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Jüdische Rundschau · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 8 r. JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 107 •<. zuriiekgestossen. Noch besteht freilich seitens der j älteren christlichen Familien des Flachlandes ein ver- J trautes Verhältnis zu den Juden; jene sehen, wohin der neue Kurs das Deutschtum führt: nur der Eingeborene weiss, was dem Osten Not tut. Der Verwaltungsbeamte von heut dagegen, möglichst aus dem Westen her verschrieben, steht den Bedürfnissen unserer Provinz fremd gegenüber: ihm ist nur Protestantentum und Deutschtum identisch, das Judentum ist ihm ein fremder Bestandteil im deutschen Vaterlande. Kaum ist er so- Zusagen warm geworden im Osten, kaum hat er seine Sünden erkannt, da geht auch schon der Traum in Erfüllung, den er bald in den ersten Tagen seines Aufenthaltes hier so schön geträumt: er wird versetzt nach schöneren Gebieten des weiten Vaterlandes. Und da wohl die Jahre, die er im Osten als vermeintlicher Märtyrer des Deutschtums verbracht, als ’Kriegsjahre doppelt gerechnet werden, wusste er von vornherein, dass dieses Opfer ihn! von der Behörde gut belohnt werden würde. Dem Deutschtum fehlt eben meist der Begriff der Selbstverständlichkeit feiner kolonisatorisehen Pflichten, Jahrzehnte hier auszuharren! Er zerstört, wie sie aus den Volkszählungen ersehen, die jüdischen Existenzen und fördert so das Polentuin. Soll ich Sie über die Einzelheiten der gesellschaiiliehen Zurücksetzung, über das Genossenschaftswesen, über die strenge Durchführung der anti- und asemiti־ sehen Grundsätze der Verwaltungskörper unterhalten? Soll ich dem gegenüber die Verdienste der Juden Im Osten einzeln schildern? Beides ist Ihnen zur Genüge bekannt. Doch gerade der Zionismus, der die kulturelle Hebung des Judentums auf seine Fahne geschrieben, eine Tätigkeit, die nicht ohne scharfe Kritik am Judentum selbst möglich ist, gerade der Zionismus, der Im Gegensatz zu den anderen Organisationen sich nicht scheut, Wunden aufzureissen, wenn dies zur Heilung führt, der die zitternde Angst vor dem Antisemitismus verloren hat, gerade er hat das Recht und die Pflicht, nach Mitteln zu suchen, welche die Stellung der Juden in der Ostmark zu bessern im Stande ist. Das Judentum im Osten ist heut noch eine zerrissene Masse, welche, der Tradition gemäss, ohne die Wandlungen ihrer früheren Beschützer zu erkennen, stets und vorwiegend dem Liberalismus Heeresfolge geleistet haben, ohne ferner zu berücksichtigen, dass das wirtschaftliche Programm des Jetzigen Freisinns garnicht einmal den Interessen der Ostmarkjuden entspricht; diese passen nämlich in keines der vorliegenden Parteiprogramme überhaupt hinein. Und haben denn die Freisinnigen ein Parteiprogramm? Wo blieb der Wahlaufruf für 1S9S und 1903? Nur zu Erklärur.־ gen in einzelnen Wahlkreisen hat man sich aufschwingen können und hat in dieser Prinzipienlosigkeit ein Prinzip gesucht. Natürlich, wer nur auf gute Geschäfte bei Stichwahlen spekuliert, kann keine allgemeinen Parteigrundsätze haben, und muss vom Parteiprogramm zur Taktik von Fall zu Fall umkehren. Darum kämpft man im Westen gemeinschaftlich mit Agrariern gegen Sozialdemokraten, im Süden mit Sozialdemokraten gegen Agrarier, darum bekämpft man im Wahlkreise des Herrn Hasse die Alldeutschen — in Posen gebärdet man sich alldeutsch. Unentwegt, voll und ganz! — Eine wirtschaftliche Interessenvertretung, welche das gesamte Deutschtum umfasst, welche den herrschenden Teil der Provinz, die Landwirtschaft, und den Handel — denn die Industrie kommt kaum in Betracht — berücksichtigt, darf nicht nach der alten, üblichen Parteischablone zugeschnitten sein. Doch ohne a!.v!’ auf diesen Punkt weiter einzugehen, richte ich an Sie die Frage: Welchen Vorteil hat das Judentum im Osten von seinen freisinnigen Vertretern gehabt? Die Erbitterung, welche die Wahlkämpfe mit sich bringen, würden wir gern in den Kauf nehmen, wenn wir vpn dem Eintreten für den Freisinn wenigstens einen Nutzen hätten: die Vertretung unserer jüdischen Interessen! Ich entsinne mich aber nicht, dass unsere Vertreter im Parlament eine Lanze für die bedrängten Juden gebrochen haben. Sic erinnern sich an das Verhalten der freisinnigen Zentralleitung, welche die Siege der Antisemiten förderte, Sie kennen ihre Stellung zu jüdischen Kandidaturen. Und wann hörte man seit dem Ausbruch der flammenden Entrüstung gelegentlich des Versuches, den Asscssorenparagraphen durchzusetzen, ein Wort des Protestes aus dem Munde unserer freisinnigen Parlamentsjuden? Wäre es nicht ihre Pflicht,bei jeder Gelegenheit — und welche Debatte böte solche nicht? -- scharf hineinzuleuchten in die Ostmarkenfrage! Ein Kinderspott ist die Partei geworden, welche uns vorgaukelt, im Sinne der Lasker, Bamberger, Rickert die Erbschaft des Liberalismus zu verwalten. Und die Regierung weiss, dass sie es. nicht mehr nötig hat, mit ihr zu rechnen. Wird der ״Protest“ einmal zu scharf, wie bei dem Assessorenparagraphen oder der Notarfrage — die Juristen sind ja die Wortführer des Frei- Sinns — so weiss sie, mit welchen Pilästerchen sie Linderung der Erregung erzielt. Es tritt Ruhe ein — nur nicht sich rühren — pst, pst — nicht mit dem Feuer spielen — die ״Partei“ (nämlich die freisinnige) sorgt für Euch Juden-inzwischen geht die Masse des Judentums zu Grunde! Und das nennt sich Demokratie! Brauche ich es vor Ihnen darzulegen, wie reaktionär überall der Kommunalfreisinn ist? Doch eine Tatsache — nicht etwa Scherz — will ich Ihnen aus dem jüdischen Gemcindeleben Posens nicht vorenthalten: Die jüdische Gemeindeverwaltung Posens ..konzedierte“ nach langem Zögern die Oeffentüchkeit ihrer Verhandlungen, ein uraltes liberales Prinzip: bei der ersten wirklich wichtigen Beratung über die Eingemeindung der Brüdersynagoge, beantragte einer der Führer der Freisinnigen den Ausschluss der Oeffentlichkeit! Sapienti sat — Nein, meine Damen und Herren, welches auch immer unseren wirtschaftlichen Anschauungen sind, sic werden sich wohl vorwiegend um die Stellungnahme zuin Sozialismus der verschiedenen Richtungen drehen, in Verwaltungsfragen, vor allem In der Frage des Judentums müssen wir volksparteilich im edelsten Sinne des Wortes sein. — Hebung der Kultur! Nicht nach dem Steuerzette! richtet sich dieses Bedürfnis. Wer von uns ist nicht erfüllt, von ästhetischer Abneigung gerade gegen einen Teil der Plutokratic im Judentum? Plutokratie ist lange noch nicht Aristokratie! Wir Zionisten wollen unsern Hebel ansetzen gerade bei den sog, kleinen Juden. Demokratisch soll unser Handeln sein und zur rechten Aristokratisierung des Judentums dereinst führen. Und unser Ziel? Nur zereissen die alten Bande? Nein, wir wollen aufbauen im deutschen Vaterlandc. mit dem xvir trotz alledem eng verknünf! sind und bleiben. In deutscher. Kultur erzogen, bleiben wir deutsch. In Kämpfen um das Deutschtum im Osten müsste unser Platz ausschliesslich an seiner Seite sein, wenn nur Kultur, Bildung und Erziehung massgebend wären und nicht die leidige Politik mit hineinspielte. Aber unmöglich wird es uns gemacht, aktiv an ihnen uns zu beteiligen; denn die, zu denen wir mit!historischer Pflicht und historischem Recht gehören,

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