Zentralver- .eins sitzt ein Universitätsprofessor (M.). der alter Herr der Breslauer Raczeks ist. Trotzdem diese Verbindung seit Jahren ausgesprochen antisemitisch ist und selbstredend keine Juden aufnimmt, hat das Vorstandsmitglied des Zcntralvereins keine .. Veranlassung genommen, aus der Verbindung auszutreten, son- ' dem unterhält nach wie vor die besten -Beziehungen zu den Raczeks. Ad II: Vor etwa einem Jahre veröffentlichte das Witzblatt SCHLEMIEL ein satirisches Gedicht, in dem das Verhalten der ״Khillc Wcilburg" gegeisselt wurde, die ein mit Gemeindesteuern rückständig gebliebenes verstorbenes Mitglied auf dem Gemcindc-Eriedhof n'cht habe bestatten lassen f wollen. Der Vorstand der Gemeinde klagte gegen die Rcdak- ״ *tion, •die jedoch in zwei Instanzen freigesprochen wurde. Dem •-.Vorstand war das Material zur Klage vom Zentralerem ver- , schafft worden. Der Redner bat in beiden um Aufklärung. 'Herr Df. Lewy erwiderte, der Zentralverein könne s'ch nicht : auf das Prüfen der Seelen verlegen und nüL-se sich mit der Tat-! יi sachc begnügen, dass Herr Geheimrat M. für die Ziele des J ...Vereins•tätig sei und schon durch seinen Namen (wie erst ן in ..citier Notablenversammfung) unsere Bestrebungen I wesentlich iürderc. Mau kuuue ja nicht wissen, aus welchen Motiven Prof. .Nt. Raczck geblieben sei, ob er cs ment vielleicht gerade für die Pflicht des Mannes mit starkem Rückgrat gehalten l’.aoe. in der Verb.ndung au^ztmarrcii. Die Vcrnaltnisse seien doch nicht nach allen Rientungen so klar und durch - stcutig. Bezüglich der zweiten Anfrage erklärte Dr. Lew >. dass nicht der \orstand des Zcntralvereins, sondern ein M.tglied desselben durcnaus privatim dem Uenieindevorstaud das Material zur \ eritigung gestellt habe. Die Acussenitigeii keimten iiielit ohne weiteres n1ngcnomn.c!1 werden: die here.ts geschossene Deoattc wurde daher wieder crömict. I׳r. Sandler illuitriertc die '0!t Dr. Lewy gegebene Darstellung durch die r.rzählimg von folgenden! typischen n.crtüiizcnen: Vor mehreren Janreii iragte Prof. M. bei den Raczeks an, ob cs wahr sei. dass die Verbindung keine Juden mehr aufiichmc. Ls wurde geantwortet: Die Verbindung würde Juden aumclimcn. wenn s!cn solche meldeten, jedoch - - cs meldeten sich keine. Durch diese Antwort lüiiltc s.ch Herr üelicimrat 1M. in seinem Gcwissen derartig beruhigt, dass er seitdem regelmässig seinen Namen unter die Einladungen der Raczeks setzt, die Vcrbiudüng pekuniär unterstützt und fast alljährlich zu den Festlich- Kciten der Raczeks nacn Breslau kommt. Die Versammlung möge cntschcaLn, ob die Auslegung, die Dr. Lewy gegeben habe, mit d.esen Tatsachen harmoniere. Wenn übrigens d.e Verhältnisse nicht geklart seien, so müssten sic demnach ge* klart werden. Er hone, dass die Aeusscrung von der Unklarheit der Motive nicht getan sei. um die Angelegenheit in suspenso zu lassen, sondern um eine möglichst bald herbeizuiülirendc Besc.t gung der Unklarheit in Auss.cnt zu stellen. Was die zweite Frage anlangt, so sei es merkwürdig, dass die von Dr. Lewy gegeoene Auskunft nicht vom Zcutralvercin tu Form einer offiziellen F.rkläruug erte.lt worden sei. Die erwähnte Mitteilung ging damals durch zahlreiche jüdische־ Blätter und musste umso mehr Verstimmung hervorrufen, als man d.e Ursache 1’tir das Eingreifen des Zcntralvereins in der zionistischen Tendenz des Witzblattes suchen konnte. Die merkwürdigerweise nicht erfolgte Richtigstellung von seiten des Vorstands des Zentralverc.ns müsse nacligeholt werden. Dr. Lewy suchte sich durch ein paar glatte Bemerkungen über diese Dinge hinwcgzuschlängeln. vor allem aber suchte er die zweite Angelegenheit als eine Kleinigkeit, die nicht der Rede wert sei. als eine Lappalie hinzustellen; uns scheint zwar, als sei eine solche Lappalie von prinzipieller Bedeutung, denn cs kann uns nicht gleichgiltig sein, wenn ein zur Wahrung der pdit sehen Rechte der Juden geschaffener allgemeiner Verein sich auch in der erwähnten M'eise ״betätigt". Zum Schluss erhob sich ein Mitglied des Vorstands des Breslauer Zentral- \ereins. der durch sein energisches Auftreten in jüdischen Fragen bekannte (asuiz'onistischc) Arzt Dr. Goldschmidt und verlangte, dass der Zentralerem nach den von ihm gepredigten Grundsätzen allerdings ein Interesse daran habe, die Angelegenheit des Herrn Gelitimfat M. in dem von Dr. Sandler angegebenen Sinne zu klären. Das sei eine Notwendigkeit, bedeute durchaus keine Scclcnscliiüificlei und könne in diskreter Form erledigt werden. Dr. Lewy machte eine entsprechende Zusage. Man kann darauf gespannt sein, wie sxh der Zentralerem zu d'cscn Anregungen verhalten wird, ob er seinen Prinzipien getreu handeln oder sich als der grosse Schweiger bewähren wird. Es wäre wünschenswert, wenn die Ursache der Verstimmmg beseitigt würde, die in hiesigen akademischen Kre'sen über das Verhalten des Prof. M. herrscht. Ein solches Verhalten muss in der antisemitischen Verbindung den unserem An- . sehen schädlichen und unseren Empfindungen widersprechenden Glauben erwecken als bereite uns die Ausscliliessung aus solcher Gesellschaft schweres Herzeleid, als miis־e sich selbst ein Jude!11 hoher sozialer Stellung die Zugchörigke't zu der antisemitischen Verbindung als eine holle Ehre anrechnen. Wenn das den Anschauungen des Zcntralvereins über Judenstolz cntsprcht so kann uns diese Art von Judenstolz bestens gestohlen bleiben. Dr. Judasohn. Lektüre für die Judenbekehrer Eine in hohem Grade angesehene Persönlichkeit, ein Freinder, der sich zur Zeit ausserhalb Russlands befindet, sendet folgende Mitteilungen an die RUSSISCHE KORRESPONDENZ: ״Die Petersburger Tclegraphcnagentur, also ein Organ, dessen sich die russische Regierung bedient, verbreitet in der W;elt die Angabe, dass eine Beteiligung der Truppen an den Plünderungen in Hornel nicht stattgefunden habe, dass derartige Behauptungen vielmehr auf einen! Missver-

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