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Jüdische Rundschau · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Na 8 JÜDISCHE RUNDSCH AU Seite 111 ״du (im arabischen sagt man immer ״du“) seist so ein ge- ’schickter und kluger Mann. Ich habe eine Zahnwurzel, die mich fürchterlich schmerzt, ziehe sie mir heraus, aber ohne mir wehe zu tun (die Araber fürchten körperliche Schmerzen ungemein) und ich will dir geben, was du willst!“ Unter An Wendung von Kokain hatte ich die Operation bald bewerkstclligt. Mein dankbarer Patient fiel mir um den Hals, konnte sich in seiner blumenreichen Sprache gar nicht in Lobescr- Hebungen meiner Geschicklichkeit genug tun und zog zuletzt aus seinem armseligen Kock eine volle Börse, die er mir zuwarf: ״Nimm cs, nimm alles!“ Natürlich gab ich sie dem armen Teufel zurück, für mich nur die mir zukommende Kleinigkeit behaltend." Die Zahl der Flüchtlinge aus Russland, die nach Jerusalem gehen, war bis jetzt nicht so gross, wie vermutet werdenkonnte. Es kommen immer nur vereinzelte her, krank und elend, die in den Hospitälern um Aufnahme flehen. Neulich erzählte mir der Direktor des deutschen jüdischen Hospitals Schaare Zedek: ״Ein Mann kam und fragte, ob wir ihn aufnehmen wollten. Sein Auge hatte den gleichgiltigen Ausdruck eines Menschen, dessen Unglück ihm selbst noch unfassbar und unmöglich erscheint. Sein Rücken war gekrümmt von Gicht, Frau uud Kinder hatte er verloren und \*ar an den Bettelstab gebracht. Nun war ihm alles einerlei. ״Wollt ihr mich aufnehmen, gut, wenn nicht, dann gehe ich eben wieder!" Keiner der armen Vertriebenen versäumt cs. zuerst zur Klagemauer, die so recht ein Bild der Trauer ist, zu gehen. Man findet ja immer Betende davor, besonders belebt aber ist es an diesem Ort jeden Freitag Abend. Dann vereinen sich hier die Juden — viele, die in der Woche oft in Lumpen angetan, sieht man nun in den besten Gewändern — zum Gebet. Mau lernt dann s orccht die Hcincschen Worte verstehn: ״Aber jeden Freitagabend, In der Dümturungsstundc. plötzlich Weicht der Zauber und der Hund Wird aufs neu’ ein menschlich Wesen." Die Klagenlauer liegt inmitten der Altstadt. Mat! muss lange, dunkle, schlüpfrige, stufenartig gebildete, schmutzige Gässchen durchschreiten, wenn man dorthin gelangen will. Aber auch an schönen Spaziergängen mangelt es in Jerusalem nicht. Zwar gibt cs keine schattenspendenden Bäume in der Sommerhitze, doch in der jetzigen Jahreszeit ist es oft schön zu wandern. Zwischen all den Tagen voll Kälte, Nässe und Schmutz gibt es Tage, wie man sie bei uns in Deutschland nur im Mai antrifft. Tage, an denen die ganze Atmosphäre angefüllt ist vom Frfihlingsrauschcn, die Luft vom Veilchenduft erfüllt und die Sonnenuntergänge von unbeschreiblicher Farbenpracht. Einer der schönsten Spaziergänge ist der Weg zum ö 1 b e r g. Mann kann den breiten, vor einigen Jahres.־ für den deutschen Kaiser errichteten Fussweg hinaufsteigen und dann den steilen Pfad zwischen den Gräbern an der ״Hand Absalnns" an der griechischen Kapelle vorbei hinabklcttcm und durch die Via dolorosa am Damaskustor wieder heratiskommcn. Hier erzählen die Denkmale und Bauten bei jedem Schritt ein Stück Geschichte der Völker. Von oben herab aber hat man einen prachtvollen Blick auf die Stadt und wenn sie dann im Abendglühen von Schleiern umwoben vor den trunkenen Blicken liegt, dann vergisst man allen Schmutz, den sie in ihren engen Strassen birgt. FRANKF. ZTG. Die jüdische Kommission, die ins Ost-Jordanland ausgc* zogen ist, um das Land zwecks Gründung einer Kolonie in Augenschein zu. nehmen, ist begeistert zurückgckchrt, wenn auch nicht, wie weiland die Kundschafter Josuas, mit grossen Trauben beladen, die von zweien auf einem Stecken getragen werden mussten. Dafür aber hatten sie um so grössere Rosinen im Sacke, was sowohl wörtlich wie bildlich gemeint ist. Jedenfalls Ist der Plan der Koloniegrfmdung in unmittelbarer Nähe der Hedjcz-Bahn gesichert. Durch diese Bahn ist die zukünftige jüdische Koionic sowohl mit der Hafen- Stadt Haifa, wie mit Damaskus und den! Beirutcr Hafen verbunden; und da die jüdischen Familien — es werden deren fünfzig sein —. die sich beteiligen werden, durchwegs deutsch -sprechend sind, so bildet diese Koionic den ersten ungeheuer wichtigen Faktor speziell für deutsche Industrie und deutschen Export, im Ost-Jordanland vorzudringen. Die Koionic ruht zwar, wie alle jüdischen Kolonien in Palästina, auf landwirtschaftlicher Grundlage, verbunden mit Wein- und Olfabrikatio,», unter Benutzung der modernsten europäischen Maschinen und Geräte: cs werden aber unter den Kolonisten sich auch Kaufleute befinden, die andere europäische Importwaren, sowohl für die jüdische Kolonie selbst, wie für die von ziemlich wohlhabender Araberbevölkerung bewohnten Städte und Dörfer importieren werden. A. D. DEUTSCHE INDUSTRIE. L Rundschau i Rilfsverein der deutschen Juden | Wie der Hilisvcrcin der Deutschen Juden mitteilt, nahm er in der letzten SUzung des geschäftsführeuden Ausschusses Unter dem Vorsitz des Herrn James Simon u. a. zu den Be- Schlüssen der Brüsseler Kon ferenz vom 29. Jan. Stellung. Der Ausschuss erklärte sich nach dem Referat des Dr. Paul Nathan, der an der Konferenz als Vertreter d^s Hilisvcreins zusammen mit den Herren Sigmund Berge! und Pr. Hildesheimer tcilgcnommen hatte, mit dem Beschlüsse (Unverstanden, dass eine Organisation geschaffen werden soll, um eine ständige Kooperation aller jüdischen 11 u ina ni t ä rcn Vereine für die Zukunft zu gewährleisten. Der geschäftsführende Ausschuss stimmte um so lieber der in Brüssel gefassten Resolution bei, als bereits früher auf Antrag des Hilfsvereins bei der von ihm zusammeiibcrufenen Kischinew-Konferenz genau derselbe Beschluss gefasst worden wäre, der aber leider bisher durch Hinderungen verschiedenster Art zur ׳Durchführung nicht gelangt ist. Der Hiiisvercin wird sich auch an der Bildung einer Konimission beteiligen, die die verschiedenen Länder in Bezug auf Immigratinns- und Kolonisationsmöglichkeiten studieren soll. Unter lebhafter Zustimmung der Versammelten resümierte Herr James Pinnow den Standpunkt des Hilfsverein in der Frage der Kooperation der Organisationen und der Bildung einer Studicnkummission dahin, dass, wo immer die Hand gereicht werde, damit die zu erfüllenden humanitären Aufgaben in Gemeinsamkeit gefördert werden, der Hilfsverein zur Stelle wäre und immer bereit sein werde, pari passu mH den anderen Vereinen vorwärts zu gehen. Bewilligt wurden in der Sitzung unter anderem weitere *UKXl Mark für die Herberge für russische Aus- Wanderer, die bereits im vorigen Jahre in Königsberg i. Pr. eingerichtet worden ist und die unter der umsichtigen Leitung des dortigen Schutzkomitees des Hilfsvereins der Deutschen Juden höchst segensreich wirkt. Ferner beschloss der Ausschuss, dass in der Kontroll- Station R u h I e b e n bei Spandau vom Hiiisvercin der Deutsehen Juden eine Baracke für die durchreis enden russischen Auswanderer gebaut und eingerichtet werde und dass in der Baracke zugleich für die Verpflegung der Durchreisenden Sorge getragen werden solle. Die Kon- *KMlstation Ruhlebcn wird tagtäglich von russischen Emigranteil ■auf der Durchreise nach Hamburg und Bremen passiert; die daselbst nach den bestehenden gesetzlichen Vorschriften stell ärztlicher Untersuchung und Desinfektion zu unterziehen haben. Die sorbereitenden Schritte für die Herstellung und Einrichtung der Baracke, die den Ärmsten unserer Stammesgenossen zu gute kommen wird, sind bereits getan. Die Ausführung wird nach Möglichkeit beschleunigt. In der Sitzung des Ausschusses wurde jedoch nachdrücklich hervorgehoben, dass der Hiifsverein, und das, für spezielle Zwecke der Aus wandererfürsorge organisierte Zentralbureau und die Schutzkomitees des Hilfsvercins zwar für Gewährung von Schutz und Informationserteilung nach wie vor jederzeit zur Verfilgung stehen würden, ״dass aber — in Gemässhcit des auch noch auf der Brüsseler Konferenz gefassten Beschlusses — die Auswanderung der russischen Glaubensgenossen pekuniäre Unterstützung nicht erf a h r e n k a n nk '■ Unsere Leser, wissen, dass die Brüsseler Konferenz einen solchen Beschluss nicht gefasst, sondern nur gezwungen, eine entsprechende Erklärung der Hilfsgesellschaftcn zur Kenntnis genommen hat.,/] Endlich wurde für die Unterbringung und Ausbildung galizischer Lehrlinge in Westösterreich — eine Aktion, die der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien, zu Wien unter finanzieller Beteiligung des Hilfsvereins der Deutschen Juden unternommen hat — für 1906 gemäss dem Voranschlag des Wiener Vereins ein weiterer Beitrag von 3000 Kr. gewährt.

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