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Jüdische Rundschau · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite UO _JÜDISCHE ־5׳ wenigstens die Strassen wieder vom Staub und Schmutz, diesen ewigen Krankheitserzeugern des Orients gereinigt sind. ♦ Die Touristensaison hat bereits begonnen, und man sieht schon als Zeichen dafür manche Fahnen, auf den Hotels wehen. Auch Von der 711 erwartenden neuen Reisegesellschaft hofft man. dass sie Lehen und Verdienst in unsere Stadt bringen werde. Eine Karawane ans Algerien wird hier erwartet. Zur Feier des Wcihnadits- und Neujahrsfestes sind heuer weniger Russen als gewöhnlich hier cingctroffc». Der H i I f s v c r c i n der deutschen Juden hat in diesem Semester hier eine Mädchenschule eröffnet. Der Hanptuntcrrieht wird in der hebräischen Sprache erteilt, ausserdem wird aber auch die deutsche Sprache gelehrt. Wir hoffe!», dass auch diese Schule viel dazu beitragen wird, die hebräische Sprache unter den! jungen Öeschleehtc Jerusalems zu verbreiten. Derselbe Verein wird auch in kurzer Zeit in Jaffa eine Knabenschule eröffnen, worin dem Hebräischen wohl auch eine bevorzugte Stellung eingeräumt werden wird. * Vor kurzer Zeit haben sich viele junge Angehörige der ungarischen Gemeinde zu einem Vereine mit dem Namen ״Jischuw - Erez - Hakodesch“ zusanunengeschlossen. Das Ziel dieses Vereins ist. die hiesigen jungen ungarischen l-c»tc zu Dauern auf dem Hoden des heiligen Landes heranzuziehen. Diese energische Jugend will erfreulicherweise keine Chaluka gemessen, die ihre Schritte zähmt und lähmt, damit sie nur ja nicht die ״vier Ellen der Halacha" überschreiten. Im Gegenteil, die Mitglieder des genannten Vereins wenden sich an die reichen Juden in Ungarn, dass sie ihnen anstatt Almosen und Chaluka die Möglichkeit geben, Land zu kaufen und sich als Bauern ansässig pu machen, damit sie sich dann von ihrer Hände Arbeit und nicht vom Bettelbrod der Chaluka ernähren können. Hoffentlich werden unsere Brüder im Auslände ihrem Hilferufe williges Gehör leihen. ♦ ״Mucharram!“ Dieses Wort hallt jetzt wieder in den Strassen Jerusalems. Ein schmerzliches Wort, besonders für die Armen, klingt es schrill auch in die Ohren der übrigen hiesigen Juden. Ja, eine schwere Zeit ist die Mucharumzeit. die Zeit des Mietwechscls und des Wanderns von einem Hause zum anderen. Die Familie wächst, die Lebens- und Hausbedürinisse werden immer grösser und kostspieliger; beklommen und sorgenvoll fragt mancher Haus- und Familienvater, woher er auch noch die Mittel für die stets steigende Miete nehmen soll. Mancher hat noch einen Teil des Mietgeldes vorn vergangenen Jahre nicht bezahlt, und wenn er fetzt an Mucharram nicht den Rückstand abzutragen und für das laufende Jahr die Miete irh Voraus zu entrichten imstande ist. wird er von dem Hauseigentümer unerbittlich auf die Strasse gesetzt werden. Dieses Jahr haben sich, wie schon erwähnt, ausser den allgemeinen Zuständen auch die Mietverhältnisse durch den Zuzug russischer Anwanderer verschlimmert, da die Preise dadurch sehr in die Höhe getrieben worden sind. Wie ratsam und heilsam wäre es, wenn man die Chalukagelder zum Bau von Armenhäusern verwenden wollte, in denen die Unbemittelten vorerst zinsfrei wohnen und die sie eventuell nach und nach durch Ratenzahlungen als Eigentum erwerben könnten. Es wäre damit nicht nur den Armen, sondern auch vielen jüdischen Geschäftsleuten und Arbeitern geholfen, die auf diese Weise Beschäftigung und Verdienst fänden. Dabei aber erhebt sich die alte und täglich neue Frage: Werden die massgebenden Faktoren sich endlich einmal zu einer vernünftigen, praktischen und heilsamen Regelung der Chaluka bewegen lassen? Das ״Bet Chinuch Jvitim“ inacht durch die Energie der Vorsteher dieses Instituts mit jedem Jahre immer grössere Fortschritte. Dieses Blinden-Institut ist vor fünf Jahren mit sehr wenigen Mitteln von den Herren Dr. Kvischewsky» A. M. Lunz und U. Natansohn gegründet worden. Seit dieser Zeit haben sich die Ausgaben immer gesteigert, da die Zahl der Zöglinge stetig zunahm, die Einnahmen aber blieben hinter den Unkosten weit zurück, zurnal die Anstalt noch jung und wenig bekannt war. So lastet jetzt auf dem Institute eine drückende Schuldenlast, die cs schon mit dem Untergang bedrohte. Indessen verlieren die Vorsteher nicht der! Mut und arbeiten immer tüchtig weiter. Mit welchem Erfolge, davon konnten! sich die Bewohner Jerusalems in erfreulicher Weise bei der diesjährigen zu Chanuka abgchaltenen!,riifung der Zöglinge überzeugen. Die Prüfung erstrccklc siel! über vier Chanuka- RU NDS C HAU _ __Ho.J 3 ß abende und ergab jedesmal höchst aclitimgswerte Resultate. Das Orchester der armen Blinden trug schöne Lieder und Musikstücke vor. von denen das Publikum entzückt war. Ein ungefähr dreizehnjähriger Minder Junge hielt eine Anrede in wohlklingender hebräischer Sprache über die Geschichte des Chanukafestes und wurde zur Belohnung mit nicht e.rdenwollcndem Händeklatschen der Zuhörer bedacht. Kleine fünfjährige blinde Knaben und Mädchen vom Kindergarten erschienen auf der Bühne und sangen hebräische Lieder. Niemand konnte sich der Rührung, der wehmütiger! und freudigen Teilnahme entziehen. Oer Prüfung aus den Schulunterrichtsgegenständen folgte eine Ausstellung und Vorführung von Handarbeiten der Blinden. Sie zeigte, dass die Zöglinge in dem abgelaufenen Jahre im Schul- und Handarbeitsunterricht wesentliche Fortschritte gemacht haben. * Die Übergabe des Risclmuer Weinkellers an die Kolonisten, der bis.heute unter der Administration der Jca gestanden hatte, findet dieser Tage statt. Somit taten unsere Pioniere den ersten und zugleich wichtigsten Schritt, der sie zur Selb ständigkeit führen soll. Hoffentlich lernen sie auch bald,?uf eigenen Füssen zu stehen . An unsere Gesinnungsgenossen tritt aber jetzt mehr denn je die Pflicht heran, den Verkauf unserer M eine zu!ordern. Herr fug. Wilbuschcwitsch hat in Lud eine öifabrik errichtet, von der man sich gute Erfolge verspricht. Die Herren Professor Schatz. Lilien, Rotschild und Jos u a Kan toro witz, die Leiter und Lehrer des ״Bczalel" sind hier vorige Woche angclangt. H a 7. i 011 i. Aus DIE WELT. f * * Seit manchem Jahr war das Wetter in Jerusalem um die Jahreswende nicht so kalt und winterlich wie diesmal, nur dass der Schnee, der in dicken Flocken fiel, liegen blieb. Für die ״Hiesigen" ist Schnee ein seltener Anblick, die Kinder, die ihn fast nur vom Hörensagen kennen, jubelten, und ein kleines Mädchen brachte mir ein Stück Eis und sagte: ״Ich fand ein Stück Glas, aber cs ist so kalt!" Andere Kinder fragten, wie es käme/dass das Wasser in den Krügen so hart sei. Die Armen haben viel von der Kälte sowie von dem Regen, der in den letztenMonaten in mehr als erwünschten Mengen fällt, zu leiden, denn er füllte nicht nur die Zisternen, sondern drang auch in viele der armseligen Wohnungen, deren Bewohner nun den ganzen Tag Wasser zu schöpfen haben. Aber auch die Bemittelten empfinden die Kälte sehr unangenehm, denn sie sind nicht darauf eingerichtet, sich dagegen zu schützen. Einrichtungen für Oefen sind sehr selten, und wenn solche vorhanden sind, so werden sie selten geheizt, da das Brennmaterial sehr teuer ist. Denn sonderbarer Weise hat man gerade auf die Produkte, die das Land nicht erzeugt, auf Holz und Kohle, Zoll gelegt. So kommt es zuweilen vor, dass man Personen, die man besuchen will, am hellen Tage im Bett antrifft, in welchem sie sicli vor der Kälte verkrochen haben. Jerusalem schreitet mit der Zeit vor. Neuerdings hal sich sogar eine Zahnärztin hier ansässig gemacht. Zwar gibt es hier ausser vielen anderen zwei gute deutsche Zahnärzte, doch wird es für die Mohammedanerinnen sehr angenehm sein, dass ihnen mm auch geholfen werden kann. Amüsante Sachen erzählte mir fängst mein Zahnarzt׳*aus seiner hiesigen Praxis. Er sagte: ״Ich habe wohl die internationalste Praxis, die man sich denken kann. Ich habe mich bald auf russisch, spaniolisch (Sprache der scpbardischcn Juden), eng• lisch, französisch, türkisch und arabisch mit meinen Patienten zu verständigen. Fast jeder der zu einer Sprechstunde kom• menden Leidenden gehört einer anderen Nation an. An wenigsten lieb sind mir die Araber. Erstens ״feilschen' sic furchtbar, aber dies würde nichts tun, denn da ich c* weiss, so richte ich meine Preise danach, aber wenn ich mit der Behandlung iertig bin, wollen sic selbst den ausgemachter Preis nicht zahlen. Ein sehr reicher arabischer Tuchhänd l c r schuldete mir 10 Frs. Ich ging jeden Tag zu ihm, mein Geld zu verlangen. Immer hatte er eine andere Ausrede. Endlich kam ich einmal gerade zu ihm, als er in seinem Wagen ausfahren wollte, da spannte ich ihm das Pferd aus und erklärte, ihn nicht weiter zu lassen, bis ich mein Geld hätte. Da rückte er denn heraus und gab mir die ganze Summe it Metaliks (kleine Blcchmiinzcn im Werte von etwa 3Vi Pfg.), Doch manchmal,“ fuhr der Arzt fort, ״verzeichne ich auch Ausnahmen, ganz umgekehrte Fälle. Da kommt, mal ein zer• Inmptcr Soldat zu mir, mit ganz geflickten! und durchlöcherten! Anzug (hier keine Seltenheit). ״Ich habe gehört,“ sagte er.

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