Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1906)
- Date
- 1906-02-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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J Seite 106____JÜDISCHE zu; d. h. das Zahlenverhältnis hat sich zu gunsten des Polentums verschoben, und nicht nur das Zahlenverhältnis, sondern auch das wirtschaftliche Machtverhält־ nis, denn die Abwanderung der Juden bedeutet zugleich eine nicht zu leugnende Verminderung des kapital־ kräftigen Mittelstandes. Ob hierfür ein Ersatz auf dem Lande geschaffen ist, durch Verdrängen des Polentums durch deutsche Ansiedler — wir möchten es nicht ohne weiteres annehmen; die Veröffentlichungen des Statistisehen Landesamts werden s. Zt. darüber Aufschluss erteilen. Aber schon jetzt wird wohl jeder, der es mit dem Deutschtum der Ostmark wohl meint, jene Ent- Wicklung ‘ in den grösseren und kleineren Städten der Provinz, mag er auf einem Parteistandpunkt stehen wie er will, in ihren Ursachen und Wirkungen sine ira et sine Studio durchdenken!“ Nun, meine verehrten Anwesenden, nur klein ist der Prozentsatz derer, welche durch die soziale Ent- Wicklung von Handel und Oewerbe überhaupt aus den kleinen Städten vertrieben werden, dadurch nämlich, dass der Kleinbetrieb durch den Grossbetrieb aufgesaugt wird, noch kleiner ferner ist der Kreis derer, welche gerade das Aufblühen ihres Geschäftes aus der Kleinstadt herausführt, da sie erwägen, dass sie z. B. ihr Getreide- oder Holz- oder Manufakturgeschäft intensiver oder extensiver von der Grossstadt aus bewirtschaften können, da ja Telephon und Telegraph ihnen jede Minute Verkehr mit ihrem alten Berufsgebiete gestatten. Nein, um den Kern*, den Hauptgrund der Abwanderung zu verstehen, müssen wir uns der geschichtlichen Entwicklung der Judenschaft im Osten zuwenden. Vielleicht finden wir daun neben den Ursachen für unsere Lage auch einen Ausweg aus ihr, die den meisten jetzt fast unheilbar erscheint; denn augenblicklich sind wir als Juden auf den toten Punkt gelangt; die regierenden Kreise sind ohnmächtig gegenüber den destruktiven Kräften des Antisemitismus. Ich betone dies und überlasse es federn von Ihnen, in dieser Beziehung seine Gefühle zu haben: die leitende Regierung sieht ein, dass die Schwächung des Judentums gleichbedeutend ist mit der Schwächung des Deutschtums. Sie hat aber nicht die Macht, Abhilfe gegen das dcutsch-judenfeindliche Gebahren der einzelnen Verwaltungskörper zu schaffen. — Wie entwickelte sich die jetzige schreckliche Lage der Juden des Ostens? Die Juden waren, da ein Mittelstand im König־ reiche Polen fehlte, zur Bildung eines solchen ins Land gerufen worden. Hier fanden sie ein Volk vor, welches wirtschaftlich auf tiefster Stufe stand, an ihrer Spitze die polnischen Schlachta, der Adel, dessen Qualität ja den Untergang des Reiches später herbeiführte. Noch im vorigen Jahrhundert konnte Heinrich Heine als Typus der Bauern Kreaturen zeichnen, deren Hauptfreude darin bestand, Sonntags in die Stadt zu kommen zu dreierlei Zwecken: in die Kirche zu gehen, sich rasieren zu lassen und sich zu besaufen, um dann im Rinnstein Erholung zu finden. Die KrapQlinski und Waschlapski repräsentieren neben ihnen die bessere Gesellschaft Polens. Einem Volke mit diesem Stempel gegenüber hatten die fleissigen, energischen, genügsamen. kulturell doch wohl auf relativ höherer Stufe stehenden eingewanderten Juden leichtes Spiel, wirtschaftlich zu einer, wenn auch bescheidenen Macht zu gelangen. Wirtschaftlieh überlegen waren die Juden den Polen vor allem auch durch ihre Zweisprachigkeit: sic behielten in Polen selbst ihre deutsche Muttersprache bei, welche in der Ostmark ihnen allein noch ihre Existenz ver- RUNPSCHAU___j____ No. 8 ' .. dankt! Sic kamen mit deutscher Kultur in ftemdes Land, mit deutschem Können, und wurden hier die Pioniere des Deutschtums. Dabei verband in allen Nöten die Polen und die Juden eine tiefe Sympathie: die Sympathie, welche alle Unterdrücktet! und Geqtüilteu und Verfolgten miteinander vereint. Diese wurde nicht unterdrückt durch den trotz alledem im Innersten glimmenden Glaubenshass und durch den Neid ob ihres vermeintlichen Reichtums! Noch im Vereinigten Landtage 1SJ7 konnte der Abg. v. Jaraczcwski während der Verhandlungen über den Gesetzentwurf, die Verhältnisse der Juden betreffend, atisfi'ihren: ״Ich bin kein besonderer Verehrer des Judentums, die Juden aber betrachte ich als Menschen und folglich als Mitbruder.“ Später sagte er: ״Aber auch Druck erzeugt Hass. Die Juden, von allem Mitwirken an dem Leben der christlichen Staaten fern gehalten, haben sich der meisten Kapitalien bemächtigt,“ und fährt fort: ״— und das mögen sich die Deutschen unserer Zeit merken: ״Die Juden, die durchgängig sich der deutschen Sprache bedienen und ohne Ursache polnische Juden genannt ■werden, besitzen die Eigenschaften ihrer westliehen Brüder itt stärkeren! Grade.“ Doch als der polnische Geist erwachte, geweckt durch die Christliehen deutschen Kolonisatoren, da wandte sielt für die Juden das Blatt. Matt hätte erwarten sollen, dass jetzt erst recht der jüdische Pionier des Deutschtums, gestärkt und gestützt durch den einwandernden Christliehen Deutschen, an Machttülle hätte gewinnen müssen.. Nein, es kam ganz anders! Die christlich-deutschen Kolonisatoren gingen im Polonium unter, das Heer der aus der Gegend von Bamberg nach dem Osten verpflanzten Bauern wurde von polnischen Geistlichen der polnischen Nation zugeführt, sic tragen heut noch die Kleidertracht ihrer deutschen Heimat, sind aber Polen geworden, wie die vielen hunderte von Familien, deren — freilich polonisierte Namen sie noch heut als Deutsche von ehemals kennzeichnen. Nennen Sie mir. bitte, im Gegensatze zu diesen treulosen Ueberlättfern einen einzigen Juden, der nicht treu geblieben ist dem Deutschtum, das ihn heut nicht minder verfolgt wie der Pole es tut. Wollen wir für menschenunwürdiges Gebaren nach Selieitigriinden suchen, so gelingt es uns, für das Verhalten der Polen uns gegenüber solche zu finden: das Blühen der jüdischen Existenzen im Osten erfolgt auf ihre Kosten. Das Darwinsche Gesetz zeigte auch hier int Existenzkämpfe im Osten, dass die Besseren die Sieger blichen: es waren dem unsoliden zerrissenen Polentunt gegenüber die Juden! Gegen sie musste sich zuerst die et wachte Nation wenden — es brauchte nicht in Gehässigkeit und tiefer Feindschaft zu sein. Es genügte die Proklamierung des polnischen Prinzips: Polen den Polen, und alles ergab sich weiter von selbst. Die gesamtc Geistlichkeit, ich erinnere Sic an die bewunderungswürdige Energie eines Prälaten Wawrziniak, des Organisators des polnischen Genossenschaftswesens, an die hunderte von Vereinen, äitsserlich unschuldigster Natur, eine , wie ich höre, glänzende Presse, dazu der Stempel des Märtyrertums und der unentwegt gepredigte Kreuzzugsgedanke für den katholischen Glauben, i'tir die Sprache, iür das Land der Väter — welche imposante Macht, dieses Selbstbewusstsein, dieses treue Zusammenhalten aller Polen gegen Alle, die ihrer Nation nicht angehören. Ihnen gegenüber steht das Deutschtum, zerspalten und zerklüftet nach Parteien und Konfessionen- - Und die Juden, die alten deutschen Kulturträger des Ostens, schmiegten sich dem kolonisatorischen christlichen Deutschtum an und wurden auch von ihnen