Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 8 Krimiiialilätsziffern Mord und Hochverrat gleichmässlg mit den Zuwiderhandlungen gegen die Bestimmungen über die Sonntagsruhc*. , Die Zunahme der Kriminalität bei den Juden stellt sich schon ganz anders dar, wenn wir die Oesamtkriminalität nach den vier grossen Deliktsgruppen differenzieren: Auf 100 000 strafmfindige Zivilpersonen der gleichen Rcligion kommen Verurteilte wegen Christ Juden 1. Verbrechen und Vergehen gegen Staat, , öffentliche Ordnung u. Religion (ausser- 1 Verletzung der Wehrpflicht) 1882—1891 * 124 104 ‘ 1892-1901 167 234' 11. Verbrechen und Vergehen gegen die Person 1882-1891 401 330 . 1892—1901 # 523 382 III. Verbrechen und Vergehen gegen das * Vermögen 1882—1891 500 :46 1892-1901 513 410 IV. Verbrechen und Vergehen im Amte 1882-1891 5 5 1892-1901 4 3 Die Betrachtung dieser Zahlen lehrt? dass die Steigerung der Oesamtkriminalität der Juden, so weit sie stärker ist als die Steigerung der Christen, fast ausschliesslich auf eine Zunähme der Verurteilungen in der ersten Gruppe zurückzu־ führen ist. Also sind die Juden vorwiegend Staatsverbrecher? Die Antwort auf diese!־'rage erhalten wir, wenn wir untersuchen, welche Delikte in jene Gruppe gehören und wieviel Verurteilungen von Juden wegen der einzelnen Delikte erfolgt sind. Die schwereren Delikte der Oruppe sind Hoch- und Lairdösvcrrat, Majcstätsbclcidigung, Gewalt und Drohungen gegen- Beamte, Befreiung von Gefangenen, Landzwang, Arrestbruch/ Mlinzverbrechcn, Münzvergehen, Meineid, versuchte Verleitung zum Meineide, falsche Anschuldigung, Vergehen gegen ditO-Religion. Wie steht cs nun mit den Verurteilungen von Juden wegen dieser Delikte? Der Prozentsatz der wegen Hoch- und Landesverrats und der wegen Landzwangs verurteilten Juden ist in beiden Perioden 0. Die Verurteilungen wegen eines Rcligionsdclikts sind auf der früheren Zitier (2,0 auf 100 000) stehen geblieben. Im übrigen haben die Verurteilungen wegen sämtlicher anderen aufgezählten Delikte abgeriommeu. Sic sind gefallen bei Majestätsbeleidigung von 13 auf 0,49, bei Gewalt und Drohungen gegen Beamte von 15.0 auf 133, bei Befreiung von Gefangenen von 0,76 auf 0,49, bei Arrcstbruch von 3,6 auf 3,0, bei Münzvcrbrechcn von 0,51 auf 0,25, bei Münzvergehen von 0,51 auf 0,49, bei Meineid von 4,8 aui 3,4, bei versuchter Verleitung zum Meineide, Falscheide usw. von 1,8 auf 1,2, bei falscher Anschuldigung von 2,8 auf 2,0. (Die Zahlen bedeuten immer die Verurtcüungen, welche auf 100 (XX) straimfmdige Zivilpersonen der jüdlsehen Bevölkerung kommen.) Dagegen ist eine grössere Zunahme von verurteilten Juden zu konstatieren, bei den Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften über die Beschäftigung von Arbeiterinnen und Seite 109 jugcndtichcn Arbeitern (von 5,9 bis 16,7 auf 100 000) und bei den Zuwiderhandlungen in Bezug auf Konzessionspflicht, sowie gegen behördliche Anordnungen betreffs Sicherheitsvorrichtungen bei gewerblichen Anlagen (von 25,2 bis 34,0). (Schluss folgt) 1!'\ י Nachrichten aus Palästina Weit vom Getriebe der Stadt und ihren schmutzigen Gassen am Abhange des Skopusbcrges gelegen, erhebt sich die bucharisch-jüdische Kolonie. Breite, reine, gepflasterte Strassen durchkreuzen diese Kolonie, neben deren schönen Gebäuden sich kleinere oder grössere• nette Gärten befinden. Die Bewohner der Kolonie sind meistens bucharische Juden, deren Zahl hier seit zehn Jahren sich beträchtlich vergrössert hat. Anfänglich kehrten manche F.inwatiderer wieder nach ihrer Heimat zurück, weil sie hier keine passende Beschäftigung fanden, allein gegenwärtig nimmt der Zuzug von bucharischen Juden von Jahr zu Jahr zu. Ungefähr vor acht Jahren kauften sie am Abhange des Skopus ein Stück Land, aui welchem sie ihre Kolonie ״Rehobot” bauten. Die hiesigen bucliarischen Juden, welche meistens wohlhabend sind, leben. abgesondert von den übrigen Gemeinden und mengen sich niemals in deren Angelegenheiten. Ihre schöngebauten Synagogen sind zugleich die Schulen, wo die Kinder von einem Privatlehrer (Rabbi; in Bibel und Talmud unterrichtet werden. Profane Bildung kennen die hiesigen bucharischen Juden nicht und lassen auch ihre Kinder nichts davon gemessen. Ihre Töchter wachsen fast ganz ohne jeden Unterricht auf. .Während die Aschkenazini (deutsche und russische Juden), die von der ״Chatuka" leben und darum von den Fanatikern abhängig sind, ihre Söhne meistens notgedrungen in die Jeschiba schicken und sie die monotone Melodie des ״Amar Äbaye” singen lassen, schicken doch die meisten ihre Töchter in die Mädchenschulen und die ganz Kleinen in die Kindergärten, der drohenden Peitsche der ״Chaluka" zum Trotze. Die bucharischen buntbekleideten Mädchen bleiben aber ihr Lebelang auch ohne die elementarste Bildung, obwohl ihre Väter vor bildungsfeindlichen Rabbinern und einer Einbusse der Chaluka (da sie keine beziehen) nichts zu fürchten haben. Dieser bedauernswerte Zustand erklärt sich allerdings teilweise damit, dass die bucharischen Juden, wie schon oben erwähnt, in ihrer Kolonie ״Rehobot” nur den Frommen mit ihrem Cheder und Jeschiba nahe und von den Schulen und Kindergärten weit enfernt sind und auch zu geizig sind, um mit ihrem Geldc selbst eine Schule, oder einen Kindergarten in ihrer Kolonie zu eröffnen. Es gelingt einem schwer, von einem Bucharer für einen guten nützlichen oder nationalen Zweck eine Spende zu erhalten, für sich aber in Bezug auf Essen und Wohnung spart der Buchare nichts und muss im Verhältnis zu der übrigen Jerusalemer Judenschaft vielfach geradezu verschwenderisch genannt werden. Die Kolonie vergrössert sich durch stetigen Ankauf von Land immei mehr und damit kommt wenigstens etwas reges Leben hinein in den stillen Gang der Dinge. Gegenwärtig herrscht hier ein reges Geschäft in Landankäufeii ausserhalb der Stadt. Auf dem anzukaufenden Lande sollen Häuser gebaut und dann einzelweise zu günstigen Preisen verkauft werden. Diese Geschäftsbewegung gibt Hoff־- nung, dass dadurch die Stadt grösser und schöner werden wird. 1 * Die ohnehin schon beklagenswerten Jerusalemer Verhältnisse werden durch die neuen armen Ankömmlinge aus Russ-!and, deren Zahl sich immer mehr ,steigert, noch vielfach verschlimmert. Die meisten sind nur mit wenig Habe hier angelangt und haben die jüdischen Pilgerhäuser angefüllt, diejenigen aber, die dort keinen Platz mehr fanden, müssen den letzten Ptennig für ein kleines Zimmerchen hergeben, denn die Alietpreise sind durch den grossen Zustrom ungeheuer gestiegen. * Der Winter hat sich diesmal gleich mit seiner ganzei Strenge eingestellt. Nachdem man bis Ende Dezember wegen Wassernot gefastet und gebetet hatte, verhüllte sich der blaue schöne Himmel Palästinas mit dichten schwarzen Wolken, der Regen ging Tage und Wochen lang in Strömen nieder’ und bereitete in manchen schlecht bedeckten Häusern ein unfreiwilliges Bad in den Wohnungen. Auf den Regen folgte eine empfindliche Kälte mit Schnecfall und Eis. die auch den Gartengewachsen schadeten. Erfreulich ist es immerhin, dass jetzt