Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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t Seile 108 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 8 bekämpfen auch uns, die Juden, die alten Kulturmissionäre des Deutschtums im Osten. Darauf hinarbeiten müssen wir, dass die JucJcnscliaft des Ostens wieder ein Machtfaktor werde, eine Stellung erringe, auf welche sie ein Anrecht hat vermöge ihrer volkswirtschaftlichen hervorragenden Eigenschaften. Nur auf Machtfaktoren wird Rücksicht genommen, und ein solcher sind wir nicht mehr. Das Zünglein an der Wage! Widerlich unwürdige Rolle das! Selbstpreisgebung in Permanenz, solange wir nicht Juden, echten tapferen Juden, unser Heil in die Hände zu legen den Mut finden. Besinnen wir uns doch unserer selbst! Juden sind wir, die wir die Pflichten gegen unser deutsches Vaterland gern und freudig erfüllen. Nur Männer und Kämpfer kann dieses aber an den Grenzen der Ostmark brauchen, nicht Ducker und Kompromismenschen, nicht Parteibonzen und Parteiheloten, die befriedigt sich ins Bett legen, wenn sie über gleichgültige Dinge eine Rede nach dem Schema von anno dazumal posiert haben. Die Regierung, ich rufe diese Worte hinaus über die Wände dieses Saales, würde vor Ihnen, m. H., mehr Achtung haben, wenn sie das täten, was unsere protestantischen und katholischen Kompatriotcn seit Jahren tun: wenn Sie mehr vor unseren, nämlich der Juden, Türen wirtschaften würden. Drum los von aller Partei! Zusammenschluss der Juden, damit wir das Judentum, den einst so sesshaften kulturellen Teil des Deutschtums, wieder heben und es bei den Nichtjuden wieder zur Achtung und zu Ehren bringen. Politisch: nicht enggrenzige Parteibonzerci. im Bewusstsein unseres alten Adels stolz. Ein einiges Judentum wollen wir im Osten haben. Nur wenn wir dieses Ziel ereichen, erringen wir wieder die Stellung, welche uns gebührt. Dann sind wir nicht mehr das Zünglein an der Wage, sondern werden wieder ein Teil der deutschen Macht und Wacht an der Grenze sein. Das Ziel ist hoch.der Weg ist hart, weil wir unsere Gegner im Judentum selbst nicht unterschätzen. Die Begeisterung, mit welcher Sie uns folgen, gibt uns Hoffnung, mit Ihnen unserem Ziele Schritt für Schritt näher zu kommen. Die Zeit kommt mit aller Sicherheit, in der auch unsere jetzigen Feinde im Judentum uns brüderlich die Hand reichen, manche Härten, die der Kampf für hohe Ideale einmal mit sich bringt, vergessen und mit uns beitragen zum Glanze des Judentums und des Deutschtums in der Ostmark. Dr. Carl Kassc 1־P0sen. Die Kriminalität der deutschen Juden Von%Dr. Bruno Blau. Der 146. Band der ״Statistik des Deutschen Reichs“ (neue- Folge) enthält seit dem Jahre ISO! 7um ersten Mate wieder eine zusammettfassendc vergleichende Darstellung der Kriminalität der Christen und Juden, und zwar unter Zugrundelegting der Volkszählung von 1900.. Diese Darstellung beruht darauf, dass die Zeit seit Beginn unserer Krinünalstatistik in z.wei zehnjährige Perioden gcschieden wird, von denen die erste die Jahre 1882—1891 und die zweite die Jahre!892—1901 umfasst, und dass der Jahresdurchschnitt der beiden Perioden berechnet wird. Durch die Ermittelung eines zehnjährigen Durchschnitts wird vor atlcm der Fehler vermieden, dass ein Einzelnes lahrcscrgebnis als typisch hingcstcllt und verallgemeinert wird. •» Durch die 13crecbming des Durchschnitts z w c i c r Perioden wird die Möglichkcit gewonnen, das Steigen oder Fallen der Kriminalität von einer Periode zur anderen zu beobachten. Ferner werden im vorliegenden Bande der Statistik die Zahlen sowohl der verurteilten Christen als auch der verurteilten Juden nur in Verbindung gebracht mit der strafmiindigen Zivilbevölkerung, nicht mit der Gesamtbevölkcrung. Es werden also die Strafmündigen und das Militär ausgeschieden; dadurch werden die falschen Ergebnisse vermieden, welche durch die verschiedene Altersgliederung der Juden und Cf• זsten anderenfalls entstehen würden; das Militär muss dcshali ausschcidcn, weil auch die von den Militärgerichten Vcrurtriu ten nicht in die Kriminalstatistik aufgenommen werden. Schlicsslieh wird die Vcrliältiüsbercehnting in der Welse vorgenommen, dass die Zahl der christlichen Verurteilten zu!00 0)0 Christen und die Zah| der indischen Verurteilten /u 100 000 Juden in Be- Ziehung gesetzt werden. Hierdurch wird eine cinigerrnassen vollkommen exakte Grundlage für Vergleichungen und Schlussfolgerungcn gewonnen. (Früher beschränkte man sich hei Verarbeitung der Kriminalstatistik gewöhnlich darauf, den Prozentsatz der verurteiltem Juden, der sich im Verhältnis zu allen Verurteilten ergibt, zu ermitteln und zu dem Anteil der jiidisehen Bevölkerung in Beziehung zu setzen.) So dürfte die jetzige Technik der Statistik allen Anfor• derungcii genügen, und zwar sind ihre Vorzüge um so wertvoller, als alle Berechnungen auch beinahe für jedes einzelne Delikt ansgenihrt worden sind. Von welcher Bedeutung dies ist. wird sich bald ergeben. Wenn wir nunmehr an die Betrachtung der durch die geschilderte Methode gewonnenen Ergebnisse der Statistik gehen, so sehen wir zunächst, dass im deutsehen Reiche die Gesamtkriminalität von einer Periode zur anderen gewachsen ist. Die Grosse dieses Wachstums ist iür die Angehörigen der einzelnen Religionen verschieden sic ist bei den Evangelischen 16,5 Pro/., bei den Katholiken 18,0 Proz., bei den Christen überhaupt 17.1 Proz., bei den Juden 31,4 Prozent. Näher betrachtet, ist die Kriminalität der Juden von 1882-- 1891 ein wenig gefallen, dann von 1892- 1895 erheblich gestiegen, seit 1895 wieder etwas gestinken. Trotz jener grossen Steigerung ist der Anteil der Juden am Verbrechen nach dem Durchschnitt der zweiten Periode (J892 1911!) doch noch um 17,2 Prozent geringer ׳,׳ds• der An teil der Christen (um 8.9 Prozent geringer als der dccEvangelfsehen, um 32.1 Prozent geringer als der der Katholiken). Diese günstige Stellung der Juden in der Kriminalstatistik stellt sich durch folgende Zahlen dar: Auf 100 000 strafjpümligc Zivil- Personen der gleichen Religion kommen Verurteilte wegen sämtlicher Verbrechen und Vergehen gegen Reichsgesetze (ausschliesslich Verletzung der Wehrpflicht): i. Durchschläft der Jahre Überhaupt Evanget. Kaihol. Christen Oberhaupt Juden 1882-1691 1031 963 I f 53 10.0 784 1892 -1901 1207 UZ2 1361 I20S 1a0־ Ist also die Kriminalität der Juden im allgemeinen erheblich geringer, als die der Christen, so ergibt die Einzelbetrachtung dennoch, dass die Juden bei gewissen Delikten schlechter absebneiden als die Christen. Aber ebensowenig kamt aus der Tatsache, dass die Kriminalität der Juden im allgemeinen so sehr gestiegen ist, ein Nachlassen der Moralität bei den Juden gefolgert werden. Man muss viehhehr erst untersuchen, welche Delikte bei den Juden zugenommen haben. Dann erst kann man Schlüsse ziehen. Erscheinen doch in den allgemeinen