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Jüdische Rundschau · 1906-02-16 · Heft 7 (16.2.1906) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XI (1906)
Issue
Heft 7 (16.2.1906)
Date
1906-02-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Seite 95 No. 7 ‘ JÜDISCHE Es kan», so erkennt der Berichterstatter Chaumct an, eine Bestimmung über diese ungleiche Behandlung nicht ausbleiben bei denen, die darunter zu leiden haben. Bin gebildeter Mann kann weder seine Frau noch seine Kinder emanzipieren lassen, er kann selber keine rcchtsgiltigen Handelsgesellschaften gründen oder daran teilnchmcn, alles durch die Gesetzgebung des Bey. Deshalb fordern jetzt die Livorncsen und andere gebildete Juden, dass sic den französischen Gerichten zugewiesen werden. Dadurch würde auch das Rabbinats-Gcricht cingehen, aber die inuhammedanischen Höfe würden entlastet und hun- «derttausend Leute erhielten eine angemessene Rechtsprechung. Drc Juden fordern ferner, dass sie sich naturalisieren lassen können. In Frankreich ist nun dies selbstverständlich durch *das Gesetz Cremieux, und cs handelt sich darum, ob die Juden Untertanen der Republik sind oder nicht. Und.das wäre nach den Ausführungen des genannten Buches sehr nötig, •denn sic sind jetzt rechtlos, die muselmanischen Gerichte lassen ihren Kid nicht zu, und die französischen Trcibunale nicht einmal die Personen. Das Zeugnis eines Muselmannes ist ohne weiteres geeignet, den jüdischen Verleiher um sein Geld zu bringen. Es liegt also im Interesse der Menschlichkeit und des Anschcris der Republik, dass diesem offenen Unrecht ein Ende gemacht wird. Wenn auch die Juden nicht das Bürgerrecht erhalten, so sollten sie doch doch nicht vor Unrecht schutzlos sein, sic tragen Lasten und Abgaben, sie sind ruhige Bürger, sic haben unter der italienischen Herrschaft bessere Behänd- Jung gehabt und sie berufen sich lediglich nur auf das Gesetz vom 29. FeFbruar IS99. welches ihnen die Natural!- sation zusagt, wenn sich Fremde (von Konfession und Nation ist nichts gesagt) drei Jahre auf französischem Boden ohne Antosss aufgehaltcn. Gelegenheit, dem Staat zu dienen, haben sie nicht, und obgleich sich viele z. B. für den Militärebenst in der Okkupationstruppe melden. Vonn jüngsten, nicht -letzten Pogrom Zur besonderen Lektüre der Herren Judenbekehrern. Zu den bereits von uns mitgeteilten Berichten aus Homel können wir ergänzend nachtragen: ״Seit einiger Zeit bildete sich in unserer Stadt eine Abteilung des sogenannten ״Altrussischen Patriotenbundes״. Der Allrussische Bund besteht nj£ist aus verlumpten Existenzen und terrorisiert seit.einiger :Zeit die gesamte jüdische Bevölkerung, sowie auch den Teil!der christlichen, der sich an der freiheitlichen Bewegung beteiligt ln seinen Flugblättern forderte der Patriotenhund zum Kampf j^egen die ״Liberalen" und zu Gewalttätigkeiten gegen edie Juden .auf. Vor etwa fünf Wochen versandte der Bund eine Menge von Drohbriefen an die Personen, die er im Verdacht!hatte, dass sie die ״Tätigkeit" des Bundes missbilligten. Ein :solcher Drohbrief wurde auch an den Dr. A. W. Salkind *geschickt. Letzterer antwortete darauf, dem Bunde in einem 'gedruckten Blatt, das er an den Anschlagsäulen befestigen .licss. Es gab damals keine Zeitung in unserer Stadt. Er *schrieb, dass er nicht geneigt sei, die Art und Weise seiner!öffentlichen Wirksamkeit von einer ״ignoranten Bande von •Huligans" Irgendwie beeinflussen zu lassen. Die christliche Bevölkerung reagierte auch nicht sehr sympathisch auf die Tätigkeit .des Bundes. Die Patrioten fanden aber Unterstützung bei der hier cinquartiertcn Kompagnie Kubansehci Kosaken. Diese gingen von Zeit zu Zeit abends von ihien Kasernen aus spazieren und beraubten, schlugen und töteten bei diesei Gelegenheit die vorbeigehenden Juden. Vor etwa drei bis;׳ier Wochen ermordete ein Kosak einen 65jährigen alten Juden, .dty gerade an der Kaserne vorbeiging. Am 21־. Januar abends •zwischen 7—8 Uhr wurde im Zentrum der Stadt, auf der *Rumiafizewskajastrasse ein 60jühriger Greis übel zugerichtet, •wobei •man ihm die Börse mit 48 Rubel abnahm. Am selben Abend traf noch einige andere dasselbe Schicksal. Die Klagen!der Einwohner blieben rcsultatlos und sogar ein Telegramm, ,das der Bürgermeister dem General-Gouverneur sandte, blieb .ohne jegliche Berücksichtigung. Eine solche Straffreiheit war .gerade dazu geeignet, die Kosaken zu weiteren Gewalttätig- .־keiten zu begeistern: sie wussten, dass ihre Untaten nicht; bestraft werden würden. Auf derartig vorbereitetem Boden spielten sich die traurigen Ereignisse des 26. Januar ab, über!die der Telegraph schon meldete. Sie verliefen etwa folgen¬ RUNDSCHAU dermassen. Um vier Uhr nachmittags begab sich eine Anzahl Huligans aus dem ״Patriotenbund" aui die Rumianzewskaja- Strasse und an der Ecke der Troitzkaja gaben sie einig» Schüsse in die Luft ab. Das waren wahrscheinlich Signalschlisse, die dann auch sofort verstanden wurden Gleichzeitig erschienen die Huligans und Kosaken, die letzteren zu Fuss, aber bewaffnet. Am vorhergehenden Tage hatte zwar ein Christ seinem jüdischen Nachbar gesagt, dass am 26. ein Pogrom stattfinden werde und dem Juden deshalb vorgeschlagen, seine kleinen Kinder bei ihm zu verbergen. Aber sowohl dieser Jude, wie auch andere, wollten nicht daran glauben und mussten jetzt ihre Sorglosigkeit teuer bezahlen. Sobald die Kosaken auf der Rutnianxcwskaja erschienen, begann die ״Ar• beit". Die Kosaken *blichen bei jedem jüdischen Geschäftsladen stellen und gaben einige Schüsse ab, worauf sie den Laden in Begleitung einiger Huligans betraten und alles pliinderten. Spater warten sie mit Petroleum begossene Lappen in die Läden und steckten alles in Brand. Auf die Juden, die sich aus den Flammen retten wollten, wurde geschossen. Die städtische und die freiwillige Feuerwehr, die zur Hilfeleistung herankamen, mussten unverrichteter Sache zurückkehren: die Kosaken gaben auf sic mehrere Salven ab. Es genügte eine Stunde, und die Geschäftsläden sowie die Häuser auf der Rumianzewskaja-Strassc von der Troitzkaja bis zur Bazarnaja standen in Flammen. Ausserdem brannte es auf der Bazarnaja-Strassc und aut dem Bazar. Es wurden etwa 20 Häuser und 100 Magazine demoliert und verbräunt. Die übrigen Strassen blieben unberührt; nur auf der Samkowaja wurde die Wohnung des Verwalters der Nordischen Bank, L. S. Eisenberg, von einer Abteilung Dragoner ausgcplündert und auf der Aptesclmaja das Haus und die Wohnung des Dr. A. W. Salkind. Zu Salkind kam man offenbar mit ganz speziellen Absichten, Fast sofort nach Beginn der ״Feindseligkeiten" erschienen 6 Kosaken. 2 Schutzleute und ein Mann In Zivil vor dem Hause und begannen ohne jeglichen Vorwand auf das Haus zu schicssen. Die Familie des Doktors rettete sich durch den Hinterausgang. Nachher brachen die Kosaken ein, plünderten, demolierten und brannten alles nieder. Neben Salkind wohnt ein Oberst namens A. Er wandte sich an die Kosaken mit dem Befehl, unverzüglich den Brand zu löschen. Als die Kosaken diesen Befehl eines Offiziers hörten, gaben sie ein Signal and sofort verliessen alle das Haus und liefen davon. Der Oberst löschte den Brand mit Hilfe seiner Burschen. Die hier mitgeteilten Tatsachen sind genau kontrolliert. Was das Verhalten der höheren Behörden während des Pogroms betrifft, so ist dies noch nicht genügend aufgeklärt." Der gewiss nicht judenfreundlichen deutschen PETERS- BURGER ZEITUNG entnehmen wir noch folgende Mitteilungen: RUSS und NOW melden, dass das Militär den verfolgten Juden, deren Habe geplündert und vernichtet wurde, nicht den erforderlichen Schutz angedeihen liess, sondern bisweilen selbst mittat. Die Läden wurden von Kosaken, Dragonern und Stro!־ eben unter Leitung des Poüzeimeisters und der Pristaws demoliert. Ein Augenzeuge erzählt folgendes: ״Ich war Augenzeuge der Brandstiftung des Hauses Grimberg an der Ecke der Samkowaja. Ein kleines Häuflein von Huligans war, unter dem Schutz der Kosaken, welche die obere Etage beschossen, damit beschäftigt, die Türen und Fenster der Läden im unteren Stockwerk zu demolieren, Petroleum hineinzugiessen und alles in Brand zu stecken. Einige junge Leute vom Selbstschutz benutzten einen Augenblick der Abwesenheit der Kosaken, um den Plünderungen Einhalt zu tun. Die Kosaken brachen aber aus dem Hinterhalt hervor und feuerten eine Salve auf sie ab." Weiter behauptet derselbe Gewährsmann, dass die Schutzleute die Waren fortnahmen und sie unbehindert zu sich nach Hause schafften. In dem Bericht eines anderen Augenzeugen wird bemerkt, dass diejenigen, die sich während des Brandes retten wollten, sofort niedergeschossen wurden: die Feuerwehr wurde aber verhindert, die Feuersbrünste in der Stadt zu löschen. Noch bestimmter lautet die Meittcilung eines Augenzeugen in dem Blatt NOWAJA SAR JA. Er erzählt folgendes: ״Als man sich daran machen wollte, mit Hausmitteln den Brand des Hauses Grünberg an der Ecke der Samkowaja zu löschen, begann man auf die Löschenden zu schiessen. Vor aller Augen wurde ein Jude niedergestochen." Dieser Augenzeuge befand sich in der Homclschen Filiale der Nordischen Bank, als ihm gemeldet wurde, dass eine Judenverfolgung auf der Strasse begonnen hätte. Er stürzte ans Fenster, von wo aus sich ihm felgendes Bild bot: ״Im Schnee lagen blutüberströmt zwei Frauen. Eine von ihnen, die offenbar Schusswunden an

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