Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XI (1906)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 97 No. 7___ JÜDISCHE RUNDSCHAU Ich kann die auf mich Befallene Wahl nur mit schwerem Herzen anuehmen. Keine Arbeit ist so unangenehm wie die nutzlose. In dem Ausschuss zur Wahl der Schoflen und Geschworeiicn, in den Sic mich schon seit einigen Jahren deputicren, werden mit grosser Mühe und strengster Objektivität ohne Ansehen der politischen, nationalen oder konfessionellen Stellung alle die Personen zu Geschworenen vorgeschlagcn, die nach ihrem Charakter und ihrer Intelligenz geeignet erscheinen. Jedes Ausschussmitglied, auch der mitwirkendc Vertreter der Staatsverwaltung, bemühen sich in gleicher, unbefangener Weise. Zu den vorgeschlagcncn Personen gehören selbstvcrstündlich neben Protestanten und Katholiken auch eine grosse Anzahl jüdischer Bürger. Umfasst doch der Landgerichtsbezirk ausser de[ Grossstadt Posen noch eine ganze Anzahl Städte, wie Schwersenz, Schrimm. Schroda. Rogasen. Gostyu. Wronke. Stenschewo, Obornik, Pinne, Samter, in. denen geeignete jüdische Elemente zahlreich vertreten sind. Aber von dieser erheblichen Schar von Kandidaten bleibt merkwürdig wenig übrig, wenn die höhere Instanz ihre nachprüfende Tätigkeit entwickelt hat. Sie wissen ja. dass die Geschworenen nach einem gewissen Filtriersystem ausgewählt werden. Erst die Urliste der Getncindcvorstände, dann die Vorschlagsliste des Ausschusses, hernach die vorsichtig gesiebte Jahresliste des Landgcrichtsprüsidiiims. endlich die ausgelostc Liste für die einzelne Periode. Die jüdischen Bürger beobachten es mit steigendem Unwillen, wie die Zahl der jüdischen Geschworenen, die auf die Liste der einzelnen Schwurgerichtsperiodcu kommen, immer geringer wird. Und cs ist nicht nur in jüdischen Kreisen aufgcfallen. dass die Liste der ersten diesjährigen Session unter ca. 30 Namen auch nicht einen Juden aufwies. Es ist selbstverständlich, dass ich und andere Mitglieder des Ausschusses über diese auffallende und beklagenswerte Erschcinmig häufig interpelliert werden, und man könnte vielleicht glauben, dass die Mitglieder des Ausschusses nicht sorgfältig genug arbeiten. Dies ist aber, wie ich schon bemerkte, keineswegs der Fall. Der Ausschuss präsentiert eine möglichst vollständige Liste. Die Lücken werden erst in einem späteren Stadium hineingerissen. So glauben die jüdischen Mitbürger, dass sie auch auf diesem Gebiete hintangesetzt werden, und weitere Volkskreise müssen zu der gewiss unberechtigten Meinung kommen, dass Juden zu Geschworenen ungeeignet sind. Dies ist das bedauerliche Ergebnis. Der Posencr Aus- Schuss wird sicher nach wie vor unbefangen seine Pflicht tun. Möchten die Justizbehörden aber dafür sorgen, dass das bcklemmende Gefühl verletzender Behandlung von den jüdischen Bürgern genommen werde!” Trotz dieser tapferen Erklärung muss man doch bemerken, dass die Posener Verwaltungen die Juden ganz so behandeln können, we-l sie sehr wohl wissen, dass ihr Par-Force-Deutschtum sie zwingt, sich alles von der Posener Lattdes-Regierung gefallen zu lassen. Nationale Juden, die nicht alles lediglich vom Standpunkte einer bei ihnen doch immer beargwöhnten deutsehen Gesinnung aus tüten, würden sich sehr wohl die Achtung und Beachtung ertrotzen können, auf die ein so grosser Bestandteil des Bürgertums Anspruch hat, wie ihn die Juden der Provinz Posen darstellcn. Getaufter Jude — besserer Jude! In der Reichstagssitzung vom 8. Februar musste der Herr Eickhoff, der immer!!erhalten muss, wenn man den Juden klar machen soll, dass die teutschfreisinnige Partei frei von Antisemitismus Ist — wir haben das nie bezweifelt, da wir immer nur von ihrem Rischuss sprachen — den christlichteutschen Abgeordneten Mugdan gegen den Antisemitismus der Sozialdemokraten in Schutz nehmen. Der Mann, von dem -־־ sicher nur in judenhetzerischer und antisemitischer Absicht — das Wort im Reichstag geprägt wurde, dass er den Glauben wie ein schmutziges Hemd gewechselt habe, ist sicher aus Ueberzeugung zum Christentum übergetreten.• Denn wenn das nicht der Fall wäre, so wäre er ja ein Mann, der durch das christliche Bekenntnis einen Meineid abgelegt hat. Pas kann unmöglich der Fall sein, denn dann wäre er nie von der Freisinnigen Partei als Kandidat dem Volke für den Reichstag vorgeschlagen worden. Er Ist also ein eben so überzeugter Christ, wie der sozialdemokratische Abgeordnete Gradnaucr, der ebenfalls aus religiösem Bedürfnis übertrat. Freilieh gibt der Jude, der sich taufen lässt, eben durch diese Handlung dem Antisemitismus in seinen Behauptungen Recht. Aber die religiöse Duldung muss map üben und sich nicht! in die Privatsache dieser heiligen Ueberzeugung mengen. Das meint auch Herr Eickhoff, wenn er seine Rede also begann: ״Ich halte es für eine ritterliche ,für eine Ehrenpflicht, meinen Freund Mugdan gegen die Angriffe In Schutz zu nehmen, die hier gegen Ihn erhoben worden sind. Herr Stücklen hat ln seiner Rede von den Ausführungen des Kollegen Mugdan als von denjenigen eines Mannes gesprochen, auf den das Christentum noch den Reiz der Neuheit ausübe. Was bezwecken solche antisemitischen Scherze allergewöhnlichster Art aus Ihrem Munde? Will die Sozialdemokratie hier nach Ah I wartscher Art die Gegner abführen? Dass mein Freund Mugdan jüdischer Abstammung und vor vielen Jahren zum Christentum übergetreten ist, war schon vielen Mitgliedern des Hauses bekannt. Und wie kommt grade die Sozialdemokratie dazu, eine Partei, die die Religion zur Privatsachc erklärt, und deren Führer von Karl Marx bis zum Arthur Stadthagen auch zahlreiche Männer jüdischer Abstammung aufzuweisen hat? Etwas bessere Manieren könnten Sie sich wohl angcwöhncit. (Stürmische Unterbrechung bei den Sozd.) Etwas mehr Frciheitsliebe und etwas mehr Gerechtigkeit wäre bei Ihnen uns gegenüber sehr erwünscht." .,Antisemitische Scherze Ahlwardtschyr Art" nebbich! Aus dem Lande Schemjakes Dass Russland nicht auf dem hässlichen Standpunkt des Alten Testaments von der Gerechtigkeit steht, ist eigentlich selbstverständlich. Russland bekennt sich ja zur *Religion der Liebe und sogar zu einer ganz orthodoxen Spezies derselben. Aber mag dem sein wie cs wolle, jedenfalls ist Gcrechtigkeit immer noch die gleiche im Lande des Schcmjaka, wie in den Tagen, da Chamisso sein Musenross bestieg, um dieser Gerechtigkeit ein Denkmal zu setzen. Die sich mit der Untersuchung des Oktoberpogroms befassenden Rechtsanwälte veranstalteten kürzlich eine Konferenz, in der sich unter anderem hcrausstclltc, dass die Lage in den betroffenen Orten sich jetzt bedeutend verschlimmert hat gegen November, als die Untersuchungen begannen. In mehreren Orten wurde das Kriegsrecht oder der ״verstärkte Schutz" eingeführt, d. h., es wurden Verhältnisse geschaffen, die die Sammlung von Anklagematerial gegen die Behürden unmöglich machen. Den Rechtsanwälten drohen Verhaftung, Verbannung und noch viel ernstere Strafen, die ganz und gar von der Willkür des örtlichen Satrapen abhängig sind. Die jüdische Bevölkerung ist fürchterlich terrorisiert und wird wohl nicht imstände sein, den Rechtsanwälten die Hilfe zu leisten, die zu einer erfolgreichen Untersuchung notwendig ist. Das Verhalten der Polizei ist schrecklicher als je. Ein gutes Beispiel ist Hornel, was hauptsächlich auf das Konto der Polizei zu setzen ist. Unter solchen Verhältnissen stösst die Arbeit der Rechtsanwälte auf ausserordentliche Schwierigkeiten. Das war die allgemeine Meinung. Trotzdem wurde beschlossen, einige Personen nach verschiedencn Orten zu senden, wo die Arbeit der Rechtsanwälte möglich und besonders notwendig ist. Bund“ und Reichsduma Der ״Allgemeine jüdische Arbeiterbund", die bekannte sozialdemokratische und jetzt gezwungen jüdischnationale Orga־־ nisation ist gegen die Beteiligung an den Wahlen zur Reichsduma. Sic verbreitet ein Flugblatt, dessen bezeichnendste Stellen nach der RUSSISCHEN KORRESPONDENZ die folgenden sind: ״Die Gossudarstwcnnaja t)un1a ist für niemanden notwendig, nur für die zarische Regierung. Der Absolutismus, erschfittert durch die Revolution und geschwächt durch die Bewegung des ganzen Volkes, braucht eine Stütze, er braucht Geld. Witte beruft die Duma und schickt sich an, die Komödie einer Volksvertretung zu spielen, um damit das Ver. trauen der ausländischen Börsen wieder zu gewinnen uns eine neue Anleihe abschlicssen zu können. Aut die Bulyginsehe Duma antwortete das Volk durch Verachtung und Boykott. Ebenso muss cs auf die neue Duma antworten. Man lasse sich nicht durch die Wahlen beruhigen. Man lasse sich nicht von den Feinden des Volkes führen.” ״Das Volk muss der Duma einen absoluten, bedingungslosen und rücksichtslosen Boykott entgegensetzen. Sic darf nicht zu Stande kommen, Es ist kein Platz für sie bei dem revolutionären Volke. Und die schmachvolle Duma Ist kein geeigneter Platz für das revolutionäre Volk!” ״Wir dürfen und wir können nicht in die Duma eintreten. Wir dürfen nicht jemanden in der betrügerischen Duma die Rolle des Volksvertreters spielen lassen. Dpngn, dig sich an den Wahlen beteiligen‘tind die4־ der Duma beitreten wollen, müssen wir sagen: Fort! Ihr seid Verräter! Ihr helft dem Absolutismus das!׳evolutionäre Volk zu bändigen! Ihr verkauft die Volksfreiheit für eine elende Gewalt Uber das Volk! Verräter seid Ihrf’ v * f ׳■"־יי• «ימי•