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Jüdische Rundschau · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · page 12

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 98 JOD ISCHE R UN D S C H A U No. 7 ״Wir müssen uns von 11er Duma, von jeglicher Art der Beteiligung an ihr lossagen! Mit allen Kräften müssen wir die unsinnigen Wahlen zu verhindern suchen! Wir können und dürfen der Duma nicht irgend welche Hilfe zukommen lassen. Keine Beteiligung an den Wahlen! Keine Einschreibung in die Wählerlisten!” ״Kein Schritt zur Duma! Kein Schritt zu den Wahlen! Kein Schritt zu den Wahllokalen!" ״Mag die Duma ihr Schicksal erreichen! Mag sie unter der Last der Verachtung des Boykotts und der Feindschaft zusammenhrechen! — Hort mit der Duma! Ls lebe die konstituierende Versammlung!" Rechte — kein Recht Dass es mit den Juden im Russischen (iewaltstaate beim alten bleiben soll, ersieht man aus einer Privatmcldung der MAGDEBURGISCHEN ZEITUNG, wonach der Ministerrat ein neues Judcngesetz ausgearbeitet hat, das der Reichsduma vorgelegt werden soll. * Es verwirft die von Witte befürwortete völlige Gleichstellung der Israeliten, macht dieser aber Zugestündnissc in den Fragen des Wohnorts, des Schulbesuchs und der politischen Rechte. Aber auch Herr Witte denkt keineswegs an Rechte für die armen Juden, sondern immer nur an solche für die wenigen Reichen, die Geld pumpen können. Die Rechte, die die Juden haben wollen, müssen sic sich selbst erkämpfen. Volle Freiheit werden sie doch nur in ihrem eigeneu Gemeinwesen in Palästina haben. Rechte im Mordland Das BERLINER TAGEBLATT und andere christliche Zeitungen. die ein gleiches Interesse daran haben, dass man ohne allzugrossen ״Anstoss zu erregen", russische Anleihen zeichnen kann, lassen sich schreiben: ״Eine wertvolle Erweiterung der Rechte der russischen Juden meldet man ans Petersburg: Der Ministerrat beschloss, für die Zukunft die Einschränkung der Aufnahme von Juden au! russischen Universitäten aufzuheben. Jedem Juden mit dem Reifezeugnis ist in Zukunft die Aufnahme auf der Hochschule gesichert. — Weiter berichtet man demselben Blatte: Das Finanzministerium hat die Verhandlungen mit der Pariser Bankgruppe wegen der neuen Anleihe wieder aufgenommen. Das Finanzministerium schlägt eine völlig gleiche Operation wie die letzte vor.“ Die erste Meldung ist irrtümlich. Sie erklärt sich zur Genüge aus der zweiten. Das eine Moment aber wollen wir nie vergessen, dass jeder, der Geld für russische Anleihen gibt und der die Auswanderung der Juden aus Russland jetzt unmöglich macht, sich zum Mitschuldigen der russischen Mordtaten macht. Jewrejskij Sojuz Die Petersburger Zeitung RUSS meldet, dass eine De putation des Verbandes für Gleichstellung der Juden beim Minister des Innern Durnowo vorstellig war, um eine Erlaubnis zur Einberufung eines Kongresses zu erhalten. Der Minister lehute die Eingabe ab. Dasselbe Schicksal traf die Muselmänner. Sic hatten um die Einberufung eines allrussischen Kongresses der Muselmänner gebeten, aber der Minister sagte, wenn er den Muselmännern die Erlaubnis gäbe, so würde dadurch ein unverw mischter Präcedenzfall geschaffen. Dann würden auch die Polen, Juden usw. kommen, was aber durchaus nicht zulässig sei. Also ״zwegen der Gerechtigkeit," wie Rosegger sagt. Riga, 7. Februar. In der Anglikanischen Strasse überraschte nachts die Polizei eine Versammlung jüdischer Apotheker und verhaftete sämtliche Teilnehmer. Sobald General Orloff nach hier zurlickgekehrt ist, werden auch hier die Mordtaten, die er Strafexekutionen nennt, beginnen. Von der Judenjagd Am 3. Februar (and in Lodz eine Versammlung von einigen hundert jüdischen Bäckergesellen statt. Nach Verlauf von einigen Minuten erschien die Polizei in Begleitung von Militär, welches das Versammlungslokal sofort umzingelte. Es entstand eine furchtbare Panik und plötzlich, man weiss nicht aus Welchem Anlass, ertönte ein Geknatter der Gew׳ehre, das von der andern Seite “gleichfalls mit Schüssen erw idert wurde. Das Ergebnis dieses Kugelwechsels war 1 Toter, 1 Schwer- und mehrere Leichtverletzte. Etwa 132 Personen würden verhaftet. ' Stallupönen. Von der russischen Grenze wird gemeldet: In die Synagoge von W'ladislawo haben die Kosaken einen Revolvcr. einige Dolche mul Patronen hinein gefunden. Da die jüdische Gemeinde natürlich nicht in der Lage ist, zu erklären, wie die Sachen dorthin gekommen sind, hat man ihr die Wahl zwischen folgenden Strafen überlassen: entweder 3000 Rubel zu bezahlen oder es werden auf ihre Kosten 300 Kosaken in W. verpflegt. Nur drei Juden Während die Marokkokont'erenz sich die diplomatischen Köpfe zerbricht, wie man einander am besten liintergehen kann, ohne den Frieden zu brechen, wird in Marokko in althergcbrachter Weise weiter regiert. Die TIMES meldet unter dem 5. Februar aus Tanger: Bei einem Streit zwischen Angehörigen verschiedener Stämme w'urdcti in der Nahe von Mazagan drei jüdische Kaufleutc. Untertanen europäischer Mächte, beraubt und in rohester Weise ermordet. Die Leichen wurden in eineti Brunnen geworfen. Der Vorfall hat unter der curopäiselten Bevölkerung in Mazagan grosse Bestürzung hervorgerufen. - — Nur drei tote Juden. Wie armselig ist doch die marokkanische Kultur gegenüber der russischen! Rundschau der Presse ״Taubstumm“ heisst ein Leitartikel, den Uprzimny in der ÖSTERREICH ISCHEN WOCHENSCHRIFT an den Gerichts- Präsidenten v. Ruber richtet: ״Es geht nicht, dass Sie nicht hören lind nicht sprechen, Herr Dr. Ignaz Edler v. Ruber, derzeit zweiter Präsident des Obersten Gerichtshofes. Ihr Schweigen sagt zu viel. Wir wiederholen nochmals den Ausruf Schneiders, auf den in so bedenklicher Art nur das Echo eine Antwort gegeben hat: ״Ob nicht wieder der Justizminister Geld eingesteckt hat? De! Justizminister Ruber ist auch bestochen, ich werde ihm schon zeigen." Das riet er im Landtag am 2S. April 1S99 und w iederholte seine Anschuldigung etwas undeutlicher mit den Worten (am selben Ort am 5. November 190״;(4־Weil ich den Juden n׳cht nachgegeben habe und cs dem Justizministcr Ruber unmöglich gemacht habe, den Polnaer Ritualmord und andere Ritualmorde totzuschweigen.‘‘--- ״Wohl ist die Frist zur Einbringung einer Verleumdungsklage gegen Schneider schon vorbei. Aber erklären Sie doch ganz einfach, dass 0, ein infamer Lügner war. Verklagt er Sie nicht, so seien Sic dessen gewiss, dass jeder anständige Mensch in Österreich von Ihrer Unschuld überzeugt sein wird; Verklagt er Sie aber, dann werden Sie gewiss Gelegenheit ttelimen, ihn in der Luft zu zerreissen und den Wahrheitsbeweis für Ihre Beschuldigung in leuchtender Klarheit durchzuführen. Nur taubstumm dürfen Sie nicht sein, nur nicht Namen, Ehre und Stellung durch vielsagendes Schw eigen der allgemeinen Willkür preisgeben!-״ ״Schneider rühmt sich, Justizminister Ruber habe geschwiegen, ein österreichischer Justizminister habe geschwicgen, weil Schneider ihn dazu zwang! Schneider als Herr unserer Justiz! Dr. v. Ruber schweigt auch diesmal wie immer zu verhängnisvoller Zeit. Einmal hat er geschwiegen, als ein armer Teufel um ein Haar das obrigkeitliche Schweigen mit dem Galgen gebiisst hätte. Er hat geschwiegen, obwohl er ein Fachmann der Justiz ist und ein anderer hervorragender Fachmann, Dr. Franz v Liszt, sich heute im Vorwort zu Nussbaum’s Buch über den Prozess über diese Art von Justiz beinahe lustig macht. Er hat geschwiegen, als die Juden den trottelhaften Vorwurf des Ritualmordes schutzlos auf sich nehmen mussten. Ein armer Schustergesclle hat das grosse Schweigen biissen müssen. Vielleicht tut er Herrn von Ruber gerade deswegen so leid, weil er gar so arm und dumm war und sich so riesige Mächte gegen ihn verschworen hatten. Aber Dr. v. Ruber kann vielleicht Träume und Erinncrungen abschütteln, weil ihn eine höhere Macht zum Schweigen gezwungen hatte. Nun wird die Erinnerung daran aufgefrischt, dass Ernst Schneider sich rühmte, die höhere Macht gewesen zu sein. Er kam zu dieser Macht ״aus dunkeln Gründen, die nur durch offene, kräftige Worte erhellt werden können. Unerhörte Beschuldigungen wurden ausgesprochen. Wir sind neugierig, Herr Dr. von Ruber wieder an falschem Orte schwelgt.” Die hebräische Tageszeitung Sokolows HAZEEIRAH wurde konfisziert und ihr Erscheinen verboten. Einstweilen erhalten die Abonnenten die jüdisch-deutsche Zeitung DER TELE-

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