Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651447-2651456--03293-2660215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 114 JÜDISCHE Gedenk tau der Petersburger Ereignisse, ein Judcmnassakers als Antwort auf eine etwaige *freiheitliche Demonstration geplant. Jetzt ist nun ein neues Datum in Aussicht gestellt: die Tage nach dem Empfang der Spc/.ialdeputation durch den Kaiser, d. h. nach dem 16. Februar. In den Miehaikiwski- und den Pokrowskiklöstern soll die Antwort des Zaren abgewartet werden, und entsprechend der etwaigen Parole der Rädels- fi'threr sollen die gedungenen und die freiwilligen schwarzen Horden über die freiheitlichen Elemente und über die Juden 11 e r f a 11 e n und schreckliche A b s ch I. a c 11־ t u!1 g e n veranstalten. Man sieht daraus, in welcher Gefahr Sfidrusslaml wiederum schwebt. Da die Regierung über die Wühlarbeit genau unterrichtet ist. so wird Westeuropa wissen, wo die Verantwortlichkeit zu suchen ist. Schlachzizen gegen Zionisten Die polnische Schlachta, die durch die Wahlagitation det Zionisten für eine jüdische Kurie der Gefahr entgegensieht, ihres willfährigsten Werkzeugs bei den künftigen Wahlen be raubt zu werden, hat einen Feldzug gegen die Zionisten eröffnet bei dem sie sich sogar des in polnischen Händen befindliehen behördlichen Apparats bedient. Aus verschiedenen Städten wird gemeldet, dass in ganz ungesetzlicher Weise die Zionisten vergewaltigt und dass insbesondere ihre Vcrsammhingen aufgelöst lind ihre Vereine gesperrt werden. Unter anderen liegen uns darüber Berichte aus Bclechow, Dolina und Rozniatow vor. Zu den aufgelösten Vereinen gehört z. B. der Verein ״Chowewe-Zion“ in Bolechow. Ferner meldet das Wiener Tagblatt DIE ZEIT unterm 10. Februar: In der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses brachten die Abgeordneten Breiter und Genossen eine Interpellation ein, die sich mit der Haltung der politischen Behörden in Galizien gegenüber den Zionisten beschäftigt. Die Zionisten propagieren bekanntlich aufs lebhafteste ihre Forderung nach einer jüdischen Wahlkurie. Obwohl sich diese Agitation in legalen Bahnen bewegt, wurden zahlreiche Versammlungen verboten, respektive aufgelöst, und in vielen zionistischen Vereinen in der letzten Woche unter grossem polizeilichen Aufgebot Hausdurchsuchungen veranstaltet, so in Krakau. Zloczow usw. Zionistische Arbeitervereine werden gänzlich aufgelöst. Endlich berichtet man der WELT aus Wien, 13. Februar: Man muss wissen, dass das politische Schicksal der österreichischen Juden jetzt durchaus in den Händen ihrer Brüder in der Bukowina und Galizien liegt. Nach Schätzungen dürfte es dort 8 jüdische Mandate geben. Man muss aber erst die statistischen Erhebungen abwarten, die im Zuge sind, um mit genauen Zittern kommen zu können. Sonst gibt es noch 3 natürliche jüdische Mandate in Wien und zwar Leopoldstadt, Quaiviertel und innere Stadt. Da aber bei einer Stimmen- Zersplitterung der antisemitische Kandidat die allerbesten Aussichten hat, werden wohl hier der Sozialdemokrat Ellenbogen und zwei bedeutungslose, wahrscheinlich christliche Freisinnige, die mehr Bildung und feine Sitte als Mut und Schneid haben, durchdringen. Unabhängige, energische und tüchtige Wortführer des Judentums sind mir von Galizien zu erwarten, und statt dieser sollen wir feige Knechtseelen, Hausjuden, Hampelmänner, die auf Befehl sich zt! rühren und dito zu schweigen haben, in den Kauf nehmen — Leute, die direkt auf Feindschaft gegen die zahlreiche, ruthunische Laudbevölke• rung hinwirken, weil es den Herrschenden im Lande so ״passt. Nimmermehr, sagte mannhaft die galizische Judenscliaft in ihren eindeutigen Kundgebungen.. Herr Byk hatte es nun schon früher gewagt, uns, die wir niemandem zu Trutz, nur uns Juden zu Nutz unser Leben einrichten wollen, als polenfeindlich zu denunzieren, und die Behörden haben daraufhin schon öfter unangenehme Massregcln ergriifen. Als nun trotz dieses Treibens Byk und Konsorten sahen, dass man ihnen in den offenen Sclmappsack alles eher hereintun wollte als Mandate, gingen sie mit einem Meisterstreiche vor. An dem Tage, als Byk letzthin von Lemberg wegfuhr, haben galizische Bezirkshauptmannschaftcn die zionistischen Vereine in Lembeig aufgelöst und Hausdurchsuchungen bei Zionisten abgelialten. Angeblicher Grund: Unberechtigte politische Betätigung, be* gangen durch ihr Schreiben an Byk. Angeregt durch Dr. Schalit haben die Abgeordneten Straucher und Genossen dem Minister des Innern sofort eine geharnischte Interpellation über die sonderbare Ocsetzesauslegting der galizischen Bezirkshauptleute überreicht. Die Antwort ist bis jetzt ausgebliebcn. Die Interpellation ist mit unterzeichnet von den Tschechisch-Radikalen (Klofac, Baxa, Choc;, die zwar Antisemiten sind, sich aber doch den Sinn für Freiheit wahrten. Ausser dem Tagblatt ZEIT hat kein Wiener Blatt von der Eingabe Notiz genommen. RU N DSC HA U_ . _No. S Für den Moment hat der Meisteistreicli Byks Erfolg gehabt. Einzelne wurden ängstlich, namentlich hatten sie Furcht vor fiskalischen Massnahmen der Regierung. Aber schliesslich ist die Wahl geheim, und Byk wird ja unter zwei Augen die Antwort dafür bekommen, dass er gegen Judentum und Recht die Behörden gerufen hat. Aufgeregte Leute wollten dem jüdischen Antisemiten bei seinem Wiener Aufenthalt Raison beibringen. Aber dieser Mensch ist die strafrechtlichen Folgen einer rechtlichen Behandlung nicht wert. Die Besonnenen bekamen die Oberhand und versprachen, die Erregung und Energie darauf hinzulcnken und dafür aufziibcwahrcn, dass die Wahlurne die Ascheminie des jüdischen Antisemitismus werde. M.M.J. Lemberg. An der hiesigen Universität fand ein wiec akadenücki (Akademikertag) statt. In Gegenwart von Rektor und Senat verlangte eine Versammlung von ca. 500 Studenten die Anerkennung der jüdischen Nationalitüt an den Hochschulen. Es wurden dahittzielendc Resolutioneii gefasst, die mit grossem Beifall atifgenommcn wurden. Uganda als Nacntasyl Dem Berichte des englischen Gouverneurs von Uganda, I Hajes Sadler, über das ihm unterstellte Gouvernement entnehmen wir folgende Bemerkungen über die klimatische Eigmmg Ugandas für Europäer: ״I have remarked on prcviotis occasions that the clirnatic conditions of Uganda are 11 o t alt o g e t!1 e r 1 a v 0 11 r a b 1 e for the permanent scttlemeut of European tamilics, and that it will iicver be a white man's coimtry in tliese sens that South Africa and parts of East Africa have proved to be. With care Europcans can live in tolerable comfort, but periodical change to a more bracing climate is essential if Health is to be maintained. There is 110 i nd u c c in e n t for 1! 11 r o p c a n labour, the climate Over most of the Frotectorate is too hot for mantial labour in the open, and the employment of European side by side with native labour would not b e d c s i r a b 1 c.“ . (Colonial Rcports-Annual. No. -167 Uganda. Report ior 190-1—5. Presented to both Houses of Parliament by Counnand of His Majcsty. October 1905.) London 1905. ״Ich habe bereits bei verschiedenen Gelegenheiten betont, dass die klimatischen Verhältnisse Ugandas einer dauernden Niederlassung europäischer Familien nicht günstig sind und dass es niemals derart wie Südafrika und Teile von Ostafrika ein von Weisscn bewohntes Land werden wird. Nur mit Mühe können Europäer dort ein erträgliches Leben führen, müssen aber aus Gesundheitsrücksichten u ti - bedingt von Zeit zu Zeit den Aufenthalt mit einem schärferen Klima vertauschen. F ii r europäische Ar.bcit ist keine Verwendung. Das Klima im gtössteu Teile des Protektorates ist zu heiss für Handarbeit im Freien und die Verwendung von Europäern als Arbeiter neben den Eingeborenen ist nicht w Ansehens w e r t.“ Rundschau der Presse Aus jüdischen Blättern Unaufschiebbare Fragen behandlet DIE WELT:. ״Vergebens warten wir von Tag zu lag aut eine Klärung der Dinge in Russland." — — — —- ״Wer denkt in diesen Zeiten an die Juden? Nicht nui, dass sie seit dem Oktobermanifest keinerlei Rechte erhielten, nicht nur. dass sich niemand darum kümmert, dass man die wenn aucli kärglichen Rechte der Oktober-Konstitution am* sie erstreckt, — jede Bewegung, sei es ein Vorstoss der Revolution, sei es ein Riickstoss der Kontrercvolution, erschlittert mit furchtbarer Wucht die ohnehin verzweifelte jüdische Position. Und immer hinter ihnen,, vor ihnen das unbeschreibliche ökonomische Elend, das sich im Verhältnisse zur allgemein-russischen wirtschatflichen Depression bei ihnen noch ins Vielfache steigert. Es ist nichts als eine Selbstverständlichkeit, wenn Himderttausenden von Juden jetzt nur der eine Wunsch auf der Seele brennt: Fort von Russland! Wenn sich nicht alle Kenner der Sachlage irren, so werden wir im Frühjahre vor einer jüdischen Masscn-Emigration ohne gleichen stehen. Was ist da zu tun? . ]Diese Frage stand bekanntlich auch vor der Brüsseler Konferenz. Sie ist dort nur prinzipiell erörtert, aber nicht den akuten Bedürfnissen entsprechend erledigt worden. Gewiss war einer der Gründe dafür der, dass man für die Erledigung der Emigrations- sowie für andere jüdische Notfragen zunächst eine Koopcrationsbasis schaffen wollte. Jedenfalls — das Problem wartet noch auf seine Lösung, sagen wir besser, da von einer ״Lösung“ kaum gesprochen werden kann, auf eine leidlich befriedigende Beant wort ung durch die Tat.“-- »