Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 8 JÜDISCHE •RUNDSCHAU Seite U3 wählen Stellung nimmt. Es w ird 11. a. gesagt: ״Nur in folgenden drei Fällen wäre es fiir die Arbeiter ratsam, au den Wahlen tcilzunehmcn: . I * 1 l Wenn mit Sicherheit anzuneluuen wäre, dass cs möglich sein wird, die Duma von innen heraus zur Auflösung zu bringen und auf ihren Trümmern eine konstituierende National- Versammlung einzuherufeu; 2. Wenn es bewiesen werden konnte, dass alle revuluUonären Wege jetzt gesperrt sind, und dass der einzige Weg zu Russlands Freiheit durch die Duma führt; * 3. Wenn es tatsächlich möglich wäre, die Wahlen fiir eine grosse politische Agitation, fiir eine politische Schulung und Organisation des Proletariats auszunutzen.“ Das Eintreten der ersten Bedingung, des Umsturzes der Duma von innen heraus, hält das Komitee in Anbetracht der augenblicklich auf allen Ocbietcn des öffentlichen Lebens aus- - geübten Repressalien iiir unmöglich. Derselben Ansicht ist es in Bezug auf den dritten Punkt, wobei noch besonders betont wird, dass die Duma durch die Teilnahme der Arbeiter eine gewisse Autorität erhalten würde, die weder vorteilhaft noch wünschenswert wäre. Über die Frage des zweiten Punktes äussert sich das Komitee folgcndcrmasscn: ״Dass die althergebrachte revolutionäre Taktik im Kampfe gegen die Selbstherrschaft einen Bankerott erlitten hat und für die Zukunft nicht mehr angewandt werden darf, das können nur die Liberalen behaupten, die einen tödlichen Hass gegen Streiks und bewaffnete Aufstände hegen — ihr Klasseninstinkt muss ihnen natnrgemäss diesen Hass einflössen. Das liberale Bürgertum weist uns auf den Moskauer Aufstand hin, in den, seiner Meinung nach die Regierung uns besiegt haben soll. In Wirklichkeit aber müssen wir den Moskauer Aufstand, als einen weiteren Schritt in der Fortentwickelung der Revolution, als einen Übergang zu einer höheren Kampfesform, und in diesem Sinne auch als einen Sieg der Revolution betrachten. Es ist aber kein Geheimnis, dass die Stimmung der biirgcrliehen Gesellschaft eine durchaus ungünstige für die Revolution ist. Das Bürgertum ist durch die Massenstreiks und alle anderen gewaltsamen Störungen des normalen Lehensganges ermattet und bereit, in der Duma einen Erlöser zu sehen, der es von der Anarchie befreien wird, von der Anarchie, die ihm grossen materiellen Schaden zugefiigi und in der letzten Zeit sogar Menschenopfer gekostet hat. Der Regierung ist diese Stimmung der Gesellschaft wohl bekannt, und dies gibt ihr den Mut und die Entschlossenheit, das Land zu ucn blutigen Zeiten Murawiows des Würgers zurückzuführen. Und soTite sich die bürgerliche Gesellschaft wirklich der Revolution entziehen, dann wäre es dem Proletariat unzweifelhaft bedeutend schwerer, seinen Hcldenkampf zu führen, weil eine Revolution gegen den Willen bedeutender Schichten der bürgerlichen Ge- Seilschaft •durchzuführen selbstverständlich keine leichte Aufgäbe, ist'.1'׳ Glücklicherweise verstand die Regierung es nicht, die Umstimmung der bürgerlichen Gesellschaft vernünftig auszunutzen, denn sie schreitet zu weit zurück. Damit aber treibt sie die bürgerlichen Liberalen in den Schoss derselben Revolution ,gegen die das Bürgertum jetzt eine solche Abncigung gefasst hat, und verstärkt auf diese Weise die Möglichkcit unseres Sieges.“ Aus dem christlichen Russland ln Mosyr machte ein Schutzmann einen Mordanfalt auf den jüdischen Studenten Roscusteiu. Der Bezirkshauptmaun vorsprach auf dringendes Verlangen der Juden, dass der Schutzmann unter Anklage gestellt werden würde. Bisher ist es noch nicht geschehen. Der Schutzmann wurde hloss aus dem Dienst entfernt. In Mosyr herrscht eine solche Panik, dass viele Wohlhabende, aber auch viele Arme, aus der Stadt flüchten. In Berditschew nimmt die Polizei in den Synagogen während des Gottesdienstes bei den Betenden Leibes- Visitationen vor. Dabei ereignet es sich, dass sie einmal in ihrem Verfolgungswahn 40 halbwüchsige Jungen von 12 ois 16 Jahren in der Synagoge verhaftete und einen Tag im Gefängnis behielt, — In Romny betreiben die Antisemiten, die sich in dem von der Regierung geschützten ״Verband der Rechtsordnung“ organisierten, jetzt wieder eine heftige Agitation, um einen neuen Pogrom zu inszenieren. Die sogenannte russische ״Intelligenz” der Stadt fraternisiert mit den Huligans und hetzt das Volk durch Wort und Schrift gegen die Juden auf. Die Auswanderung der Juden steigert sich von Tag zu Tag. —• Während der Bund entschieden gegen jede Teilnahme an der Reiehsduma Ist, haben die Zionisten eine Art Koalition fiir eine allgemein-jüdische Aktion gebildet. Die der Wahlbewegung von der Regierung entvegcngestclltcn Hindernisse lassen jedoch alle Bemühungen eine solide Gruppe jüdischer fortschrittlicher Wähler zu bilden, erfolglos erscheinen. Mittlerweile sucht der Jewrcjskij Snjwz der Juden in Russlattd die jüdische Bevölkerung aufzuklären und die Wahlberechtigten zu bewegen, sich in die Wahllisten einschrciben zu lassen, damit nichts versäumt werde, wie auch die Ent- Scheidung über die zukünftig zu beobachtende Taktik ausfallctt möge. In Moskau haben in der letzten Zeit die Ausweisungen der Juden,begonnen. Kiew, 9. Februar. Ein jüdischer Arbeiter namens Saslaw־sky, der ,beschuldigt wurde, während einer der letzten politischen Manifestationen einen Anschlag aut das Leben eines Polizisten verübt zu haben, wurde, da absolut keinerlei Be*• weise Vorlagen, und alle Augenzeugen das Attentat ableugneten, vom hiesigen Kreisgerichte freigesprochen und nur wegen Ruhestörung zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt. Das antisemitische offiziöse Blatt K1EWLJANIN brachte dann eine ganze Woche lang Artikel gegen dieses Urteil mit heftigen Hetzereien gegen die Juden, worauf Saslawsky dann wieder verhaftet und dem Gericht, diesmal dem Kriegsgerichte, übergeben wurde, das ihn mm zum Tode verurteilt hat. Die letzte Entscheidung hängt vom Generalgouverneur Suchomliuow ab, der den zum Tode Verurteilten zu lebenslänglicher Zwangsarbeit begnadigen kann. Suclionilmow, de,־ einer der wenigen Generalgou\־erneure ist, welche die Rache der Rcvolutiouare nicht auf sich gezogen haben und der in Kiew sch! populär ist, hat bisher 1‘<*cl! kein Todesurteil unterschrieben. Der Verteidiger■ des Angeklagten äusserte sielt dahin, dass alle hiesigen Advokaten und Juristen fest davon überzeugt seien. . dass Saslawsky unschuldig sei und man nur die jüdische Be-; völkerung noch mehr cinschüchtern wolle. Kiew. Eine^ sehr gefährliche Wühlarbeit betrieben itt letzter Zeit die lmsteren Mächte in ganz Südrussland, namentheu aber in Kiew, einer der reaktionärsten Städte des ganzen Reiches, und von da aus in einer Reihe der südlichen und , westlichen* Provinzen. i In Kiew gibt es vier Organisationen, die den Zwecken de! ' Reaktion dienen sollen: die ״Russische Versammlung”, die Gruppe der ״Partei der Rechtsordnung(!)", die ״Monarchistisehe Partei” und die ״Russische Brüdcrshaft”. Alle diese Gruppen, die ihre Existenz hauptsächlich den , Kreisen der Verwaltung, der Gendarmerie, der schwärzesten Geistlichkeit und gewissen urreaktionären bürgerlichen Eie- 1 menten verdanken, haben sich neuerdings zusamruengeschlosj scn. um gemeinsam zu kämpfen, in Wahrheit jedoch um durch die Mittel der äussersten Gewalt und Grausamkeit jede freiheitliche Aeusserung zu unterdrücken. Diese schwarzen Parteien vertreten nicht einmal mehr die Interessen der jetzige!. Regierung, sondern nur die einstige Selbstherrschaft mit allen ihren Attributen.! Uni ihre Hetzarbeit in der Provinz zu besorgen, haben sie! ilor kurzem 334 Spezialagenten über den ganzen Rayon aus- 1 geschickt. Denn cs handelt sich bei ihnen um gründliche Hetzarbeit, vor allem um Pogrome gegen die J u d e n. Zu diesem Zweck sind sie bereit, alle ihnen zu Gebote stehenden Machtmittel auszunutzen. Der Geist, der bei ihnen herrscht, ist der Geist von Pichno, einem zweiten Kruschewan, der tagtäglich in langen Artikeln seines KIEWLJANIN geradezu zu Mord und Rauh anspornt und sich toll geberdet, dass vor eini- , gen Tagen das Gerücht auftauchte, er sei tatsächlich wahnsinnig geworden. Derartige Hetzpredigten werden jetzt regel- . massig im ״Hause des Flcisses” abgehalten, wobei auch Soldaten scheinbar zum Schutz und zur Bewachung der Veranstaltungeu, in Wirklichkeit jedoch zwecks Gewöhnung an die Mordansichten herangezogen werden. So werden die fiirch- . terlichsten Pogrome vorbereitet. Mit grossem Fanatismus arbeitet au der ״guten Sache” eine Frau Nqwikow aus dem Pokrowski-Kloster, die 25 000; Rubel zu Zwecken der Dunkelnarteien gespendet hat und selber unter dexi Häftlingen Anhänger dieser Lehre von ״Recht und Ordnung" wirbt. Judcnmassakres sind von den Mordparteien in der letzten Zeit bereits mchrmtls für bestimmte Termine projektiert gewesen. Vor einigen Wochen hatte Pichno, wie berichtet wird, den Generalgouverneur Suchomlinow um die Erlaubnis zu einer patriotischen Strassenmanifestation gebeten, aber von diesem, der in Wirklichkeit die Ordnung zu erhalten bemüht sein soll, eine schroff ablehnende Antwort erhalten; denn jedes Kind in Kiew weiss. dass eine ״patriotische Manife- Station" nur ein Deckmantel für eine regelrechte Juden metzele! ist. Ebenso w׳ar für den 22. Januar, dem